2.3 Internet als gesellschaftliches Phänomen

Obwohl die Geschichte des Internets eine Abfolge von technischen Errungenschaften ist, sind es doch Fortschritte, die den Menschen als Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes beeinflussen. Die aus der Entwicklung dieses Mediums folgenden Konsequenzen liegen einerseits in der Verwendung, die das Leben des Einzelnen beeinflußt, als auch in den sozialen Auswirkungen, die dieses Medium initiiert.
In vielen Bereichen unserer Umwelt ist man mit technischen Geräten konfrontiert. Sie beeinflussen das tägliche Leben und sind gewohnte Werkzeuge für alltägliche Vorgänge. In der Regel werden sie gar nicht als technische Herausforderung wahrgenommen. Doch manchmal passiert es eben, daß sie sich unerwartet anders verhalten, als man es wünscht. Das Computerbild friert ein, der PC stürzt ab, der Video Timer nimmt nichts auf. In diesem Moment wendet man seine Aufmerksamkeit der Technologie zu, die die Erwartungen nicht erfüllt hat. Man wendet sich dem Objekt zu und weg von sich selbst und seinen Gedanken. Man fühlt sich gestört und statt den PC einfach neu zu starten, beginnt man über Alternativen nachzudenken, wie man selbst (und nicht der Designer) glaubt, daß das Gerät funktionieren sollte.
In immer mehr Bereichen unseres täglichen Lebens ist der Mensch also mit Technologien konfrontiert, die er nur mehr teilweise oder gar nicht mehr versteht. Doch unabhängig von ihrer Komplexität muß jeder versuchen zu lernen "am Ball zu bleiben", sonst verliert er den Anschluß und wird irgendwann von der Gesellschaft zurückgelassen. In vielen entwickelt sich nun eine Unruhe, die von der vorhandenen Technologie immer mehr und bessere Leistung fordert. Vor wenigen Jahren war das Telefonieren mit einem Mobiltelefon noch undenkbar. Heute schimpft jeder nur noch über die schlechte Qualität.
Natürlich kann diese Unruhe auch auf eine Angst vor neuen Technologien zurückdeführt werden und für viele wird das auch stimmen. Für andere, die mit dieser Unruhe aufgewachsen sind, kann Angst aber sicher nicht die Erklärung sein. Viel eher ist es die Erwartung, daß Technologie, schon fast als Eigenschaft per se, immer besser wird. Diese Erwartung wurde bisher immer erfüllt, warum sollte sich der Trend nun umkehren? Was sich ändert, sind nur die Innovationszyklen.
"In somewhat crass terms, one consequence of this expectation is consumer near-paralysis in the face of ongoing developments and inventions. ... We know that whatever we use today will be replaced by something better tomorrow." 35
Es ist der Mensch, der mit dieser Entwicklung kaum noch Schritt halten kann. Immer mehr Bereiche des Lebens werden zugunsten der Beherrschung der Technik aufgegeben. Ganze Gesellschaftsstrukturen lösen sich auf und werden durch technische Abwicklungen ersetzt. So bildet auch das Internet einen immer stärkeren Faktor, dessen Sprengkraft in Kombination mit dem Einsatz von Computern für jedermann kaum absehbar ist.
Wie unter 2.4 dargestellt wird das Medium Internet in einer mehrfachen Rolle gesehen. Das Paradigma der Globalität scheint den alten Gleichklang aus Transport und Kommunikation zu zerbrechen.
"It is not an infrequent experience to be driving along an interstate highway and to become aware that the highway is paralleled by a river, a canal, a railroad track, or telegraph and telephone wires" 36
Doch in Wirklichkeit stellt eben auch das Internet nichts anderes als ein Netz der Netze dar. Dahinter liegt letztlich eine physische Struktur, die nichts anderes ist als die Autobahn, die Schiene oder der Schiffahrtskanal. Wenn man also nicht nur das Medium betrachtet sondern versucht, die Entwicklung von einer höheren Abstraktionsebene aus zu betrachten, so kann man hinter all den Netzen die Fähigkeit erkennen, Raum und Bewegung zu organisieren. Unter diesem Gesichtspunkt kristallisiert sich das Internet einfach als "Upgrade" der vorhandenen Organisationsstrukturen heraus. In der Regel benutzt das Internet auch bereits bestehende Strukturen wie das Telefon oder das Kabelfernsehen, um in die Haushalte vorzudringen.
