3.4 Das mystische Erlebnis

3.4.1 Phänomenologie des Erlebnisses nach Dilthey

Schon für Goethe war das Leben das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, die zweite Gunst aber das Erlebte, das Gewahrwerden, woraus sich als Drittes Handlung und Tun, Wort und Schrift entwickeln. Dilthey greift diese Idee auf und nimmt das Leben selbst als Grundlage seiner Denkarbeit. Er versucht das Leben, das in einem Strukturzusammenhang zu einem Ganzen verbunden ist, und sich aus sich heraus gestaltet, aus dem Leben selbst zu verstehen.
"Hinter das Leben kann das Erkennen nicht zurückgehen, das heißt, es kann keinen Zusammenhang machen, der nicht in der eigenen Lebendigkeit gegeben ist." 67
So ist das Leben durch Denken nicht auslotbar. Diese Realität wird aber "erlebt". Sie ist im Erlebnis unmittelbar gegeben, erschlossen:
"Das Leben wird erlebt. Im Erlebnis wird das Individuum des Lebens, seines Lebens inne. Das Leben, die "geistige", die "geschichtliche Welt", wird im Erleben unmittelbar gedeutet und verstanden, auch wenn in ihm das Individuum zunächst nur sich selbst, sein individuelles Leben erlebt. Dilthey nennt dies "Besinnung" und "Selbstbesinnung"." 68
Dilthey versucht das Leben aus sich selbst heraus zu verstehen. Als Vehikel bedient er sich des Erlebnises. Doch das Erlebnis ist selbst Teil des Lebens. Leben und Erlebnis sind bei Dilthey eine untrennbare Einheit:
"Leben" und "Erleben" vermag nur abstrakt, nachträglich und ihm selbst nicht adäquat getrennt zu werden. "Erlebnis" ist daher ein transzendentaler Begriff, der nicht psychologisch verstanden werden darf. Er nennt die Aufhebung der abstrakten Unterscheidung von Subjekt und Objekt, der abstrakten Differenzierung zwischen Denken, Fühlen und Wollen oder von Erkennen als Vorstellen, Bewerten als Fühlen und Handeln als Wollen." 69
Der Begriff Mystik will über die oben definierte Vorstellung der Gleichzeitigkeit von Leben und Erleben hinausgehen. Ziel ist eine gleichzeitige, ununterscheidbare "Einbegrifflichkeit" von Erleben und Allem. Auch hier führt der Weg zur Mystik über das mystische Erlebnis.
Dilthey selbst hat in seinem Werk keine vollständige Analyse dessen, was er unter Erlebnis versteht, herausgearbeitet. Daher sollen hier in Anlehnung an Waltraut Neubert 70 sieben Momente, die für eine Bestimmung des Erlebnisses wichtig erscheinen, dargestellt werden:

3.4.2 Mystik als mystisches Erlebnis

Das Phänomen Mystik erscheint in Form eines mystischen Erlebnisses. Es ist meist von kurzer Dauer, wird nicht erweckt (d.h. hervorgerufen), sondern widerfährt einem Individuum. "Es ist der Durchbruch eines Bewußtseins, eines Wissens, daß es eine andere Wirklichkeit gibt, von der man zuvor keine Ahnung hatte. Der Verstand ist daran beteiligt." 76
Genau wie bei einer emotionalen Erfahrung entzieht sich die Erkenntnis dem logisch denkenden Verstand und ist affektiv. Das Ausleben von Emotionen kann aber die andere Wirklichkeit, die bei der mystischen Erfahrung in das Bewußtsein eindringt, bestenfalls oberflächlich berühren. Dieser Durchbruch einer anderen Wirklichkeit kann sehr verwirrend sein und daher auch starke Emotionen hervorrufen. Diese sind dann Nebenerscheinungen einer mystischen Erfahrung. Borchert beschreibt das mystische Erlebnis als zeitlos: "Die Durchbruchserfahrung selbst ist von kurzer Dauer und wird daher auch wohl die Erfahrung des ‘nunc stans’ genannt: das stillstehende Jetzt. Es besteht kein Bewußtsein mehr von Zeit, von einem Verlauf der Zeit mit einer Vergangenheit und einer Zukunft. Ein Bewußtsein von ‘ewig’" 77.

