4.1 Analysekriterien für das Medium Internet
Das Internet ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ einer so starken Veränderung unterworfen, daß es schwer scheint, Kriterien für einen Auftritt in diesem Medium zu finden. Inwieweit so ein Auftritt Mystik sein kann, kann also immer nur in einer Momentaufnahme analysiert werden. Systematische Ansätze zu diesem Thema gibt es (noch) keine.
Das zentrale Medium des Internets ist der Computer. Dieses Medium ist durch drei Merkmale gekennzeichnet: Schnelligkeit in der Durchführung von Rechenoperationen, große Speicherfähigkeit auf engstem Raum und praktisch universelle Anwendbarkeit, die ihn zu einem Medium mit schwer eingrenzbaren Möglichkeiten macht. Durch die Verbindung von sehr vielen Computern zum Internet ist eine neue Basis geschaffen worden, auf der sich verschiedene Inhalte darstellen und durch weltweite Erreichbarkeit auch erfahren lassen können.
Ob diese Erfahrungen mystischer Art sind, soll anhand von Kriterien festgestellt werden, die sich im Rahmen dieser Arbeit auf HTML-Seiten beschränken werden. MUD, Newsgroups und andere Dienste werden hier nicht analysiert.
Die Hauptkriterien einer Analyse nach Vesper werden in Abbildung 6 dargestellt. Jedes Kriterium wird im Hinblick auf seinen Einfluß auf eine mystische Wirkung bewertet.
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Bereich |
Hauptkriterium |
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Statische Elemente |
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Text |
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Bild/Grafik |
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Ton |
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Animation |
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Farbe |
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Dynamische Elemente |
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Verweise |
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Navigation |
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Interaktivität |
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Organisation |
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Organisation der Elemente |
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Organisation der Seiten |
4.1.1 Kriterien für Medienformenintegration (Statische Elemente)
Anhand dieser Kriterien wird untersucht, wie Text, Bild/Grafik, Ton, Animation und Farbe in einer Oberfläche integriert werden können.
Dazu werden auf der inhaltlichen Ebene die Fragen
- Wie wird der Anbieter des Internetauftritts beschrieben?
- Welche Interessen und Tätigkeiten sowie Produkte oder Dienstleistungen des Anbieters werden beschrieben und wie?
- Welche Themen außerhalb des Anbieters, seiner Interessen, Tätigkeiten etc. werden thematisiert?
ausgewertet.
Auf der formalen Ebene unterscheiden wir beim Kriterium
- Bild/Grafik zwischen Zeichnung, Symbol (Icon), Photographie und Typographie (Text in einem Graphik Format)
- Ton zwischen gesprochener Sprache, Geräusche und Musik
- Text zwischen kurzem, einfachem Text, undokumentierten Daten (z.B. Termine), Adressen / Kontakten, ausführlichen Berichten mit Hintergrundinformationen oder Dokumentationen sowie Orginaldokumenten
- Animation 127 zwischen Text-, Symbol, und Bild-Animation
- Farbe zwischen schwarz/weißer, einfarbiger und mehrfarbiger Darstellung.
4.1.2 Kriterien für die Organisation der Elemente
Die auf einer HTML-Seite integrierten Elemente stehen zueinander auf mehreren Ebenen in Beziehung. Für die Analyse sollen zwei Ebenen betrachtet werden.
Beim Kriterium Organisation der Elemente unterscheiden wir zwischen
- optisch-räumlicher Integration, womit das Layout der Elemente auf der HTML-Oberfläche gemeint ist. Die Organisation der Elemente kann jedoch immer nur ein relatives Kriterium sein, da der User über Browsereinstellungen, das Aussehen der Seite stark beeinflussen kann. Bewertet werden soll hier der Eindruck, der mit Browser – Standardeinstellungen erreicht werden kann.
- Erzählerisch-integrativer Integration, womit die Art der Erzählung bzw. der Inszenierung des Inhalts einer Seite gemeint ist. Hier wird untersucht, ob und wie die Plazierung von Elementen vor dem Hintergrund ihrer Inhalte und Bedeutungen in ihrem spezifischem Zusammenspiel eine neue Form von Vermittlung generiert.
Der Aufbau von HTML-Seiten ermöglicht es, alle mittels URL 128 erreichbaren Stellen im Internet zu verbinden. Anhand von Verweisen auf andere Seiten im Internet, im Englischen als "Link" bezeichnet, besteht die Möglichkeit, verschiedenste Inhalte miteinander zu verbinden.
