Von der Einbildungskraft zur Techno-Imagnation.
Was ist wirklich, wenn alles möglich wird?


Frank Hartmann
Vortrag auf der Konferenz:
CULTH2 - The future
of /digitized/ cultural heritage
Museum Moderner Kunst Wien, 15. Jan. 2002

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 1 - Im Datenstrom
 2 - Krise der Codes
 3 - Digital defizitär
 4 - Medienkulturelle Matrix
 5 - Transcodierungen
      Literaturangaben


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Sofern sie nicht in einem Fortbildungsseminar für Archivare gestellt wird, sondern im Zusammenhang mit Kultur und der spezifischen kulturellen Praxis neuer Medien, ist die Frage nach der "Digitalisierung" keine besonders glückliche. Digitalisierung wird gemacht, keine Frage. Aber sie unterstellt stillschweigend, dass es zwischen den analogen und den digitalen Techniken zu einem Konflikt kommt, den es abzufedern gilt. Überraschend schnell werden dabei unter erklärungsbedürftigen Labels wie Open Source die Unterschiede von Kultur, Wirtschaft und Technik eingezogen. [1] Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, der noch eine Vision erlauben soll, bleibt einer tragfähigen Kultur dann nur noch die Techno-Eschatologie digitaler Weltentwürfe. Um einen Einspruch gegen diese Nivellierung scheint die Philosophie verlegen geworden zu sein. Mit den folgenden Bemerkungen zur neuen Medienkultur wird eine Differenzierung versucht.

 

 

 

Anm.1 - Vgl.
David Lancashire:
Code, Culture and Cash: The Fading Altruism of Open Source Development
First Monday 12/2001


1 - Im Datenstrom


Kultur, die digitalisiert wird, ist nicht mehr dieselbe. Ihre technische Recodierung stellt jene Repräsentationsverhältnisse auf den Kopf, nach denen das Innen (kulturelles Archiv, Sammlung) ein Außen (Kultur, Gesellschaft, Geschichte) darstellt - eine neue Logik des Archivs zeichnet sich ab.

Neue Medien stürzen die herkömmliche Kultur in eine Krise. Die Kulturprodukte unserer Gesellschaft haben seit Jahrzehnten schon nicht mehr den herrschaftssichernden Status, den sie lange gehabt haben mögen. Als "Gedächtnis der Herrschaft" ist die Existenz jedes Archivs auf eine spezifische Legitimationsstruktur für Ansprüche auf Macht, Besitz und Abstammung zurückzuführen. Mit jedem Wechsel der Herrschaft kommt es zu einer Verschiebung solcher legitimierender Strukturen und damit der Bestände des Archivs. Ein wesentliches Problem der Archivierung besteht genau darin, dass ein Strukturwandel des derart aufgebauten kulturellen Gedächtnisses nach immanenten Kriterien nicht erkannt werden kann (Assmann 1999).

Das kulturelle Archiv ist sowohl ein Ort der Aufbewahrung wie auch der Konstruktion, vor allem der Konstruktion einer Vergangenheit, bei der das, was letzlich die Überlieferung bildet, auch von der Aufzeichnungstechnik und den Datenträgern selbst abhängt. Die bislang privilegierte Technik der Wahrheitsaneignung war die Schrift. Manuskripte und Druckwerke bilden die "Quellen" aller geistes- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen. Was diese Perspektive unterschlägt, ist das Offensichtliche: die Gebundenheit der Schrift an ihren medialen Datenträger. Im Zeitalter der computerisierten Kultur werden Fixierungen auf stabile Formen, wie wir sie aus der Druckkultur kennen, tendenziell obsolet.

Das kulturelle Archiv verflüssigt sich, sobald die symbolischen Operationen vom Datenträger bzw. von der materialen Basis entkoppelt werden: Daten werden allgemein gespeichert und nicht in einer spezifischen Form wie noch zu Zeiten der Kanzleiordnung (Vismann 2000). Es kommt nun zu einem archivierungstechnischen Paradigmenwechsel, der einen Strukturwandel des kulturellen Gedächtnisses bedeutet: die Beständigkeit maschinentechnischer Sicherheiten nach der Logik des Industriezeitalters weicht einer dynamischen Reorganisation nach der Logik von Datenbanken (Manovich 2001). Es sind die medien- und kulturindustriellen Codes, die neben den bio-technologischen diese Änderungen implizieren. Im Zustand der medialen Konvergenz haben wir es weniger mit Digitalisierung zu tun, als mit einem multimedialen Zusammenspiel verschiedenster Medienformate im permanenten Datenstrom.


