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Von der
Einbildungskraft zur Techno-Imagnation. Was
ist wirklich, wenn alles möglich wird?
Frank Hartmann |
Vortrag
auf der Konferenz: CULTH2 - The future
of /digitized/ cultural heritage Museum Moderner Kunst Wien, 15. Jan. 2002
>>> zur Kritik der Tagung
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1 - Im Datenstrom
2 - Krise der Codes
3 - Digital defizitär
4 - Medienkulturelle Matrix
5 - Transcodierungen
Literaturangaben
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"Medienphilosophie"
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Sofern sie nicht in
einem Fortbildungsseminar für Archivare gestellt wird, sondern im
Zusammenhang mit Kultur und der spezifischen kulturellen Praxis
neuer Medien, ist die Frage nach der "Digitalisierung" keine
besonders glückliche. Digitalisierung wird gemacht, keine Frage.
Aber sie unterstellt stillschweigend, dass es zwischen den analogen
und den digitalen Techniken zu einem Konflikt kommt, den es
abzufedern gilt. Überraschend schnell werden dabei unter
erklärungsbedürftigen Labels wie Open Source
die Unterschiede von Kultur, Wirtschaft und Technik
eingezogen. [1] Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, der
noch eine Vision erlauben soll, bleibt einer tragfähigen Kultur dann
nur noch die Techno-Eschatologie digitaler Weltentwürfe. Um einen
Einspruch gegen diese Nivellierung scheint die Philosophie verlegen
geworden zu sein. Mit den folgenden Bemerkungen zur neuen
Medienkultur wird eine Differenzierung versucht.
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1 - Im Datenstrom
Kultur, die digitalisiert wird, ist nicht mehr
dieselbe. Ihre technische Recodierung stellt jene
Repräsentationsverhältnisse auf den Kopf, nach denen das Innen
(kulturelles Archiv, Sammlung) ein Außen (Kultur, Gesellschaft,
Geschichte) darstellt - eine neue Logik des Archivs zeichnet sich
ab.
Neue Medien stürzen die herkömmliche Kultur in eine Krise. Die
Kulturprodukte unserer Gesellschaft haben seit Jahrzehnten schon
nicht mehr den herrschaftssichernden Status, den sie lange gehabt
haben mögen. Als "Gedächtnis der Herrschaft" ist die Existenz jedes
Archivs auf eine spezifische Legitimationsstruktur für Ansprüche auf
Macht, Besitz und Abstammung zurückzuführen. Mit jedem Wechsel der
Herrschaft kommt es zu einer Verschiebung solcher legitimierender
Strukturen und damit der Bestände des Archivs. Ein wesentliches
Problem der Archivierung besteht genau darin, dass ein
Strukturwandel des derart aufgebauten kulturellen Gedächtnisses nach
immanenten Kriterien nicht erkannt werden kann (Assmann 1999).
Das kulturelle Archiv ist sowohl ein Ort der Aufbewahrung wie
auch der Konstruktion, vor allem der Konstruktion einer
Vergangenheit, bei der das, was letzlich die Überlieferung bildet,
auch von der Aufzeichnungstechnik und den Datenträgern selbst
abhängt. Die bislang privilegierte Technik der Wahrheitsaneignung
war die Schrift. Manuskripte und Druckwerke bilden die "Quellen"
aller geistes- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen. Was diese
Perspektive unterschlägt, ist das Offensichtliche: die Gebundenheit
der Schrift an ihren medialen Datenträger. Im Zeitalter der
computerisierten Kultur werden Fixierungen auf stabile Formen, wie
wir sie aus der Druckkultur kennen, tendenziell obsolet.
Das kulturelle Archiv verflüssigt sich,
sobald die symbolischen Operationen vom Datenträger bzw. von der
materialen Basis entkoppelt werden: Daten werden allgemein
gespeichert und nicht in einer spezifischen Form wie noch zu Zeiten
der Kanzleiordnung (Vismann 2000). Es kommt nun zu einem
archivierungstechnischen Paradigmenwechsel, der einen Strukturwandel
des kulturellen Gedächtnisses bedeutet: die Beständigkeit
maschinentechnischer Sicherheiten nach der Logik des
Industriezeitalters weicht einer dynamischen Reorganisation nach der
Logik von Datenbanken (Manovich 2001). Es sind die medien- und
kulturindustriellen Codes, die neben den bio-technologischen diese
Änderungen implizieren. Im Zustand der medialen Konvergenz haben wir
es weniger mit Digitalisierung zu tun, als mit einem multimedialen
Zusammenspiel verschiedenster Medienformate im permanenten
Datenstrom.
