Zur Situation der Wiener Medienpädagogik

von Christian Swertz

Entstehung und Infrastruktur

Die Medienpädagogik wurde in Wien mit der Besetzung einer Vorziehprofessur für “Medienpädagogik unter besonderer Berücksichtigung von E-Learning in der Hochschullehre” zum 1.9.2004 auf eine solide Basis gestellt. Das österreichische Modell der Vorziehprofessur beinhaltet ein Angestelltenverhältnis mit einer befristeten Berufung für sieben Jahre und ist verbunden mit der Möglichkeit der Entfristung nach erfolgreicher Evaluation.

Die Medienpädagogik wurde durch das Institut für Bildungswissenschaft mit zwei Mitarbeiterstellen sowie einer halben Sekretariatsstelle ausgestattet. Damit wurde in Wien eine ausgezeichnete Grundlage für eine intensive medienpädagogische Grundlagenforschung sowie ein differenziertes Lehrangebot geschaffen.

Forschungsprogramm

Forschungsschwerpunkte der Wiener Medienpädagogik sind die Bildungstheorie der Medien und die Mediendidaktik. Dabei werden theoretische Studien mit qualitativen und quantitativen empirischen Studien zur Tradierung kultureller Gehalte mittels Medien verbunden.

Medien werden als ein Problem der Bildungstheorie betrachtet, da die Bildung eines Verhältnisses zu sich selbst, zu anderen und zur Welt den Gebrauch von Medien voraussetzt. Dabei stellt sich zum einen die Frage, wie Medien gebraucht werden können, zum anderen, welche Bedeutung Medien für Bildungsprozesse haben.

Die bildungstheoretische Grundlegung wird in Anlehnung an die dialektisch-tranzendentalkritische Grundlegung der Pädagogik von Hönigswald entwickelt. Medien als Gegenstände, die von Menschen zu Zeichen gemacht werden, werden als Mittel der Verständigung verstanden. Verständigung ist dabei nicht als Ursache-Wirkungs-Verhältnis, sondern als sinnhafte Beziehung gedacht. Die mit der ubiquitären Verbreitung der Computertechnologie einhergehende Veränderung von Verständigungsprozessen wird dabei auch empirisch untersucht.

Mit dieser auf neukantianische Theorien aufbauenden Konzeption wird an die transzendentalkritisch-skeptische Tradition der Wiener Allgemeinen Pädagogik angeschlossen und die Wechselwirkung von Medien und Wissens- bzw. Lernkultur vor dem Hintergrund der transzendentalkritisch fundierten Systemtheorie in den Mittelpunkt gestellt.

Ausgehend von der systemtheoretischen Grundlegung der Medienpädagogik wird als zweiter Forschungsschwerpunkt eine Mediendidaktik im Blick auf Computertechnologie entwickelt, die die drei Ebenen der Mediendidaktik umfaßt:

Der mediendidaktische Ansatz zielt damit auf eine systemtheoretisch fundierte Entwicklung von E-Learningprozessen, die auf empirischen und anwendungsorientierten Untersuchungen basieren und auf die Erfahrungen aus dem intensiven Austausch mit Anwenderinnen und Anwendern zurückgreifen.

Lehre

Medienpädagogik wurde als Studienschwerpunkt in Wien bereits mit der Einführung des Diplomstudiengangs für Pädagogik 1986 etabliert. Die medienpädagogischen Lehrveranstaltungen wurden vor allem durch Mitarbeiter der Allgemeinen Pädagogik sowie Lektorinnen und Lektoren (entspricht deutschen Lehrbeauftragten) durchgeführt. Mit der Einrichtung der Professur für Medienpädagogik zum Wintersemester 2004/2005 wurde das Lehrangebot auch für das Doktoratsstudieum entsprechend verbessert. Die Lehrangebote focussieren numehr auf das Medium Computertechnologie, wobei neben den in der Universität im Mittelpunkt stehenden theorieorientierten Veranstaltungen auch anwendungsorientierte Aspekte berücksichtigt werden. Die Lehre wird zur Sicherstellung der erforderlichen Breite auch weiterhin durch Lektorinnen und Lektoren untersützt.

Im Rahmen der Lehrentwicklung werden derzeit im Blick auf die BA/MA-Struktur, aber auch im Blick auf Universitätslehrgänge (in Deutschland als weiterbildende Studiengänge bezeichnet) neue Lehrangebote entwickelt. Dabei stellt sich in Wien ein Problem, das an fast allen Standorten, an denen Medienpädagogik etabliert ist, besteht: Die vorhandene Lehrkapazität reicht nicht aus, um Masterprogramme nur mit eigenen Ressourcen bestreiten zu können. Daher werden die Studienprogramme in lokalen, regionalen und internationalen Kooperationen entwickelt. So werden in Wien in Zusammenarbeit mit den Instituten für Philosophie, für Wirtschaftsinformatik, für Translationswissenschaft und für Romanistik Studienangebote mit medienpädagogischen Schwerpunkten entwickelt.

Darüber hinaus werden derzeit internationale Austauschprogramme etabliert. Diese Austauschprogramme werden es Studierenden ermöglichen, ihre medienpägaogischen Kenntnisse zu vertiefen und zugleich die interkulturelle Dimension des Umgangs mit Medien nicht nur theoretisch, sondern durch eigene Anschauung zu erfahren. Auch die bereits aufgenommen Lehrforschungsprojekte zielen auf ein tieferes Verständnis des Sinns von Wissenschaft durch die theoretische Reflektion der Erfahrung eigener Forschungspraxis.

Ausblick

Derzeit werden in der Wiener Medienpädagogik theoretische, empirische und anwndungsorientierte Forschungsprojekte vorbereitet. Im Mittelpunkt steht dabei das Medium Computertechnologie. Ziel ist es, ein systematisches Konzept, das von der bildungstheoretischen Grundlegung bis zum konkreten Einsatz von Computertechnik in Lehrveranstaltungen reicht zu entwickeln.