2 - Krise der Codes


Es entstehen im Übergang von der Industrie- zur Medienkultur neue Kulturprodukte, die den herkömmlichen Dualismus von Bild und Text ebenso hinter sich lassen wie die übliche Konstellation von Werk und Rezeption, Autor und Leser, Künstler und Publikum.

Der Ausbildung von Kompetenzen, nach denen der Paradigmenwechsel auf kultureller Ebene verlangt, sprengt den monomedialen Rahmen der Druckkultur mit ihrer Fixiertheit auf Schrift. Mit der Schrift ist zuerst ein neues Medium entwickelt worden, das mit den Aufzeichnungen seinen Gegenstand erst produziert hat. Nicht die orale Kultur ist verschriftlicht worden, sondern mit der Schrift hat sich parallel eine neue Kultur entwickelt. Die Medienevolution knüpft tendenziell immer an das Neue an - mit anderen Worten, sie erzeugt eine neue Form von Kultur und setzt nicht umstandslos die kulturelle Überlieferung fort. Die daraus unweigerlich entstehenden Konflikte sorgen - seit Platons Schriftkritik im Phaidros - für die kulturkritische Begleitmusik und die spezifisch antimedialen Affekte im Diskurs.

Doch es gibt gute Gründe, das Entstehen neuer Kommunikationsmedien bzw. einer neuen medienkulturellen Matrix nach dem Modell der Funktionserhaltung sozialer Informationsverarbeitung zu betrachten (Giesecke 1991). Die Frage ist nicht, wie eine Kultur ihre Überlieferung sichert, die Frage ist, wie eine Gesellschaft ihre Reproduktion von Wissen effektiv zu sichern versteht. Dabei kommt es laufend zur Reorganisation der Exteriorisierungsleistungen, wobei eben nicht erst mit der Digitalisierung "es sich als notwendig (erwies), das im gedruckten Gehirn der Gemeinschaft erstarrte Denken durch ein zusätzliches Netz zu organisieren" (Leroi-Gourhan 1980, gemeint war die Dokumentation auf Karteikarten).

Gegenüber dem rationalistischen Programm, das vorsah, den subjektiven Verstand als Produktivkraft des Fortschritts zu optimieren, besteht die Transformation der Moderne in einer Expansion des kollektiven Gedächtnisses. Angesichts der "schreckenerregenden Vielzahl von Büchern" (Leibniz) kommt es schon im 17. Jahrhundert zur Rede von der Informationsflut; es enstehen neue kulturelle Modelle der Orientierung wie Inhaltsverzeichnisse, Register, sodann Kataloge, Wörterbücher und Enzyklopädien - eine Informationsverlagerung auf die Metaebene, die sich mit den Karteikarten schließlich in kontextbefreiten Dokumentationselementen manifestiert. Dies ermöglicht eine Mechanisierung des kulturellen Gedächtnisses, die automatisierte Informationsverarbeitung in embryonaler Form.

Die Subjektlosigkeit (und damit Begriffslosigkeit) der neuen Medienkultur drückt sich auch in der neuen Kunstform der Fotografie aus. So nahmen Zeitgenossen wie Alexander von Humboldt die frühe Fotografie als subjektlose Kunst wahr, die zeigt, wie "Gegenstände sich selbst in unnachahmlicher Treue malen, ... (was) unaufhaltsam den Verstand und die Einbildungskraft anspricht" (zit. nach Hörisch 2001). Alle bisherige Kunst ließ eine Absicht und mindestens die Kodifizierungsleistung eines Autors erkennen, nun aber - und das ist die Differenzierung, die Flusser anbringt - zeigt sich nicht mehr, was Sache ist. Denn die neuen, technischen Bilder bedeuten nicht mehr, was sie zeigen, sondern etwas zumeist Undurchschaubares: ihr zugrundeliegendes Programm.

