Die Bedeutung von ‚Clues' bei hard boiled Krimis und der Chicago School of Sociology. Kritische Anmerkungen zu Ginzburgs Indizienparadigma.

Schwanhäußer, Anja (2002) Die Bedeutung von ‚Clues' bei hard boiled Krimis und der Chicago School of Sociology. Kritische Anmerkungen zu Ginzburgs Indizienparadigma. UNSPECIFIED. (Unpublished)

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Abstract

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich in den Humanwissenschaften ein Indizienparadigma durchzusetzen: Der moderne Wissenschaftler wurde zum Detektiv, so lehrt Carlo Ginzburg, dem sich die (Täter-)Welt durch Nebensächlichkeiten und Details erschließt. Der Kunstanalytiker Morelli beispielsweise erschloss die individuelle Handschrift eines Künstlers durch Nebensächlichkeiten wie der Gestaltung von Ohrläppchen, Fingernägel, die Form von Fingern, Händen, Füßen. Ginzburg vergleicht diese Methode mit der Technik Sherlock Holmes, des literarischen Zeitgenossen Morellis, der durch die anatomische Analyse eines abgeschnittenen Ohres Verwandtschaftsverhältnisse aufdeckt. In der typisch detektivischen Fokussierung auf Nebensächlichkeiten, die sachdienliche Hinweise bereit stellen, bleibt Ginzburg allerdings einem bestimmten Ort verhaftet, und zwar, um in der Sprache der Detektivliteratur zu bleiben, dem ‚closed room'. Ginzburgs Beispiele aus der Wissenschaft sind denn auch das Atellier des Künstlers, das Untersuchungszimmer des Arztes und das kriminologische Labor. Es handelt sich also um Indizien, die von ihrem Kontext isolierbar sind, die unter dem Mikroskop zu betrachten und zu vermessen sind. Ginzburg lässt außer Acht, dass die Beschaffenheit des detektivischen Indizes selbst - und er bezieht sich ja paradigmatisch auf Sherlock Holmes - sich Anfang des 20. Jahrhunderts wandelt. Ich möchte so vorgehen wie Ginzburg, nämlich eine detektivische mit einer Wissenschaftspraxis zu vergleichen. Und zwar die hard boiled Krimis von Raymond Chandler, Dashiel Hammett, etc. mit der Chicago School of Sociology. Beide sind Ginzbergs Indizienparadigma zuzuordnen, gleichzeitig sind die Indizen um die es hier geht anders beschaffen. Um den ‚Clues' auf die Spur zu kommen begibt man sich kopfüber in den Dschungel der Großstadt und muss dabei Ginzburgs paradigmatisches Instrument, die Lupe, zurück lassen. Black Mask Pulp Noch bevor es das Fernsehen gab, überschwemmten die kommerziellen und ohne literarischen Anspruch produzierten Groschenhefte, von denen die Black Mask-Reihe wohl die berühmteste ist, den amerikanischen Zeitschriftenmarkt: 25 Millionen Leser fanden die pulp crimes zwischen erstem und zweitem Weltkrieg und setzten rund 1300 Autoren in Lohn und Brot. Die hard boiled-Krimis galten als pulp fiction, wobei sich "pulp" (Abfall) sowohl auf das billige, kurzfaserige Papier als auch auf dessen schmuddeliges Image bezieht. Sie ziehen ihren Reiz aus der Beschwörung einer düster anrüchigen Großstadt: "The corner speak-easy served rotgun gin (…) cons and crooks prowled New York alleys and lurked in trackside hobo jungles" , wie William Nolan die Welt der Black Mask Boys in seinem gleichnamigen Buch beschreibt. Chicago School of Sociology Die Stadtforschung teilt ihrerseits nicht nur die Entstehungszeit mit der "Hard boiled School" , wie Nolan sie nennt, sondern entwickelte sich zudem in einer Stadt, die wie keine andere das Gangsterimage hervorgebracht hat: Chicago. Die sogenannte "Chicago School", deren Wiege das Department of Sociology and Anthropology war, wurde zum Sinnbild moderner, von der Ethnologie inspirierter Stadtforschung. Ebenso wie die hard boiled-Krimis Schmuddelkinder dessen waren, "was man so ‚ein bedeutendes Werk' nennt" , wies sich die Chicago School durch Devianz gegenüber den Standards der scientific community aus: Sie praktizierte, wie Rolf Lindner schreibt, eine methodisch abweichende Theorie, die sich mit abweichenden Phänomenen beschäftigte. Die Chicagoer Stadtforscher begaben sich "in das ungesicherte Terrain des ‚wirklichen Lebens'" , trieben sich mit Stadtstreichern, Kleinkriminellen und Jugendbanden herum, besuchten Migrantenviertel, das Ghetto, und, wie Paul Cressey, das Rotlichtmilieu, um