4.5 Mystik im Internet initiieren

Im Rahmen dieser Arbeit wurde in einem kleinen Projekt versucht einen Internet Auftritt zu erstellen, der ein mystisches Erlebnis initiieren kann.
Die Aufgabe gestaltete sich überaus schwierig, da das Netz in der heute existierenden Form kaum einen der Parameter, die im Zuge der Arbeit herausgearbeitet worden sind, zur Verfügung stellt.

4.5.1 Ort

Es scheint im Moment noch nicht möglich einen Ort in mystischem Sinne im Internet zu erstellen. Man kann zwar ein Gefühl des "dort sein" erzeugen, der User hinter seinem Bildschirm hat aber jederzeit die Möglichkeit mit allen seinen Sinnen festzustellen, daß er nicht wirklich "dort", sondern nur hinter seinem Bildschirm sitzt. Daher kann die besondere Ausstrahlung, die von besonderen Orten ausgeht im Internet noch nicht transportiert werden. Vielleicht manifestiert sich diese Ausstrahlung, wenn ein Auftritt über lange Zeit im Netz zur Verfügung steht und er so im alltäglichen "Vorhandensein" zum Ort wird. Umgesetzt wurde diese Idee unter der Adresse http://st1hobel.phl.univie.ac.at/~brunn/phil/Dipl/4_5.html. Diese Seite soll zum Ort werden an dem man Mystik erleben kann.

4.5.2 Zeit

Während einem mystischen Erlebnis treten wir ein in einen Raum der Zeitlosigkeit. Wie oben auseinandergesetzt, kann das Internet durch seine andere – technische – Geschwindigkeit normales Empfinden von Zeit beeinflussen. Dadurch, daß der Raum zum virtuellen Raum wird, wird auch die Zeit zur virtuellen Zeit.
Konkret heißt das, daß es einem gelingen kann viel mehr oder viel weniger zu Erleben, wenn er sich auf z.B. eine brennende Kerze konzentriert. Die Kerze kann der Initiator für ein anderes Zeitgefühl werden.
Im Unterschied zu herkömmlichen Auftritten im Internet, wo man sich in der Fülle der Information des Netzes verliert und dann feststellt wieviel Zeit außerhalb des Netzes vergangen ist, kann die Konzentration und Beschränkung auf das Wenige (z.B. eine brennende Kerze) den Fluß das Erlebens von Zeit so verlangsamen, daß man nach langem Sinnen und Besinnen bemerkt, daß nur wenige Minuten vergangen sind. Voraussetzung dafür ist jedoch, daß nichts außerhalb des Computers den User von seiner Konzentration auf die Kerze ablenkt.
Im Selbstversuch kann man so erleben, wie die Interaktion mit dem Netz das Erleben von Zeit beeinflußt.

4.5.3 Erlebnis

Das Erlebnis stellt den einzigen Parameter dar, der im Internet, in der Form, wie es heute zur Verfügung steht, vorhanden ist. Also war der nächste Schritt des Projekts die Suche nach Faktoren, die ein mystisches Erlebnis initiieren können. Ausgangspunkt war die Beobachtung, daß in allen Religionen und Kulthandlungen Feuer und Licht eine zentrale Rolle spielen. Deshalb kann man es als so etwas wie ein "Schlüsselreiz" für mystisches Erleben sehen. So entstand die Idee diesen Schlüsselreiz zu nutzen um einen Internet Auftritt zu erstellen, der meditativ bzw. besinnlich wirkt und vielleicht ein mystisches Erlebnis initiieren kann.

Zu Beginn stellt sich die Frage: Wie bringt man Licht und Feuer auf eine Internet Seite?
Die erste Lösung war ein Bild einer Kerze zu verwenden. Das Bild wurde aufgenommen, eingescannt und auf schwarzem Hintergrund in einer HTML Seite präsentiert (Siehe Beispiel 1). Die Seite wirkte besinnlich, brachte aber nach Rückfrage bei einigen Besuchern dieser Seite nicht das gewünschte Ergebnis. Bei der heutigen Reizüberflutung reicht es offensichtlich nicht ein Bild in einer HTML Seite darzustellen.