Darum ist das Neue in einer Kultur der neuen Medien nicht umstandslos mit "dem Digitalen" allein zu identifizieren. Vilém Flusser hat in seinen Beiträgen pointiert darauf aufmerksam gemacht, dass mit der Fotografie im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts mediengeschichtlich jene Abtrennung der menschlichen Wahrnehmung und deren Redefinition im Rahmen technischer Bilder beginnt, die zunächst ein optisch Unbewußtes enthüllt, im weiteren aber eine Medienwirklichkeit konstruiert, die sich durch die "ontologische Zweideutigkeit" auszeichnet - sie sind weder Sein und doch nicht nur Schein (Anders 1956).


3 - Digital defizitär


Der Bezug zwischen Quellcode und Programm, zwischen submedialem Raum und Benutzer-Oberfläche entspricht nicht länger der Differenz zwischen Wirklichkeit und Konstrukt. Das Digitale als Weltentwurf könnte sich aber schon bald als historisch ebenso kontingent herausstellen, wie dies früheren Kulturtechniken eigen ist.

Es geht um den Umgang mit einer neuen quasi-ontologischen Ebene der Medien, in der sich Sein und Schein, Möglichkeit und Wirklichkeit untrennbar verflechten. Das mögliche Szenario ist denkbar düster: wirklichkeitsgenerierende Apparate erzeugen Technobilder, mit denen die Mehrheit nichts anfangen kann, weil ihre Bildungssozialisation einzig auf alphabetische Kompetenz ausgerichtet war. Jenes Techno-Imaginäre, das uns im Umgang mit digitalisierten Produkten laut Flusser weitgehend fehlt, wäre vorstellbar als ein den klassischen Dualismus von Anschauungsvermögen und die Einbildungskraft überwindendes Drittes und damit ein wenig mehr als bloße Medienkompetenz: wie kann Technizität, die auf von der menschlichen Sprache abgezogenen Codes funktioniert, wie kann diese Befreiung des Gedächtnisses als Erhaltung der menschlichen Freiheit begriffen werden?

Bei der "digitalen Kultur" handelt es sich um ein auf Technik ausgerichtetes Konzept, das auf der Folie von Authentizitäten operiert und das den Verdacht (Groys 2000) nährt, es gäbe eine Ebene des Wirklichen, Wahrhaftigen, Authentischen - allein die Technik der neuen Medienkultur hat keinen Subjektstatus mehr, auch wenn immer wieder aufs Neue der Status eines geschichtphilosophischen Subjekts auf sie projiziert wird. Das Problem ist, dass die Logik einer Medienkultur sich nur äußerst beschränkt aus der Absicht ihrer Macher und einer daraus abgeleiteten technologischen Transparenz erklärt.

Dabei kommt es zu einer Art von Techno-Eschatologie, zu einer Vision von Unmittelbarkeit, in der das Medium als solches zum Verschwinden gebracht, das heißt bis hin zur eigenen Unsichtbarkeit perfektioniert wird (Vulner 2000). Kann das gut gehen? Überlegen wir kurz, was das digitale Prinzip bedeutet. Es ermöglicht - nicht Computer, denn die können auch ganz anders funktionieren, so wie man lange Zeit Rechenmaschinen nach dem Prinzip der kinetischen Bewegungsübersetzung gebaut hat - es ermöglicht vielmehr symbolisierende Apparate, und damit ein konstruktives Vergessen, wobei das Wovon (Druckkultur) klarer zu machen ist als jedes Wohin (neue Medienkultur).