Diese Sichtweise bleibt den meisten Usern verborgen. Die Komplexität ist so groß, daß Generationen von Entwicklern Konzepte wie "Information hiding" oder "Funktionskapselung" entwickelt haben, um dem Endbenutzer die Komplexität dieses Mediums zu ersparen. So arbeitet Microsoft z.B. mit dem Slogan "where do you want to go today", eine extreme Abstraktion, die die räumliche Abhängigkeit des Internets bewußt verfälscht. Es ist nämlich im Internet nur möglich dorthin "gehen", wo auch ein Server steht! Der Urwald von Papua Neuguinea ist für Internet-Reisende nicht erreichbar.
Abgesehen davon, daß der Benutzer nun gleichsam abgeschnitten vom Netz in einem "virtuellen Raum" agieren muß, verändert dieses Medium das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft schneller als irgendeine Entwicklung vorher. Auf diese Art entsteht ein neuer Selektionsprozeß. Die Frage ist nicht mehr, wer sich an die neuen Entwicklungen anpassen kann - die die es nicht können, werden schon im Vorfeld ausselektiert – sondern, wer es schnell genug kann.
Das Internet eröffnet also, wie alle Technologien, neue Möglichkeiten. Doch jede Entscheidung für eine dieser Möglichkeiten sperrt den Weg für eine andere Option.
Die Frage ist also nicht nur: Welche Möglichkeiten bietet das Internet? Sondern auch: Was beschließen wir, hinter uns zu lassen, wenn wir uns für die "Welt im Netz" entscheiden?

2.3.1 Internet und Gemeinschaften

Sobald sich ein "Surfer" im Internet zu bewegen beginnt, stößt er sehr schnell auf andere, die sich auch in diesem Medium aufhalten. Meist wird der persönliche Kontakt über e-mail auf dieses Medium erweitert und der Surfer sucht sich dann über "Chat Rooms" und Diskussionsforen möglicherweise Gleichgesinnte. Aus dieser Vorgangsweise entwickelt sich die Frage, ob die sozialen Strukturen, die sich im Internet bilden oder bilden können etwas Neues bieten, oder nur ein Abbild unseres normalen Lebens sind. Welche der moralischen Ideale, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmen, lassen sich im Internet verwirklichen?
Folgende Szenarien sind denkbar: Eine Gesellschaft könnte sich bilden, wie unser normalen Leben bestimmt, in der man nicht viel weniger Zeit alleine verbringt. Oder das Netz könnte zur Bildung einer großen Gemeinschaft führen, da der Aufwand, um Raum und Zeit zu überwinden um zusammen zu kommen, ein viel geringerer ist.
Davon ausgehend, daß politische, moralische und soziale Probleme das Resultat eines Kommunikationsproblems sind, kann die Hoffnung erwachsen, daß das Internet in der Lage ist, diese Kommunikation zu verbessern. Probleme könnten auf diese Weise verringert werden, das Internet würde also die Gesellschaft "besser" machen.
Diese Überlegung basiert auf einer Idee Lickliders und Taylors aus ihrem Aufsatz über die Zukunft des Computers:
"Life will be happier for the on-line individual because the people with whom one interacts most strongly will be selected more by commonality of interests and goals than by accidents of proximity ... communication will be more effective and productive, and therefore more enjoyable." 37
Was hier allerdings nicht berücksichtigt wird, ist die Fragestellung, ob nicht zielorientierte und ineffektiv Kommunikation auch mehr genossen werden kann. Darüber hinaus werden alle jene Gruppen, die nicht online sind, oder Gruppen, deren Ziele erreicht sind, nicht miteinbezogen. Statt einer Lebensform für eine Gesellschaft wird hier eher ein Ideal für Teams, die Probleme lösen, gezeichnet. Die Lösung gesellschaftlicher Probleme wird so umgedeutet, daß sie durch hartes Arbeiten erreicht werden kann. Der Mensch mit seinem modernen Lebensstil, im Netz von Raum und Zeit sollte sich also anstrengen und im Zuge von Aktivitäten und Aktionen zu Gemeinschaften zusammenfinden.
In seinem Bestreben Raum und Zeit zu überwinden, statt sie zu durchwandern, verursacht der Mensch genau diese Wunden, die er eigentlich mit diesem Streben zu heilen versuchte.
Der Mensch lebt in einem Zwiespalt aus technologischer Konvergenz und sozialer Divergenz oder wie Daniel Boorstin in einem Buch von Carey zitiert wird:
"a moment between two different forms of social life in which technology has dislodged all human relations and nothing stable has yet replaced them. Media may be converging ... Social convergence does not follow the technical convergence however." 38
Die Suche nach Konvergenz und Stabilität durch die Überwindung von Raum und Zeit ist ein Weg, der sicher zum Scheitern verurteilt ist. Hier kann auch das Internet keine Lösung bieten. Richtiger ist es, in Raum und Zeit leben zu wollen, statt sie überwinden zu wollen.
