Leonhard Schmeiser Das Zeitalter des Zeigefingers Über das Lesen am Bildschirm 1. Ende 1944 bricht der, wie die Japaner es nennen, "göttliche Wind" über die US-amerikanische Kriegsmarine herein. Die Piloten haben Abschiedsbriefe geschrieben, in Kalligraphie, voller Zitate aus der literarischen Tradition, manche verfassen eigene Gedichte. Das beliebteste Bild, in das sie sich selbst fassen, ist das einer fallenden Kirschblüte. Die amerikanischen Militärs reagieren mit Panik. Sie schießen, buchstäblich, aus allen Rohren auf dasjenige, was da aus dem Himmel auf sie herabstürzt, ohne verhindern zu können - auch nach Monaten nicht -, daß ein Viertel der Kamikaze-Flugzeuge Er folg hat: hunderte der größten und bestausgestatteten Schiffe sinken, hunderte müssen, schwer beschädigt, aus dem Kriegsgeschehen genommen werden. Die Luftabwehr, die noch im Kampf um England brilliante Erfolge verbuchen konnte, ist weitgehend hilflos. Nicht nur daß die Japaner den Radar, das Wundermittel dieses Kriegs, immer wieder unterfliegen; auch wenn sie auf dem Bildschirm erfaßt sind, verur teilen sie die neue Technik zur Ineffizienz, indem sie ihre Flugzeuge "tänzeln" lassen. Schiffe mit Radarposten sind bis zum Kriegsende bevorzugte Ziele der Kamikaze. Die amerikanische Öffentlichkeit erfährt von diesen Vorgängen erst nach Ende des Krieges, als der Nachweis erbracht ist, daß sich mit ihnen zumindest in militärischer Hinsicht fertigwerden läßt. Auch das verdankt sich dem Flug eines Piloten, und dieser bringt die amerikanische Hilflosigkeit gleichsam durch technische Rhetorik auf den Punkt: sein Flugzeug trägt den Namen seiner Mutter, und was diese metaphorische Mutter gebiert, vereint in sich die gesammelte Zerstörungswut aller japanischen Piloten; dieser metaphorische Kamikaze, die Antwort der Amerikaner auf den göttlichen Wind, fällt auf Hiroshima. Diese Antwort ist aber nur vorläufig. Nach dem Krieg wird in den USA mit der Traumatisierung entsprechender Intensität die Luftabwehr weiterentwickelt. Zwei bereits während des Krieges eingesetzte Darstellungsformen in Radarsystemen spielen dabei eine vorrangige Rolle: ein Verfolgungsradar, bei dem die Eingabe über eine manuelle Dre hbewegung von Rädern erfolgt; und die Wiedergabe der Radarechos in einer planaren Darstellung, d.h. die Anzeige der erfaßten Flugobjekte im zweidimensionalen Koordinatennetz einer kartenähnlichen Ansicht eines Luft- oder Bodenareals. Durch Kombination dieser beiden Ansätze entstehen Anfang der Fünfzigerjahre neue Eingabegeräte für ein vollin tegriertes computer- und radargestütztes Flugabwehrsystem1. Mit elektronischen Markierungen auf Radarschirmen können die Flugkörper ausgewählt und damit an das System zur Verfolgung und zum Abschuß übergeben werden. Die Selektion von Zielen erfolgt durch Positionierung eines Cursors am Radarschirm mittels zweier von Hand zu bedienender Räder. Sie merken bereits, worauf das hinauswill. Ein Jahrzehnt später wird, am MIT, die sog. Computer-Maus erfunden, und zwar von einem ehemaligen Radar-Techniker der Navy, der am Krieg gegen Japan teilnahm1, und einem ehemaligen Navy-Offizier1. Auch die Erfindung selbst trägt anfänglich die Spuren ihrer Herkunft: sie wird als Instrument für Fachpersonal entwickelt und es vergehen immerhin beinahe zwanzig Jahre, bevor sie in den Achzigerjahren für Laien nutzbar auf den Markt kommt; sie operiert ursprünglich nicht mit einer Kugel, die den Bildschirm gleichsam zu einer Projektion der Tischflä che unter der Hand des Benutzers werden läßt, sondern mit zwei Rädern, die jeweils zur Verschiebung der Bildschirm-Markierung auf einer der beiden Koordinatenachsen dienen; und entsprechend wird das Patent angemeldet unter dem Namen "x-y positioning indicator". Ich möchte mich hier nicht unter die Metaphysiker der Medien einreihen, die im Krieg den Vater aller Dinge, folglich auch der Medien sehen. Die dominante Rolle, die das Militär häufig auf diesem Gebiet spielt, verdankt sich dem Zusammentreffen zweier sehr einfacher Umstände: zum einen ist alles militärische Tun auf Situationen ausgerichtet, in denen jedes Mißglücken einer Mitteilung den Tod nach sich ziehen kann, auf einschlägiges Scheitern sozusagen Höchststrafe steht; und zum anderen ist die grundlegende Form militärischer Mitteilung, der Befehl, so ziemlich das Schlichteste, was der menschliche Geist in kommunikativer Hinsicht je hervorgebracht hat, bedeutend einfacher zu übermitteln, als etwa eine Gebrauchsanweisung, eine theoretische Abhandlung oder ein Gedicht. Ein Befehl ist eine Mitteilung, in deren Vollzug es keine Überlegung, keine Interpretation, kein Urteil geben darf, die streng genommen keine Fragen zuläßt, keine wie immer geartete Erwiderung. Ein Befehl ist Zeichen für eine Bedeutung, die nicht, oder doch nur auf ephemere Wei se, irgendwo in sprachlichen Konventionen verankert ist, sondern in einer konkreten, unmittelbar zu vollziehenden Handlung des Adressaten besteht. Er läßt sich nur sehr schlecht in gewählter Sprache artikulieren, in vielen Situationen aber durchaus durch Gebrüll oder Grunzen übertragen. Oder durch einen Knopfdruck, sofern durch diesen die bezweckte Handlung deutlich wird. Ein Offizier, der neben einem Schützen steht und diesem, wie auch immer, faßbar macht, auf welches Ziel er jeweils zu feuern hat, unterscheidet sich in kommunikativer Hinsicht kaum vom Bedienungspersonal vor einem Radarschirm, das durch Selektion einer Stelle auf diesem Schirm eine Zerstörungsmaschinerie in Gang setzt; und er unterscheidet sich kaum vom Benutzer einer Computer-Maus. Die Maus ist nicht einfach technisches Gerät wie etwa eine Türklinke oder ein Lichtschalter (deren Bedienung vorweg ein deutig festgelegte Wirkungen hervorbringt); sondern sie ist Materialisation eines kommunikativen Aktes, der sich von der Bedienung solchen Gerätes dadurch unterscheidet, daß seine Bedeutung erst mit seinem Vollzug festgelegt wird, gewissermaßen in einer Kombination von Zeigefinger und Grunzen. Sie überzieht oder unterlegt die Benutzung eines Computers, unabhängig davon, worin diese konkret besteht, mit ei ner kommunikativen Struktur, in der der Benutzer die Position des Offiziers einnimmt, allgemeiner: Sprecherfunktion erfüllt. Nicht die Funktion eines Vernehmenden. Nicht die eines Lesers. Dieser Sachverhalt wird im allgemeinen zugedeckt durch die Rede von der Interaktivität. Diese Rede vermittelt, plakativ formuliert, den Eindruck, wir hätten es beim Computer mit einem Gerät mit einem unerschöpflichen Vorrat an Knöpfen zu tun, und der Benutzer hätte ständig die Wahl, auf irgendeinen davon zu drücken. Aber so ist es nicht: der Benutzer drückt immer nur auf einen Knopf, und daß dabei dennoch die unterschiedlichsten Dinge passieren können (und nur selten der Eindruck entsteht, wir hätten es mit einem Zufallsgenerator zu tun), verdankt sich der Tatsache, daß dieser eine Knopfdruck in sich kommunikative Struktur aufweist. Wie alles technische Gerät, hat jedoch auch die Computermaus die Tendenz, mit dem Gebrauch die eigene Funktionsweise zu verbergen. Die Handhabung des Geräts wird schnell so selbstverständlich, daß wir, solange nicht irgendeine Dysfunktion auftritt, nicht mehr an seine Bedienung denken müssen. Das erleichtert die Abläufe beträchtlich, und läßt den Bildschirm zu einer Art Außenstelle unseres Denkens werden: der Cursor auf dem Bildschirm fungiert als die Spitze unseres Zeigefingers, und dieser Zeigefinger ist kaum noch eine physiologische Vorrichtung, weil wir ihn nämlich nicht mehr anheben und überhaupt kaum bewegen müssen, um ihn auf irgend etwas zeigen zu lassen. Und in dem Maße, wie er sich uns als physiologische Tatsache entzieht, tritt er uns als von unserem Denken abhängiger Teil des Bildschirms entgegen. Wir fahren mit dem Zeigefinger nicht mehr (wie traditionell) auf, sondern in unserer Lektüre herum, und manchmal drücken wir etwas fester an ­ der touchscreen ist lediglich eine etwas unelegant-überdeutliche Explikation dieser Situation. Der Bildschirmleser agiert im Text. Das ist die eine Seite. Die andere ist dasjenige, was für gewöhnlich im Zentrum der Überlegungen steht, wenn von Bildschirmlektüre die Rede ist, nämlich die hypertextuelle Struktur dessen, was am Bildschirm erscheint. Der Begriff "Hypertext" ist, wie allgemein die Begrifflichkeit zu den neuen Medien, noch unscharf, wird auf unterschiedlichste Weise verwendet, und in seiner Nähe tauchen laufend neue Wörter auf, Wortbildungen mit lateinischen oder altgriechischen Vor- und Vorvorsilben erfreuen sich besonderer Beliebtheit. Ich werde mich im wesentlichen mit dem Wort "Hypertext" begnügen. Der Erfinder dieses Wortes versteht darunter ein Korpus von Schrift- oder Bildmaterial, das auf so komplexe Weise in sich verknüpft ist, daß es nur sehr umständlich auf Papier präsentiert oder dargestellt werden könnte"1, und dem ist vorläufig nur hinzuzufügen, daß diese Verknüpfungen auf automatisierte Weise verfolgt werden können, eben per Mausklick. Es besteht in der Literatur weitestgehend Einigkeit darüber, daß die Erfindung, Verbreitung und mediale Durchsetzung von Hypertext die traditionellen Formen des Lesens revolutioniert hat. Auch die Beschreibung dieser Revolution ist in der Literatur überraschend einhellig. Man kann ihr drei Hauptmerkmale der neuen Art von Lektüre entnehmen: 1. die Ablösung von konsekutivem, linearem Lesen durch ein nicht-lineares; 2. die nachdrückliche Förderung einer Art flüchtigen