Das Digitale bedeutet nicht nur eine neue Maschinenlogik, nämlich die der Automaten und Apparate, sondern vor allem ein neues kulturelles Denkmodell. Zur Recodierung durch abstrakte Zahlencodes nach dem dualen System kommt noch die Binäralgebra nach Boole; eine neue Philosophie der Logik, die auf einfache Axiome statt auf Syllogismen gebaut ist. Nun kann ein logischer Satz unabhängig von der Länge seiner Glieder auf eine Sequenz binärer Symbole reduziert werden. Logik, die auf bestimmte einfachste Operationen nach dem Prinzip wahr/falsch reduziert werden kann, wird maschinell verarbeitbar - sobald aus dem Leibnizschen Rechenautomaten (der auf dyadischer Basis funktioniert hat) in Gestalt positiver und negativer Ladungen ein symbolisierender, nicht-energetischer Informationsapparat geworden ist.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurde begonnen, das Leibnizsche Kalkül zu realisieren und das informationstheoretische Denken auf physikalische Probleme anzuwenden: from god to the machine (Norbert Wiener), Gott wird zum Rechner und die Maschine ist Gott, die Welt ist Rechnender Raum (Konrad Zuse), die Natur ein System von Informationen. Eine Natur der kontinuierlichen Größen entsteht, das voll digitale physikalische Modell. Philosophie und Technik fallen zusammen im Rechnenden Raum, wie der Computerpionier Konrad Zuse diesen "Relaiskosmos" genannt hat (Zuse 1967). Der epistemologische Sprung, der da gemacht wird, besteht in einer Umkehrung der Perspektive - wenn der rechnende Raum animiert wird, dann haben wir es plötzlich mit einer intelligenten res extensa zu tun (Künzel/Bexte 1996). Mit den Modulationen auf subatomarer Ebene und dem Erschließen neuer Materiezustände (Greiner et al. 2002), mit dem potenziellen Quantencomputer wird dieses Modell wieder mehr als aktuell, wobei die zunächst sinnvolle Ökonomie der digitalen Informationsverarbeitung als historisch kontingente auch wieder verabscheidet werden könnte.


4 - Medienkulturelle Matrix

Der neuen Medienkultur mangelt es an einem entsprechenden gesellschaftlichen Sensorium (an Techoimagination). Aufgrund dieses Mangels lebt die neue Kultur von Beschreibungen, die aus dem Repertoire überkommener Kulturtechniken stammen (beispielsweise Kunstkritik, die über gute oder schlechte Formen der Repräsentation entscheidet).

Realität wird rekonstruierbar, die reale Ereignisstruktur ist plötzlich nichts weniger als eine Verwirklichung von Möglichkeiten, von zugrundeliegenden logischen Strukturen. Möglichkeit impliziert die kontinuierliche Verbesserung dieser inhärenten Strukturen nach rationalem Entwurf. Die Ontologie des rechnenden Raums ist die eines zu verwirklichenden Potenzials. Freilich stößt sich die Symbolisierung von Welt durch die Rechner an der Unendlichkeit des Informationsgehaltes auch kleinster Teile, wenn man im Modell der klassischen Mechanik bleibt. Die Maschine wird nie alle Informationen beinhalten können, das technische Simulakrum nie Totalität beanspruchen können. In diesem Sinn ist nicht alles, was ist, berechenbar. Das Problem möglicher Welten aber bleibt Ausgangspunkt für eine spekulativ angelegte neue Anthropologie, und wichtig für die Frage nicht nach der Kultur im, sondern einer Kultur des medialen Zeitalters.

Unsere Auffassung von Medien geht längst darüber hinaus, sie lediglich als Körperprothesen zu sehen. Wenn sie aber als Wahrehmungsapparate Sinnesorgane simulierend sind, dann stören sie aber die konzeptionelle Trennung zwischen Anschauungsvermögen und Einbildungskraft, die galt, solange die alte Ontologie von Sein versus Schein noch intakt war. Kant hatte in seiner Kritik der reinen Vernunft die Einbildungkraft als "notwendiges Ingrediens" der Sinneswahrnehmung selbst bestimmt; es ist eine philosophisch durchaus vernünftige Frage, so Kant weiter, ob Dinge möglich sein können, ohne wirklich zu sein. Die Möglichkeit eines Dinges ist seine Position in Beziehung auf den Verstand; seine Wirklichkeit hingegen die Verknüpfung mit der Wahrnehmung. Es ist immer diese Möglichkeit und nicht das Ding selbst, was seine Wirklichkeit bedingt. Die Einbildungskraft ist es aber, die uns von gegenwärtigen Realitäten auch entfernt; sie wirkt unter medientechnischen Bedingungen nicht mehr, wie bei Kant, als Funktion des Wirklichen, sondern auch des technisch Möglichen.

