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Sybille Krämer

Von der sprachkritischen zur medienkritischen Wende? Sieben Thesen zur Mediendebatte als eine Einleitung in diese Textsammlung

 

1. Ein kulturalistischer Perspektivenwechsel

Die Entwicklung der Geisteswissenschaften rankt sich um drei aufeinanderfolgende paradigmatische Ansätze: Das klassische Zeitalter interpretierte "Geist als Bewußtsein", das hermeneutische Zeitalter favorisierte "Geist als Bedeutung", das sprachkritische Zeitalter schließlich behandelt "Geist als Sprache". Gegenwärtig zeichnet sich eine neuerliche Umakzentuierung ab, die mit einer kulturwissenschaftlichen Orientierung Hand in Hand geht und mit dem Kennwort: "Geist als Verkörperung" charakterisierbar ist. Was zuvor als Sprache, Text oder Kommunikation beschrieben wurde, kommt nun als Performanz kultureller Praktiken in den Blick. Die Mediendebatte nun trägt bei zu diesem kulturalistischen Perspektivenwechsel innerhalb der Geisteswissenschaften.

 

2. Was die Mediendebatte leistet

Worin ihr Beitrag zu diesem Wechsel besteht, kann am Leitfaden des Verhältnisses von "Innen" und "Außen" erörtert werden. Denn eine Pointe des medienkritischen Ansatzes ist gerade die Aufwertung der "Äußerlichkeit" als eine unabdingbare Bedingung von Sinn-Phänomenen. Der Topos von der Verschwisterung zwischen "Geist" und "Innerlichkeit" hat eine Tradition, die reicht von Platons Überzeugung, daß das wahre Wissen in die Seele eingeschrieben sei, über Descartes' Idee einer Mentalisierung des Geistes im "cogito", bis zu Hegels Annahme eines absoluten Geistes, der sich von seinen welterzeugenden Entäußerungen zu befreien habe. Die sprachkritische Wende hat mit ihrer prononcierten Hinwendung zum Satz oder zum Sprechakt sich der sprachlichen "Äußerung" zwar angenommen, somit die Vorliebe für das Inwendige aufzulösen begonnen, doch sie machte das durchaus halbherzig. Einer der Gründe dafür liegt in der nachhaltigen Prägekraft einer Sprachkonzeption, die davon ausgeht, daß, was an der Sprache regelhaft ist, auch als ein Wissenssystem bei den Sprechern mental repräsentiert sei und dem faktischen Sprachverhalten auch zugrunde liegen müsse. Symptom für die bleibende Aktualität dieses mentalistischen Gedankengutes ist es, daß in den Sprach- und Kommunikationstheorien die Sprachlichkeit nahezu ohne Stimmlichkeit, mithin medienunabhängig konzipiert ist. Auf drei mit der sprachkritischen Wende verknüpften Konsequenzen dieser Auffassung kommt es hier an: (1) Die Sprache wird als ein universaler, überzeitlicher Sachverhalt konzipiert, bei dem der Medienbezug nur noch als ein Realisierungsphänomen wahrgenommen wird. Dies sei das "Theorem von der Medienindifferenz der Sprache und der Kommunikation" genannt. (2) Die durch technische Medien gestützte Kommunikation gilt als ein Substitut der lebendigen Wechselrede zwischen anwesenden Personen, als ein defizitärer Modus des Kommunizierens. Dies sei das Theorem von der "Uneigentlichkeit technisch mediatisierter Kommunikation" genannt. (3) Die Sprache wird zum Auge des Geistes. Innerhalb der Opposition von diskursivem und ikonischem Symbolismus, ist die durch das phonetische Alphabet zum Text entsinnlichte Sprache in ihrer kulturstiftenden Potenz gegenüber dem Bild primär. Dies ist das Theorem vom "Primat der Sprache gegenüber dem Bild". Eine der Leistungen der Mediendebatte besteht nun darin, zutage treten zu lassen, warum diese drei Theoreme unangemessen sind.

