Das knechtische Selbstbewußtsein als Begriff der auftretenden Wissenschaft

Spies, Torsten (1998) Das knechtische Selbstbewußtsein als Begriff der auftretenden Wissenschaft. UNSPECIFIED. (Unpublished)

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Abstract

Hegels Phänomenologie des Geistes beschreibt den äWeg des natürlichen Bewußtseins, das zum wahren Wissen dringt." In ihr werden Gestalten des natürlichen Bewußtseins im Hinblick darauf dargestellt, daß sie einen Wahrheitsanspruch stellen, d.h. daß sie Position beziehen zu ihrem in der Welt sein. Ein Wahrheitsanspruch ist dabei bestimmt durch die Äußerung eines Wissens, das dem Bewußtsein als Wissen von einem an sich Wahren gilt. Das natürliche Bewußtsein wird somit als jeweilige Gestalt des erscheinenden Wissens aufgenommen, d.h. es wird nur unter dem qualifizierenden Aspekt des von ihm gestellten Wahrheitsanspruchs betrachtet. So lassen sich an jeder der Gestalten die Momente von Wissen und Wahrheit, Begriff und Gegenstand auseinanderlegen. Im Bewußtseinskapitel der PhG ist dabei ädem Bewußtsein das Wahre etwas anderes als es selbst." Indem es in der außer ihm seienden sinnlichen Welt nach seiner Wahrheit sucht, fällt allein die Seite des Wissens in es. Die Einheit aber, auf die Momente Wissen und Wahrheit bezogen sind, ist in den ersten drei Weisen der Gewißheit allein die Darstellung. Seine Struktur des äUnterscheidens des Ununterschiedenen" ist noch nicht für es, es ist eben noch nicht Selbstbewußtsein. So werden hier die Momente des Wahrheitsanspruchs des reflektierten Bewußtseins allein in der Darstellung ihres Momentcharakters überführt und in eine begriffliche Einheit gebracht. Die so auseinandergelegten momenthaften Bestimmungen, und damit auch die unterschiedene Bewußtseinsgestalten des Meinens, des Wahrnehmens und des Erklärens sind als solche überhaupt nur in der Darstellung als ihrer Einheit, ihnen kommt kein empirisches Bestehen zu. Denn in der Tat sind sie nur Explikationen des Begriffs Selbstbewußtsein. Jedes Bewußtsein, und eben dies erweist Hegel im ersten Teil des Selbstbewußtseinskapitels, ist als solches bereits Selbstbewußtsein. Erst im Resultat der Dialektik von Kraft und Verstand kehrt das natürliche Bewußtsein aus dieser Wahrheitssuche in dem Andern zu sich selbst zurück, und es selbst wird ihm das Wahre. Damit ist ein erster Begriff des Selbstbewußtseins gewonnen. Für es ist dieser Begriff jedoch zunächst ein völlig abstrakter: Indem Ich sich selbst zum Gegenstand wird, ist sein Wahrheitsanspruch zu der tautologischen Beziehung des Ich bin Ich geworden. An sich oder für uns ist an dem Begriff des Selbstbewußtseins aber das Wahre der bisherigen Weisen der Gewißheit aufgehoben. In einer Explikation der momenthaften Bestimmungen, die an ihm sind, wird eine zweite Seite seiner entwickelt, nämlich die des Lebens. Als Resultat dieser Explikation ergibt sich allererst der vollständige Begriff des Selbstbewußtseins an sich, als eines Gedoppelten. In dem Begriff des Selbstbewußtseins ist bereits enthalten, daß es überhaupt nicht als ein Einzelnes sein kann, sondern daß Selbstbewußtsein notwendig als zwei Selbstbewußtseine ist. Indem so das Selbstbewußtsein sich selbst in einem anderen Selbstbewußtsein anschaut, ist eine wichtige Stufe in dem Gesamtprojekt der PhG erreicht. Indem es die momenthaften Bestimmungen des Selbstbewußtseins eben an einem anderen Selbstbewußtsein anschaut, bildet es selbst deren Einheit, und indem es diese als seine eigenen Bestimmungen setzt, kommt es zur Gewißheit der Wahrheit seiner selbst. Ab dieser Stelle fallen die Momente von Wissen und Wahrheit in es selbst als deren Einheit. So bestehen die momenthaften Bestimmtheiten nicht mehr allein an sich oder für uns, sondern für es selbst. Somit kann es auf seinem weiteren Weg selbst den Begriff seiner als Selbstbewußtsein, der hier für es zunächst nur das reine Ich zum Inhalt hat, in der Erfahrung der Selbständigkeit des Andern bereichern und durch dessen vollständige Explikation selbst zur Vernunft kommen. An sich oder für uns ist der Begriff des Selbstbewußtseins bereits vollständig expliziert. Mit diesem Begriff ist es nun möglich, eine unabhängig von der Darstellung auftretende Situation der Geschichte aufzunehmen, nämlich einen archaischen Zustand zu Beginn allen menschlichen Zusammenlebens, in dem zwei Selbstbewußtseine zum ersten mal aufeinander treffen. Mit den explizierten begrifflichen Mitteln läßt sich für diese Selbstbewußtseine ein Wahrheitsanspruch formulieren, welchen sie dann im Verfahren der bestimmten Negation selbst prüfen, indem sie sich in dem Andern anschauen. Wie auch auf den vorherigen Stufen läuft diese Selbstprüfung dabei in zwei Momenten ab. So stellt sich im Resultat eines Kampfes der beiden in einem ersten Moment das herrische Bewußtsein zunächst als wesentliche Gestalt des Selbstbewußtseins dar. In einem zweiten Moment der Selbstprüfung kehrt sich für den Herrn aber die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst unmittelbar in ihr Gegenteil um, und der Knecht erweist sich als diejenige Gestalt des Selbstbewußtseins, die zur Vernunft kommen kann. In der Arbeit setzt er sich selbst als selbständiges Lebewesen, als an und fürsich Seiender. Diese Entwicklung soll im folgenden anhand einer genauen Textinterpretation der Kapitel IV. Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst und A. Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft der PhG verfolgt werden.

Item Type: Other
Uncontrolled Keywords: Hegel, Dialektik, Selbstbewußtsein
Subjects: Philosophie > Seminararbeiten, Diplom, Dissertationen, Arbeitspapiere > Philosophiegeschichte
Depositing User: Sissi Kemp
Date Deposited: 22 Mar 2002
Last Modified: 08 Sep 2011 18:50
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/123

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