nur einige Orte zu nennen. Der spiritus rector der Chicago School, Robert Ezra Park, liebte das der detektivischen Praxis entlehnten "nosing around" , das Herumbummeln und Herumschnüffeln, und entwickelte es zu einer empirischen Kunst. "Go into the district, Get the feeling, Become acquainted with people" waren die Anweisungen, die Park seinen Studenten auf den Weg gab. Der Wissenschaftshistoriker George Stocking sieht hierin einen Paradigmenwechsel, nämlich vom ‚Armchair-Anthropologist', der sich das Datenmaterial in das Studierzimmer bringen lässt, zum akademisch geschulten Feldforscher. Das sogenannte Feldforschungsparadigma, das ich mit dem Indizienparadigma eng führen möchte, lokalisiert das Indiz in der Großstadt. Auch Raymond Chandler beschreibt in seinem berühmten Essay Die simple Kunst des Mordes eine Art Feldforschungsparadigma für die hard boiled School. Keine exzentrischen Denkmaschinen waren gefragt, sondern Geschichten und Figuren, die dem noch jungen Phänomen der Großstadt entwachsen waren. Chandler schreibt über seinen berühmten Kollegen: "Hammett zog den Mord aus der venezianischen Vase, in der er so lange gegrünt und geblüht hatte, und pflanzte ihn an die Straße." Authentizität war das Kapital der Black Mask Magazines, ihr Herausgeber Joseph Thompson Shaw schreibt in einem Editorial: "To be convincing such fiction must be real in motive, character and action. Therefore, word has gone out to writers of our requirements of plausibility, of truthfulness in details, of realism in the portrayal of action and emotion." Pulp crime-Detektiv und Stadtforscher machen sich also in der Großstadt ‚die Hände schmutzig'. Schon hierin unterscheiden sie sich von Ginzburgs Sezierern, dessen Gemälde-Analytiker, Labor-Mediziner und Kriminologen für ihre Arbeit die typischen Handschuhe tragen. World of Strangers Was sind Indize im Großstadtkontext? Die Soziologin Lyn Lofland beschreibt in ihrem Buch ‚World of Strangers' die typische Verfasstheit der Großstadt. Sie besteht aus Menschen, die einander fremd sind, "a world populated by persons who are personally unknown to one another" . Lofland systematisiert den Begriff ‚Clues' als diejenigen Oberflächenmerkmale von Personen und Orten, die den Stadtbewohnern auf ihren Wegen durch die Großstadt die Orientierung ermöglichen. Appearental Clues - Kleidung, Sprechweise, Haltungen, Verhaltensweisen - und Locational Clues - Räume und Signale - ordnen den städtischen Alltag. Oder, wie Richard Sennett schreibt: "Jeder muss ja Detektiv werden, wenn er begreifen will, was auf der Straße vor sich geht." Während der Durchschnittsstädter, so Lofland weiter, sich vornehmlich an Orten bewegt und mit Personen verkehrt, deren Clues ihm vertraut sind, zeichnet die Figur des Detektivs und des Stadtforschers gerade der Bruch mit Gewohnheiten aus. Ihre Neugier an fremden, exotischen Orten gibt beiden ein überdurchschnittliches Maß an Interpretations- und Verhaltenskompetenz, die Lofland "city-know-how" nennt. Prototypisch beschreibt Lyn Lofland Philip Marlowe als "guy who knows his way around", "cosmopolitan", "real city person" , das heißt: "No matter where he goes - he goes everywhere -, no matter who he meets - he meets everyone - he alway is unflustered, at ease, in command. Diversity (how people look, how they act) does not confuse him." Genau in diesem city-know-how, in dieser erfahrungsbedingten Abgeklärtheit, besteht für Lofland die vielbeschriebene coolness Philipp Marlowes. Übrigens attestiert der Cultural Studies Klassiker ‚Resistance through Ritual' auch dem Feldforscher eine Neigung zum hard boiled Genre: he is the man (and the Image is characteristically male) who has looked 'real life' in the eye, the 'guy who 's done the leg-work', th

Item Type: Other
Uncontrolled Keywords: graduiertenkonferenz, kulturwissenschaften
Subjects: Kulturwissenschaften, cultural studies > Graduiertenkonferenz: Wissenschaftskulturen - Experimentalkulturen - Gelehrtenkulturen
Depositing User: Users 5 not found.
Date Deposited: 24 Oct 2002
Last Modified: 08 Sep 2011 18:50
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/329

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