Lesens, eines Überfliegens der Texte mit gestreuter Aufmerksamkeit; und 3. das (durch Fotografie, Film und Fernsehen bereits ange bahnte) Überhandnehmen von Bildern gegenüber Schrift. Vor allem dieser dritte Punkt entbehrt nicht der Dramatik: denn seit zweieinhalb Jahrtausenden wurde, jedenfalls im euro päisch-kleinasiatischen Raum, der Mensch als ein zoon logon echon defi niert, als ein Tier, das sich durch seine Verfügung über Sprache aus zeichnet. Wenn mithin von den Verkündern eines gegenwärtig stattfindenden (oder bereits eingetretenen) pictorial turn nicht mehr das Wort, sondern das Bild als grundlegendes Medium menschlichen Welt- und Selbstverhältnisses angesetzt wird, ist damit ein Umbruch von nicht zu überbietender, nämlich anthropologischer Tragweite behauptet. Anders als die Beschreibung dieser Veränderungen ist deren Bewertung nachdrücklich kontrovers: die einen jubeln, man weiß nicht genau, warum, die anderen sehen das Herannahen einer neuen Barbarei, man weiß auch nicht genau, warum. Die Auseinandersetzung entbehrt nicht einer gewissen Komik, etwa wenn aus ökologischen Gründen von der Bildschirmlektüre abgeraten wird, oder zum Schutz des Rückgrads. Aber als Symptom, denke ich, ist sie durchaus ernstzunehmen, nämlich als Symptom für eine grundlegende und in ihren Auswirkungen noch kaum abzu schätzende Wandlung der kommunikativen Strukturen, denen wir ausgesetzt sind. Ich werde versuchen, diese Wandlung etwas schärfer in den Blick zu nehmen, und zwar aus der Perspektive des Lesers. Wie funktioniert Hypertext für den Leser. Drei Wortklärungen vorweg. 1. Hypertext ist für den Leser nicht "ein Korpus von Schrift- und Bildmaterial". Diese Definition ist vom Schreiber her gedacht, oder vom traditionellen Leser, der es tatsächlich immer mit irgendeinem Korpus zu tun hat. Hypertext im Sinne des Erfinders des Wortes meint ein Gesamt von Knoten, das durch sog. interhypertextuelle Links definiert ist, d.h. durch Links, die unterschiedliche Dokumente ein- und derselben Website miteinander verknüpfen. Für den Bildschirmleser aber ist die Unterscheidung zwischen solchen Links und einem Link, das lediglich an eine andere Stelle eines Dokuments führt, oder einem Link zu einem anderen Server nicht nur meistens nicht ohne weiteres nachvollziehbar, sie ist für ihn auch weitgehend irrelevant. Hypertext meint für ihn zunächst lediglich eine neue Qualität einzelner Texte. 2. Gelesen wird nie ein Hypertext, gelesen werden immer nur Texte. Hypertext verknüpft Elemente miteinander, die ihrerseits, wie kurz auch immer sie sein mögen, Texte sind (ich klammere die Frage nach den Bildern vorläufig einmal aus); und gelesen werden diese Texte , nicht die Verknüpfungen. Und 3. ist die Unterscheidung von linearer und nicht-linearer Lek türe zumindest irreführend. Lektüre ist immer noch, wie sprunghaft sie auch sein mag, ein linearer Vorgang, bei uns von links nach rechts und von oben nach unten. Also nochmals: wie funktioniert Hypertext für den Leser. Hypertext heißt für den Leser, daß jeweils bestimmte, für gewöhnlich als solche kenntliche und mit Zeichen gefüllte Flächen am Bildschirm gleichsam die Artikulierung eines Befehls anbieten, dem er nur noch (mittels Mausklick) seine Stimme zu leihen hat, damit anderes am Bildschirm er scheint, etwas, von dem im allgemeinen angenommen werden kann, daß der Hersteller des Hypertexts es für sinnvoll hielt, es sich in Zusammenhang mit der jeweils derart markierten Fläche anzusehen. Hypertext ist für den Leser ein in einen gerade am Bildschirm erschei nenden Text eingebautes Angebot, nach oder statt dieses Texts einen anderen zu lesen. Insofern ist er nicht eigentlich unter dem Titel "Lektüre", sondern genauerhin unter dem Titel "Lektürestrategie" abzuha ndeln. Es gibt Formen traditioneller schriftlicher Mitteilung, die solchem sprunghaften Lesen nachdrücklich entgegenarbeiten, allen voran der Roman (und das ist bezeichnenderweise jene Textsorte, die explizit oder implizit von allen aktuellen kulturkritischen Abhandlungen über den Verfall des Lesens angerufen wird). Der einzige derartige Sprung, den ein Roman - und zwar in genau festgelegter Abfolge - zuläßt, ist das Umblättern. Ein Roman versucht, seinen Leser buchstäblich zu fesseln, ihn gar nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, er könne vor dem vom Autor vorgesehenen Ende (bzw. vor den Zäsuren der Kapitel) aus der Lektüre aussteigen und etwas anderes lesen. Umgekehrt gibt es ebenso - und zwar schon bei weitem länger als den Roman - eine Form schriftlicher Mitteilung, die insistent ein ganz ähnliches Angebot der Lektüreunterbrechung und anderweitiger _fortsetzung enthält, wie der Bildschirm des Computers, gemeint ist die Forschungsliteratur im weitesten Sinn. Forschungsliteratur ist voll von Referenzen auf vom gerade gelesenen unterschiedene Texte: Zitaten, Quellenangaben und sons tigen Verweisen auf anderweitig Geschriebenes. Manchen Verweisen läßt sich durch ein Verlassen der Linearität der Lektüre und schlichte davon abweichende Augenbewegung folgen (z.B. bei Fußnoten, in terlinearen Glossen, Rubriken), manche erfordern ein Blättern an eine andere Stelle des jeweils materiell definierten Buchkorpus (wie etwa bei einem Lexikon oder in der Bibel), und "extrahypertextuell" wären alle Verweise auf andere Bücher und dgl. In diesem dritten Fall ist der traditionelle Leser gleichsam offline, genauer: solche Verweise lassen sich nur unter der Voraussetzung in die Lektüre eines anderen Texts umsetzen, daß der Leser sich in einer entsprechend gut ausges tatteten Bibliothek befindet. In einer solchen Bibliothek aber ist auch schon der Leser des späten Mittelalters "online". Als Bildschirm fungiert das Lesepult, als Maus, sofern dem jeweiligen Verweis nicht durch Augenbewegung oder Blättern nachgegangen werden kann, der Bib liothekar. Nicht das Buch also, sondern die Bibliothek wäre in dieser Hinsicht der Vergleichspunkt, den man heranzuziehen hätte, um die Auswirkungen des Computers als neuem Medium auf das Lesen zu untersuchen. Die Bibliothek ist ein - ich greife wiederum einen bereits gängigen, jedoch ebenfalls noch auf unterschiedlichste Weise ve rwendeten Begriff auf - protohypertextueller Raum. Man kann den Zusammenhang noch ein Stück allgemeiner formulieren. Liegt nämlich das Charakteristische von Hypertextualität für den Leser darin, daß er am je gelesenen Text eine Verweisung ausmacht, der er folgen kann, oder nicht, so ist vor der technischen Automation dieser Verweisung, d.h. für das Vorliegen von Protohypertextualität keineswegs erforderlich, daß das Bestehen einer Verweisung im Text expl izit festgeschrieben ist. Ein Zitat ist für den Kenner auch dann ein Verweis, wenn die Quelle nicht angegeben wird, sogar noch dann, wenn die Stelle überhaupt nicht als Zitat gekennzeichnet ist, und zwar unabhängig von der Intention des Zitierenden. Kein Forscher ist auf die expliziten Verweise in Texten angewiesen, jedenfalls nicht auf sie beschränkt, um sich seinen Lektüreweg durch die Massen des Geschriebenen zu bahnen, d.h. um den jeweils gelesenen Text als Element eines Protohypertexts zu behandeln. Jeder Forscher stellt laufend selbst derartige Verweise her, sei es als gedankliche Verknüpfung oder Annotation mit Bezug auf bereits erfolgte oder in Hinblick auf möglicherweise später stattfindende Lektüre, sei es durch tatsächliche Unterbrechung der Lektüre und Aufsuchen eines anderen Texts. Wodurch nun ist solche Bahnung determiniert, wenn sie nicht durch den Autor festgeschrieben sein muß, und auch von seiten des Lesers oft ohne für andere feststellbares materielles Substrat besteht? Der Begriff der Assoziation, der nahezuliegen scheint, würde genau besehen nur die Verlegenheit benennen, in die gerät, wer versucht, hier Determinanten anzugeben. Und dennoch sind solche Bahnungen mit Sicherheit nicht beliebig: gelangt der Forscher so weit - was von ihm im allgemeinen erwartet wird -, daß er die Ergebnisse seiner Lektüre ihrerseits wiederum, als Verfasser, der Lektüre anderer zugänglich macht, so lassen sie sich nach ihrer Qualität und Sinnhaftigkeit be urteilen. Und der Maßstab solcher Beurteilung liegt im Verständnis des jeweils gelesenen Texts: die Qualität von Verweisen, Zusammenstellungen von Texten, Lektürewegen bemißt sich daran, wie notwendig oder nützlich sie für das Gelingen der Lektüre des Ausgangstexts sind. Und insofern der gesamte schriftliche Diskurs des Wissens, soweit er sich auf Texte bezieht, nichts anderes ist, als der Niederschlag einer kollektiven Bemühung um das Verstehen dieser Texte, und jedes einzelne Element dieses Diskurses auf Zustimmung abzielt, handelt es sich bei den Lektürebahnungen des forschenden Lesers um ei ne projektive Abbildung dieses Diskurses. Anders gesagt: Lesen im traditionellen Sinn ist, wo es um Forschung geht, Produktion eines Protohypertexts als eines Gesamts zum jeweils Gelesenen gehöriger diskursiver Verweisungen. Ein derartiger diskursiver Verweis bedarf, gleichgültig, ob er durch den Text vorgegeben ist oder der Leser ihn selbst generiert, einer dem Mausklick entsprechenden Aktualisierung. Ein Grenzfall solcher Aktualisierung, sozusagen deren Maximum, wäre der Fall, daß der mit dem gerade gelesenen assoziierte Text so weit bekannt ist, daß es keinen Sinn machen würde, die Lektüre zu unterbrechen, etwa wenn ein Zitat zweifelsfrei als solches erkannt wird. In diesem Fall besteht die Bahnung in nichts weiter