Der Mann und die Messer oder ob es eine richtige Diagnose geben kann.

Kadi, Urike (2000) Der Mann und die Messer oder ob es eine richtige Diagnose geben kann. texte, I (4). pp. 20-36. ISSN 0254-7902

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Abstract

Wer heute psychisch krank wird, bekommt in vielen Ländern eine Num­mer zugewiesen. In den meisten Fällen wissen die so Bezifferten nichts von ihrem Attribut. Sie tragen die Codes für sich selber unlesbar auf ihren Karteien mit sich, auf jenen Karteien, die zwischen MedizinerInnen, Kran­kenpflegepersonal und Versicherungsangestellten weitergereicht werden. Die Nummern dienen als Zeichen, deren Bedeutung sich in entsprechen­den Manualen nachschlagen läßt, wobei diese Bedeutung (der Name ei­ner Erkrankung) selber nur wieder Zeichen für eine andere Bedeutung (das Erscheinungsbild der Erkrankung) ist. Mit Derrida könnte angesichts einer solchen Ziffernfolge von einer Spur gesprochen werden, in der ein Zeichen das andere substituiert (als Ersatz für eine unerreichbare Prä­senz). Marc Richir hat sich vor kurzem in Wien1 sehr abfällig über das Klassifikationsmodell von DSM-IV geäußert. Er geht davon aus, daß die Schizophrenie ein Rätsel sei, das sich jedem klassifikatorischen Zugriff entziehe. Eine etwas andere Kritik wird von Pierre Legendre geäußert. Quantifizierendes Klassifizieren, wie es für DSM IV, ICD 9 oder ICD 10 erforderlich ist, raube den aus historischen Kategorien hervorgegangenen Fachtermini die Schärfe und zwinge den Psychiater, der maschinengleich die Ziffernfolgen zuordnen muß, .in methodischem Training seine Subjek­tivität abzulegen, um effizient in die Konzeption der Industriefachleute einzusteigen . das heißt in das, was man in der Logik l.arbre de decision nennt..2 Denn die Zuweisung der Nummern soll keineswegs ungeregelt erfolgen. Vielmehr werden standardisierte diagnostische Interviews ein­gesetzt, die den Diagnosesuchenden wie einen Blinden durch das Laby­rinth möglicher Gesundheitsstörungen leiten. Die Anzahl täglich konsu­mierter Viertel Alkohol ist dabei für die Diagnose ebenso entscheidend wie die Zahl der Panikattacken, die während der vorangegangenen zwei

Item Type: Article
Uncontrolled Keywords: Psychiatrische Diagnosen;Geheimnisse einer Seele; Papst, G.W.;
Subjects: Psychoanalyse > texte psychoanalyse.ästhetik.kulturkritik > 2000
Psychoanalyse > Grundlagenforschung
Depositing User: Stefan Köstenbauer
Date Deposited: 18 Jun 2008 08:48
Last Modified: 03 Oct 2013 15:29
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/1768

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