Der Nutzer kann mehrere Wege einschlagen, wenn er durch das System von Links navigiert. Für ihn ist jede Seite, auf jedem Server – wo immer auf der Erde er auch stehen mag - einen Mausklick entfernt. So können auch Stellen angewählt werden, die außerhalb des Kontextes der dargebotenen Internetseite liegen. Das gesamte inhaltliche Angebot des Mediums wird dem Nutzer potentiell zugänglich. Bei diesem Kriterium wird bewertet, inwieweit die dargebotene Information in das Netz von Informationen, die das Internet anbietet, eingebunden ist.
Im speziellen werden beim Kriterium Organisation der Seiten,
- das Verhältnis, in dem die Seiten zueinander stehen, mittels eines erstellten Ablaufplans und der ermittelten Tiefe der Hierarchie,
- die Anzahl der Querverbindungen, die entweder zu anderen Ebenen des Internetauftritts oder zu anderen Internet Auftritten verweisen,
- die Möglichkeit der Navigation, womit Instrumente gemeint sind, die es dem Nutzer ermöglichen, Hauptwege und Querverbindungen zu beschreiten,
bewertet.
Dabei stellt sich eine Vielzahl von Problemen, die die Orientierung in einem Internet Auftritt erschweren.
Der Benutzer muß auf der Ebene einzelner Informationseinheiten den Sinn entschlüsseln und Bezüge zwischen verschiedenen Informationseinheiten herstellen. Dazu muß er fortlaufend entscheiden, welche Informationseinheit er als nächstes aufruft, ohne die Folgen seiner Entscheidung abschätzen zu können.
Ebenso muß er sich auch bezüglich der Instrumente orientieren, die ihm die Orientierung in einem Internet-Auftritt ermöglichen.
Außerdem gilt: die Gefahr vom eigentlichen Ziel abgelenkt zu werden steigt, je mehr Alternativen sich dem User bieten und je ungeordneter die Informationen zur Verfügung stehen.
Der Benutzer muß also mittels Textteilen, die ihm die Orientierung ermöglichen, die wirklichen Informationen finden. So stellt sich immer das Problem des optimalen Verhältnisses von Information und referierender Information.
4.1.3 Dynamische Elemente
4.1.3.1 Verweise
In einem Internet-Auftritt stehen die Informationen zueinander in Relation. Inwieweit die Inhalte über Verweise verbunden sind, gehört daher als wichtiges Analysekriterium dazu.
Man kann diese Beziehungen in
- Auftritts–interne Beziehungen, damit sind Verweise gemeint, die auf eine andere Stelle innerhalb des Internet-Auftritts des gleichen Anbieters verweisen.
- Anbieter–interne Beziehungen, die auf einen anderen Internet-Auftritt des gleichen Anbieters verweisen und
- Anbieter–externe Beziehungen, die auf einen Internetauftritt eines anderen Anbieters verweisen,
unterteilen.
Als weiterer wichtiger Punkt für die Analyse ist die Präsentation der Verweise zu erwähnen. Sie können entweder
- explizit gekennzeichnet sein, sodaß der Besucher weiß, wohin er bei der Aktivierung des Verweises kommen wird, oder implizit sein, wobei der Benutzer über das Ziel im Unklaren gelassen wird, das er beim Aktivieren anspringen wird,
- textlich ausgeführt sein oder
- nicht-textlich als Bilder, innerhalb derer bestimmte Felder angeklickt werden können, oder
- als Druckknöpfe
visualisiert werden.
4.1.3.3 Navigation
Um die Orientierung innerhalb eines Internet-Auftritts zu erleichtern, stehen vielerlei Navigationsinstrumente zur Verfügung, die dem Benutzer selbst wieder in einer Struktur entgegentreten.
Im Zuge der Analyse eines Internet-Auftritts kann die Präsentation der Organisation der Seiten nun in
- Rubriken auf der Startseite, permanente Rubriken auf jeder Seite und Rubriken auf ausgewählten Seiten
- Organisationsplänen, die entweder mit oder ohne Möglichkeit zum direkten Verzweigen zu anderen Inhalten angeboten werden,
- Numerierung oder visuelle Mittel, durch die die Position einer Seite innerhalb der Ordnung des Internet-Auftritts angedeutet wird,
unterschieden werden.
Weiters soll die formale Organisation der Navigationsmittel, die sich aus dem Verhältnis der Navigationshilfen zum eigentlichen Inhalt ergibt, durch die Analyse des Verhältnisses der informativen und referenzierenden Teile festgestellt werden.