als in einer gedanklichen Schleife, in der keine Lektüreoption offen bleibt, da sie unmittelbar auf den Aus gangstext zurückführt. Lektürestrategische Relevanz erhält eine derartige Assoziation von Texten erst durch ein Defizit des Wissens, nämlich in einer Situation, in der der Leser annimmt, ein Einschub der Lektüre des assoziierten Texts würde in irgendeiner Weise dasjenige, was der gerade vorliegende Text mitteilt, besser faßbar machen. Der Leser könnte etwa daran zweifeln, daß ein Zitat im exakten Wortlaut vor liegt, diesen Zweifel aber nicht aus dem Gedächtnis zu beseitigen in der Lage sein; oder er könnte meinen, das Verständnis eines Zitats erfordere die Klärung seines ursprünglichen Kontexts, eine ausgemachte Anspielung erfordere einen Textvergleich, usw. Der einfachste Fall solchen Defizits wäre die Unkenntnis eines im gerade vorliegenden Text verwendeten Wortes oder Zeichens; der Verweis würde in diesem Fall zu einem Lexikon, einem Wörterbuch oder ähnlichem führen. Die elementare Struktur eines diskursiven Verweises besteht, allgemein formuliert, in einer durch kommunikative Dysfunktion generierten Lektüreschleife. Der Leser "stolpert" in einer Lektüre und wendet gleichsam um neunzig Grad, verläßt die Lektüre als eine Bewegung von Schreiber auf Leser, um eine durch einen einzelnen Text generierte Bewegung von Text zu Text zu durchlaufen, die auf die Wiederaufnahme der suspendierten Lektüre ausgerichtet ist. Er setzt die Lektüre aus in der Erwartung, der Zieltext dessen, was damit zum "Anker" eines "Links" wird, berge dessen Bedeutung oder werde jedenfalls zu deren Erfassen beitragen. Man könnte die Lektüre eines solchen Zieltexts als "sekundär" bezeichnen - insofern sie nämlich der suspendierten nachgeordnet ist und auf deren Gelingen abzweckt. Diese elementare Struktur kann jederzeit in sich zusammenbrechen, der diskursive Regreß in der Lektüre eines anderen Texts angehalten werden, die nicht mehr in Hinblick auf den Ausgangstext erfolgt, sondern den neuen Text als selbständige Mitteilung eines Schreibers auffaßt. Und sie kann äußerst komplexe Formen von Lektürestrategie generieren. Jeder sekundäre Text kann sich stellenweise oder insgesamt als gemessen an den Erwartungen unzureichend erweisen, neue diskursive Bewegungen initiieren, jeder Text kann eine Doppelfunktion als Element eines Diskurses und als sozusagen autarker Text erfüllen. Die Funktionsweise des Verweises ist jedoch in allen Fällen dieselbe: Ausmachen einer kommunikativen Dysfunktion in einer Lektüre, Transformation der dysfunktionalen Stelle in einen Signifikanten, dessen Signifikat diskursimmanent zu definieren bleibt, und antizipative Bestimmung des diskursiven "Ortes" des gesuchten Signifikats. Traditionellerweise erfordert jeder diskursive Regreß ein mehr oder minder umfangreiches und mehr oder minder ausgeprägtes strategisches Können: auch wo ein Verweis ausdrücklich in einem Text festgeschrieben wurde, muß man nicht nur sozusagen sein Format richtig erfassen (etwa zu unterscheiden in der Lage sein, ob es sich beim Zieltext um ein Buch der einen Aufsatz handelt), muß man nicht nur das bisweilen äußerst komplexe Instrument Bibliothek zu bedienen verstehen, sondern muß man auch mit einiger Verläßlichkeit abzuschätzen in der Lage sein, was der Zieltext bietet, bzw. was seine Lektüre für die Lektüre des Ausgangstextes leisten kann. Diese Anforderungen steigern sich noch drastisch, wo kein explizit niedergeschriebener Verweis vorliegt. Ist der Leser in dieser Hinsicht nicht hinreichend souverän, so wird der Au fwand für das Ausmachen und die Aktualisierung eines Verweises sehr schnell so groß, die Aussicht, die mit einem Verweis einhergehende Erwartung erfüllen zu können, so gering, daß diese sich gar nicht mehr aufbauen kann: eine Erwartung, von der sich nicht mehr annehmen läßt, daß sie erfüllt wird, reduziert sich auf das Innewerden eines Unvermögens. Diese für forschendes Lesen erforderliche strategische Kompetenz wird grundsätzlich mit der Lektüre erworben: je mehr man gelesen hat, desto effizienter kann man selbst Verweise setzen, gebotene Verweise beurteilen, nützlich erscheinenden Verweisen nachgehen. Der Erwerb solcher Kompetenz ist jedoch seit Jahrhunderten bereits ein viel zu weitreichendes Unterfangen, als daß er durch die Anstrengung eines einzelnen zu auch nur einigermaßen stabiler Souveränität führen könnte. Wir haben dafür eine eigene, in sich wiederum äußerst komplexe Institution geschaffen, in der den Lesern diskursive Kompetenz vermittelt wird, eine Institution sozusagen proto hypertextueller Propädeutik, nämlich die Universität. Protohy pertextuelle Lektüre ist ein mit einer entsprechend helleuchtenden Aura versehenes Können von Spezialisten. Genau das aber ist hypertextuelle Lektüre nicht mehr. Zum einen packt der Schreiber von Hypertext zunehmend ­ und ungeachtet der Tatsache, daß für gewöhnlich das Gegenteil behauptet wird, nämlich ein Kom petenzverlust des Schreibers, der dem Bildschirmleser die Wahlfreiheit nicht-linearer Lektüre zugestehen muß ­ packt der Schreiber den Großteil der vom Leser bisher erforderten protohypertextuellen Kompetenz in den Hypertext. Was für den Leser davon bleibt, ist sehr schlicht: er muß laufend aus einer Reihe angebotener Lektüresprünge auswählen, wobei diese Angebote oft - etwa durch sog. thumbnails oder Linkbeschreibungen - die Erwartungen des Lesers möglichst genau zu präfigurieren trachten, und Fehlentscheidungen unvergleichlich gerin gere Konsequenzen haben, als bisher. Und ist die jeweils festgeschriebene hypertextuelle Kompetenz für einen Bildschirmleser unzureichend, so kann er auf mittlerweile äußerst effiziente ad-hoc-"Verlinkungsmechanismen" zurückgreifen, nämlich auf Suchma schinen. Der Hypertext übernimmt weitestgehend die lektürestrategische Kompetenz des traditionellen Lesers, und der neue Leser kann gleichsam unter dem Niveau traditioneller Forschungslektüre eine projektierte dis kursive Bewegung vollziehen, die bisher als deren qualitativer Ausweis an die eigene Lektürekompetenz gebunden war. Jeder auch nur einigermaßen mit den Navigationsmöglich-keiten des Internet vertraute Mittelschüler kann heute ohne besonderen Aufwand schriftliche Arbeiten kompilieren, deren Beurteilung das Wissen seiner Lehrer übersteigt, und zwar ohne daß damit auch nur irgendetwas über den Wissensstand des Schülers ausgesagt wäre. Und jeder Bildschirmleser kann, auch wenn er nie Vergil gelesen hat und ohne ihn zu lesen, auch wenn er kein Latein versteht und ohne es zu lernen, ein Zitat aus der Aeneis in Sekundenschnelle identifizieren, genau lokalisieren und ohne größere Schwierigkeiten eine brauchbare Übersetzung beibringen ­ ein Vorgang, der bisher fürwahr eines Spezialisten bedurfte. Das schließt natürlich nicht aus, daß auch am Bildschirm kompetente Lektüre stattfinden kann; aber sie muß nicht, ohne daß das noch am "Lektüreprodukt" abzulesen wäre. Hypertext operiert, historisch gesehen, als Dissoziation von Textverstehen und diskursiver Lektüre, Ermöglichung eines "rein" diskur siven Lesens, d.h. als Verselbständigung des Diskurses, der bisher, zumindest dem Anspruch nach, in der Lektüre je einzelner Texte ver ankert war. In dieser Verschiebung der Lektürekompetenz vom Leser auf den Hypertext und der daraus resultierenden "Verabsolutierung" des Diskur ses liegt, denke ich, der Skandal der Bildschirmlektüre, "Skandal" in seiner etymologischen Zweideutigkeit von "Ärgernis" und "Lust". 2. Der Hinweis auf die Universität hat es bereits angedeutet: die Bedeutung dieses Umbruchs in den kommunikativen Möglichkeiten läßt sich nur mit Bezug auf einen jeweils konkreten kulturellen Hintergrund angeben. Seine Wirkung und Tragweite ist mit Sicherheit eine völlig andere, wo die führenden Lektürestrategen seit Jahrhunderten eine kulturelle Avantgarde bilden, als dort, wo die Universitäten nie etwas anderes waren, als ein, wenn auch wichtiges, Moment eines umfassenden ökonomisch-politischen Ablaufs, oder dort, wo sie umgekehrt gewissermaßen als Mahnmale einer Kulturzerstörung fungieren, da sie als kolonialistische Institutionen entstanden. "An sich" ist der Um bruch unbedeutend. Unter Kultur verstehe ich die Gesamtheit kommunikativer Ereignisse, Prozesse und Verhältnisse, die sich in ihrer Genese jeweils auf eine konkrete gemeinsame kommunikative Situation zurückführen lassen. So gefaßt, ist Kultur kein absoluter, sondern ein relativer Begriff: man kann ihn sinnvollerweise nur einsetzen, wenn man angibt, mit Bezug worauf, auf welche kommunikative "Ursituation" man davon spricht. In Ve rbindung mit einer solchen Angabe aber läßt sich der Begriff auf unter schiedlichste Weise einsetzen: kann man von der Kultur eines einzelnen sprechen, ebenso wie von der Kultur eines Fußballvereins oder eines universitären Instituts, von der Kultur eines Staates oder einer überstaatlichen Einheit. Ich werde versuchen, die Frage der Bildschirmlektüre vor dem Hintergrund der europäischen Kultur zu positionieren. Die kommunikative "Ursituation" der europäischen Kultur liegt im achten und frühen neunten Jahrhundert: in der Entstehungszeit eines neuen Großreiches, dessen Herrscher mit akuten Legitimationsproblemen zu kämpfen haben, die Rede ist vom Frankenreich und den Arnulfingern. Die Arnulfinger waren die längste Zeit Hausmeier der Frankenkönige, haben de facto bereits seit Generationen die Macht in Händen, verjagen dann Mitte des achten Jahrhunderts