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2 - Krise der Codes
Es
entstehen im Übergang von der Industrie- zur Medienkultur neue
Kulturprodukte, die den herkömmlichen Dualismus von Bild und Text
ebenso hinter sich lassen wie die übliche Konstellation von Werk und
Rezeption, Autor und Leser, Künstler und Publikum.
Der Ausbildung von Kompetenzen, nach denen der
Paradigmenwechsel auf kultureller Ebene verlangt, sprengt den
monomedialen Rahmen der Druckkultur mit ihrer Fixiertheit auf
Schrift. Mit der Schrift ist zuerst ein neues Medium entwickelt
worden, das mit den Aufzeichnungen seinen Gegenstand erst produziert
hat. Nicht die orale Kultur ist verschriftlicht worden, sondern mit
der Schrift hat sich parallel eine neue Kultur entwickelt. Die
Medienevolution knüpft tendenziell immer an das Neue an - mit
anderen Worten, sie erzeugt eine neue Form von Kultur und setzt
nicht umstandslos die kulturelle Überlieferung fort. Die daraus
unweigerlich entstehenden Konflikte sorgen - seit Platons
Schriftkritik im Phaidros
- für die kulturkritische Begleitmusik und die spezifisch antimedialen
Affekte im Diskurs.
Doch es gibt gute
Gründe, das Entstehen neuer Kommunikationsmedien bzw. einer neuen
medienkulturellen Matrix nach dem Modell der Funktionserhaltung
sozialer Informationsverarbeitung zu betrachten (Giesecke 1991). Die
Frage ist nicht, wie eine Kultur ihre Überlieferung sichert, die
Frage ist, wie eine Gesellschaft ihre Reproduktion von Wissen
effektiv zu sichern versteht. Dabei kommt es laufend zur
Reorganisation der Exteriorisierungsleistungen, wobei eben nicht
erst mit der Digitalisierung "es sich als notwendig (erwies), das im
gedruckten Gehirn der Gemeinschaft erstarrte Denken durch ein
zusätzliches Netz zu organisieren" (Leroi-Gourhan 1980, gemeint war
die Dokumentation auf Karteikarten).
Gegenüber dem
rationalistischen Programm, das vorsah, den subjektiven Verstand als
Produktivkraft des Fortschritts zu optimieren, besteht die
Transformation der Moderne in einer Expansion des kollektiven
Gedächtnisses. Angesichts der "schreckenerregenden Vielzahl von
Büchern" (Leibniz) kommt es schon im 17. Jahrhundert zur Rede von
der Informationsflut; es enstehen neue kulturelle Modelle der
Orientierung wie Inhaltsverzeichnisse, Register, sodann Kataloge,
Wörterbücher und Enzyklopädien - eine Informationsverlagerung auf
die Metaebene, die sich mit den Karteikarten schließlich in
kontextbefreiten Dokumentationselementen manifestiert. Dies
ermöglicht eine Mechanisierung des kulturellen Gedächtnisses, die
automatisierte Informationsverarbeitung in embryonaler Form.
Die
Subjektlosigkeit (und damit Begriffslosigkeit) der neuen
Medienkultur drückt sich auch in der neuen Kunstform der Fotografie
aus. So nahmen Zeitgenossen wie Alexander von Humboldt die frühe
Fotografie als subjektlose Kunst wahr, die zeigt, wie "Gegenstände
sich selbst in unnachahmlicher Treue malen, ... (was) unaufhaltsam
den Verstand und die Einbildungskraft anspricht" (zit. nach Hörisch
2001). Alle bisherige Kunst ließ eine Absicht und mindestens die
Kodifizierungsleistung eines Autors erkennen, nun aber - und das ist
die Differenzierung, die Flusser anbringt - zeigt sich nicht mehr,
was Sache ist. Denn die neuen, technischen Bilder bedeuten nicht
mehr, was sie zeigen, sondern etwas zumeist Undurchschaubares: ihr
zugrundeliegendes Programm.