4.1.3.3 Interaktivität
Für den Begriff der Interaktivität gibt es eine Vielzahl von Definitionen. Im Zusammenhang mit Online-Netzwerken sollen hier drei Stoßrichtungen der Definition dargestellt werden. Das Augenmerk in diesem Kapitel gilt aber den Kriterien, die aus dem hier nur knapp umrissenen Begriff abgeleitet werden können.
Nach einer technischen Definition sind "interaktiv" solche "Programme oder Environments, die in der Lage sind, Feedback zu geben, zu antworten und zu reagieren." 129 "Interaktivität" ist somit ein "direkter Rückkoppelungsprozeß, bei dem das Medium auf die gezielten Fragen oder Befehle des Nutzers eine spezifische Antwort oder Reaktion zeigt." 130
Eine funktionsorientierte Definition bezeichnet "Interaktivität" als Möglichkeit des Nutzers, bestimmte Informationen oder Darstellungformen auszuwählen oder selbst in den Nutzungsablauf einzugreifen und ihn zu gestalten.
"Interaktivität" im Sinne einer Bildung von Kriterien eines Internet-Auftritts soll verstanden werden als "Möglichkeit für den Nutzer, in welcher Form auch immer, Einfluß auf das Medienprodukt zu nehmen – quasi als Möglichkeit zum Dialog zwischen Nutzer und Internet-Auftritt, aufgrund dessen etwas mit dem Medienprodukt (und in der Konsequenz auch mit dem Nutzer) "passiert". Entscheidend ist, daß diese Möglichkeit im Internet-Auftritt selbst als Medienprodukt angelegt ist." 131
Interaktivität läßt sich nach folgenden Kriterien analysieren:
- die Komplexität der Auswahlmöglichkeiten unterscheidet die Art der Auswahlmöglichkeit in Navigieren (Verweise), Feedback geben (e-mail), Sonderoptionen (Datei-Download) und die Zahl der Auswahlmöglichkeiten.
- die Reaktionsfähigkeit des Mediums auf den Nutzer meint die Fähigkeit des Internet-Auftrittes, sich auf das individuelle Verhalten eines Nutzers einzustellen. Der Internet-Auftritt verändert seine Inhalte oder Formen, wenn sich der Nutzer anders verhält.
- den Grad der Möglichkeit, auch von Nutzerseite Informationen in das Medium einzuspeisen, welche dann auch den anderen Nutzern zugänglich sind. Dieses Kriterium läßt sich in
- die hinzufügbaren Inhalte zur Institution des Anbieters, zu Inhalten, die den Anbieter betreffen, und zu Inhalten, die den Anbieter nicht betreffen,
- die Autorisierung der Nutzer (welcher Nutzer darf was?),
- die Form der hinzufügbaren Inhalte, wie Text, Dateien, Grafiken, Ton-Sequenzen und Bild-Sequenzen und
- den vorgegebenen Maximalumfang
aufteilen.
- Die Möglichkeit interpersonaler Kommunikation über das Medium läßt sich in
- interpersonale Kommunikation mit Thematisierung der Institution des Anbieters,
- interpersonale Kommunikation mit Thematisierung der Interessen des Anbieters,
- interpersonale Kommunikation ohne Thematisierung der Interessen des Anbieters,
- die Form der interpersonalen Kommunikation, wie Text, Ton, Standbild und bewegtes Bild,
- die Zahl der Personen, die sich an der interpersonalen Kommunikation beteiligen können, wobei zwischen zwei oder mehr als zwei unterschieden wird,
- die Zeitstruktur der interpersonalen Kommunikation, entweder simultan oder zeitversetzt und
- die Moderation der interpersonalen Kommunikation, die das Vorliegen einer Moderation in Frage stellt,
unterscheiden.
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127 Hier als fließender Bewegungsablauf, der auf Basis einer Bildreihe entsteht, in der jeweils nur ein Detail eines einzelnen Bildes verändert wird.
128 Siehe 2.2.1.10
129 Oenicke, Jens: "Online-Marketing. Kommerzielle Kommunikation im Interaktiven Zeitalter"; Stuttgart 1996
130 Heise, Gilbert: "Die Online-Dienste" in "Hünerberg, Reinhard; Heise, Gilbert; Mann, Andreas "Handbuch Online-Marketing. Wettbewerbsvorteile durch weltweite Datennetze"; Landsberg a.d. Lech 1996
131 Vesper, Sebastian: "Das Internet als Medium: Auftrittsanalysen und neue Nutzungsoptionen"; Bardowick 1998, Seite 52