den letzten königlichen Merowinger vom Thron und krönen sich selbst. Derartige Selbstermächtigung wirft immer Legitimationsprobleme auf, wobei Legitimität in diesem Zusammenhang die einzige Möglichkeit darstellt, diesen Akt nicht durch schiere Gewaltanwendung durchzuführen, und d.h. bei der Art und Ausdehnung des damaligen Frankenreichs aller Wahrscheinlichkeit nach: die einzige Möglichkeit, ihn zu vollziehen. Die Legitimität des fränkischen Königtums, das sog. Königsheil, ist an das Geblüt gebunden, läßt sich also nicht durch die Wahl, der Pippin, der erste gekrönte Arnulfinger, sich unterzieht, übertragen. Folge davon ist eine Dopplung der Legitimationsstrategie: er läßt sich nicht nur wählen, er läßt sich auch nach alttestamentarischem Brauch salben, macht sich somit zum König des einen (im Großteil des Herr schaftsbereichs weitgehend anerkannten) Gottes, über den hinaus und gegen den kein Anspruch auf Herrschaft Bestand haben kann. Drei Jahre darauf versucht er, diese eigenartig ambivalente, mithin fragwürdige Legitimationssituation dadurch zu beenden, daß er einen der beiden Vorgänge ohne den anderen wiederholt: er läßt sich nochmals salben, und zwar diesmal durch jene Person, die nicht zuletzt durch ihre Aner kennung im Frankenreich als oberster Repräsentant dieses Gottes auf Erden gilt, nämlich durch den Bischof von Rom. Diese originäre Sakralisierung des neuen fränkischen Königshauses impliziert nicht nur einen unüberbietbaren Herrschaftsanspruch, der gleichsam die der Tendenz nach unbegrenzte fränkische Machtfülle abbildet. Sie impliziert auch ein grundlegendes, nämlich für Europa grundlegendes kulturelles Defizit. Denn auch der Papst muß sich (motiviert durch die Tatsache, daß er die Franken dringend als Schutzmacht benötigt) das Amt der Legitimierung von Herrschaft arrogieren, und er löst dieses Problem so, daß er die Krönung nicht als Akt der Stiftung von Herrschaft, sondern lediglich als Übertragung einer seit jeher legitimen Herrschaftsfunktion über die raum-zeitlichen Grenzen von Reichen hinweg auffaßt. Entsprechend huldigt er dem Nachfolger Pippins, Karl dem Großen, in Rom, der Haupt stadt eines untergegangenen Reiches, als dessen Herrscher, nämlich als Caesar. Dieses Ereignis hat insofern etwas Naheliegendes, als das Frankenreich zum bei weitem überwiegenden Teil auf ehemals römischem Territorium liegt, auch dessen Kernbereich umfaßt, und, sieht man von den islamischen Gebieten ab, die mit dem ehemaligen Reich nichts im Sinn haben, das mächtigste politische Gebilde auf diesem Territorium da rstellt. Es hat jedoch insofern etwas Widersinniges, als das Reich, dessen Herrschertitel Karl durch den Papst zugesprochen wird, zwar dort, wo er ihm zugesprochen wird, untergegangen ist, anderswo aber, in reduzierter, oströmischer Form, noch existiert, und dieses noch bestehende Reich keineswegs im Machtbereich der Arnulfinger liegt. Und daraus ergibt sich die historisch einzigartige Situation, daß Karl nicht nur zum Herrscher eines Reiches gekrönt wird, zu dem er das eigene erst machen muß, nämlich indem er jenes nach Jahrhunderten des Verfalls wiederauferstehen läßt; sondern daß er diese Wiedergewinnung zugleich nicht sozusagen empirisch im Anschluß an dasjenige angehen darf, was davon lebendig geblieben ist - denn das würde die Anerkennung der Priorität Ostroms mit seiner aus der Antike weitergeführten Herrschertradition und seinem sozusagen bruchlosen Kulturbestand implizieren. Karl befindet sich in der paradoxen Situation, an eine Tradition anknüpfen zu müssen, ohne dasjenige, was von dieser Tradition in die Gegenwart reicht, aufnehmen zu dürfen. Er kann sein Reich nur herstellen im Anschluß an tote Überreste, Zeichen der Vergangenheit, insofern diese nicht mehr in die Aktualität von Gegenwart eingebunden sind, d.h. im Rückgriff auf Schrift, und nur darauf1. Nun sind zwar an verschiedenen Orten des Frankenreichs die unterschiedlichsten Schriften aus der Antike erhalten, aber der Gebrauch von Schrift hat sich, wie alles andere Römische, im Laufe der Jahrhunderte verloren. Es geht also nicht nur darum, vorhandene Schriften zu lesen, um ein untergegangenes Reich wiederaufleben zu lassen, sondern zunächst darum, lesen zu lernen - und zwar nicht dadurch, daß man der eigenen Sprache durch Hinzufügung graphischer Zeichen schriftliche Dimension verleiht, sondern umgekehrt: aus einer gegebenen, jedoch unleserlichen Schrift. Darin, denke ich, liegt die ko mmunikative "Ursituation" der europäischen Kultur: es ist die Situation von Schriftunkundigen angesichts einer Schrift, die es zu ent ziffern gilt, zu der es aber keinen Zugang gibt, als ihre Lektüre. Man könnte das als absolutes Lesenlernen bezeichnen. Mit dem Wort "absolut" muß man hier jedoch, wie immer, sehr vorsichtig sein. Auch wenn man weiß, daß dasjenige, was einem zu lesen aufgegeben ist, Schrift ist (und nicht bedeutungsloses Gekritzel), kann eine Lektüre schlechterdings nicht gelingen, solange nicht ein externer Schlüssel irgendeine Stelle der Schrift in bekannte Sprache zu "übersetzen" erlaubt. Die altägyptischen Hieroglyphen hätten sich ohne den dreisprachigen Stein von Rosette nie entziffern lassen. Der Stein von Rosette für die europäische Erschließung der Antike nun ist die Bibel. Auch die Bibel ist so gut wie unlesbar geworden, nicht nur für Laien - auch die Priester, die der Gemeinde daraus vorlesen, haben oft keine Ahnung mehr, was die lateinischen Texte bedeuten, die Lesung ist zu einem magischen Vorgang verkommen, wie ihn heute noch etwa das Wort "Hokuspokus" faßbar werden läßt: eine Verballhornung der Worte der Wandlung, d.h. der Bibel, hoc est enim corpus. Jedoch: es gibt noch die Mönche, die sozusagen ihr ganzes Leben solchem Hokuspokus widmen. Auch die Mönche können in der bei weitem überwiegenden Mehrzahl nicht mehr lesen, aber die Klöster sind insofern Orte der Lektüre geblieben, als das gesamte Tun und Lassen in ihnen sich von einer Schrift herleitet und auf sie beruft. Die Mönche verstehen nicht mehr, was sie lesen, aber sie tun genau das, was sie tun müßten, könnten sie lesen, und das ist deswegen so, weil sie dasselbe tun, wie die lesekundigen Mönche Jahrhunderte zuvor. Auch das ist Tradition, gewiß, aber zum einen nicht Tradition des Lesens, und zum anderen nicht Tradition des Römischen Reiches, genau das nicht. Die Christen des Römischen Reiches waren, salopp formuliert, Bücherfreaks, die ihr Leben ein für allemal und so gut es ging aus der Gesellschaft herausnahmen, um es der Lek türe zu widmen, Tag für Tag und Nacht für Nacht allein oder gemeinsam mit anderen Bücherfreaks ein und dieselben Texte lasen, sogar den Schlaf für solche Lektüreereignisse unterbrachen und die gemeinsamen Mahlzeiten in solche Ereignisse umfunktionierten. Klöster enstehen zum Zweck der Verbesserung der äußeren Lektürebedingungen (als da sind Ruhe, Erleichterung des Lektürevorgangs durch Ritualisierung und kollektive Disziplinierung, Schaffung maximaler Lesezeiten bei gleichze itigem Bannen der für einen einzelnen unweigerlich daraus re sultierenden Existenzbedrohung etc.). Die asoziale Tendenz der Umwidmung des Lebens in einen möglichst ununterbrochenen Lektüreprozeß führt dazu, daß den Christen die Schuld am Untergang des Römischen Reiches gegeben wird: Christen kümmerten sich nicht um die res publica , heißt es, und daran zerbreche diese, deswegen gehe die über ein Jahrtausend alte Kultur der Römer an den Anstürmen der Barbaren zugrunde. Man darf die heutige Debatte mithören. Besonders nachdrücklich werden diese Vorwürfe nach der Einnahme und Plünderung Roms durch die Westgoten im Jahr 410. Augustinus antwortet darauf mit der letzten großen Apologie des Christentums, nämlich den zweiundzwanzig Büchern "Über den Gottesstaat". Die erste Hälfte dieses Werkes verteidigt das Christentum durch den Versuch des Nachweises, daß das Reich nicht an der neuen Religion, sondern an seiner traditionellen, durch die Jahrhunderte immer weiter verkommenen Verfaßtheit zerbricht; in der zweiten Hälfte hingegen nimmt Augustinus diese Verteidigung beinahe explizit wieder zurück, indem er einen unversöhnlichen, die gesamte Geschichte durchziehenden Gegensatz zwischen Weltstaat, also der res publica, und Gottesstaat behauptet, der insbesondere deswegen in der Geschichte nicht zu lösen ist, weil es sich beim Gottesstaat um eine virtuelle Gemeinschaft handelt: auch wenn die Kirche als sinnenfälliger Zusammenschluß der Christen als eine Art Abbild der civitas dei fungiert, kann man doch im einzelnen nie wissen, mit wem man es zu tun hat. Diese virtual community ist definiert über eine kollektive Bemühung um Lektüre, nämlich des geschriebenen Wortes Gottes, und diese Bemühung ist koextensiv mit der Geschichte der Welt: der Anbruch des Verstehens der heiligen Schrift ist das Ende der Welt. Nur von dieser Auffassung von Geschichte als einem Lesenlernen her läßt sich die immense Wirkung des Werks in Europa, auch und gerade bei den Mächtigen, verstehen. Karl der Große, der nicht schreiben und kaum lesen kann, hat sich immer wieder aus dem "Gottesstaat" vorlesen lassen: gemeint, darin ein Modell des eigenen Reiches gefunden zu haben. Christliche Lektüre ist grundverschieden von allem, was bis dahin Lektüre war. Schrift ist in der Antike kein eigenständiges Medium: es ist ein Mittel, Rede zu übertragen, d.h. deren raum-zeitliche Reichweite zu erhöhen und unabhängig von der Verläßlichkeit des Gedächtnisses zu