Darum ist das Neue
in einer Kultur der neuen Medien nicht umstandslos mit "dem
Digitalen" allein zu identifizieren. Vilém Flusser hat in seinen
Beiträgen pointiert darauf aufmerksam gemacht, dass mit der
Fotografie im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts
mediengeschichtlich jene Abtrennung der menschlichen Wahrnehmung und
deren Redefinition im Rahmen technischer Bilder beginnt, die
zunächst ein optisch Unbewußtes enthüllt, im weiteren aber eine
Medienwirklichkeit konstruiert, die sich durch die "ontologische
Zweideutigkeit" auszeichnet - sie sind weder Sein und doch nicht
nur Schein (Anders 1956).
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3 - Digital defizitär
Der Bezug zwischen Quellcode und Programm,
zwischen submedialem Raum und Benutzer-Oberfläche entspricht nicht
länger der Differenz zwischen Wirklichkeit und Konstrukt. Das
Digitale als Weltentwurf könnte sich aber schon bald als historisch
ebenso kontingent herausstellen, wie dies früheren Kulturtechniken
eigen ist.
Es geht um den Umgang mit einer neuen
quasi-ontologischen Ebene der Medien, in der sich Sein und Schein,
Möglichkeit und Wirklichkeit untrennbar verflechten. Das mögliche
Szenario ist denkbar düster: wirklichkeitsgenerierende Apparate
erzeugen Technobilder, mit denen die Mehrheit nichts anfangen kann,
weil ihre Bildungssozialisation einzig auf alphabetische Kompetenz
ausgerichtet war. Jenes Techno-Imaginäre, das uns im Umgang mit
digitalisierten Produkten laut Flusser weitgehend fehlt, wäre
vorstellbar als ein den klassischen Dualismus von
Anschauungsvermögen und die Einbildungskraft überwindendes Drittes
und damit ein wenig mehr als bloße Medienkompetenz: wie kann
Technizität, die auf von der menschlichen Sprache abgezogenen Codes
funktioniert, wie kann diese Befreiung des Gedächtnisses als
Erhaltung der menschlichen Freiheit begriffen werden?
Bei der "digitalen Kultur" handelt es
sich um ein auf Technik ausgerichtetes Konzept, das auf der Folie
von Authentizitäten operiert und das den Verdacht (Groys 2000)
nährt, es gäbe eine Ebene des Wirklichen, Wahrhaftigen,
Authentischen - allein die Technik der neuen Medienkultur hat keinen
Subjektstatus mehr, auch wenn immer wieder aufs Neue der Status
eines geschichtphilosophischen Subjekts auf sie projiziert wird. Das
Problem ist, dass die Logik einer Medienkultur sich nur äußerst
beschränkt aus der Absicht ihrer Macher und einer daraus
abgeleiteten technologischen Transparenz erklärt.
Dabei kommt es zu einer Art von
Techno-Eschatologie, zu einer Vision von Unmittelbarkeit, in der das
Medium als solches zum Verschwinden gebracht, das heißt bis hin zur
eigenen Unsichtbarkeit perfektioniert wird (Vulner 2000). Kann das
gut gehen? Überlegen wir kurz, was das digitale Prinzip bedeutet. Es
ermöglicht - nicht Computer, denn die können auch ganz anders
funktionieren, so wie man lange Zeit Rechenmaschinen nach dem
Prinzip der kinetischen Bewegungsübersetzung gebaut hat - es
ermöglicht vielmehr symbolisierende Apparate, und damit ein
konstruktives Vergessen, wobei das Wovon (Druckkultur) klarer zu
machen ist als jedes Wohin (neue Medienkultur).
Das Digitale bedeutet nicht nur eine
neue Maschinenlogik, nämlich die der Automaten und Apparate, sondern
vor allem ein neues kulturelles Denkmodell. Zur Recodierung durch
abstrakte Zahlencodes nach dem dualen System kommt noch die
Binäralgebra nach Boole; eine neue Philosophie der Logik, die auf
einfache Axiome statt auf Syllogismen gebaut ist. Nun kann ein
logischer Satz unabhängig von der Länge seiner Glieder auf eine
Sequenz binärer Symbole reduziert werden. Logik, die auf bestimmte
einfachste Operationen nach dem Prinzip wahr/falsch reduziert werden
kann, wird maschinell verarbeitbar - sobald aus dem Leibnizschen
Rechenautomaten (der auf dyadischer Basis funktioniert hat) in
Gestalt positiver und negativer Ladungen ein symbolisierender,
nicht-energetischer Informationsapparat geworden ist.
