Der Trieb der Geschichte. Die Natur des Historischen und das revolutionäre Subjekt bei Ibn Haldun

Enz, Peter (2009) Der Trieb der Geschichte. Die Natur des Historischen und das revolutionäre Subjekt bei Ibn Haldun. Other thesis, Universitaet Wien.

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Abstract

Im andalusischen Kalifat von Córdoba entwickelt sich um 1000 a.d. ein Denken heraus, das sich unabhängig von den mystischen Strömungen entwickelt, die in dieser Zeit in religiöse und philosophische Diskurse im Osten der arabisch-islamischen Welt eindringen, und das das Erbe vor allem des Aristoteles übernehmend und bewahrend sich als rationalistische Strömung innerhalb des islamisch-arabischen Gelehrtendiskurses etabliert. Nach der christlichen Rückeroberung Spaniens verschwindet dieses Denken mangels eines politisch-kulturellen Körpers, der es fördern würde, wieder. Der Tunesier aus andalusischer Familie Ibn Khaldun stellt einen letzten Ausläufer dieses rationalistischen Projekts dar, das in der Vorrede (Muqaddima) seiner monumentalen Universalgeschichte eine letzte Anwendung am Objekt des Historischen erfährt. Um eine sichere Geschichtswissenschaft zu begründen untersucht Ibn Khaldun die Prinzipien nach denen Geschichte und menschliche Gesellschaft funktionieren, damit der neue Historiker aus diesen Prinzipien historische Einzelereignisse naturwissenschaftlich erklären und beweisen kann. Im Laufe der Untersuchung stöߟt Ibn Khaldun auf das beduinische Gruppengefühl ('asabiya), eine kollektive Erscheinung politischer Gruppen, die einerseits den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe gewährleistet, und andererseits die Gruppen zu ewigen Kämpfen und Kriegen gegeneinander und um die Vorherrschaft drängt. Gruppen mit starkem Gruppengefühl unterwerfen andere im Kampf und gründen schlieߟlich, am Höhepunkt ihrer Macht, Staaten und Dynastien, in denen Wissenschaften und Kunst blühen. Doch die Entwicklung ist ambivalent, die hohe Kultur schwächt das militante Gruppengefühl, militärischer Druck von auߟen steigt und der Staat geht unter den Schwertern einer anderen kriegerischen Gruppe unter, der letzten Endes das selbe Schicksal droht. Der eigentliche Beweger der Geschichte ist bei Ibn Khaldun die 'asabiya, dieser militante, triebhafte Drang, der zu Kämpfen anstachelt und sich in den Kämpfen selbst steigert. Die Struktur der 'asabiya ist eine komplexere als es zunächst scheint, sie ist eine selbstreferentielle Figur, ist der Garant für politische Subjektivität und hat eine komplizierte Beziehung zum Einzelnen der Gruppe. Affinitäten zu marxistisch-revolutionärer Theorie liegen auf der Hand. Schieߟlich zeigen sich in einer Begegnung zwischen Ibn Khaldun und Alain Badiou bemerkenswerte Parallelen, aber auch fruchtbare Widersprüche, zwischen der arabisch-islamischen Geschichtstheorie des positiven Wissens und Badious zwischen den Begriffen des Ereignisses und des Glaubens des Einzelnen an das Ereignis aufgebautem Gedankengebäude des Politischen.

Item Type: Thesis (Other)
Uncontrolled Keywords: Ibn Khaldun, Ibn Chaldun, Ibn Haldun, Khaldun, Chaldun, Haldun, Badiou, Alain Badiou, Muqaddima, Muqaddimah, Mukaddima, Mukaddimah, Das Sein und das Ereignis, Sein und Ereignis, Metapolitics, Metapolitik, 'asabiya, asabiya, 'asabiyya, asabiyya, 'umran, umran, Geschichtsphilosophie, Philosophie der Geschichte, Andalusische Wiedergeburt, Kalifat von Cordoba
Subjects: Kulturwissenschaften, cultural studies > Interkulturelle Studien
Philosophie > Seminararbeiten, Diplom, Dissertationen, Arbeitspapiere > Interkulturelle Philosophie
Philosophie > Philosophische Disziplinen > Geschichtsphilosophie
Philosophie > Geschichte der Philosophie > h) aussereuropäische Philosophie
Depositing User: Franz Martin Wimmer
Date Deposited: 06 Oct 2009 06:12
Last Modified: 08 Sep 2011 18:52
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/1878

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