machen. Sie bleibt in den Rahmen gesprochener Sprache eingebunden: der Verfasser der Schrift ist für gewöhnlich ein dik tierender Redner, und der Leser vernimmt das Geschriebene, indem er es hört. Als interface solchen Vernehmens fungiert der Vorleser, der im Grenzfall nur sich selbst das Geschriebene zu Gehör bringt. Ivan Illich hat dafür den mittlerweile zwar überholten, immer aber noch sehr eingängigen Vergleich mit einer Schallplatte geprägt: die Augen fo lgen der Spur der Schrift, vernehmbar aber wird die Mitteilung erst durch ihre akustische Umsetzung. Stummes Lesen kommt so gut wie nie vor. Aufgrund dieser Einbindung der Schrift in Rede bleibt alles Geschriebene grundsätzlich sprachraumimmanent. Mit der rasanten Expansion der griechischen Kultur seit Alexander dem Großen, vollends dann im Römischen Reich, wird diese Einbindung jedoch instabil. Schrift gewinnt einen funktionalen Überhang über Rede, wird immer auffälliger für Mitteilungen eingesetzt, die nicht nur die räumliche und zeitliche Reichweite und die Verläßlichkeit von Rede steigern, sondern den Rahmen dessen, was Rede leisten kann, sprengen; Latein und Griechisch werden, in den Randgebieten des Reiches, tendenziell zu von der jeweils gesprochenen Sprache unabhängigen Schriftsprachen. Folge davon ist das Aufbrechen einer irreduziblen Lektüreunsicherheit: schriftliche Mitteilung läßt sich nicht mehr fraglos, auch laut gelesen nicht, im pragmatischen Rahmen des Alltags situieren, ihr Verständnis, mithin Lektüre nicht mehr von diesem herleiten. Das philosophische Symptom dafür ist der spätantike Skeptizismus: die Annahme, der (schriftlich geführte) Diskurs des Wissens lasse sich nicht mehr mit der Gegenwart des einzelnen in Übereinstimmung bringen, die Wahrnehmung des einzelnen könne nicht ausreichen, um zwischen einander widersprechenden Thesen und Theorien zu entscheiden. Gegen diesen Skeptizismus entsteht das Christentum. Der einzelne wird zum Christen, indem er durch den skeptischen Umgang mit Schrift hindurch, aus der Schrift eine Stimme vernimmt, die gewissermaßen über dem Diskurs steht, diesem gegenüber immun ist. Der Vorgang erinnert, wenn auch als dessen Umkehrung, an das erwähnte Kippen von primärer Lektüre in Diskurs. Seine genaueste Beschreibung verdanken wir wieder Augustinus; sie findet sich in dessen "Bekenntnissen". Augustinus nimmt wieder einmal eine der heiligen Schriften auf, in denen er auch bisher schon so oft, wenn auch vergeblich, versucht hat, dem unend lichen diskursiv-interpretativen Regreß zu entkommen, konsumiert sozusagen die skeptische Position, indem er nicht auf den Autor achtet (es ist Paulus), nicht danach trachtet, herauszufinden, was dieser meinte - und vernimmt dennoch etwas in seiner Lektüre. Die Schrift spricht ihn, wie man so sagt, an, er vernimmt die Wahrheit, und zwar nicht als allgemeine Theorie, Gesetz oder ähnliches, sondern als individuell an ihn selbst als Leser gerichtete Mitteilung. In der christlichen conversio entsteht Schrift als eigenständiges Medium. Von nun an spricht nicht mehr irgendjemand mittels Schrift: von nun an spricht das Buch. Es ist klar, daß das nicht die Art von Lektüre ist, die Karl der Große benötigt - aber es ist auch nicht mehr die Art von Lektüre, die in den Klöstern des 8. Jahrhunderts praktiziert wird. Lesen ist mittlerweile, wie gesagt, ein äußerst rares Ereignis. Geblieben ist davon zum einen der Glaube an das sprechende Buch, zum anderen ein System kollektiver Verhaltensformen, die sich aus diesem Buch herleiten. Der Zusammenhalt zwischen beidem - der heiligen Schrift auf der einen Seite, den deren Anspruch entsprechenden Handlungen auf der anderen - ist nur noch rituell gesichert: deswegen, weil diese Handlungen seit Jahrhunderten so wiederholt werden, wie sie einstmals aus der Schrift hergeleitet wurden. Die Handlungen werden nicht mehr aus aktueller Lektüre gewonnen, sondern ungekehrt: Lektüre findet nur noch statt als Rückschluß aus den geforderten Handlungen auf die diese Handlungen fordernde Schrift. Die Bibel wird nicht mehr gelesen, sie wird lediglich noch vorgelesen, und was auf diese Art erklingt, ist entweder in der Sprache der Zuhörer sinnlos - Beispiel Hokuspokus -, oder es ist von dieser Sprache her, nicht durch die Buchstaben, determiniert. (Bezeichnend dafür ist etwa ein Konzilsbeschluß aus dem frühen neunten Jahrhundert, in dem es heißt, der Vorleser solle wei terhin so lesen, daß das auf Latein Geschriebene den Zuhörer in der von ihm gesprochenen Sprache erreiche, in rusticam romanam linguam aut theodiscam, auf Französisch oder Deutsch1.) Und diese Situation weist durchaus Affinität zu der des karolingischen Reiches auf. Und da sie in ihrer Genese gleichsam vom anderen Ende herkommt, kann sie als Schlüssel für ein neues Lesenlernen dienen: nämlich wenn man das ursprünglich aus der Schrift generierte Handlungswissen dazu nutzt, die schriftliche Mitteilung, über die dieses Wissen entstand, zu rekonstruieren. Voraussetzung für solche Rekonstruktion ist gleichsam die Beseitigung der Unschärfen des magischen Umgangs mit dem Buch, der das Gefühl vermittelt, es handle sich immer noch um ein, wenn auch in seiner Wirkungsweise uneinsichtiges Lesen. Auch der Restbestand an vermeintlichen Zusammenhängen zwischen Schrift und gesprochener Sprache muß gekappt, Schrift zur - wenn auch noch unverständlichen - eigenständigen Sprache radikalisiert werden. Die Sprache der Bibel wird zwar seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen, die Sprache des Volkes nirgends im Frankenreich geschrieben; aber in diesen Sprachen klingt die Sprache der verlorenen Kultur immer noch mehr oder minder stark nach. Karl der Große begegnet dem dadurch, daß er den Buchstaben konstante, sozusagen ahistorische, Lautwerte zuordnen läßt, die er für im ganzen Reich verbindlich erklärt. Und bei dieser Zuordnung orientiert er sich - was die Unterordnung des Klangs gegenüber der Aufzeichnung, die Bedeutungslosigkeit des Klangs als selbständigem Medium sicherstellt - nicht an den Lesekundigen des eigenen Reiches, sondern an den britischen Inseln: einem Land, das zum Teil nie unter rö mischer Herrschaft stand, was unter anderm heißt, daß Latein dort nie gesprochene Sprache war. Sein wichtigster Berater in Fragen des Lesens, Alkuin, kommt aus dem wenig südlich des Hadrianswalls gelege nen York. Schrift wird zu einer Sprache aus eigenem Recht. Die Maßnahmen Karls sind bekannt: er holt Mönche an seinen Hof, die er mit verschiedenen Aufgaben zur Erschließung von Schrift betraut, funktioniert die Klöster um in sozusagen kulturtragende allgemeine Schriftanstalten, das dort in Gebrauch befindliche Latein wird normiert, es werden Schulen als Institutionen des Lesenlernens errichtet, im ganzen Reich alte Schriften abgeschrieben. Um deren Korruption entgegenzuwirken, läßt Karl Textvarianten vergleichen, entscheidet er fallweise zwischen Varianten, macht er eine zur im Reich verbindlichen; ausdrücklich dürfen nur ältere, erfahrene Mönche als Kopisten fungieren. Das wichtigste Ereignis in diesem Zusammenhang ist die Entwicklung einer neuen Schrift. Diese Schrift zeichnet sich durch historisch beispiellos gute Lesbarkeit aus: konsequente Verwendung von Ober- und Unterlängen zur leichteren Unterscheidung der einzelnen Buchstaben; Absetzen der Worte oder Phrasen voneinander (eine Praxis, die erst kürzlich von irischen Mönchen, also außerhalb des ehemaligen römischen Machtbereichs, entwickelt worden war); weitestgehende Abschaffung von Ligaturen, also von Zeichen, die im allgemeinen Verschleifungen der gesprochenen Sprache wiedergeben, jedenfalls aber das Lesen und Lesenlernen beträchtlich erschweren; und Verwendung anderer Schriften für besondere Textstellen (Überschriften, Anfangsbuchstaben, Zitate etc.) - und das ist nicht nur ein erster Ansatz zur Differenzierung von Groß- und Kleinbuchstaben. In dieselbe Richtung wirkt die Einführung der Interpunktion um diese Zeit, sowie die Entwicklung analytischer Zeichen, die der grammatikalischen Ent schlüsselung der Texte dienen. All diese Charakteristika explizieren in einem je bestimmten Moment die neue Funktion von Schrift: nämlich ihre selbständige, traditions- und mithin redeunabhängige Medialität. Die europäische Schriftaneignung erfolgt von einem Punkt aus, den man als die phonetische Nullstellung von Schrift bezeichnen könnte. Schrift ist nicht mehr der Spur auf einer Schallplatte vergleichbar, sondern wird unmittelbar mit den Augen gelesen. Auch wenn sich in den Klöstern noch alte Lesetraditionen halten: von nun an wird zunehmend das stille Lesen zum paradigmatischen Leseverhalten. Die neue Schrift ist nicht nur ein Alphabet; sie ist eine ganze graphische Rhetorik, die bereits für die Augen faßbar machen soll, was bis dahin erst nach der Umsetzung von Schrift in Klang deutlich wurde. Schrift wird zu einem visuellen Medium. Einen sehr schönen Kommentar zu diesem Umbruch liefert die Bildende Kunst. Die Spätantike zeigt Christus und andere biblische Gestalten oft mit geöffneten Büchern, als Vermittlerinstanzen zur Erschließung der heiligen Schrift. Im sechsten und siebenten Jahrhundert schließen sich diese Bücher, parallel zum Verlust der Lesefähigkeit und zur Transformation der Bibel in einen magischen Gegenstand. Aber ab dem neunten Jahrhundert taucht ein neuer christlicher Leser mit geöffnetem Buch in den Bildern auf, genauer: eine Leserin, nämlich Maria1. Maria ist das Ideal nicht des