In der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts wurde begonnen, das Leibnizsche Kalkül zu realisieren
und das informationstheoretische Denken auf physikalische Probleme
anzuwenden: from god to the machine (Norbert Wiener), Gott
wird zum Rechner und die Maschine ist Gott, die Welt ist
Rechnender Raum (Konrad Zuse), die Natur ein System von
Informationen. Eine Natur der kontinuierlichen Größen entsteht, das
voll digitale physikalische Modell. Philosophie und Technik fallen
zusammen im Rechnenden Raum, wie der Computerpionier Konrad Zuse
diesen "Relaiskosmos" genannt hat (Zuse 1967). Der epistemologische
Sprung, der da gemacht wird, besteht in einer Umkehrung der
Perspektive - wenn der rechnende Raum animiert wird, dann haben wir
es plötzlich mit einer intelligenten res extensa
zu tun (Künzel/Bexte 1996).
Mit den Modulationen auf subatomarer Ebene
und dem Erschließen neuer Materiezustände (Greiner et al. 2002),
mit dem potenziellen Quantencomputer wird dieses Modell wieder
mehr als aktuell, wobei die zunächst sinnvolle Ökonomie der
digitalen Informationsverarbeitung als historisch kontingente auch wieder
verabscheidet werden könnte. |
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4 - Medienkulturelle Matrix
Der neuen Medienkultur mangelt es an einem
entsprechenden gesellschaftlichen Sensorium (an Techoimagination).
Aufgrund dieses Mangels lebt die neue Kultur von Beschreibungen, die
aus dem Repertoire überkommener Kulturtechniken stammen
(beispielsweise Kunstkritik, die über gute oder schlechte Formen der
Repräsentation entscheidet).
Realität wird rekonstruierbar, die reale
Ereignisstruktur ist plötzlich nichts weniger als eine
Verwirklichung von Möglichkeiten, von zugrundeliegenden logischen
Strukturen. Möglichkeit impliziert die kontinuierliche Verbesserung
dieser inhärenten Strukturen nach rationalem Entwurf. Die Ontologie
des rechnenden Raums ist die eines zu verwirklichenden Potenzials.
Freilich stößt sich die Symbolisierung von Welt durch die Rechner an
der Unendlichkeit des Informationsgehaltes auch kleinster Teile,
wenn man im Modell der klassischen Mechanik bleibt. Die Maschine
wird nie alle Informationen beinhalten können, das technische
Simulakrum nie Totalität beanspruchen können. In diesem Sinn ist
nicht alles, was ist, berechenbar. Das Problem möglicher Welten aber
bleibt Ausgangspunkt für eine spekulativ angelegte neue
Anthropologie, und wichtig für die Frage nicht nach der Kultur
im, sondern einer Kultur des medialen Zeitalters.
Unsere Auffassung von Medien geht längst
darüber hinaus, sie lediglich als Körperprothesen zu sehen. Wenn sie
aber als Wahrehmungsapparate Sinnesorgane simulierend sind, dann
stören sie aber die konzeptionelle Trennung zwischen
Anschauungsvermögen und Einbildungskraft, die galt, solange die alte
Ontologie von Sein versus Schein noch intakt war. Kant hatte in
seiner Kritik der reinen Vernunft die Einbildungkraft als
"notwendiges Ingrediens" der Sinneswahrnehmung selbst bestimmt; es
ist eine philosophisch durchaus vernünftige Frage, so Kant weiter,
ob Dinge möglich sein können, ohne wirklich zu sein. Die Möglichkeit
eines Dinges ist seine Position in Beziehung auf den Verstand; seine
Wirklichkeit hingegen die Verknüpfung mit der Wahrnehmung. Es ist
immer diese Möglichkeit und nicht das Ding selbst, was seine
Wirklichkeit bedingt. Die Einbildungskraft ist es aber, die uns von
gegenwärtigen Realitäten auch entfernt; sie wirkt unter
medientechnischen Bedingungen nicht mehr, wie bei Kant, als Funktion
des Wirklichen, sondern auch des technisch Möglichen.
