Der Stoff, aus dem die Räume sind. Kurt Kren filmt.

Hrachovec, Herbert (2014) Der Stoff, aus dem die Räume sind. Kurt Kren filmt. In: Es gibt Kunstwerke. -- Wie sind sie möglich? Wilhelm Fink, Paderborn, pp. 291-299. ISBN 978-3-7705-5780-6

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Abstract

In einer ersten Phase waren Filme technisch und narrativ noch so experimentell, dass sie sich nicht systematisch mit ihren eigenen Entstehungsbedingungen befassten. Erst musste sich ein Kanon etablieren, dann konnten Filmemacherinnen sich mit ihrem Instrumentarium auf die eigene Tätigkeit zurückbeziehen und auskundschaften, was sich in einer Projektion von den Umständen zeigen läßt, aus denen sie entsteht. Ein berühmter Meilenstein ist Stan Brakhage's „Mothlight“ (1963). 1928/29 malt René Magritte „Ceci n'est pas une pipe“ und 1964 – nach derselben Idee - „Ceci n'est pas une pomme“. Die Darstellung enthält eine Mitteilung, die sich auf den Vorgang eben dieser Darstellung bezieht. Sie besagt, dass das Zeichen nicht das Ding ist, das gezeigt wird. Magritte erzeugt und dementiert einen Anschein. Stan Brakhage dreht diese Strategie um. Er nimmt quasi einen Apfel und macht daraus ein Bild, das niemand mehr als einen Apfel erkennt. Genauer gesagt: Er klebt Insektenflügel und anderes biologisches Kleinzeug auf einen durchsichtigen Zellophanstreifen, spult ihn gegen das Licht ab und nennt ihn Mottenlicht. <br /> <br /> Das Dargestellte ist, zumindest was Brakhages originalen „Film“ betrifft, der physische Grund seiner Darstellung. Sie ist wörtlich genommen eine Ansicht des Originals, obwohl der zwischengeschaltete Apparat unerwartete „Ansichten“ erzeugt. Das ganze Arrangement hebelt den konventionellen Photo-Realismus aus, insofern die Gebilde am Filmstreifen, die der Darstellung dienen sollten, selbst die Originale sind, die gezeigt werden. Dieses Experiment geht sozusagen mit der rohen Gewalt des Materials gegen die Kino-Illusion vor. Die Wiener Experimentalisten der 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatten einen abstrakteren Zugang. Sie thematisierten die Gepflogenheiten der Darstellungspraxis von seiten der Lichtverhältnisse, unter denen Dinge überhaupt zum Vorschein kommen. Es muss hell sein, damit jemand etwas sieht, und es muss (im einfachen Fall) die schwarz-weiß-Verteilung in einem Rahmen geben, um etwas festzustellen.

Item Type: Book Section
Subjects: Philosophie > Philosophische Disziplinen > Ästhetik, Kunstphilosophie
Philosophie > Philosophische Institutionen > Institut für Philosophie, Wien
Depositing User: Sissi Kemp
Date Deposited: 19 Sep 2014 09:55
Last Modified: 19 Sep 2014 09:55
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/2409

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