 

3. Kleine 'Geographie' des Mediendiskurses

Das Feld des Mediendiskurses ist labyrinthisch verzweigt; doch kristallisieren sich zwei Zentren heraus, deren Gravitationspunkte jeweils die sprachlichen und die technischen Medien bilden. Bei den "sprachlichen Medien" geht es um die Unterscheidung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, und zwar interpretiert als Sprachpraktiken und als "Geistesverfassungen", welche in Gestalt der Oralität und Literalität und ihrer Mischformen sich zu epochalen kulturgeschichtlichen Konfigurationen verdichten. Zum exemplarischen Scheitelpunkt wird hier der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit. Bei den "technischen Medien" geht es dagegen um das durch die Datenübertragung eröffnete Phänomen von Tele-Ereignissen, also um das Fernsprechen, das Fernhören und Fernsehen sowie deren Folgen für die Veränderung von Raum-Zeitverhältnissen, für die Modalitäten unseres Kommunizierens, Wahrnehmens und Erinnerns und schließlich für unsere [p.2] Realitätsvorstellungen selbst. Zur entscheidenden Zäsur wird hier der Übergang von den analogen zu den digitalen Medien. Eben jene Distanzierungsgebärde, mit der sich die Mediendebatte absetzt von den traditionellen sprach- und texttheoretisch orientierten Geisteswissenschaften, kehrt im Verhältnis zwischen der sprach- und technikorientierten Richtung des Mediendiskurses wieder: Die bemerkenswerte theoretische Aufmerksamkeit, die das Phänomen der Schrift seit drei Jahrzehnten erfährt, wird in der Perspektive des auf die technischen Apparate zentrierten Diskurses gedeutet als der Reflex des drohenden Funktionsverlustes der Literalität im Zeitalter der audiovisuellen Computernetze.

 

4. Die Schrift als 'Urszene' des Mediengebrauches

Die um sprachliche Medien zentrierte Debatte behandelt Schrift nicht länger mehr als ein Derivat der (Laut-)Sprache, das lediglich der Fixierung des Gesprochenen und damit der Mitteilung unter den Bedingungen der raum-zeitlichen Trennung der Kommunizierenden dient. Die Pointe dieser Debatte ist es, das "post hoc - propter hoc"-Mißverständnis zu entkräften, welches darin besteht, aus dem zeitlichen Nacheinander von gesprochener und geschriebener Sprache auf ein empirisches oder begriffliches Abhängigkeitsverhältnis beider zu schließen. Dabei kristallisieren sich zwei Verwendungsweisen des Schriftbegriffes aus, eine philologische und eine philosophische: In der philologischen Perspektive gelten Schriftlichkeit und Mündlichkeit als mediale Ordnungen sui generis mit ihnen jeweils korrespondierenden kognitiven und kommunikativen Praktiken sowie einer Vielzahl von Übergängen zwischen beiden. In der philosophischen Perspektive dagegen wird die Schrift radikalisiert zur Bedingung der Möglichkeit von Sprache: Derrida macht die für die Schrift so signifikanten Phänomene wie Nachträglichkeit, Iterabilität, Verräumlichung und Dekontextualisierbarkeit zu Attributen, ohne welche die Idee der Sprache und die Idee des Zeichens überhaupt nicht denkbar sind. Mit dem Terminus "Schrift" wird nicht mehr - wie noch beim philologischen Schriftbegriff - auf eine bestimmte Sprachpraxis im Unterschied zu einer anderen Sprachpraxis referiert, vielmehr wird "Schrift" zu einer differentiellen Kategorie der Grenzziehung, durch welche im unmarkierten Raum symbolischer Vollzüge sich Sprache und Schrift, Mündlichkeit und Schriftlichkeit überhaupt erst unterscheiden lassen.

 