Meist wird das Netz nur als Möglichkeit gesehen, verschiedenste Orte auf der Erde zu erreichen. Dabei wird aber übersehen, daß es einen rigorosen Einfluß auf die Tätigkeiten unseres täglichen Lebens nimmt. Die Entfernung, die durch das Internet überbrückbar wird, ermöglicht mit einer Unzahl an Menschen in Kontakt zu treten und zu bleiben. Dieses allgemein festzustellendes Phänomen ist einfach zu begründen: Je mehr Kontakte wir pflegen, desto flacher wird die Kommunikation mit dem Einzelnen. Menschen ist es einfach nicht möglich, mit mehr als einer bestimmten Anzahl von Menschen eine engere Gemeinschaft zu bilden. Wenn man die Anzahl der Kontakte über ein bestimmtes Maß erhöht, kommt es zu einer emotionalen Inflation. Um es auf die Spitze zu treiben:
"It is not that distance is made meaningless, but once we are all connected in cyberspace we are then infinitely distant from one another when we are not communicating." 39
Ebenso ist es ein Trugschluß zu glauben, mit dem Internet die Zeit überwinden zu können. Die gewonnene Zeit ist eine leere Zeit. Wenn man sie nicht in unterscheidbare Fragmente, die Bedeutung enthalten, teilt, ist sie nicht gewonnen, sondern durch ihre Inhaltslosigkeit verloren gegangen.
Das Eindringen des Internets in das Leben des Menschen erzeugt eine Divergenz zwischen der Zeit, in der wir einfach nur so sind, der "gelebten Zeit", und der Zeit, die wir für Handlungen und Tätigkeiten verwenden, der "sozialen" oder "funktionalen" Zeit. Diese Divergenz ist unabhängig von der Geschwindigkeit des Mediums. Man wird vermutlich niemanden finden, der meint aufgrund eines schnelleren Computers der Meinung ist, mehr Zeit zum "So Sein" zu haben.
Das Internet kann einen Raum des nur "so Seins" schaffen. Wenn man auf vielen Mailing Lists in vielen Newsgroups und in vielen Chat Sessions war, entsteht ein Gefühl, das dem Sein ähnelt. Wenn es nun ein einfaches, zielloses Herumstreifen im Netz war, so ist eine Art von "So Sein" im Internet möglich. Es ist aber eine isolierte Form des "So Seins", denn wenn man sich nur einklinkt ohne zu interagieren, ist man, im Gegensatz zur physischen Anwesenheit außerhalb des Internets, kein Teil des Sozialgefüges dieses Netzes.
Wenn der User nun, wie Licklider und Taylor das raten, eine Art von Projektgemeinschaft findet und mit ihr zusammen Ziele erreicht, so schränkt sich die Möglichkeit zu Sein und zwar im Internet "zu sein" auf den sozialen und funktionalen Sinn der Zeit ein. Der Einzelne ist "für andere" oder "für etwas" und beraubt sich damit aber der Möglichkeit einfach "nur so" im Netz zu sein.
Für den User entsteht ein Gefühl der Betroffenheit, wenn er alleine vor dem Computer sitzt, sich im Internet bewegt und bemerkt, daß es "da draußen" noch andere gibt, andere genau wie er. Das Internet bringt, im Gegensatz zu anderen Medien, ein Gefühl der Verbundenheit mit den Usern hinter dem Bildschirm. Es ist aber ein merkwürdig zielloses Gefühl der Verbundenheit. Zwischen uns und den anderen gibt es eine Art gemeinsamen Raum, der aber irgendwo "draußen" ist. Dieses ziellose Gefühl der Verbundenheit macht Gemeinschaften im Internet nicht "besser", aber irgendwie "anders". Trotz des Glaubens oder Wissens, zu einer Internet-Gemeinschaft zu gehören, ist es für den Einzelnen unklar, inwieweit diese Zugehörigkeit im – man möchte schon sagen "wirklichen" - Leben zählt. Diese Verbundenheit beschränkt sich eher auf eine Gruppe von Menschen, die in dieselbe Richtung gehen, dabei aber nicht notwendigerweise verbunden sind. Auf diese Weise entsteht ein Gefühl, das von einem Internet-User als "being online is a time to be alone and yet be with others" beschrieben wird. Man kann eher von einem "Bei-einander-Sein", als von einem ein "Zusammen-Sein" sprechen.

