Das Konzept der Wissenschaftskultur in Hinblick auf seine Bedeutung für Wissenschaftsreflexion am Beispiel der Biologie

Kastenhofer, Karen (2002) Das Konzept der Wissenschaftskultur in Hinblick auf seine Bedeutung für Wissenschaftsreflexion am Beispiel der Biologie. UNSPECIFIED. (Unpublished)

[img] Other
Kastenhofer.doc

Download (35kB)

Abstract

Den Frosch Günter lässt Janosch folgendes erzählen: "Einmal sagte ich [zu Tigerente]: > [...] Wir müssen uns die Fragen des Lebens stellen und den Kosmos erforschen [...]. Also fragen wir uns heute einmal: Was ist der Sinn des Lebens?< [...] Nun trafen wir aber einen Vogel. Ich fragte ihn und er zwitscherte: >Fliegen, fliegen und immer fliegen.< Und dieses kleine Tierchen hatte recht. Fliegen, Mücken und Regenwürmer, einen besseren Sinn gibt es nicht." (Janosch, Ich liebe eine Tigerente, München 2002) Einleitung: Während der letzten Jahrzehnte erfuhr die biologische Fachdisziplin massive Veränderungen in Hinblick auf technologische Möglichkeiten, theoretisches Erklärungspotential und öffentliche Aufmerksamkeit. Gegenwärtig scheint sie die Physik als die vorrangige Naturwissenschaft abgelöst zu haben, was unser Bild von Wissenschaft, unserer Umwelt und unser Selbstbild betrifft. Dieser Wandel in der gesellschaftlichen Rolle der Biologie wurde allerdings nur sehr verzögert von der Entwicklung kritischer Betrachtungsmöglichkeiten begleitet. Selbstreflexion des eigenen Tuns innerhalb der Disziplin, sowie reflexive Standpunkte von Seiten anderer Disziplinen der Natur- und Geisteswissenschaften und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit treten häufig hinter der Faszination über neue Machbarkeiten zurück. Fachliche Spezialisierung und Technologisierung erschweren den Dialog zwischen FachvertreterInnen und fachlichen Laien. Innerhalb eines zweijährigen Forschungsprojektes (Wissenschaftskulturen im Vergleich, Arnold/Fischer et al. 2000 ) wurde der Versuch unternommen, die biologische Disziplin jenseits ihrer fachlichen Inhalte über ihre kulturelle Praxis zu beschreiben und auf diese Weise in einem breiteren Kontext zur Diskussion zu stellen. Die Wissenschaftskultur der Biologie wurde somit mit anderen Wissenschaftskulturen, im konkreten Fall jenen der Literaturwissenschaft, der Geschichtswissenschaft und der Physik, kontrastierbar. Zugleich konnte das Wechselspiel von akademischer Sozialisation Biologiestudierender, Forschungsprozess und Wissensform thematisiert werden. Biologiewissenschaftliche Inhalte sind, so die zugrundeliegende Annahme, jenseits der Fragen nach "richtig"/"wahr" oder "falsch", "gut" oder "böse", in ihrer Generierung und Anwendung kulturell situiert. Sie transportieren dementsprechend auch kulturelle Formen und Inhalte, die bislang wenig beachtet wurden. In diesem Beitrag soll die Beschreibung der Wissenschaftskultur der Biologie auf eine spezifische Frage zugespitzt vorgestellt werden: Inwiefern prägt die disziplinäre Praxis (inklusive des resultierenden Wissenschaftsbildes, Weltbildes, disziplinärer Positionierung, etc.) die Möglichkeiten der Selbstreflexion und damit die zunehmend geforderte und geförderte Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und mit der gesellschaftlichen Öffentlichkeit? Die Beschäftigung mit dieser Frage soll sich vorerst, wie bereits das Forschungsprojekt "Wissenschaftskulturen im Vergleich", im speziellen auf die Sozialisationsphase in diese Disziplin an der Universität Wien beziehen. In Anschluss daran wird eine weiterführende Frage formuliert und zur Diskussion gestellt. Expertensprache und professionelles Schweigen Die "disziplinäre Praxis" der Biologie, respektive die disziplinäre Praxis von BiologiewissenschaftlerInnen, umfasst einerseits Anteile, die in der eigenen scientific community explizit