Verständigungsschwierigkeiten. Mit Wittgenstein und Psychoanalyse

Hrachovec, Herbert (2005) Verständigungsschwierigkeiten. Mit Wittgenstein und Psychoanalyse. In: sinn macht unbewusstes. Königshausen und Neumann, Würzburg, pp. 85-101.

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Abstract

In einer Niederschrift, die von Wright in seinem Werkkatalog unter ,,Diktat für Schlick" verzeichnet, konfrontiert sich Wittgenstein mit der sonderbaren Wendung ,,das Nichts nichtet". Offenbar lehrt die Schulgrammatik nicht, was mit der Phrase gemeint sein kann. Es besteht die Gefahr, ,,beim Nachdenken über die Grammatik eines Wortes auf gewisse hoffnungslose Irrwege zu geraten" (D 302, S. 28). In einer solchen Situation plädiert auch Wittgenstein, der mit Vorstellungen gewöhnlich skeptisch umgeht, für eine Rückfrage an den Verfasser: ,,was hat dem Autor bei diesem Satz vorgeschwebt?" (ebd.). Heideggers Formulierung ist ein Anlass, die subjektive Einstellung ins Auge zu fassen, die hinter der irregulären Sprachver wendung zu vermuten ist. An dieser Stelle findet sich ein Querverweis auf die Psychoanalyse. ,,Unsere Methode ähnelt in gewissem Sinn der Psychoanalyse. In ihrer Ausdrucksweise könnte man sagen, das im Unbewussten wirkende Gleichnis wird unschädlich, wenn es ausgesprochen wird. Und dieser Vergleich mit der Analyse lässt sich sicher noch weithin fortsetzen" (ebd.). Heideggers Ausspruch ist von einem Bild geleitet, das die vertraute Grammatik modifiziert. Wittgenstein versucht zu erklären: ,,das Sein" ist eine Art Insel, umspült vom Meer ,,des Nichts", dessen spezifische, gegen Bestehendes gerichtete Aktivität ein ,,Nichten" wäre, ,,vergleichbar den Wogen des Meeres". Die Normalverständigung, an der die Sprachlehre Maß nimmt, sieht eine solche Kontamination zwischen Fantasien und Aussagen nicht vor, doch das Tractatus-Verbot gegen prädikatenlogisch sinnlose Äußerungen ist gefallen. Durch Analysen der Überblendung von Bild- und Sprachregeln können sie verständlich werden. ,,Wie aber kann man jemandem zeigen, dass dieses Gleichnis nun das richtige ist? Man kann es gar nicht zeigen" (ebd.). Diese Absage an den all gemeinverbindlichen Status einer Normsprache ist so entschieden wie deren frühere Affirmation. Wenn sie als Stütze wegfällt, muss der Erfolg sprachlicher Verständi gung auf andere Weise erklärt werden. Genau zu diesem Zweck bezieht sich Witt genstein auf Freud.

Item Type: Book Section
Subjects: Philosophie > Philosophische Disziplinen > Bewußtseinsphilosophie, Philosophie des Geistes und der Psychologie
Philosophie > Philosophische Institutionen > Institut für Philosophie, Wien
Philosophie > Geschichte der Philosophie > g) 20.Jahrhundert
Depositing User: Sissi Kemp
Date Deposited: 17 Oct 2005
Last Modified: 19 Jul 2012 08:27
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/1051

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