kundigen Schriftvermittlers, des Priesters, sondern des christlichen Adressaten von Schrift. Sie befindet sich auf diesen Bildern durchwegs in der selben, sehr spezifischen Situation, nämlich jener der Verkündigung. Sie erlebt gerade an sich, mit den Worten des Johannes-Evangeliums, die Fleischwerdung des Wortes. Maria liest, und das Wort kommt in die Welt, und zwar nicht irgendwie, sagen wir im Kopf der Leserin, sondern als Fleisch, d.h. als vollgültiges Moment von Gegenwart: ich denke, genauer kann man den neuen Zugang zu Schrift nicht formulieren. Auf diese kommunikative Situation ist die europäische Kultur bis heute zurückzuführen, oder doch beinahe bis heute. Lesen ist in Europa nicht eine mehr oder minder hoch angesehene Technik, die als eine Art Fern- und Nachhören die raumzeitliche Ausdehnung des kommunikativen Feldes Kultur gegenüber Rede steigert, den Kulturbestand exaltiert, also eine sehr nützliche Sache, sondern sie ist die Kulturtechnik schlechthin, auf spezifische Weise neu erfunden während des letzten Viertels des ersten Jahrtausends zur Beseitigung eines für Europa grundlegenden kulturellen Defizits. Diese Technik unterliegt allerdings im Lauf der Zeit zwei wesentlichen Transformationen, man könnte sagen: sie wird verbessert. Zunächst mit dem Aufkommen der Scholastik im 12. Jahrhundert. Ich halte dieses Aufkommen nicht für einen historischen Bruch, wohl aber für eine Entwicklung, die bis heute unser Leseverhalten bestimmt. Tatsächlich scheint es mir unvermeidlich, daß eine Kultur, die sich mit geradezu transzendentaler Intensität dem Lesen widmet, früher oder später auch schreiben lernt, und damit meine ich natürlich nicht den Vorgang des Abmalens von Buchstaben oder der Aufzeichnung von Lauten mittels Buchstaben, d.h. die Tätigkeit der Schreiber, sondern ein vom neuen Lesen abgeleitetes Schreiben. In dem Maße, wie Lesen zu einem Selbstlesen, d.h. zu einem visuellen Vorgang wird, wird die Kenntnis der graphischen Zeichen der Schrift unabdingbare Voraussetzung aller Lektüre, fallen Lesenkönnen und Schreibenkönnen in eins ­ und wird auch Schreiben zu einem nicht mehr über Klang vermittelten, sondern visuellen Vorgang, der ebenso unmittelbar ein Denken abbildet, wie Rede. Das setzt zum einen die Funktion des Schreibers frei, dessen Können nicht mehr in die Abläufe der monastischen Schriftanstalten eingebunden, nicht mehr von der Wiedergewinnung einer verlorenen Kultur her definiert ist: es entsteht der Stand der Kleriker, der nicht nur Priester und Mönche umfaßt, sondern alle, die ihr Rede-in-Schrift-verwandeln-Können als zweckfreie Technik in den Dienst anderer stellen - was insbesondere die Verschriftlichung der Volkssprachen zur Folge hat. Und umgekehrt bleibt eine eigenartige Personalunion als kulturelle Schlüsselinstanz: der schreibende Leser. Dieser Leser muß, da für ihn nicht nur Lektüre, sondern der Vollzug schriftlicher Mitteilung insgesamt ein visueller Vorgang ist, bei der Nutzung der graphischen Möglichkeiten des Schreibens nicht mehr einer Rhetorik folgen, die das Erklingen von Schrift auf das beschriebene Blatt bannt, sondern kann diese Möglichkeiten auf viel radikalere Weise in den Dienst der Lektüre stellen, genauer: in den Dienst des Lesenlernens. Und Lesenlernen wird, wo die Frage des akustischen interface der Schrift eliminiert, das Problem des Erfassens von Buchstaben und Worten bewältigt ist, zu einer auf Verstehen ausgerichte ten Tätigkeit: eine Angelegenheit des Nachschlagens und Vergleichens (das war es natürlich auch zuvor, ohne aber, daß das, solange der Schreiber nicht der Leser war, einen Niederschlag in der Schrift hätte finden können). Die graphische Gestaltung von Schrift kann nun dazu genutzt werden, derartige Lektüreschritte festzuhalten und damit für den nächsten Leser sei es zu erleichtern, sei es zu erübrigen, ebenso wie sie bis dahin dazu genutzt wurde, akustische Artikulation zu ersetzen. Schreiben steht von nun an im Dienste nicht mehr rhetorischer, sondern rationaler Lektüreerleichterung, und das heißt auch: der Rationalisierung - Beschleunigung, Steigerung der Leistungsfähigkeit der Lektüre antiken Schrifttums. Bücher sind von nun an nicht mehr nur Gegenstand, sondern auch Instrument der Lektüre: sie werden, wenn Sie mir die unsägliche Wortbildung noch einmal verzeihen, protohypertextualisiert. Die Seiten werden so in Spalten unterteilt, daß der Leser jeweils eine ganze Zeile auf einmal erfassen kann; die Texte werden minutiös untergliedert, in kleine Einheiten unterteilt, richtiggehend zerhackt, durchgängig mit Überschriften und immer wieder mit Zusammenfassungen versehen. Überall werden Verweise, Kommentare angebracht. Inhaltsverzeichnisse, Begriffskonkordanzen, alphabetisch geordnete Register entstehen, d.h. die Suchmaschinen der rationalen Schrift, die bis heute in Betrieb sind. Alles ist darauf angelegt, daß Bücher nicht mehr im Zusammenhang gelesen werden müssen, sondern "punktuell" zu gänglich sind, in kurzen Abschnitten, die sich leicht auffinden und - zum Zweck des Verständnisses - mit ebensolchen Abschnitten anderer Bücher kombinieren, zusammenlesen lassen. Dabei treten die Schriften, um deren Verständnis es geht, auch materiell in den Hintergrund: Kompilationen, Sentenzensammlungen, Anthologien, ein ganzes System des readers digest ersetzt die Originaltexte, sogar im Unterricht, auch für Lehrer, nicht einmal mehr die Bibel wird als Buch gelesen. Die Scholastik hat so ziemlich alle Sünden begangen, die heute den an elekt ronischen Medien geschulten Lesern vorgeworfen werden. Und mit dem Buch als Lektüreinstrument entstehen einerseits eine neue, spezifisch europäische Form des schriftlichen Diskurses, und andererseits - da sich ein derart entfesseltes Lesen mit der nunmehr wieder möglich gewordenen monastisch-konzentrierten Lektüre nicht vereinbaren läßt - die Universität als Trägerinstitution dieses Diskurses. Die zweite tiefgreifende Transformation des europäischen Lesens verdankt sich dem Buchdruck. Für sich genommen hat diese Erfindung nichts Revolutionäres an sich. Als erstes Beispiel seiner, wie er es korrekterweise nennt, ars artificialiter scribendi druckt Gutenberg, ebenso verblüffender- wie bezeichnenderweise, das eine Buch, an dem im 15. Jahrhundert mit Sicherheit kein Mangel herrscht und an dessen Verbreitung kein anderes auch nur annähernd herankommt, nämlich die Bibel. Er druckt die Bibel, genau weil sie das meistproduzierte, das ei ne unablässig kopierte Buch ist: denn das Novum betrifft nicht das Ergebnis, sondern dessen Herstellung. Zu einer Revolution wird der Buchdruck erst in Verbindung mit einer anderweitig generierten Radikalisierung des kulturellen Defizits Europas, nämlich mit dem italienischen Humanismus. Ursache für diese Radikalisierung ist jene Selbstausschaltung des Papsttums während des 14. und frühen 15. Jahr hunderts, die für gewöhnlich unter dem Titel "Großes abendländisches Schisma" abgehandelt wird. Das Papsttum doppelt sich, nach einem gescheiterten Einigungsversuch gibt es gar drei Leute, die von sich behaupten, sie seien der Papst, der Stuhl Petri ist, nämlich als Legiti mationsinstanz des Reiches, vakant, und er ist das nicht nur in einem ü bertragenen Sinn, sondern auch in geographischer Hinsicht: die Päpste befinden sich jahrzehntelang in Avignon und anderswo, nicht aber in Rom. Die Hauptstadt des alten, begehrten Reiches rückt gleichsam aus dem Zentrum des europäischen Christentums heraus, wird erstmals seit beinahe einem Jahrtausend freigesetzt als verfallene ehemalige Kaiserstadt, im Sinne der Zeitgenossen müßte man wohl eher sagen: urbs aeterna. Und das ermöglicht eine kulturelle Verzweiflungstat: den Versuch, buchstäblich aus den Ruinen vor Ort die alte Kultur wiederauferstehen zu lassen, in einer Art kollektiven learning by doing . Auch wenn die politische Restitution des Imperiums alsbald in sich zusammenbricht, so bleibt doch, als langfristiges Unternehmen, die Bemühung um Wiedergewinnung der alten Sprache, und zwar nicht, wie sie aus dem Jenseits der verlorenen Kultur in schriftlichen Überresten faßbar bleibt, sondern als aktuelles Medium der Mitteilung. Entspre chend heftig sind die Klagen der Humanisten über die diskursiven Verfälschungen der antiken Texte, die Fehler der Kopisten, Kompilatoren, Kommentatoren, in denen sich das antike Original, weil es die Forscher nur noch mittelbar interessierte, über weite Strecken verloren hat. Und in dieser Situation erhält der Druck eine neue kommunikative Funktion. Wird er zum einen dazu eingesetzt, das Schwinden der Originale anzuhalten: was einmal gedruckt ist, kann mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr so bald verloren gehen. Und zum a nderen wird aus ihm ein Instrument ­ nicht der Lektüre, sondern - der Textrestitution. Der Druck, erst der Druck, ermöglicht, da er beliebig viele garantiert identische Exemplare eines Buchs herzustellen, alle Ge lehrten mit ein und derselben Schrift zu versehen erlaubt, entstellte Texte gleichsam als kollektives Werkstück herauszubringen, an dem sich das Original zurückgewinnen läßt. In dieses Werkstück läßt sich jede einzelne Variante, jede darauf bezügliche Erkenntnis aller Gelehrten eintragen, sodaß die nächste Auflage - ganz im Gegensatz zur nächsten handschriftlichen Kopie - ein Stück weiter auf das Original zurückführt. Der Druck ist eine Art Heilmittel gegen die Verwüstungen des scholastischen Diskurses. Wichtig ist die immanente