5. Philologische und philosophische Medienkonzeptionen

Diesen verschiedenen Schriftbegriffen entsprechen auch unterschiedlich akzentuierte Medienbegriffe. Der philologische Medienbegriff bleibt im Bannkreis des Zeichens: Medien sind das, was am Zeichen raum-zeitlich lokalisierbar ist, sie verkörpern die Exteriorität des Zeichenvollzugs. Der philosophische Medienbegriff dagegen überschreitet den Rahmen der Idee von der Sprache als Zeichen. Er rehabilitiert nicht einfach den Aspekt der Äußerlichkeit, sondern verändert dabei deren Begriff, indem er die Differenz von Innen und Außen, also die Problematik einer verräumlichenden Metaphorik selbst, zum Thema werden läßt. Dabei zeigt sich eine paradoxale Konstellation: In einer unterscheidungstheoretischen Perspektive können wir mit Hilfe von Unterscheidungen, die wir benutzen, zwar etwas als etwas sehen, doch zu dem, was dabei in den Blick kommt, zählt gerade nicht diese Unterscheidung selbst. Derridas Begriff der "differance" versucht eine Antwort auf eben dieses Paradoxon zu geben. Das ist auch medientheoretisch von Belang: Wenn - in einer sehr allgemeinen Perspektive - Medien Unterschiede bereitstellen und fixieren, kraft derer etwas für uns überhaupt erst gegeben bzw. theoretisierbar ist, dann bleiben die Medien selbst immer auch ein "blinder Fleck". Die Reflexion auf diese methodische Situation gehört zu einer der Aufgaben einer "Philosophie der Medialität".

 

6. Die 'Teleapparatur' als neue 'Urszene' des Mediengebrauches

Der zweite Strang der Mediendebatte ist inspiriert nicht von der Sprache, vielmehr von der Technik, genauer: von medientechnischen Apparaten. Die Aufgabe solcher Apparate besteht darin, Ereignisse oder Dinge in Daten zu transformieren, also was phänomenal gegeben ist, in etwas zu verwandeln, das den Status hat, eine Information zu sein; und zwar gerade unabhängig davon, ob das, was zu transformieren ist, zuvor von der "Natur" eines Zeichens oder eines Nicht-Zeichens gewesen ist. Informationen sind in Stromzuständen instantiierbar und werden damit der Speicherung, dem Transport und der Verarbeitung zugänglich. Die Folge ist, daß mit diesen 'Teleapparaturen' eine wachsende symbolische Verfügung über entfernte Orte und entfernte Zeiten verbunden ist. Während in der Epoche der analogen Medien [p.3] diese Verfügung sich auf das Wahrnehmen des Abwesenden bzw. des Fiktiven einschränkte (Foto, Film, Fernsehen), zeichnet sich mit der medialen Nutzung des Computers die Möglichkeit zu einer Interaktion mit eben diesem Abwesenden bzw. Fiktiven ab (Hypertext, virtuelle Realität). Der Medienbegriff, der in dieser Debatte zum Zuge kommt, ist zwar technisch orientiert, setzt allerdings eine entscheidende Umakzentuierung im Technikbegriff voraus: In einer traditionellen Sicht wird, was die Technik ist, am Vorbild der Werkzeugtechnik gewonnen. In dieser Perspektive gelten technische Artefakte als Substitute für menschliche Arbeitsleistungen. Doch medientechnische Apparate ersparen und effektivieren nicht einfach Arbeit, sondern eröffnen Spielräume im Erfahren von und Umgehen mit symbolischen Universen, die es ohne Medientechnik nicht etwa abgeschwächt, sondern überhaupt nicht gäbe. Technische Medien werden zu Modalitäten unserer Bezugnahme auf symbolische Welten.

 

7. Medien als 'Naturgeschichte' symbolischer Praktiken

Wenn das Nachdenken über die Medien Teil einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Bewegung ist, die inspiriert wird von der Idee der Verkörperung (embodiment), so meint "Verkörperung" hier mehr als ein Leibapriori im Sinne der Orientierung an der vorgängigen menschlichen Körperlichkeit. Vielmehr geht es um die methodische Akzentuierung einer "Materialität" von Sprache und Geist, von Kommunikation und Kognition, die sich nicht in einer naturalistischen, sondern nur in einer kulturalistischen Perspektive erschließt. In dieser Materialität zeigen sich die vorprädikativen, die technischen, die nicht-konventionellen Bedingungen der Erzeugung und Interpretation von Sinn, welche einem "hermeneutischen Zugang" gerade verborgen bleiben. Medien markieren die Nahtstelle, an der Sinn aus nicht-sinnhaften Phänomenen entsteht. Sie bilden so etwas wie die "Naturgeschichte" der Kultur symbolischer Praktiken.

 


11.11. 1998 - http://userpage.fu-berlin.de/~sybkram/medium/kraemer1.html