Kontrolle durch Konkurrenz und Kritik? Das »wissenschaftliche Feld« bei Pierre Bourdieu

Fröhlich, Gerhard (2003) Kontrolle durch Konkurrenz und Kritik? Das »wissenschaftliche Feld« bei Pierre Bourdieu. In: Pierre Bourdieus Theorie des Sozialen. UVK Konstanz, Konstanz, pp. 117-129.

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Abstract

Nach Pierre Bourdieu sind die einzelnen sozialen Felder Kraft- und Konkurrenzfelder. Sie üben auf alle Eintretenden Zwang aus. Zugleich ringen die Akteure um Kräfteverhältnisse und Spielregeln. Konkurrenten seien Komplizen: In ihrem Ringen konstituieren sie gemeinsam das jeweilige Spiels. In den relativ autonomen Feldern seien jeweils unterschiedliche Kapitalsorten in Kurs. Im Wissenschaftsfeld gehe es um die Akkumulation von symbolischem Kapital (Reputation), untrennbar verknüpft mit dem Kampf um wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Über Konkurrenz und Kritik der Wissenschaftler werde langfristig wissenschaftliche Rationalität und Wahrheit gefördert. Vordringlich sei die Suche nach wahrheitsförderlichen sozialen Bedingungen. Die wissenschaftliche Vernunft sei historisch und doch nicht auf Geschichte reduzierbar. Bourdieus Konzeption rationaler Wissenschaftspraxis ähnelt stark jener Karl Poppers. Konfrontiert man ihre Aussagen mit Befunden der Wissenschaftsforschung, sind viele Aussagen nur normativ verstanden haltbar. Freie Kritik und kognitive Konkurrenz werden im Wissenschaftsalltag durch anonymes Peer Review und quantitative Evaluation (Impact Faktoren) ersetzt. Medien, Öffentlichkeit bzw. Politik förderten mitunter die Entwicklung der Wissenschaften: Öffentlichkeit und Medien halfen bei der Durchsetzung wissenschaftlicher Innovationen. Bei paradigmatischen Kontroversen nahmen Wissenschaftler die Hilfe der Öffentlichkeit in Anspruch. Wissenschaftliche Journale und Institutionen ermöglichten das Aufdecken wissenschaftlicher Fälschungen keineswegs, sondern suchten sie zu vertuschen. Ohne außerwissenschaftliche Medien wären die großen Skandale kaum ans Tageslicht gekommen. Poppers und Bourdieus Grundannahme, Wissenschaften würden umso besser funktionieren, je "reiner" sie wären, trifft also nicht immer zu. Zu strikte "Reinheitsgebote" könnte schädliche Folgen haben. Normative Empfehlungen können das Gegenteil von dem bewirken, was sie vorschreiben. Ihre nicht-intendierten Effekte sind daher zu prüfen. Deskriptive und normative Aussagen sollten klar unterschieden werden.

Item Type: Book Section
Uncontrolled Keywords: Bourdieu, Feld, wissenschaftliches Feld, Kritik, Konkurrenz, Wissenschaftsforschung, Popper, Fehlverhalten, Betrug, Kapital, symbolisches Kapital, wissenschaftliches Kapital, Reputation
Subjects: Wissenschaftsforschung, Wissenschaftsgeschichte
Kulturwissenschaften, cultural studies
Depositing User: Wolfgang Theis
Date Deposited: 05 Jul 2007
Last Modified: 16 Jul 2012 17:06
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/1583

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