,Verstehen' verstehen. Über Analyse und Hermeneutik

Vossenkuhl, Wilhelm (1998) ,Verstehen' verstehen. Über Analyse und Hermeneutik. In: UNSPECIFIED Mohr.

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Abstract

"Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist." Wittgenstein sagt in dieser Passage des Tractatus in aller Klarheit, daß das Verstehen eines Satzes von seiner Wahrheit und der Kenntnis seiner Bedeutung abhängt. Im gleichen Atemzug weist er auf die Bedingungen hin, unter denen dieses Verstehen überhaupt erst möglich ist. In Klammern heißt es, man könne den Satz auch verstehen, ohne zu wissen, ob er wahr sei. Die Kenntnis dessen, was der Fall ist, falls der Satz wahr ist, verdanken wir dem Verstehen der Sprache, in deren Kontext er steht. Das Verstehen der Sprache schließt aber das Wissen der Wahrheit des Satzes dieser Sprache nicht ein. Vielmehr ermöglicht das Verstehen der Sprache - wie es bei Wittgenstein weiter heißt - die Kenntnis der Bestandteile des Satzes. Die kurze Passage aus dem Tractatus ist deswegen so lehrreich für das, was wir ,Verstehen von Sätzen' nennen, weil sie zum einen zeigt, daß es zweierlei Voraussetzungen dieses Verstehens gibt, die Sprache und die Wahrheit. Zum andern deutet die Passage an, daß diese beiden Voraussetzungen den gleichen Rang haben. Es gibt weder einen Vorrang der Wahrheit vor der Sprache noch umgekehrt einen Vorrang der Sprache vor der Wahrheit. Wir können zwar die Worte eines Satzes und mit ihnen seinen Sinn verstehen. Dann haben wir das verstanden, was der Satz aussagt. Wenn wir aber nicht wissen und entscheiden können, ob der Satz wahr oder falsch ist oder - wie in fiktionalen Zusammenhängen - gar keinen Wahrheitswert hat, haben wir nicht wirklich verstanden, was der Satz bedeutet. Verstehen ist gleichzeitig von beidem abhängig, von der Kenntnis einer Sprache und von der Wahrheit von Sätzen. Dieses ,Sowohl-als-auch' ist aber seinerseits nicht leicht zu verstehen. Der vorliegende Beitrag geht von der Einsicht in das ,Sowohl-als-auch' von Sprache und Wahrheit aus und will ihr gerecht werden, obwohl es starke Alternativen zu dieser Auffassung gibt. Sie sind einerseits in der analytischen Tradition andererseits in Gadamers Hermeneutik zu finden. Das Verstehen von ,Verstehen' scheint einfacher, entschiedener und klarer zu sein, wenn wir entweder - wie Gadamer - der Sprache einen Vorrang vor der Wahrheit einräumen oder der Kenntnis der Wahrheit von Sätzen einen Vorrang vor der Kenntnis einer Sprache. Letzteres tut die wahrheitsfunktionale Semantik der analytischen Tradition. In beiden Fällen haben wir es, wie ich behaupte, mit fundamentalistischen Ansätzen zu tun. Entweder ist die Sprache, was immer dies heißen mag, das Fundament des Verstehens, oder die Wahrheit von Sätzen ist es. Mein Beitrag setzt sich mit den beiden alternativen Fundamentalismen, dem hermeneutischen und dem analytischen auseinander und zeigt, daß keiner dieser Fundamentalismen haltbar ist. Sie scheitern jeder auf seine Weise an genau den fundamentalen Annahmen und Begriffen, die sie in Anspruch nehmen. Den Ausgangspunkt meiner Überlegungen zum Zusammenhang von Sprache und Wahrheit bildete eine Passage des Tractatus. Am Ende meiner Überlegungen werden Einsichten stehen, die auf Wittgensteins Spätphilosophie zurückgehen. Sie deuten darauf hin, daß wir das ,Sowohl-als-auch' von Sprache und Wahrheit erst verstehen, wenn wir verstanden haben, was es heißt, eine Sprache zu sprechen.

Item Type: Book Section
Uncontrolled Keywords: Sinn, Verstehen, Analyse, Paradox der Analyse
Subjects: Philosophie > Philosophische Disziplinen > Logik, analytische Philosophie
Depositing User: Sissi Kemp
Date Deposited: 09 Apr 2002
Last Modified: 08 Sep 2011 18:50
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/162

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