Die neue Kultur wird gern mit ökumenischen
Metaphern belegt - The Africa within
(McLuhan 1964) -, es besteht hier eine Vision nach
der anderen, von einer TechGnosis (Davis 1998)
über die Evolution des Global Brain (Bloom
2000) bis hin zur kollektiven Intelligenz
(Levy 1995). Es ist schwer, eine
Kultur jenseits der eingespielten und festgeschriebenen Formen vorzustellen,
vor allem eingedenk der Koevolution von Kulturtechnik und
Denken, von Medien und Anthropologie. Manfred Faßler hat
dafür den Begriff der CyberPoiesis vorgeschlagen,
um die über biogene und
technogene Codierungen erweiterte medienkulturelle Matrix forschungspragmatisch erschließbar
zu machen.  |
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5 -
Transcodierungen
Die neue Medienkultur ist anders, weil sie
nicht bloß alte Formen neu codiert - sie schafft Transcodierungen
statt Recodierungen. Diese neue Kultur schlägt unerwartet zu; ihre
Wirklichkeit wurde im Rahmen des Bestehenden noch nie für möglich
gehalten. Die Kuratierung des Bestehenden weicht dann dem Projekt
neuer Formen, dessen unerhörte Ansätze schon erkennbar sind.
In der medienkulturellen Matrix - jenseits
des Dualismus von Darstellung und Dargestelltem, von Sender und
Empfänger - geht es weder um Botschaften und Speicher, noch um
kollaborative Formen der Kultur. Der Anspruch setzt tiefer an, bei
einem neuen Denken, das hybride Formen verträgt und bei Netzen, die
nicht einmal mehr Vermittler oder Verteiler kennen (Serres 1987).
Aber auch bei den Transcodierungen zwischen den Bedeutungsebenen
einer computerisierten Technik und denen der Kultur. Transcodieren
heißt, Inhalte in ein neues Format und entsprechend der jeweiligen
Logik des Mediums zu übersetzen. Wie Lev Manovich behauptet,
erreicht die "Computerisierung der Kultur
schrittweise eine ähnliche Transcodierung in Bezug auf alle kulturellen Kategorien und Themen" (Manovich 2001).
Was das bedeutet, ist bereits vielfach und umfangreich
diskutiert: eine Kultur der Druckerpresse mit all ihren
Implikationen (Eisenstein 1997) wird durch ein Paradigma ersetzt, in
dem Technik, mediale Logik und soziokulturelle Funktionen anders
zusammenspielen, als es unter der typografischen Vernunft der Fall
gewesen ist. In der Bezeichnung dieses Paradigmas würde ich lieber
nicht am gängigen, technologisch konnotierten Begriff "Netz"
anknüpfen, sondern am philosophischen "Rhizom" (Deleuze / Guattari
1992). Denn dies verkörpert vehementer den Anspruch, über die
maschinentechnische Homogenisierung, die der Logik des
Industriezeitalters entstammt, hinauszugehen.
Die rhizomatische Verflechtung, in der jeder Punkt
notwendigerweise mit vielen anderen über unterschiedlichste
Codierungen in Verbindung steht, entpricht der Heterogenität einer
changierenden medienkulturellen Matrix. Die Übertragung zwischen
Punkten ist nur ein Sonderfall der möglichen Bezugnahme; Unordnungen
wie Interferenzen und Verteilungen (Serres) bestimmen die
kommunikativen Verhältnisse. Die eingeübten Kategorien und
cartesianischen Dualismen wie Mensch und Technik, Jahrhunderte lang
als ontologische Grundkonstanten verstanden, werden durch Konzepte
einer neuen Medienwirklichkeit abgelöst, die "keinen radikalen
Einschnitt zwischen Zeichenregimen und ihren Objekten" mehr erlauben
und eine Dezentrierung von Sprache "auf andere Dimensionen und
Register hin" verlangen (Deleuze / Guattari 1992).
