Zur Struktur des metaethischen Diskurses

Grewendorf, Günther (1974) Zur Struktur des metaethischen Diskurses. In: UNSPECIFIED Suhrkamp, pp. 7-31.

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Abstract

Die im Rahmen der analytischen Philosophie betriebene Metaethik stellt einen Diskurs zweiter Ordnung dar. Sie macht keine Aussagen darüber, was wir tun sollen, was gut und was schlecht ist, ob eine gewisse Handlungsweise richtig oder falsch, verboten oder erlaubt ist, usw. Alle Antworten auf diese inhaltlichen moralischen Fragen gehören, eben deshalb, weil sie Antworten auf inhaltliche Fragen sind, zum Diskurs erster Ordnung. Die Existenz eines derartigen moralischen Diskurses wird von der Metaethik bereits vorausgesetzt: Der moralische Diskurs ist der Gegenstand der Metaethik. Metaethische Sätze gehen über inhaltliche moralische Sätze. Nun gilt jedoch: Nicht alle Sätze, die über moralische Sätze gehen, sind metaethische Sätze. Wer durch eine Umfrage herausbekommen möchte, wie sich die Mehrheit der Münchner Bürger zum § 218 äußert, stellt keine metaethischen Untersuchungen an. Wer uns sagt, was der Papst zu einem bestimmten Problem zu sagen weiß, hat sich damit noch nicht zum Moralphilosophen qualifiziert. Wer Metaethik betreibt, kümmert sich um den moralischen Diskurs anders als ein Soziologe, Psychologe oder Historiker. In der Metaethik geht es um die Bedeutung der moralischen Wörter und der moralischen Äußerungen. Um also nicht schon von vornherein auf ein falsches Gleis zu kommen, ist es notwendig, daß zwischen den folgenden drei Arten von Sätzen unterschieden wird: (1) Sätzen, die inhaltliche moralische Fragen beantworten; (2) Sätzen, die in Form eines Berichts wiedergeben, welche Antworten von jemandem (evtl. von einem selbst) auf diese Fragen gegeben werden; und (3) Sätzen, in denen etwas darüber gesagt wird, was wir meinen, wenn wir moralische Fragen stellen bzw. beantworten. Mit Sätzen der ersten Art legt man sich auf einen moralischen Standpunkt fest; man nimmt an der moralischen Diskussion selbst teil. Ob Sätze der zweiten Art wahr sind, hängt lediglich davon ab, welche moralischen Ansichten tatsächlich vertreten werden. Ob Sätze der dritten Art (= metaethische Sätze) wahr sind, hängt dagegen davon ab, welche Bedeutung bestimmte Wörter oder Äußerungen haben.

Item Type: Book Section
Uncontrolled Keywords: Metaethik, Naturalismus, Emotivismus, Moore, Austin
Subjects: Philosophie > Philosophische Disziplinen > Allgemeine Ethik
Depositing User: Sissi Kemp
Date Deposited: 24 Mar 2004
Last Modified: 08 Sep 2011 18:51
URI: http://sammelpunkt.philo.at/id/eprint/810

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