3.4.3 Mystik als Erlebnis der Unmittelbarkeit

Mystik kann als Erleben der Unmittelbarkeit von Zeit und Raum stattfinden. Oft finden erste Erlebnisse im Kindheitsalter statt. Für Kinder ist die Konzentration auf das unmittelbare Erleben leichter als für Erwachsene. Erwachsene, die sich heute als besonders rational und aufgeklärt geben, sind in der Kindheit meist mit intensiven Erlebnissen der Unmittelbarkeit konfrontiert worden, mit denen sie heute nicht mehr umgehen können.
Der Mystiker stürzt sich "kopflos" in den Tod seines Ichs. Dazu sind Erwachsene viel weniger bereit als Kinder.
John Piaget beschreibt in seinen Untersuchungen über das Denken die voroperationale Phase der Kindheit im Alter von zwei bis sieben Jahren. Die Erlebnisse in dieser Phase der Kindheit, die auch durch "magisches Denken" 78 gekennzeichnet sind, bilden eine Erinnerung an das Einssein von Ich und äußerer Realität.
"Statt von seinem eigenen Standpunkt abzurücken und ihn mit dem der anderen zu koordinieren, verharrt das Individuum unbewußt bei seiner Ichbezogenheit, und dieser Egozentrismus gegenüber der sozialen Gruppe reproduziert und prolongiert jenen, den wir beim Säugling bezüglich der physischen Welt festgestellt haben; in beiden Fällen handelt es sich um den Mangel einer Unterscheidung zwischen dem Ich und der äußeren Realität." 79 In der Erinnerung manifestiert sich das als mystisches Erlebnis der Kindheit.
Für den Mystiker wird die Angst vor dem Undurchschaubaren zur Liebe für das Unsagbaren. Nur durch die Bereitschaft zum Verlust des Ichs im Zustand der Unmittelbarkeit kann der Mensch zum Mystiker werden.

3.4.4 Das mystische Erlebnis in der Psychologie C.G. Jungs

Der Psychologe C.G. Jung kämpfte sein Leben lang darum, als Empiriker und nicht als "Mystiker" betrachtet zu werden. Der Kern der Ablehnung der Bezeichnung "Mystiker" liegt wohl darin begraben, daß die Bezeichnung Mystiker - auch heute noch - für einen Wissenschaftler immer Zweifel an seiner Zuverlässigkeit oder an der Gültigkeit seiner Gedanken aufkommen läßt.
"Aussagen der Mystik lassen sich nicht in die Naturwissenschaft einordnen. Dennoch kann nicht übersehen werden, daß deutliche Analogien zwischen der Mystik und der Jungschen Psychologie bestehen, ohne daß letzterer dadurch die wissenschaftlichkeit abgesprochen werden müßte." 80

3.4.4.1 Das Erleben archetypischer Inhalte als mystisches Erleben

G. Jung definiert als "Hintergrund der Seele", als "kollektives Unbewußtes" einen raumlosen und zeitlosen Bereich, der sich jedem Zugriff objektiver Erkenntnis entzieht. Was wir erkennen sind seine Wirkungen. "Der Begriff des Unbewußten setzt nichts, er benennt nur mein Nichtwissen" 81
Die Inhalte des kollektiven Unbewußten sind nach Jung die "Archetypen". Er unterscheidet zwischen den unerkennbaren Archetypen im verborgenen, unfaßlichen Bereich des Unbewußten und den von ihnen angeordneten, erfaßbaren archetypischen Bildern und Inhalten, die in Träumen, Märchen, Kunstwerken und Religionen erkennbar werden. Die Ähnlichkeit oder innere Verwandtschaft dieser Bilder haben Jung dazu bewogen, auf einen gemeinsamen transpersonalen Nenner - die Archetypen - zu schließen.
Das Erleben archetypischer Inhalte ist nichts Alltägliches. In der Regel reagiert der Mensch mit Angst oder Ergriffenheit auf ein Unterlegenheitsgefühl der Ich-Persönlichkeit gegenüber Kräften, die zwar aus seinem Inneren stammen, die er aber nicht beherrschen kann. Die Ich-Persönlichkeit ist ergriffen und erlebt die autonome Übermacht des Nicht-Ich. Wegen dieser numinosen Autonomie mißt Jung solchen Erfahrungen eine fundamentale Bedeutung zu.
"Letzten Endes unterscheidet sie sich nicht von der Erfahrung jener Übermacht oder jener ‘zwingenden Numinosität’, die der Mensch seit jeher als "Gottheit" oder als "Gott" bezeichnet hat." 82
In der Erkenntnis, daß diese Kräfte nicht seiner bewußten Persönlichkeit entspringen, bezeichnet der Mensch sie als Gott. Die wissenschaftliche Erkenntnis kann über den Grund der Psyche nichts wissen, weil sie mittels der Psyche erkennt und verwendet so den Terminus "das Unbewußte".
"Ich ziehe daher den Terminus ,das Unbewußte’ vor, wohl wissend, daß ich ebensogut von ,Gott’ und ,Dämon’ reden könnte, wenn ich mich mythisch ausdrücken wollte." 83
Die Unmöglichkeit der Unterscheidung zwischen "Gottheit" und "Unbewußtem" bei Jung gilt aber nur für das Erleben, nicht für die Reflexion des Erlebten.