verhandelt werden und andererseits Anteile, die nur von anderem, der enggefassten biologiewissenschaftlichen community externen, Standpunkt aus beschreibbar werden. In den mit UniversitätsprofessorInnen durchgeführten Interviews lässt sich diese Unterscheidung folgender Maßen nachvollziehen: Gewisse Aspekte der eigenen Wissenschaft werden spontan herangezogen, um die eigene Wissenschaft zu beschreiben und ihren Gültigkeitsanspruch zu untermauern. Andere Aspekte werden auf gezieltes Nachfragen und anschließende Nachdenkphase genannt und beschrieben, ihre Bedeutung für die eigene Wissenschaft bleibt aber unklar. Wenn überhaupt, werden sie als störende Faktoren genannt, die es zu überwunden gilt. In Interviews mit Studierenden lässt sich unterscheiden zwischen formulierbaren Aspekten ihres Studiums und solchen Studienerfahrungen, für die Sprache und Begriffe fehlen, zumindest, solange sie ausdrücklich als Biologiestudierende angesprochen werden. In Vorlesungen und Lehrbüchern fällt die Differenzierung noch einfacher, zumal sie auf eine "nicht biologiegerechte" Lesweise nicht reagieren: Manche Aspekte der Biologie werden genannt und erklärt, andere nicht. Aus dieser methodischen Differenzierungsgrundlage von Explizitem und Implizitem ergibt sich ein Bild davon, wie BiologInnen ihre eigene Wissenschaft wahrnehmen und definieren. Dieses Bild umfasst jenen Anteil der eigenen Praxis, der professionell verhandelbar ist. Alle übrigen Anteile mögen um nichts weniger relevant sein. Um sie zu diskutieren muss der Biologe, die Biologin allerdings seine/ihre Profession, ihre Logik und Sprache, und damit auch seine/ihre ExpertInnenrolle und disziplinäre Identität verlassen. Das (Selbst)Bild der BiologInnen Die Bilder der Biologie, so wie sie in Lehrenden- und Studierendeninterviews, in Lehrveranstaltungen und Lehrbüchern explizit dargestellt werden, entsprechen sich nicht vollständig. Dennoch lassen sich in Kontrast zu impliziten und externen Beschreibungen Übereinstimmungen finden. Vor allem anderen haben BiologInnen ein Bild von "der Biologie", unabhängig von "biologischer Praxis", "biologiewissenschaftlicher Kultur" und "praktizierenden BiologInnen". "Die Biologie" ist demnach eine Wissenschaft, die sich über ihren Forschungsgegenstand (die belebte Natur) gegen andere Disziplinen abgrenzt. Als Naturwissenschaft, so das interne Bild, legitimiert sie ihren Wahrheitsanspruch über methodische Vorgehensweise und erzeugt damit objektives, allgemeingültiges Wissen. Dieses Wissen ist durch Zahlen, Formeln, Graphen, Modelle, Photographien und Text in normierter Weise darstellbar. Die Disziplin Biologie hat sich historisch durch eine kontinuierliche Wissenserweiterung herausgebildet, die durch einige wichtige Disziplinenvertreter seit der Antike vorangetrieben wurde. Will man die unterschiedlichen Selbstbilder der Biologie, wie sie während der Sozialisation in der Studienphase auftreten, zeitlich differenzieren, ergibt sich nach Gerd Gruen (1994) folgende Aufteilung: Während des Grundstudiums geht es vor allem um Biologie als biologiewissenschaftlichem Wissen ("Präsentation theoretischer Interpretation"). Dieses findet sich in Lehrbüchern und Lehrveranstaltungsprüfungen sowie in den Interessensbezeugungen der Studierenden wieder. Für das fortgeschrittene Studium gibt Grün methodische Schwerpunkte an ("Konstruktion von Fakten", "literarisch-kollektive Validierung"). Erst danach beginnt das "konkrete Arbeiten", also die Teilnahme an gesamten Forschungsprozessen, die dann auch andere Aspekte von Biologie und Wissenschaft erfahrbar machen. Übrigens von Beginn an parallel läuft ein mehr oder weniger starkes theoretisches Interesse, das der theoretischen Biologie (etwa Evolutionstheorie, Ökosystemtheorie), seltener auch