Die nächste Idee war eine brennende Kerze zu filmen und im Internet zu präsentieren. Die technologische Hürde war jetzt aber schon recht beachtlich. Mittels einer Digitalkamera wurde die Kerze gefilmt. Über eine Video-Capture Karte und einen speziellen Zwischenstecker wurde der Film auf die Festplatte übertragen. Das Microsoft AVI Format war das einzige Format, das eine brauchbare Dateigröße erzeugte (Die Datei schwankte von 16MB bis zu 700kb für ca. 10 sec. Film) und als Software mit der Video-Capture Karte ausgeliefert wurde. Leider war es dann aber trotz größter Mühe nicht möglich die so entstandene AVI Datei in einem schwarzen Fenster zu plazieren und in einer Endlosschleife abzuspielen. Es stellte sich heraus, daß die HTML Befehle zum abspielen von Video Files schon bei Microsoft und Netscape (mit diesen Browsern wurde der Auftritt getestet) so verschieden waren, daß umfangreiche Programmierung notwendig war um die Datei abzuspielen. (So mußte z.B. der Browser Typ abgefragt und davon abhängig ein unterschiedlicher HTML Befehl aufgerufen werden.) Von Usern die einen anderen Browser verwendeten kam die Rückmeldung, daß überhaupt nichts zu sehen war. Außerdem funktioniert dieser Ansatz nur, wenn der User über ein AVI kompatibles Abspielgerät (Plug-in) in seinem Browser verfügt bzw. ein solches Abspielgerät für sein Betriebssystem vorhanden ist. Leider lassen sich AVI Files gar nicht eingebunden in ein Fenster abspielen. Die Lösung über das Shockwave Format von Macromedia, das ein Abspielen in einem Fenster erlaubt, scheiterte an der fehlenden Autoren Software. Außerdem ist auch hier ein entsprechendes Plug-in notwendig, um die Files abzuspielen. Also mußte die Datei mittels eines Verweises aufgerufen werden. Ein Verfahren, das aber nur funktioniert, wenn das notwendige Plug-in zum abspielen von AVI Files vorhanden ist. (Siehe Beispiel 2).

Eine bessere Lösung war es also, zurück zu einem Format zu gehen, das einerseits in ein HTML Dokument eingebettet werden kann und andererseits von allen Browsern dargestellt werden kann - womit man wieder beim GIF Format landet. Aus der Vielzahl von Software zur Bildbearbeitung, die im Netz zur Verfügung steht, war es leicht eine zu finden, die das AVI Format in eine animierte GIF Datei umwandeln konnte. Das Ergebnis war jedoch von der Dateigröße her problematisch, da es recht lange dauert 4 MB über ein normales Modem zu laden. (Die Erfahrung zeigt, daß noch immer sehr viele User analoge Modems benutzen und daher sollten Seiten nicht mit großen GIF Dateien überfrachtet werden). Nach langem Tüfteln mit der Software zur Bildbearbeitung gelang es ein recht brauchbares Ergebnis in der Größe von 1,4 MB zu erzielen und in eine HTML Datei einzubinden (Siehe Beispiel 3).

Der nächste Punkt der den Betrachter vom "sich versenken" in das Licht der Kerze abhält war die Menüleiste des Browsers. Auch hier bestand wieder die Möglichkeit abhängig vom Browser die Menüleisten ein- und auszuschalten. Das bedeutet aber, daß User mit wenig verbreiteten Browsern oder älteren Browsern diese Seite nicht in der gewünschten Form aufrufen können. Daher wurde ein kurzer Java Script programmiert, der ein Fenster ohne Menüleiste öffnet, indem die animierte GIF Datei dargestellt wird (Siehe Beispiel 4).

Eine weiter Idee, wie ein mystisches Erlebnis initiiert werden kann, war die Verwendung von Tönen. Nach längerer Untersuchung der Möglichkeiten, wurde das Format WAV gewählt, weil es die größte Verbreitung und die Unabhängigkeit von Herstellern bietet und außerdem gute Kompressionsraten ermöglicht. Über eine Soundkarte mit angeschlossenem Mikrofon wurde der Klang einer tibetanischen Klangschale aufgenommen und bei dem Bild der brennenden Kerze hinterlegt. Um diesen Klang hören zu können ist jedoch ein WAV Plug-in notwendig. Nun ergab sich das Problem, daß die Befehle mit denen Sounddateien abgespielt werden konnten bei allen Browsern verschieden sind. Es gibt keinen standardisierten HTML Befehle und die Parameter für ein unsichtbares, ununterbrochenes Abspielen im Hintergrund sind auch unterschiedlich. Durch ausgiebiges Testen wurde eine Version entwickelt, die zumindest unter Internet Explorer 5.0 und Netscape Navigator 4.6 funktioniert. (Siehe Beispiel 5).

Zusammenfassend kann man aus diesen Erfahrungen leicht ableiten, daß die technischen Voraussetzungen für einfache ungestörte Erfahrungen über Auge und Ohr im Internet noch kaum gegeben sind. Die verschiedensten Standards von verschiedensten Herstellern und die Inkompatibilität der Anwendungen führt zu einem enorm hohen Aufwand um verhältnismäßig einfache Auftritte, wie z.B. eine brennende Kerze mit Hintergrundmusik, im Internet umzusetzen. Diese technischen Schranken verbauen meiner Meinung nach zur Zeit noch den Weg zu einem mystischen Erlebnis im Internet.