3.4.4.2 Abgrenzung von Psychologie nach C.G. Jung und Mystik

In beiden geht es um eine Erfahrung des Numinosen. Die Mystik bezeichnet das als Gottesbegegnung. Auch Jung spricht von Gottesbegegnung, meint aber mit "Gott" etwas an sich Unerkennbares und Unerfaßliches.
Wenn Meister Eckehart davon spricht, daß die Seele und die Gottheit gleich beschaffen sei, so spricht Jung von einer Beziehungsmöglichkeit (Entsprechung) der Seele zum Wesen Gottes. Dies entspricht in seiner Diktion dem archetypischen Gottesbild.
Wenn Gott das Leiden ist, das durch die Gegensätze im Selbst des Menschen hervorgerufen wird, so stellt die Einigung und das Bewußtmachen der Gegensätze für Jung das eigentliche mystische Erlebnis dar.
Mystische Erfahrungen basieren sich daher auf dem kollektiven Unbewußten und den ebenfalls kollektiven Archetypen.. Deshalb sind sie nur dem Grad nach, nicht aber dem Wesen nach Ausnahmeerscheinungen und man kann sagen, "daß der Mensch seiner innersten Natur nach als ‘homo mysticus’ geschaffen wurde" 84 Die laufende Rationalisierung und Technisierung unserer Umwelt bringt den Menschen daher in Schwierigkeiten. Bereiche seines Wesens – die mystische Grundbefindlichkeit – werden in der westlichen Kultur ungenügend angesprochen. Das ist sicher einer der Hauptgründe des Booms, den alle Strömungen erfahren, die Numinoses transportieren wollen. Es stellt sich also die Frage, inwieweit Platz für den "homo mysticus" in unserer technisierten Welt gefunden werden kann.
Das Internet als Raum der Zukunft sollte auch diesen Bereich abdecken können, wenn es zufriedene Menschen geben soll, die diese Realität als ihre primäre gewählt haben.




__________
67 Dilthey, Wilhelm: "Zur Weltanschauungslehre: Übersicht meines Systems", Schriften VIII; Seite 180
68 Mader, Johann: "Von der Romantik zur Post-Moderne: Einführung in die Philosophie II" Wien 1992; Seite 184
69 ebd. Seite 184
70 Neubert, Waltraut: "Das Erlebnis in der Pädagogik", Lüneburg 1990; Seite 20ff
71 Dilthey, Wilhelm: "Gesammelte Schriften" Band VI, Leipzig – Berlin 1924; Seite 313
72 Dilthey, Wilhelm: "Gesammelte Schriften" Band V, Leipzig – Berlin 1924; Seite 172
73 Dilthey, Wilhelm: "Gesammelte Schriften" Band V, Leipzig – Berlin 1924; Seite 176
74 Dilthey, Wilhelm: "Gesammelte Schriften" Band V, Leipzig – Berlin 1924; Seite 276
75 Dilthey, Wilhelm: "Gesammelte Schriften" Band VI, Leipzig – Berlin 1924, Seite 316
76 Borchert, Bruno: "Mystik"; Königstein 1994, Seite 11
77 Borchert, Bruno: "Mystik"; Königstein 1994, Seite 13
78 Keller, Josef A., Novak, Felix: "Kleines Pädagogisches Wörterbuch"; Freiburg 1979; Seite 223
79 Piaget, John: "Theorien und Methoden der modernen Erziehung"; Frankfurt am Main 1974; Seite 168
80 Jaffè, Aniela: "Mystik und Grenzen der Erkenntnis"; Zürich 1988; Seite 15
81 Jung, Carl G.: " Briefe"; Hrsg. von Aniela Jaffé in Zusammenarbeit mit Gerhard Adler in "Gesammelte Werke - C. G. Jung" Olten 1973; Seite 13ff
82 Jaffè, Aniela: "Mystik und Grenzen der Erkenntnis"; Zürich 1988; Seite 20
83 Jung, Carl G.: "Erinnerungen, Träume, Gedanken - von C. G. Jung" Aufgez. u. hrsg. von Aniela Jaffé; Solothurn 1984; S339
84 Jaffè, Aniela: "Mystik und Grenzen der Erkenntnis"; Zürich 1988; Seite 34