Logik derartiger Textkritik. Der Text ist hier nicht dasjenige, was in Druckerschwärze auf Papier oder Pergament vorliegt; was vorliegt, ist das Ergebnis eines jahrhundertealten schriftlichen Diskurses, eine Art tentative Synthese aus diesem Diskurs, in der der Text erst noch auszumachen bleibt, nämlich durch "Überlesen" all dessen, was der Diskurs angerichtet hat. Der Leser muß gleichsam durch die gedruckte Schrift hindurchblicken, um den Text als dasjenige erfassen zu können, was sich vom Autor her als dessen Mittei lung denken läßt. Die Haltung des Lesers gegenüber der gedruckten Schrift wiederholt auf eigenartige Weise jene gegenüber der heiligen Schrift, die Augustinus beschrieben hat. Allerdings ist es diesmal nicht der Schöpfer, der vernommen wird, sondern der Autor. - Diese neue Logik des Lesens bleibt nicht ephemere Determinante des Tuns einiger weniger begeisterter Gelehrter, und zwar deswegen, weil der Druck langfristig allgemein genau jene Durchsichtigkeit des Mediums generiert, die die Gelehrten durch schriftimmanente Rekonstruktionsversuche und Variantenvergleich zu erreichen trachten. Denn der Druck normiert nicht nur das Schriftbild auf historisch beispiellose Weise, sodaß er die Aufmerksamkeit zunehmend von ihrer optischen Gebundenheit freisetzt (so wie das Mittelalter sie von ihrer akustischen Gebundenheit freisetzte). Der Druck gibt dem Leser auch nie das Werk des Autors in die Hand. Er produziert nicht, wie ein Kopist, ein individuelles Medium, in dem festgehalten ist, was der Autor sagte oder schrieb, sondern er produziert ein ganzes Genus davon, zu dem sich das einzelne Exemplar verhält wie etwa ein Apfel zur Idee des Apfels. Der Leser liest nicht mehr in einem Buch, das mit seinen Ausmaßen, seinem Gewicht, Geruch, seinen Farben vor ihm liegt, sondern er liest ein Buch. Das Mittelalter machte das Buch zu etwas Unhörbarem; jetzt wird es - für den Leser - unsichtbar. Jetzt kann der Leser sich, wie es so schön heißt, in das Buch vertiefen, versenken, taub und blind für die Welt werden, wie die frühen Christen in ihrer Lesewut; denn das eine Element, das bisher alle Leser im Hier und Jetzt hielt (und das auch die Christen erst nach lebenslangen spirituellen Exerzitien freiließ), das eigenartige materielle Substrat Buch, löst sich nun im Vollzug der Lektüre auf. Wer derart taub und blind für die Welt geworden ist, hat sozusagen seine inneren Sinne frei gesetzt, kann anderes hören und anderes sehen, und dieses andere ist der Text - aber der Text nicht mehr als Schrift, sondern als dasjenige, was dieser, nun nicht mehr in graphische Zeichen gebannt, zugrundeliegt. Das Buch wird gleichsam zu einer Maschine, die der Leser in Gang setzen muß, damit sie ihm, vor seinen inneren Sinnen, den Text als ihr Produkt liefert. Es wird zur Pforte einer anderen Welt, in die jeder Leser eintreten kann ­ ich nenne sie der Einfachheit halber "Romanwelt", und d.h. immer noch, ich bitte um Nachsicht für das Wortspiel: römische Welt. Europa hat lesen gelernt. 3. Romanlektüre und scholastische Lektüre spannen ein Feld auf, in dem die Gesamtheit der traditionellen europäischen Lektürepraktiken situiert ist. Sie sind in ihrer Genese aufeinander verwiesen und zugleich aufeinander irreduzibel, aber sie sind keine Gegensätze: nicht Pole, sondern die beiden Achsen eines zweidimensionalen Koordinatensystems, in das sich jeder einzelne Akt traditionellen Lesens eintragen läßt. Diese Achsen sind gleichsam durch Nullstellung jeweils einer Dimension möglichen Lektüreverhaltens gewonnen, Ergebnis einer je spezifischen Abstraktion. Die logisch erste ­ wenn auch historisch später gewonnene ­ Dimension dieses Feldes der Schriftlektüre wäre jene des Romans, d.h. des Vollzugs von Mitteilung mittels eines möglichst durchsichtigen, unfaßbaren Mediums, das tenden ziell in der reinen Funktionalität der Übertragung des mitgeteilten Inhalts aufgeht. Man könnte das die kommunikative Achse der Schriftlektüre nennen; auf ihr wären die Grade des Schwindens des Mediums, der "Entgegen-ständlichung" von Schrift für den Leser abzutragen. Die andere Dimension wäre die diskursive: eine Lesehaltung, die grund-sätzlich immer mit einem Maximum an Medialität rechnet, da in ihr die Frage nach der Verweisung des Texts auf seinen Inhalt als vor-schriftlichem Gegenstand oder Vorgang ausgesetzt ist; der scholastische Leser "glaubt" nicht, was er liest, nämlich in dem Sinne, daß es ihm gar nicht um das Vernehmen einer Mitteilung geht, sei ne Lektüre an keinem Punkt das Universum des schriftlichen Diskurses verläßt. Auf dieser zweiten Achse wären die Grade der Diskursivierung, diskursiven Komplexität der Lektüre als einer Entfernung vom Original einzutragen (die beim Romanleser immer null beträgt). Im Ursprung dieses Koordinatennetzes läge eine Lektüre, die eine Schrift zugleich als Original und als Gegenstand behandelte, wie das etwa bei einem schriftlichen Beweisstück vor Gericht der Fall ist. Oder bei einer aus der Antike überkommenen Schrift, die ihre Geheimnisse preisgegeben hat: der eine, omnipräsente europäische Gerichtsfall. In der größten Entfernung zu diesem Ursprung befände sich umgekehrt ein restlos diskursiviertes und entgegenständlichtes, d.h. Gegenwart überlagerndes Lesen, wie es am ehesten wohl im Umgang mit Zeitungen stattfindet: eine Lektüre, in der sich gleichsam ein Hypertext aus Überschriften, Zusammenfassungen, Kommentaren und Verweisen über die Gesamtheit möglicher Gegenwart legt, wobei die Verknüpfungen nicht auf andere Texte, sondern auf Realität als vor-schriftliches Geschehen führen, diese Realität damit bedeutsam machen, durch eine Art Wirklichkeitsfikt ion in den Status eines, wenn auch unlesbaren, Texts heben. Bildschirmlektüre nun - und damit bin ich wieder bei der eingangs gestellten Frage - scheint sich in diesem Koordinatensystem nicht positionieren zu lassen. Bildschirmlektüre ist denkbar weit von Romanlektüre entfernt, nicht nur insofern ihr hervorstechendstes Merkmal Hypertextualität ist, sondern auch, insofern sie in optischer Hinsicht zu einem Verhalten zwingt, das sich mit der Portalfunktion des Buches nicht vereinbaren läßt: die Zeichen sind nicht mehr materiell fixiert, müssen ständig bewegt werden, damit der Text erfaßt werden kann, und dadurch verbietet sich das für Romanlektüre erforderliche Übersehen ihrer Präsenz; wer dem Text - buchstäblich - folgen will, muß eine gegenwartsbezogene Wachsamkeit aufbringen, bei der sich eine fiktionale Welt nur äußerst schwer aufbauen kann. Anders als das beschriebene Blatt Papier, ist der beschriebene Bildschirm von undurchdringlicher Opazität. Umgekehrt erscheint es mir nicht plausibel, Bildschirmlektüre als Konkurrenz für Romanlektüre auf zufassen, so wenig wie Fahrplanlektüre als Konkurrenz für Bibel lektüre. Wenn die technischen Medien eine Konkurrenz für die Romanlek türe geschaffen haben, dann nicht durch den Bildschirm des Computers, sondern durch den Film: der Kinobesucher befindet sich in einer Situation, in der die üblichen Ansprüche von Gegenwart an seine Sinne bestmöglich reduziert sind - bequeme Sitze, ein abgedunkelter und gegen Geräusche von außen abgeschirmter Raum -, und er wird in eine andere Welt versetzt, indem ihm diese vor Augen geführt und zu Gehör gebracht wird. Das Ergebnis ist dasselbe, wie bei Romanlektüre, aber es wird nicht mehr fiktional erreicht, sondern simulativ: keine jahrelangen Exerzitien sind vonnöten, wie der Romanleser sie durchgeführt haben muß, um lesen zu können, ohne die Zeichen, die er liest zu hören oder zu sehen. Auch das Kinogehen will geübt sein; aber solche Übung zielt darauf ab, eine mehr oder weniger defiziente Simulation für die Sinne als solche in Kraft zu setzen, nicht auf die Kunst, die Ohren den Geräuschen der Gegenwart zu verschließen, und doch ständig etwas zu hören, mit den Augen schwarze Striche auf Papier aufzunehmen, und dabei etwas ganz anderes zu sehen. Der Film verhält sich zum Roman etwa so, wie die prächtigen, in Kirchenräumen und anderswo gemalten sog. Armenbibeln zur Bibel: er liefert das Ergebnis einer spezialisierten Lektüre trotz weitestgehender Reduktion der Anforderungen an die mediale Kompetenz des Vernehmenden. ­ Und doch ­ und es ist dieser Widerspruch, der die Positionierung von Bildschirmlektüre im Feld traditioneller Lektüre verunmöglicht ­, und doch tritt der Bildschirmleser, wenn er seine Maus bedient, mit einer medialen Vorbehaltlosigkeit in den Hypertext ein, die das exakte Äquivalent zum Verhältnis von Romanleser und Buch zu sein scheint. Der Bildschirmleser navigiert, surft, wie immer man diese Tätigkeit auch nennen mag, in einer Welt, die sich ihm über das elektronische Portal eröffnet, geht darin auf, wie der Romanleser im gedruckten Buch oder die Frühchristen im handgeschriebenen. Aber diese Welt ist nicht mehr die des Texts, sondern die des Hypertexts. Auf ähnliche Schwierigkeiten stößt man beim Versuch, Bildschirmlektüre mit Bezug auf die diskursive Achse des Feldes der Schriftlektüre zu situieren. Zwar wurde das Konzept des Hypertexts explizit mit dem Ziel einer technischen Überhöhung traditionell-scholastischer Lektüre erfunden und entwickelt. Zugleich aber kappt, wie schon gesagt, die hypertextuelle Struktur des am Bildschirm Erscheinenden tendenziell den Bezug auf die kommunikative Dimension schriftlicher Mitteilung, setzt sie einen "reinen" Diskurs frei, der, im Gegensatz zu scholastischer Lektüre, die kommunikative