Wie gehen wir damit um, wenn das, was wirklich ist, es nur
möglicherweise ist, und wenn das, was möglich ist, jederzeit
wirklich werden kann? Hier ergibt sich die Frage, was jenseits der
Werte einer herkömmlichen Kultur im Bann der typografischen Vernunft
liegt: intuitive Differenzierungen und Verbindungen auf einer
Meta-Ebene, semiotische Kontextualisierungen im emphatischen Sinn
des Wortes. Jenseits der herkömmlichen Bild-Text-Dualismen kommt es
zur Rekombination individueller Symbolisierungen, zum verflüssigten
Kommunizieren nach dem Vorbild subkultureller Performanz. "Panta
Rhei" - kombinatorische Topologie (Serres) statt Rechnender Raum,
Serendipity statt Forschung, Intuition statt Logik, Groove statt
Stringenz, Shape statt Design, Rhizom statt Interface. Sonic fiction
(Eshun 1999).
Dark Carnival - Mix und Hybride statt
Fixierungen wie Klasse, Rasse und Gender. Zone of flux. "The word:
flow. Say it." (Dj Spooky)
Wir aber fordern neue Medienkultur und
liefern nichts als erstarrte Gesten vor digtialen Artefakten. Es
wurde das Problem skizziert, dass mit den neuen Medien kulturell
Neues entsteht, das nicht nur in Optimierung von Funktionen des
Bestehenden zu begreifen ist. Das Vergangene ist ein
Problem der Archive, die Gegenwart ein Problem der
Überlagerungen - Layers von medialen Oberflächen. Die
Zukunft
hat damit
nichts zu tun. Sie beginnt mit einer kommunikativen Unordnung,
nachdem die Ordnung der typografischen Vernunft an ihre Grenzen
stößt.
Was wirklich ist, wenn alles möglich wird, ist weder Sache der
Datenträger noch ihrer aktuellen Codierung. Hier hat die Theorie
tatsächlich ein Problem, denn die Zukunft, dieses Chaos, läßt sich
eben nicht vor-schreiben.

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Literatur
- Anders, Günther: Die Welt als Phantom und Matrize (1956), in
ders.: Die Antiquiertheit des Menschen Bd.1, München: Beck 1980
- Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des
kulturellen Gedächtnisses, München: Beck 1999
- Bloom, Howard: Global Brain. The Evolution of the Mass Mind
from the Big Bang to the 21st Century, Wiley 2000
- Davis, Eric: TechGnosis. Myth, magic, and mysticism in the age
of information, New York: Harmony Books 1998
- Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Tausend Plateaus.
Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin: Merve 1992
- Eisenstein, Elisabeth: Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen
im frühen modernen Europa, Wien: Springer 1997
- Eshun, Kodwo: Heller als die Sonne. Abenteuer in der Sonic
Fiction, Berlin: ID Verlag 1999
- Flusser, Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie,
Göttingen: European Photography 1983
- Flusser, Vilém: Kommunikologie, Schriften Band 4, Mannheim:
Bollmann 1996
- Giesecke, Michael: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit,
Frankfurt: Suhrkamp 1991
- Greiner/Mandel/Esslinger/Hansch/Bloch: Quantum phase
transition from a superfluid to a Mott insulator in a gas of
ultracold atoms, in: Nature 415. Jan 2002, 39ff
- Groys, Boris: Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien,
München: Hanser 2000
- Hörisch, Jochen: Der Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der
Medien, Frankfurt: Eichborn 2001
- Künzel, Werner / Bexte, Peter: Maschinendenken /
Denkmaschinen. An den Schaltstellen zweier Kulturen, Frankfurt:
Insel 1996
- Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort. Die Evolution von
Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt: Suhrkamp 1980
- Levy, Pierre: L'intelligence collective. Pour une
anthropologie du cyberspace, Paris 1995
- Manovich, Lev: The Language of New Media, Cambridge, Mass.:
MIT Press 2001
- McLuhan, Herbert Marshall: Understanding
Media. The Extensions of Man, London: Routledge 1964
- Serres, Michel: Der Parasit, Frankfurt: Suhrkamp 1987
- Vismann, Cornelia: Akten. Medientechnik und Recht, Frankfurt:
Fischer 2000
- Vulner, Jo: Info-Wahn. Eine Abrechnung mit dem
Multimedia-Jahrzehnt, Wien: Springer 2000
- Wiener, Norbert: Futurum Exactum. Ausgewählte Schriften, Wien:
Springer 2002
- Zuse, Konrad: Rechnender Raum, 1967, in: Zuse Internet Archiv
Texte
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