Erzählte Geschichte im Bild. Die narrative Darstellungsweise als Vermittler historischer Ereignisse in der römischen und spätantiken Kunst. 1 Barbara Zimmermann/Institut für Klassische Archäologie - Wien Die Bilder der schrecklichen Ereignisse in Amerika, die im Herbst in unseren Medien allpräsent waren, uns live berichteten von dem, was ab nun 'Geschichte' ist, belegen sehr anschaulich unsere Unmittelbarkeit zum Geschehen in aller Welt. Sie sind einerseits symptomatisch für unsere Mediengesellschaft, andererseits dokumentieren sie, wie stark unser Bedürfnis ist, Geschichte über Bilder zu definieren. Der Mensch in der Antike lebte ebenfalls mit Bildern. Sie dienten der Erbauung, Propagandazwecken, der Vermittlung von Idealen, und sie erzählten Geschichte. Die Bildsprache ist Mittler zwischen Künstler und Betrachter, repräsentiert und charakterisiert den kulturellen Kontext. V.a. die triumphale Staatskunst der römischen Kaiserzeit bedient sich einer über Jahrhunderte statischen Bildsprache, die als semantisches System funktioniert, innerhalb dessen es nur in geringem Maß um die Aufzeichnung historischer Realitäten geht, sondern vor allem um die Exemplifizierung gedanklicher Idealvorstellungen. An feststehenden Bildtypen werden v.a. zeremonielle, repräsentative Vorgänge ins Bild gesetzt, die die Tugenden des ideologischen Wertesystems ausdrücken; nicht die 'Ereignisgeschichte' steht im Vordergrund, sondern der Ausdruck dieses Wertesystems. Neben solchen repräsentativen Darstellungen tauchen in geringerer Zahl in der römischen Triumphalkunst auch narrative Darstellungen auf, deren Charakter und formale Struktur es zu definieren gilt. Paradebeispiel hierfür ist die jedem Rombesucher bekannte Triumphsäule des Trajan am Trajansforum in Rom, geschaffen anlässlich der Feier des Triumphes des Kaisers über die Daker im Jahr 113 n. Chr. Die Ereignisse der beiden Dakerkriege werden hier in kontinuierend aneinander gereihten Szenenfolgen auf einem in unzähligen Windungen ansteigenden Spiralband erzählt. Diese kontinuierende Darstellungsweise ist vom Wesen her die deutlichste Art der narrativen Darstellung. Das Problem bei der Auseinandersetzung mit der kontinuierenden Darstellungsweise in der antiken Kunst ist nur vor dem Hintergrund der Geschichte der Narrativitätsforschung in der Klassischen Archäologie und antiken Kunstgeschichte zu verstehen, die sie gemäß dem Zeitgeist unterschiedlich definierte bzw. gar nicht als spezifische Art der Bilderzählung verstand. Am Beginn der Auseinandersetzung mit bzw. der Definition von unterschiedlichen Darstellungsweisen - darunter auch der erzählenden - steht das Werk von C. Roberts am Ende des 19. Jhs. Er benannte die komplettierende, die distinguierende und die kontinuierende Darstellungsweise, die er jeweils unterschiedlichen Epochen in der Antike zuordnete. Mit den umfassenden Studien von K. Weitzmann, der u.a. eine neue Begriffsdefinition einführte, änderte sich der Zugang zur erzählenden Darstellungsweise seit den 50-er Jahren des 20. Jhs. gänzlich, indem sich die Fragestellung hauptsächlich auf die Vorlagen von Bilderzählungen konzentrierte und hierfür ausschließlich die Buchmalerei als Quelle herangezogen wurde. Die kontinuierende Bilderzählung stellte hier keine eigene Kategorie dar, sondern fand ihren Platz unter dem Begriff der zyklischen Darstellungsweise. Mehrere Symposien zum Thema markieren wichtige Etappen in der Forschungsgeschichte. Sie führten von einem eher philologischen Zugang mit der Tendenz, die Bilderzählung der schriftlichen Erzählform unterzuordnen zu einem Ansatz der unter Einfluß der linguistischen Narrativitätstheorien dem Leser bzw. Betrachter die Rolle des Aktivators der Erzählung zukommen lässt, womit eine kontinuierende Bilderzählung als Phänomen keinen Platz mehr findet. Kontinuierende Darstellungen intendieren jedoch schon per se den Willen zur Erzählung. Den Forschungsansatz der letzten Jahrzehnte relativierend kann jedoch gezeigt werden, dass die Vermittlung von 'Historizität', die Erzählung von historischen Ereignissen, auch in der römischen und spätantiken Kunst nach bestimmten Strukturen und Gesetzmäßigkeiten funktionierte, die an bildimmanenten formalen Kriterien festzumachen sind. An dieser Stelle soll nun aber die Definition einer kontinuierenden Darstellung erfolgen: Sie zeichnet sich durch eine ununterbrochene Folge von Szenen, die durch einen gemeinsamen Hintergrund verbunden sind und immer wieder kehrende Hauptperson(en) aus. Jedoch erst wenn eine Erzählung in mehrere zeitlich aufeinanderfolgende Episoden unterteilt ist, kann sie als kontinuierende Bilderzählung gewertet werden. Aber