Die neue Kultur wird gern mit ökumenischen Metaphern belegt - The Africa within (McLuhan 1964) -, es besteht hier eine Vision nach der anderen, von einer TechGnosis (Davis 1998) über die Evolution des Global Brain (Bloom 2000) bis hin zur kollektiven Intelligenz (Levy 1995). Es ist schwer, eine Kultur jenseits der eingespielten und festgeschriebenen Formen vorzustellen, vor allem eingedenk der Koevolution von Kulturtechnik und Denken, von Medien und Anthropologie. Manfred Faßler hat dafür den Begriff der CyberPoiesis vorgeschlagen, um die über biogene und technogene Codierungen erweiterte medienkulturelle Matrix forschungspragmatisch erschließbar zu machen.


5 - Transcodierungen


Die neue Medienkultur ist anders, weil sie nicht bloß alte Formen neu codiert - sie schafft Transcodierungen statt Recodierungen. Diese neue Kultur schlägt unerwartet zu; ihre Wirklichkeit wurde im Rahmen des Bestehenden noch nie für möglich gehalten. Die Kuratierung des Bestehenden weicht dann dem Projekt neuer Formen, dessen unerhörte Ansätze schon erkennbar sind.

In der medienkulturellen Matrix - jenseits des Dualismus von Darstellung und Dargestelltem, von Sender und Empfänger - geht es weder um Botschaften und Speicher, noch um kollaborative Formen der Kultur. Der Anspruch setzt tiefer an, bei einem neuen Denken, das hybride Formen verträgt und bei Netzen, die nicht einmal mehr Vermittler oder Verteiler kennen (Serres 1987). Aber auch bei den Transcodierungen zwischen den Bedeutungsebenen einer computerisierten Technik und denen der Kultur. Transcodieren heißt, Inhalte in ein neues Format und entsprechend der jeweiligen Logik des Mediums zu übersetzen. Wie Lev Manovich behauptet, erreicht die "Computerisierung der Kultur schrittweise eine ähnliche Transcodierung in Bezug auf alle kulturellen Kategorien und Themen" (Manovich 2001).

Was das bedeutet, ist bereits vielfach und umfangreich diskutiert: eine Kultur der Druckerpresse mit all ihren Implikationen (Eisenstein 1997) wird durch ein Paradigma ersetzt, in dem Technik, mediale Logik und soziokulturelle Funktionen anders zusammenspielen, als es unter der typografischen Vernunft der Fall gewesen ist. In der Bezeichnung dieses Paradigmas würde ich lieber nicht am gängigen, technologisch konnotierten Begriff "Netz" anknüpfen, sondern am philosophischen "Rhizom" (Deleuze / Guattari 1992). Denn dies verkörpert vehementer den Anspruch, über die maschinentechnische Homogenisierung, die der Logik des Industriezeitalters entstammt, hinauszugehen.

Die rhizomatische Verflechtung, in der jeder Punkt notwendigerweise mit vielen anderen über unterschiedlichste Codierungen in Verbindung steht, entpricht der Heterogenität einer changierenden medienkulturellen Matrix. Die Übertragung zwischen Punkten ist nur ein Sonderfall der möglichen Bezugnahme; Unordnungen wie Interferenzen und Verteilungen (Serres) bestimmen die kommunikativen Verhältnisse. Die eingeübten Kategorien und cartesianischen Dualismen wie Mensch und Technik, Jahrhunderte lang als ontologische Grundkonstanten verstanden, werden durch Konzepte einer neuen Medienwirklichkeit abgelöst, die "keinen radikalen Einschnitt zwischen Zeichenregimen und ihren Objekten" mehr erlauben und eine Dezentrierung von Sprache "auf andere Dimensionen und Register hin" verlangen (Deleuze / Guattari 1992).

