Betrug und Täuschung in den Sozial- und Kulturwissenschaften

Fröhlich, Gerhard (2001) Betrug und Täuschung in den Sozial- und Kulturwissenschaften. In: Wie kommt die Wissenschaft zu ihrem Wissen? Band 4: Einführung in die Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung. Schneider-Verlag Hohengehren, pp. 261-276. ISBN 978-3896764164

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Abstract

1.) Zahlreiche Untersuchungen, journalistische Recherchen und Gerichtsurteile dokumentieren seit den 198er-Jahren eine immer größere Zahl eindeutig belegter Fälle von Betrug und Täuschung in den Wissenschaften, begangen nicht selten in renommiertesten Institutionen (z.B. Harvard University, MIT), veröffentlicht nicht selten in renommiertesten Journalen (z.B. Science, Nature). 2.) Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ("scientific misconduct"). Eine Typologie des wissenschaftlichen Fehlverhaltens im engeren Sinn kann bei einer Art Schadenstypologie ansetzen: Wer sind die Betroffenen/Geschädigten wissenschaftlichen Fehlverhaltens? 3.) Betrugsaffären in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Die wohl aufsehenerregendsten Betrugsaffären in den Sozial- und Kulturwissenschaften aus neuerer Zeit sind die Zwillings"untersuchungen" des britischen Psychologen Sir Cyril Burt und die pseudoethnologischen "Feld"forschungen von Carlos Castaneda. 4.) Die Grauzone zwischen Selbstbetrug und Betrug. Die Grenze zwischen selbstbevorteilenden Irrtümern, paradigmatischen Selbsttäuschungen, dem Gefangensein im eigenen theoretischen System, und bewusstem, beabsichtigtem Betrug ist fließend. Dazu passt, dass manche Forscher Fälschungen begingen, weil sie so optimistisch waren, dass sie während der langen Wartezeit bis zur Veröffentlichung ihrer Arbeit (Begutachtungen, Satz, Druck) die noch ausstehenden bestätigenden Befunde erhalten würden, und sich diese kleinen "Bluffs" erlaubten, um der Konkurrenz im Wettlauf zuvorzukommen und so erfolgreich die Priorität anmelden zu können. Geht diese Strategie gut aus, wird man, das sollte hier ausdrücklich festgehalten werden, mit etwas zusätzlichem sonstigem Glück als Held gefeiert. 5.) Die wichtige Rolle außerwissenschaftlicher Instanzen bei der Aufdeckung wissenschaftlicher Täuschungen. Das Verdienst der Aufdeckung und der Verhaltensänderung wissenschaftlicher Institutionen gegenüber Plagiat und Fälschung ist (neben zivilcouragierten Wissenschaftlern, die Informationen weitergaben) außerwissenschaftlichen Instanzen (Presse, Politik) zuzuschreiben. Ohne außerwissenschaftliche Informationskanäle wäre möglicherweise kein einziger der in "erster Generation" bekannt gewordenen Betrugsaffären bekannt gemacht worden: Die wissenschaftlichen Institutionen (und Journale) waren anfangs nicht bereit, dieses Thema auch nur zu erwähnen. Die generelle Abqualifizierung und Perhorreszierung aller "Einmischungen von außen" als wissenschaftlich schädlich ist somit nicht gerechtfertigt. Ein wissenschaftsinternes Informationsmonopol in Form eines Verbotes außerwissenschaftlicher Medien und Gruppen, sich unkontrolliert mit Vorgängen in der Wissenschaft zu befassen hätte schädliche Folgen für das Wissenschaftssystem selbst. 6.) Leistungsfähigkeit des wissenschaftlichen Kontrollsystems, Effekte des Publikations- und Prioritätsdrucks. Nur wenige aufgedeckte Fälle devianten wissenschaftlichen Verhaltens wurden durch die Begutachtung durch anonyme Gutachter aufgedeckt. Die bisher eruierten Fälle wurden oft aufgrund von Interaktionsprozessen abseits der formalen Wissenschaftskommunikation aufgedeckt (z. B. über Anzeigen wissenschaftlich "bestohlener" AssistentInnen, von Mitarbeitern mit Gewissensbissen). 7.) Fördernde Faktoren von wissenschaftlicher Täuschung und Fälschung (insbesondere im US-Wissenschaftssystem). 8.) Fälschung und Plagiat im digitalen Zeitalter. 9.) Verschärfung der Kontrollen oder Abschied vom Ziel der Fehlerlosigkeit? 10.) "Weiche", daher glückliche Sozial- und Kulturwissenschaften?

Item Type: Book Section
Subjects: Wissenschaftsforschung, Wissenschaftsgeschichte
Depositing User: Gerhard Fröhlich
Date Deposited: 09 Nov 2008 11:32
Last Modified: 16 Jul 2012 17:08
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/1824

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