auch der Zeitfaktor allein macht noch keine kontinuierende Darstellung aus. Ebenso muss man formale Kriterien miteinbeziehen. Sie betreffen v.a. die Bildkomposition: die Aufteilung des Bildraumes des jeweiligen Bildträgers z.B. in Register oder fortlaufende Bildstreifen, die Verbindung bzw. Trennung von Szenen durch Bildelemente, die Richtungsbezogenheit der Bewegung, die Abgeschlossenheit bzw. Weiterführung der Handlung über die Bildgrenzen hinaus, darüberhinaus Gestik und Mimik der handelnden Personen, um nur die wichtigsten zu nennen. Immer kontroversiell wurde die Frage diskutiert, ob Bildgeschichten generell als Textillustrationen oder textunabhängige Bilderzählungen entstanden. Die genuine Verbindung einer kontinuierenden Darstellung mit der Buchmalerei wurde jedoch selten in Frage gestellt. Anhand zweier spätantiker bzw. byzantinischer illustrierter Handschriften wird diese neu aufgerollt. Die Illustrationen dieser beiden Handschriften bedienen sich einer narrativen, kontinuierenden Darstellungsweise, analog zu den Reliefs der Trajanssäule. Unter den 13 erhaltenen illustrierten Handschriften narrativen Inhaltes aus der Spätantike wird bei der Analyse ihrer Illustrationssysteme deutlich, dass nur eine einzige spätantike Handschrift durch kontinuierende Bilderzählungen illustriert ist, nämlich die sog. Wiener Genesis. Das besondere Charakteristikum der Handschrift ist die Textredaktion, der Septuaginta-Text wurde stark gekürzt und zwar im Sinne des Erzählflusses der Ereignisse der Genesis, schwer illustrierbare Stellen wurden gestrichen, ebenso inhaltliche Wiederholungen; lange Gespräche wurden gekürzt; Ereignisse, die prophezeit werden und dann Erfüllung finden werden nur einmal erwähnt etc. So beschränkt sich der Text nur auf die wichtigsten Handlungselemente der Erzählung. Diese entsprechen exakt den im Bild dargestellten Ereignissen. Mit dieser Entsprechung sind auch durchgängig alle 'Fehler' bzw. Ungereimtheiten in den Darstellungen zu erklären, die teilweise bis heute mit einem Archetyp der Handschrift in hellenistisch-jüdischen Kreisen erklärt wurden. Der Josua-Rotulus aus dem 10.Jh. gehört der Rezension der byzantinischen Oktateuche an. In kontinuierender Bildfolge reihen sich die Ereignisse aus dem 6. Buch der Bibel aneinander, eng verbunden mit dem darunterstehenden Text, der im Sinne des Erzählflusses paraphrasiert ist. Zwischen den Einzelszenen und dem paraphrasierten Bibeltext ist eine Harmonie erreicht, die die Entstehung des Zyklus in vorliegender Friesform auch nur zugleich mit der Redaktion des respektiven Textes zulässt. Die Analyse des Verhältnisses der zugehörigen 'Begleittexte' in den Handschriften lässt die Frage nach der Textabhängigkeit der Bilder, die bislang ausschließlich unter dem Gesichtspunkt einer vollständigen verbalen Erzählung gestellt wurde, in neuem Licht erscheinen. In beiden Fällen folgt der begleitende Text einer im Sinne des Fortganges des Erzählflusses redigierten Fassung, wobei sowohl Text als auch Bild die gleiche Intention verfolgen, nämlich in zügig aufeinander folgenden Etappen den Fortgang der Geschichte ins Bild zu setzen. Hierdurch wird eine Harmonisierung der verbalen und visuellen Erzählung erreicht, die bislang immer für 'Illustrationen' postuliert bzw. als fehlend angesprochen wurde, hier aber wider Erwarten ganz eindeutig nachzuweisen ist. Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen stellt sich nun aber erneut die Frage, ob für die Trajanssäule die Assoziation mit einer ausgerollten Buchrolle doch zu erwägen ist. Diese Anfang des 20. Jhs. geäußerte These konnte in den letzten Jahrzehnten va. vor dem Hintergrund der Thesen der Weitzmann'schen Schule kaum vertreten werden. Zuletzt regten sich noch einmal Stimmen dagegen, die Reliefs als Umsetzung eines schriftlichen Kriegsberichtes zu sehen, da das Reliefband mit seinen stereotypen Szenenfolgen überhaupt nicht als literarischer Bericht vorstellbar sei, denn die Lektüre desselben wäre schwer erträglich gewesen. Va. die Hervorhebung der zeremoniellen und repräsentativen Szenen und die stereotype Abfolge der kriegsentscheidenen Vorstöße stünden der Dynamik und der dramatischen Verknüpfung der Literatur fern. Blickt man nun aber auf die erhaltenen Zeugnisse kontinuierender Bilderzählung - sprich Wiener Genesis und Josua-Rotulus - dann sind die jeweiligen Texte in dem Maße paraphrasiert, dass sie auch hier vom literarischen Standpunkt nahezu unlesbar sind und nur die wichtigsten Erzähletappen wiedergeben. Diese sind dann mit kompositionellen und narrativen Mitteln der Bildkunst umgesetzt, in einem Entwurf, der gleichermaßen Bild und Text umfasste.