Wie gehen wir damit um, wenn das, was wirklich ist, es nur möglicherweise ist, und wenn das, was möglich ist, jederzeit wirklich werden kann? Hier ergibt sich die Frage, was jenseits der Werte einer herkömmlichen Kultur im Bann der typografischen Vernunft liegt: intuitive Differenzierungen und Verbindungen auf einer Meta-Ebene, semiotische Kontextualisierungen im emphatischen Sinn des Wortes. Jenseits der herkömmlichen Bild-Text-Dualismen kommt es zur Rekombination individueller Symbolisierungen, zum verflüssigten Kommunizieren nach dem Vorbild subkultureller Performanz. "Panta Rhei" - kombinatorische Topologie (Serres) statt Rechnender Raum, Serendipity statt Forschung, Intuition statt Logik, Groove statt Stringenz, Shape statt Design, Rhizom statt Interface. Sonic fiction (Eshun 1999). Dark Carnival - Mix und Hybride statt Fixierungen wie Klasse, Rasse und Gender. Zone of flux. "The word: flow. Say it." (Dj Spooky)

Wir aber fordern neue Medienkultur und liefern nichts als erstarrte Gesten vor digtialen Artefakten. Es wurde das Problem skizziert, dass mit den neuen Medien kulturell Neues entsteht, das nicht nur in Optimierung von Funktionen des Bestehenden zu begreifen ist. Das Vergangene ist ein Problem der Archive, die Gegenwart ein Problem der Überlagerungen - Layers von medialen Oberflächen. Die Zukunft hat damit nichts zu tun. Sie beginnt mit einer kommunikativen Unordnung, nachdem die Ordnung der typografischen Vernunft an ihre Grenzen stößt.

Was wirklich ist, wenn alles möglich wird, ist weder Sache der Datenträger noch ihrer aktuellen Codierung. Hier hat die Theorie tatsächlich ein Problem, denn die Zukunft, dieses Chaos, läßt sich eben nicht vor-schreiben.

Literatur

  • Anders, Günther: Die Welt als Phantom und Matrize (1956), in ders.: Die Antiquiertheit des Menschen Bd.1, München: Beck 1980
  • Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München: Beck 1999
  • Bloom, Howard: Global Brain. The Evolution of the Mass Mind from the Big Bang to the 21st Century, Wiley 2000
  • Davis, Eric: TechGnosis. Myth, magic, and mysticism in the age of information, New York: Harmony Books 1998
  • Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin: Merve 1992
  • Eisenstein, Elisabeth: Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa, Wien: Springer 1997
  • Eshun, Kodwo: Heller als die Sonne. Abenteuer in der Sonic Fiction, Berlin: ID Verlag 1999
  • Flusser, Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie, Göttingen: European Photography 1983
  • Flusser, Vilém: Kommunikologie, Schriften Band 4, Mannheim: Bollmann 1996
  • Giesecke, Michael: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, Frankfurt: Suhrkamp 1991
  • Greiner/Mandel/Esslinger/Hansch/Bloch: Quantum phase transition from a superfluid to a Mott insulator in a gas of ultracold atoms, in: Nature 415. Jan 2002, 39ff
  • Groys, Boris: Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien, München: Hanser 2000
  • Hörisch, Jochen: Der Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der Medien, Frankfurt: Eichborn 2001
  • Künzel, Werner / Bexte, Peter: Maschinendenken / Denkmaschinen. An den Schaltstellen zweier Kulturen, Frankfurt: Insel 1996
  • Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt: Suhrkamp 1980
  • Levy, Pierre: L'intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995
  • Manovich, Lev: The Language of New Media, Cambridge, Mass.: MIT Press 2001
  • McLuhan, Herbert Marshall: Understanding Media. The Extensions of Man, London: Routledge 1964
  • Serres, Michel: Der Parasit, Frankfurt: Suhrkamp 1987
  • Vismann, Cornelia: Akten. Medientechnik und Recht, Frankfurt: Fischer 2000
  • Vulner, Jo: Info-Wahn. Eine Abrechnung mit dem Multimedia-Jahrzehnt, Wien: Springer 2000
  • Wiener, Norbert: Futurum Exactum. Ausgewählte Schriften, Wien: Springer 2002
  • Zuse, Konrad: Rechnender Raum, 1967, in: Zuse Internet Archiv Texte

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