2.3.2 Internet und Öffentliche Gesellschaft

Die moderne Gesellschaft schreibt Kommunikation die Macht zu, das moralische Leben zu beeinflussen. Wie stark oder wie wenig stark dieser Einfluß auch sein mag - daß er existent ist, wird von kaum jemandem bestritten. Die Einstellungen reichen von "like Michelangelo chipping away at the block of marble, new technologies will make the world more nearly what it was meant to be all along" 40 bis zu apokalyptischen Szenarien der Herrschaft von Maschinen über die Menschen.
Kommunikation ist auch im Internet das Vehikel, mit dem jeder Einzelne seine Identität festlegt. Indem man kommuniziert, definiert man sich - für sich selbst und für andere.
Kommunikation im Internet fixiert also die eigene Identität, bietet aber gleichzeitig die Möglichkeit zur Veränderung und Mobilität. Dieses Paradoxon entsteht dadurch, daß jeder User sich durch seine Aussagen bemerkbar macht und zu existieren beginnt (im Sinne des Internets). Bei Kommunikation über das Internet werden die eigenen Worte aber zu einer Art selbständiger Einheit. Diese wandern von einem Message Board zum nächsten, werden immer wieder referenziert, wodurch sie am Leben bleiben oder archiviert, um in Wartestellung zu verharren, oder gelöscht, wodurch sie gleichsam sterben. Der User selbst aber geht ins Internet, um zu sehen, was mit seinen Worten passiert ist und was sie bewirkt haben.
Das Internet bietet eine neue Form von öffentlichem Raum, in dem die Möglichkeit besteht, sich in welcher Form auch immer zum Ausdruck zu bringen. Was dabei jedoch leicht vergessen wird, ist die Tatsache, daß alle Aktivitäten neben der Selbstdarstellung auch vielfältige Effekte und Auswirkungen auf andere Bereiche des Lebens haben. Ähnlich der realen Welt lebt der Mensch auch im Internet in vielfältigen Realitäten und tendiert dazu die anderen zu vergessen, wenn man sich in einer speziellen aufhält. Diese Vielfältigkeit der Realitäten entsteht durch die eigene Erfahrung und die Erfahrung anderer, die durch Sprache und Kommunikation mitgeteilt wird.
Internet kann auf diese Weise als weiterer Schritt in der Evolution von Massenmedien verstanden werden. Ein Schritt, der mittels moderner Technologie die traditionellen Werte der Gesellschaft unterminiert, die Vergleichbarkeit benötigen und Vielfältigkeit ablehnen. Ein Schritt, der gleichzeitig den Eindruck vermittelt, die Gesellschaft neu zu definieren.
Das Internet bringt die Menschen zusammen, aber was sie im Anblick der unglaublichen Vielfalt, die es bietet, tun müssen, ist für sich festzulegen, wie sie an einer Stelle Ordnung schaffen, an der die einzelne "beste" kulturelle Ordnung an der Mannigfaltigkeit scheitern muß. Der Erfolg oder das Scheitern eines solchen Ordnungsversuches, wie er mit verschiedensten Mitteln (Suchmaschinen, Meta-Suchmaschinen ...) angestellt wird, ist aber nicht der zentrale Punkt. Zentrale Bedeutung erlangt vielmehr, ob ein solcher Ordnungsversuch überhaupt angestellt wird. Er zeigt die Intention, kulturelle Erfahrungen in einem abstrakten Rahmen zu organisieren.
Diese Mannigfaltigkeit läßt sich auch daran erkennen, daß zu den verschiedensten Themen diskutiert und Stellung bezogen wird. Im Zuge dieser Diskussionen bildet sich so etwas wie ein "Common Sense" des Internet heraus. Eine gemeinsame Ansicht der meisten Nutzer und Nutzerinnen, die sich im Internet bewegen. Dieses gemeinsame Verständnis über verschiedenste Bereiche des Lebens, das sich im Internet bildet, wird von vielen als Wertesystem einer eigenen Gesellschaft, der Internet-Gemeinde, betrachtet.