wissenschaftstheoretischen Fragen (etwa Texte Poppers aufgreifend) oder allgemein philosophischen Fragen (etwa Evolutionäre Erkenntnistheorie) gilt. Ich gehe davon aus, dass dieses Interesse unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann - je nach Person und auch lokaler Tradition -, dass es aber in ganz bestimmter Ausformung mit dem Selbstbild der Biologie zumindest nicht in Widerspruch steht, wenn es auch nicht als Voraussetzung für biologiewissenschaftliches Arbeiten angesehen wird. Ein Bild der Biologie aus kulturwissenschaftlich/soziologischer Perspektive Der Blick "von Außen", aus Perspektive kultur- und sozialwissenschaftlicher Tradition muss in diesem Kreis nicht genauer dargestellt werden. Er richtet sich auf soziale Strukturen der scientific community, auf Praktiken und gemeinsame Weltbilder der WissenschaftlerInnen. Das naturwissenschaftliche Relevante kommt hier gerade nicht vor. Tony Becher (1993) nennt in seiner Arbeit zu "Academic Tribes and Territories" beispielsweise Traditionen, Bräuche, Praktiken, Überzeugungen, Handlungsnormen, linguistische und symbolische Formen der Kommunikation, sowie gemeinsame Sinn- und Bedeutungszuweisungen. Letztendlich verhilft die sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektive zu einer Anzahl von sozialen und kulturellen Kategorien, anhand derer sich alle Wissenschaften vergleichend beschreiben lassen. Diese Kategorien kommen wiederum in biologiewissenschaftlichem Selbstverständnis, der expliziten Selbstdarstellung der Disziplin, nicht vor. Zwischen Selbstbild und Fremdbild Gibt es darüber hinaus einen intermediären Diskussionsraum, der über Wissenschaftskulturen hinweg reicht? Ein transdisziplinäres Konzept , das für alle Disziplinen aufgreifbar ist? Wie durch obige Gegenüberstellung illustriert wird, halte ich einen gemeinsamen Diskussionsrahmen, der unabhängig von Einzelpersonen und konkreten Projekten besteht, allein durch Wissenschaftssoziologie und ethnographische Wissenschaftsforschung für noch nicht erreicht. Das Konzept der "Wissenschaftskultur" im engeren Sinn leidet zu sehr an einer "kulturwissenschaftlichen Schlagseite", um als transdisziplinär von allen Seiten aufgegriffen gleicher Maßen zu werden. Damit verbleibt aber auch dieser Ansatz der Wissenschaftsreflexion in einem Status lokal und zeitlich begrenzter Einzelprojekte, die sich immer wieder - je nach Zielrichtung und Teamzusammensetzung - neu definieren, wie für interdisziplinäres Forschen inzwischen allgemein üblich. Ich möchte letztlich auch offen lassen, ob etwas Vergleichbares überhaupt erreicht werden soll oder kann und es als Frage formuliert zur Diskussion stellen: Soll/kann es eine theoretische Grundlage für die Reflexion aller Disziplinen geben, an der sich alle Disziplinen gleichermaßen beteiligen können? Mitzubedenken wäre bei der Suche nach einer Antwort, dass eine Verneinung dieser Frage die Wissenschaft in einem Status belässt, in dem Disziplinen bzw. Wissenschaftskulturen sich zwar gegenseitig reflektieren, die jeweilige Fremdreflexion aber nicht aufgreifen können. Gesamtgesellschaftlich halte ich eine solche Situation für unbefriedigend. Auch die gemeinsame Verständigungsbasis für innerwissenschaftliche, interdisziplinäre Zusammenarbeit bleibt so sehr dünn. Mögliche Ansätze zu transdisziplinärem Austausch Abschließend möchte ich einige Ansätze erwähnen, die in Richtung einer gemeinsamen Reflexionsbasis deuten und zugleich auch die damit verbundenen Schwierigkeiten nachvollziehbar machen : Auf konzeptueller Ebene halte ich Latour's Actor-Network-Konzept für eine überzeugende Möglichkeit, soziokulturelle Bedingtheit und Widerständigkeit eines (wie auch immer) gegebenen Objektes zu verbinden. Es ermöglicht meiner Ansicht nach eine Beteiligung aller Disziplinen und