Dimension des Lesens auch nicht mehr als seinen Horizont ansetzen kann: wir steuern auf einen Zustand zu, in dem Schrift grundsätzlich nur noch der Fortbewegung im Universum des Hypertextuellen dient. Alle Schrift reduziert sich auf die hypertextuellen Funktionen von Überschrift, Zusammenfassung, Kommentar, Hinweis, alle Worte werden zu demjenigen, was früher einmal, als das noch eine seltene Funktion war, "Schlag-" oder "Stichwort" geheißen hat. Ein solcher Diskurs kann sozusagen die Spannung auf die andere Dimension des Feldes der Schriftlektüre nicht mehr halten. Die Hypertextualisierung von Schrift sprengt das Koordinatennetz traditioneller Lektüre. Das heißt aber nicht, daß wir nun doch in jenen Abgrund apokalypti scher Sinnlosigkeit eines Universums letztlich unlesbarer Zeichen gestürzt sind, vor dem Europa von Anfang an stand. Es heißt lediglich: daß Schrift allein, von der Bildschirmlektüre her gedacht, nicht mehr in der Lage ist, die eigene kommunikative Dimension auszuspannen. Das ist zwar auch eine Katastrophe, aber lediglich für jene, die sie verkünden, nämlich weil es das europäische Unternehmen des absoluten Le senlernens zum Phantasma degradiert. Die Funktion, die Schrift, wenn meine Rekonstruktion stimmt, im Europa der letzten zwölfhundert Jahre zu erfüllen hatte, kann sie unter den kommunikativen Bedingungen, die über den Computer dabei sind, sich herzustellen, nicht mehr erfüllen. Schrift kann, am Bildschirm, ihre eigene kommunikative Funktion nicht mehr absichern, nicht mehr als auf sich gestelltes, absolutes Medium funktionieren - aber sie muß das auch nicht. Denn der Computer ist nicht nur in der Lage, Schrift zu übermitteln, sondern auch Rede und allgemein alles, was sich durch technische, d.h. simulative Medien erfassen läßt. Unter Simulation verstehe ich die Produktion von Zeichen, deren Wahrnehmung sich lediglich in qualitativer Hinsicht von der Wahrnehmung des Bezeichneten unterscheidet, und die daher als dieses Bezeichnete erkannt werden können: das resultiert im Extremfall in Täuschung, für gewöhnlich in einem Erkennen, das eine mehr oder minder starke Konkretisierungsleistung des Erkennenden voraussetzt, etwa so wie das Wahrnehmen eines Gegenstandes im Nebel. Schrift muß im Unterschied dazu auf eine Weise durch die Sinne wahrgenommen werden, die nichts mit der Wahrnehmung des jeweils Bezeichneten zu tun hat. Wer angesichts der Buchstabenfolge B-A-U-M äußert "das ist ein Baum", weiß nicht, was er sagt: Geschriebenes wird als Schrift erkannt, nicht als dasjenige, was es bezeichnet. - Aufgrund der simulativen Möglichkeiten des Computers nun kann der Bildschirm wie die Seite eines Buches eingesetzt werden, die ständig in Klang oder Bilder, also in Simulation "kippt", d.h. mit Verweisen durchsetzt ist, die nicht in ihrem Bezug auf andere Texte aufgehen. Damit meine ich nicht, daß Bilder und Klänge irgendwie stärkeren "Realitätsgehalt" aufwiesen, als Geschriebenes, wohl aber, daß sie gegenüber Hypertextualisierung gleichsam resistent sind, da sie immer ein simulatives Moment von Gegenwart bewahren. Derartiges Überschreiten von Schriftlichkeit ist zwar auch in traditioneller Lektüre möglich und üblich - etwa bei Illustrationen oder zwischen Anführungszeichen Geschriebenem, das, laut gelesen, einen Klang aus der Romanwelt in Gegenwart simuliert -, aber im Rahmen solcher Lektüre doppelt das lediglich eine Leistung, die grundsätzlich durch Schrift erbracht werden kann und wird. Solche nicht-schriftlichen Zeichen fungieren traditionellerweise als externe Lesehilfen, die die Wahrnehmung der Welt des Texts punktuell in eine Wahrnehmung von Gegenwart zurücknehmen und damit die Anforderungen an die Abstraktionsleistungen des Lesers reduzieren. Am Bildschirm jedoch übernimmt diese bisherige Hilfsfunktion eine tragende Rolle, substituiert sie Schrift in ihrer kommunikativen Dimension, oder vorsichtiger: fungiert sie als Platzhalter für diese Dimension von Schrift, etwa wie die Schriftzeichen der Antike als Platzhalter für Rede fungieren. Und das ist kein Rückfall in vorschriftliche Zeiten, sondern historische Konsequenz der Radikalisierung von Schrift zum Hypertext, sozusagen der Preis für die neue Mächtigkeit von Schrift. Nach der karolingischen Visualisierung von Schrift und dem scholastischen Schriftbild ist die Erfindung des Hypertexts für den Bildschirm gleichsam eine dritte Welle der Übertragung von Lesekompetenz auf dasjenige, was der Leser sieht; da kann es eigentlich nicht verwundern, wenn dabei insbesondere die Grenzen zum Bild ins Wanken geraten. Bildschirmlektüre läßt sich nicht im Koordinatensystem traditioneller Lektüre situieren, weil sie nicht zwei- sondern dreidimensional determiniert ist: sie in einem Raum möglicher Lektüreformen stattfindet, innerhalb dessen das Feld traditioneller Lektüre nur noch einen Spezialfall darstellt, sozusagen eine Grenzfläche, von der aus sich als dritte Dimension nach der kommunikativen und der diskursiven jene der Simulation aufspannt: das Feld traditioneller Lektüre bezeichnet in diesem Raum ein Minimum an Simulation; die zunehmende Dis tanz zu diesem Minimum führt in die Weiten von Textwelten, die kleinstmögliche Präsenz des Mediums für den Leser durch Minimierung der Anforderungen an dessen mediale Kompetenz erreichen, nämlich in den Bereich der virtual reality. Die althergebrachten und durchaus verdienstvollen Dichotomien der Definition von Schrift ­ Schrift vs. Bild, gesprochene vs. geschriebene Sprache ­ haben allenfalls noch heuristischen Wert. Der neue Raum der Lektüre ist, wie Räume das so an sich haben, ein Kontinuum, und in diesem Kontinuum ist jeder einzelne Akt des ­ nicht mehr auf den Umgang mit Schrift begrenzten - Lesens situiert nach seinem Mehr-oder-Weniger mit Bezug auf die drei Parameter Kommunikation, Diskurs und Simulation. Als Emblem des Übergangs von zweidimensionaler zu dreidimensionaler Lektüre kann ­ und damit komme ich zum Schluß ­ der Zeigefinger im Bildschirm gelten: jene Vorrichtung, die seit jeher dazu dient, die Verankerung sprachlicher Zeichen in Nichtsprachlichem abzusichern, und die dem traditionellen Leser als Konzentrationshilfe erlaubt, die Aufmerksamkeit auf den Text als ein Jenseits der Schrift oder auf die Gegenwart um ihn herum zu richten, ohne dabei den Faden der Zeichen zu verlieren, und die nunmehr eine neue Funktion erhalten hat. Der Zeigefinger war bisher ein Grenzgänger der Lektüre, am Bildschirm hingegen ist er deren Vehikel, indem er alles, worauf er weist, zwingt, seine Bedeutung preiszugeben ­ etwa so, wie das bei einem der Sprache noch nicht mächtigen Kind der Fall ist, das sich mit seinem digitus index, wie die Lateiner sagen, und seiner Stimme auf den Weg macht, um bei den Anwesenden sprachliche Effekte zu erzielen, die ihm sozusagen aufgrund seiner linguistischen Inkompetenz gar nicht zustehen. Mit einem wesentlichen Unterschied: der Bildschirmleser agiert nicht in einer vor-sprachlichen, sondern in einer nach-schriftlichen Welt, in der es nichts geben kann, was nicht vorgängig auf irgendeine Weise verschriftlicht wurde, durch Schrift hindurchgegangen ist. Der elektronische Zeigefinger funktioniert nur deswegen, weil er in einem fort die unterschiedlichsten Schriftwerte annimmt, nämlich jene, die jeweils der als Anker markierten Fläche zuge ordnet sind, in der sich seine Spitze befindet. Ob der Leser es weiß, oder nicht, ob er es auf sich gestellt könnte, oder nicht, ob er es will oder nicht: er verhält sich in der Welt des Hypertexts als ein unermüdlicher Schreiber, der mit jedem Klick Schriftspuren hinterläßt. Genauer: er verhält sich als jemand, der in einem unendlichen, im allgemeinen durch die sog. graphische Oberfläche des Bildschirms verborgenen Schriftuniversum Geschriebenes auswählt, ihm seine Stimme gibt und es dadurch zu einer Mitteilung macht. Und darin ähnelt er we niger dem sprachohnmächtigen Kind, als vielmehr dem schriftunkundigen ersten europäischen Caesar, der sein Reich auf eine Schrift gründete, mit der so gut wie niemand etwas anzufangen wußte. Die Schreiber an seinem Hof hatten nicht nur die Befehle des dictators in Schrift zu verwandeln, damit diese ins Reich hinausgehen konnten, sondern auch dessen Titel und Namen darunter zu setzen ­ mit einer winzigen Ausnahme: Die Konsonanten der Signatur stehen an den Eckpunkten eines Kreuzes, das den Namen als eine in sich geschlossene Graphik aus Buchstaben zusammenhält, die stimmtragenden Vokale aber sind in ein einziges Zeichen im Zentrum zusammengezogen, das mithin dreimal gelesen werden muß, um "KAROLVS" zu ergeben. Von diesem zentralen Stimmzeichen stammt lediglich der auf der Spitze stehende Rhombus vom Schreiber; die beiden kleinen Striche in diesem Rhombus, die zusammen eine Art "Y" bilden, hat der Herrscher eingesetzt. Es handelt sich um den Querstrich dessen, was dadurch zum "A" wird, die verbleibende untere Hälfte ist als "V" zu lesen, der gesamte Rhombus als "O". Der Eingriff des Herrschers validiert das Vokalzeichen, gibt der Signatur und damit der ganzen Schrift seine Stimme: ein "Doppelklick" mit Gänsekiel, durch den ein fertig vorgeschriebener potenzieller Befehl aktualisiert wird. Allerdings wird die Stimme der heutigen Nachfahren des einstigen "ruhmreichsten Königs der Welt" (wie er sich nannte) kaum noch dem Donnergrollen eines zugleich germanischen, römischen und christlichen Götterabkömmlings zu vergleichen sein. Wohl eher einem Piepsen.