Gesellschaft bedeutet aber immer viel mehr als gemeinsame Ansichten und einige Werte, die gemeinsam entwickelt worden sind. Gesellschaft wird von Menschen als Ganzes gebildet. Gesellschaft besteht nicht aus der Meinung und den Werten von Menschen. Vielmehr bildet sich in der Meinung und den Werten der Menschen die Gesellschaft gleichsam ab. "But the public is not merely "speech and ideas", it is people." 41
Dieses Bild hält die Gemeinschaft im Internet zusammen. Es ist der Schein, der eine eigene Identität außerhalb des Körpers vorgaukelt. Gleichzeitig trennt diese scheinbare Identität aber den Menschen von der Gemeinschaft der Internet-Nutzer. Raum und Zeit scheinen überwindbar, um die Menschen des Netzes zusammenzubringen. Letztlich existiert aber eine Barriere, die nicht überwunden werden kann: "... it is as if a fault line exists and two sides grate against each other; on one side is social convention, the community, the force that binds us together as social beings and on the other is individualism, the dictum that we should just be our "selves" (provided we can discover what that is) irrespective of outside forces." 42

2.3.3 Das Internet als politischer Raum

Das Internet, oder besser gesagt, das was wir für das Internet halten, ist zum Teil ein Resultat der Veränderungen im öffentlichen Leben und gleichzeitig der Grund für diese Veränderungen. Das Internet verspricht ein einziges System, über das alle verbunden sind und an dem alle teilnehmen können. Damit bietet es die ultimative Basis für gelebte Demokratie.
Das Internet bietet eine Möglichkeit der Ordnung. Alle Elemente sind durch "links" miteinander verbunden. Dennoch ist es eine problematische Ordnung: Es werden Verbindungen geboten, die aber nicht archivierbar sind. Die innewohnende Dynamik des Internets macht es letztlich doch wieder unkontrollierbar. So kann z.B. ein link der heute Inhalte verbindet morgen ins Leere führen.
Trotz dieser Problematik wird das Internet von einer relativ statischen Struktur beherrscht, die im sozialen Sinne Menschen erfolgreich zusammenbringt und Kooperationen ermöglicht. Wenig erfolgreich erweist sich das Internet beim Herstellen von Assoziationen. Diese werden dem Nutzer durch die Entscheidung, welchen Weg er durch die Inhalte wählt, selbst überlassen. Im sozialen Sinne bedeutet dies, daß Intimität oder Vertrautheit durch das Internet schlecht abgedeckt werden. Es wird viel für den intellektuellen Prozeß, für die Handlung, aber wenig für die Menschlichkeit, die Reflexion und die Gemeinschaft geboten.
"... what is lacking in regard to citizenship and public life not only on the Internet but in modern society generally is an ability to transcend action, not only to provide a response but to have responsibility." 43
Das Internet definiert sich durch seine User als öffentlicher Raum außerhalb politischer Strukturen. Der User, vis-à-vis dem Internet, wiedersetzt sich der äußeren Regulation. Das Internet ist außerhalb von ihm und der Gemeinschaft der User. Selbst wenn das Internet und der User zusammenzubringen wären, könnte man das Internet nicht mehr als das ideale Medium für Demokratie propagieren. Wenn es das Internet dem User ermöglichen würde, seine Meinung lauter zum Gehör zu bringen, so ist es sehr fraglich, wer außer den wenigen, die antworten, den Ruf hört und ob das Rufen im Internet Veränderung in der Welt bewirken kann.
Das Internet kann also nie einen eigenen unabhängigen politischen Raum bilden, da die Akteure dieses politischen Raums nur Zuseher sind. Sie sitzen dem "neuen politischen Raum" gegenüber, betrachten ihn durch die Fenster ihrer Browser, können ihn aber nie wirklich leben, weil sie die Distanz, die zwischen der intellektuellen Ordnung und menschlicher Nähe liegt, mittels computergestützter Kommunikation nicht überwinden können.
Bestehende politische Strukturen können im Internet eine neue Vermittlung finden, für eine eigene Struktur mangelt es dem Netz an realer Menschlichkeit.




__________
35 Jones, Steven G. "Virtual culture: identity and communication in cybersociety", London 1997; Seite 2
36 Carey, J.W. "Communication as culture", Boston 1989; Seite 203
37 Licklider, J.C.R., & Taylor, R.W. "The Computer as a communication device." In Science & Technology April 1968; Seite 31
38 Carey, J.W. "Everything that rises must diverge: Notes on communication, technology and the symbolic construction of the social" in Gaunt P. "Beyond agendas", Westport 1993; Seite 173
39 Jones, Steven G. "The Internet and ist social landscape" in Jones, Steven G. "Virtual culture: identity and communication in cybersociety", London 1997; Seite 12
40 Marvin, C. "When old technologies were new", Oxford 1988; Seite 235
41 Jones, Steven G. "The Internet and its social landscape" in Jones, Steven G.; "Virtual culture: identity and communication in cybersociety", London 1997; Seite 26
42 ebd. Seite 27
43 ebd. Seite 29