Wissenschaftskulturen an der gemeinsamen Verhandlung von "Realität". Allerdings knüpft sich an die Auswahl letzteren Begriffs bereits wieder einige absehbare Schwierigkeit. Möglicher Weise lässt sich der Wissenschaftskulturenansatz tatsächlich durch Latour's Position ergänzen oder wurde bereits in eine solche Richtung ergänzt. Auf praktischer Ebene möchte ich auf Lernexperimente wie das Studium Integrale des IFF hier in Wien verweisen, das Studierende unterschiedlichster Disziplinen zu gemeinsamer Reflexion und Projektarbeit anregt. Ergänzend sei erwähnt, dass einige ähnliche Vorhaben aus von mir nicht näher untersuchten Gründen scheiterten und dass auch im gegenwärtigen Wiener Vorhaben noch nicht abzuschätzen ist, welche Bedeutung das Studium Integrale letztendlich für die einzelnen zukünftigen WissenschaftlerInnen hat und haben wird. Auf inhaltlicher Ebene erwähne ich das Forschungsprojekt Science as Culture, das über 2 Jahre 6 WissenschaftlerInnen aus 6 unterschiedlichen Disziplinen zusammenführte und in der Beschreibung der Wissenschaftskulturen von vier Disziplinen durch die jeweiligen DisziplinenvertrerInnen resultierte. Bemerkenswert erscheint mir, dass sich auf Grundlage eines kulturwissenschaftlich geprägten Konzeptes, nämlich dem der Wissenschaftskultur, Aspekte der Biologie formulieren ließen, die insofern hybrid sind, als sie sich nicht nur allgemeiner kultureller Kategorien bedienen. So konnten wir uns im interdisziplinären Team auch nie ganz auf allgemeingültige Kategorien, die für alle Disziplinen gleichermaßen gültig wären, einigen. Für den Moment gebe ich mich damit zufrieden, nicht nur die anderen Disziplinen nur in begrenztem Ausmaß verstehen zu können, sondern auch die von den VertreterInnen dieser Disziplinen gewählten Beschreibungen. Wobei ich mich an dieser Stelle bei allen ProjektkollegInnen für die Geduld zu klärenden Gesprächen bedanke! Anhang: Kategorienbeispiele zwischen Wissenschaftskultur, Erkenntnistheorie und Eigenlogik der Disziplin Biologie § Humor in der Biologie § Relativismus, Konstruktivismus und ein Gefühl für Situiertheit spezialisierter Forschung als Umgangsformen von BiologInnen mit biologischem Wissen § Kollektive Wissensproduktion Hands-on: die methodische Vorwegnahme der Actor-Network-Theorie in biologiewissenschaftlicher Forschung § Systemdenken, Holismus, "Feeling for the Organism" in biologiewissenschaftlicher Theorienbildung § Kreativität und ästhetisches Empfinden als relevante Kriterien biologischer Theorienbildung § Erfahrung am eigenen Leib - sich dem Gegenstand aussetzen als biologiewissenschaftliche Methode § Die sezierende Hand: Handlungs-Denken statt Denk-Handlung § Der biologische Blick: mit den Augen denken als Verschränkung von Empirie und Theorie § Sprachliche Freiheit: Experimente mit Wort, Bild und Materie als Erkenntnismethode der Biologie § transzendente Geister: sich in das Forschungsobjekt hineinversetzen als Auflösung der Subjekt/Objekt-Stellung in der Biologie § Inspiration: der meditative Zugang als zulässiger "Induktionssprung" § Kaltblütiger Pragmatismus: Messen, was messbar ist, messbar machen, was nicht messbar ist. sezieren, was sezierbar ist ..., abbilden, was abbildbar ist ... § Zufall, Glück, Beliebigkeit: Grenzen der Kontrolle der Forschung durch das "forschende Subjekt"

Item Type: Other
Uncontrolled Keywords: graduiertenkonferenz, kulturwissenschaften
Subjects: Kulturwissenschaften, cultural studies > Graduiertenkonferenz: Wissenschaftskulturen - Experimentalkulturen - Gelehrtenkulturen
Depositing User: Users 5 not found.
Date Deposited: 24 Oct 2002
Last Modified: 08 Sep 2011 18:50
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/322

Actions (login required)

View Item View Item

Downloads

Downloads per month over past year