Philosophisches Seminar
Prof. Jan A. Aertsen
"Gibt es eine mittelalterliche Philosophie?"
Vorlesungsmitschrift
Sommersemester 1994
Inhalt
II) Der logisch-semantische Ansatz "The Linguistic Turn"
III) Alain de Libera: "Der andere Geist der mittelalterlichen Philosophie"
Bitte beachten: Es handelt sich hierbei nur um eine Vorlesungsmitschrift, die als solche nicht den Anforderungen einer wissenschaftlichen Arbeit gerecht werden kann.
Wer ein ähnliches Projekt plant, informiere bitte
die Fachschaft.
Die Vorlesung ist in ihrem Aufbau an den Aufsatz angelehnt:
Jan A. Aertsen: Gibt es eine mittelalterliche Philosophie?
in: Philosophie und geistiges Erbe des Mittelalters, Köln 1994
(= Kölner Universitätsreden, 75) S. 13 - 30
Zur Ausarbeitung der Mitschrift wurde einführende Literatur zur
mittelalterlichen Philosophie verwendet, z.B.:
Kurt Flasch: Einführung in die Philosophie des Mittelalters. Darmstadt 3. Aufl. 1994
Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin
zu Machiavelli. Stuttgart 1986
(=Reclam Universal-Bibliothek Nr. 8342 [8])
Richard Heinzmann: Philosophie des Mittelalters. Stuttgart 1992
(=Urban TB,551; Grundkurs Philosophie, 7)
Zur Einstimmung hier der kurze Artikel "Mittelalterliche Philosophie" aus Meyers kleines Lexikon Philosophie, BI Mannheim 1987:
"Mittelalterliche Philosophie ist die zusammenfassende Bezeichnung für die philosophischen Bemühungen des Mittelalters, deren zeitliche Eingrenzung (Beginn etwa mit dem Ende des Weströmischen Reiches 476, Ausklang etwa mit der Reformationszeit um 1500) ebenso problematisch ist wie jene des Mittelalters selbst. Die mittelalterliche Philosophie knüpft z.T. an antike Vorbilder an. Als dominanter neuer Faktor kommt die Lehre der christlichen Religion, vermittelt durch die mächtige Institution der Kirche, hinzu. Während etwa eines Jahrtausends bleiben Philosophie und Wissenschaft im Schatten kirchlicher Lehre. Ihre Aufgabe ist es, die Glaubensinhalte der biblischen Offenbarung vernunftmäßig zu durchdringen und aufzubereiten, nicht jedoch sie zu begründen, da ihre Wahrheit über jeden Zweifel erhaben ist. Als wichtigstes Werkzeug, das im Lauf der Zeit ständig verfeinert wurde, dient die aristotelische Logik.
Charakteristisch für das gesamte Mittelalter ist die Tendenz, Wahrheit und Evidenz einzig und allein in der Überlieferung - also bei Autoritäten - zu suchen und zu finden. Deshalb beschränkte man sich auch oft auf das schulmäßige ("scholastische") Ausarbeiten der bekannten Quellen (Scholastik). Erfahrung - und damit auf beobachtbare Tatsachen gestützte Evidenz - blieb dem Mittelalter weitgehend fremd. Darin liegt der entscheidende Unterschied zur nachfolgenden Neuzeit. Die zweite wichtige Quelle der mittelalterlichen Philosophie (neben kirchlich vermittelter Bibel) war der spätantike Neuplatonismus. Dieser ließ sich mit seiner Lehre vom höchsten Sein (dem Ur-Einen) relativ leicht mit der christlichen Religion in Einklang bringen.
Die erste Periode der mittelalterlichen Philosophie, die Patristik, ist gekennzeichnet durch den Prozeß der schrittweisen Verschmelzung von christlich-kirchlicher Lehre und neuplatonischem Erbe. Zugleich geht von diesem doppelten Ursprung eine Spannung aus, die die mittelalterliche Philosophie prägt: der Gegensatz zwischen dem das individuelle Schauen betonende Neuplatonismus und der die Ansprüche von Tradition und Institution verteidigenden Lehre der Kirche, also der Gegensatz von Mystik und Scholastik (Orthodoxie).
Die Zweite Hälfte des Mittelalters, die Scholastik im engeren Sinne, ist geprägt durch das allmähliche Bekanntwerden der gesamten aristotelischen Philosophie (etwa ab 1200). Diese kam mit den Arabern nach Europa. Ähnlich wie die neuplatonische Lehre wurde auch diese mit der kirchlichen Lehre vereinigt. Dies geschah v.a. im Werk des Thomas von Aquin. Teile der aristotelischen Philosophie wurden systematisch ausgebaut (v.a. die Syllogistik). Die Hinwendung zu Aristoteles bedeutete zugleich eine Hinwendung zur Realität, indem dessen naturphilosophische und physikalische Schriften studiert wurden. Das verschärfte die Auseinandersetzung, die die Philosophie schon längere Zeit bewegte, über die Frage nämlich, welche Art von Sein abstrakten Begriffen (den Universalien) zukomme. Dieser Universalienstreit beherrschte die philosophische Diskussion des ausgehenden Mittelalters. Hierdurch wurde auch die Beschäftigung mit erkenntnistheoretischen Problemen angeregt. Vor allem das Verhältnis von Glauben und Wissen, das Problem der "Dialektik", rückte dann in den Mittelpunkt des Interesses. Das Mittelalter ging, philosophisch gesehen, mit der Loslösung der Wissenschaften von der Autorität der Kirche und der Verschulung der kirchlichen Lehre zu Ende. Dadurch zerfiel die für diese Epoche so charakteristische Einheit von Kirche, Wissenschaft und Glaube."
[A.G.]
Gott ist AQM (Aliquid quo nihil maius cogitari potest),d.h. etwas, über das ein größeres nicht gedacht werden kann.
1.) AQM(I) AQM (Gott) existiert mindestens im Denken (im Intellekt).
2.) AQM(I)#AQM(R) AQM existiert zwar im Denken (im Intellekt), nicht aber in der Realität. AQM hätte dann einen Mangel, den es nach seinem Inhalt nicht haben dürfte, da dann ein höheres Wesen gedacht werden könnte, nämlich eines, das auch in der Realität existiert.
3.) =>AQM(R) AQM (Gott) muß also auch in der Realität existieren, und zwar notwendig; die Nichtexistenz Gottes ist unmöglich.
Im Gebet, der Anrede an Gott (Proslogion) steckt das hermeneutische
Problem der Rede mit jemandem, dessen Existenz bewiesen werden soll. Der
Übergang vom Begriff, vom bloßen Namen zum Sein im ontologischen
Gottesbeweis, d.h. der Übergang von der begrifflichen zur ontologischen
Ebene, wurde nicht nur von Kant kritisiert (KrV, B620-630: Von der
Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes).
Karl Barth (evangelischer Theologe, 1886-1968) deutet 1931 Anselms Proslogion in theologischem Sinn: Die Argumentation Anselms im Proslogion ist Exegese des Glaubens. Anselm entwickelt darin aus einem Glaubenssatz (AQM) den Beweis, daß Gott existiert => Die Erkenntnis des Geglaubten erfolgt aus dem Geglaubten, damit liegt nicht Philosophie, sondern Theologie vor.
Literatur: Karl Barth: Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis
der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms. Darmstadt
3. Aufl. 1966
Bonaventura (1217/18-1274) wäre über das Erscheinen seines Werkes Quaestiones disputatae de scientia Christi (Vom Wissen Christi) in Meiners Philosophischer Bibliothek (1992) nicht sehr glücklich gewesen. In seinen Collationes in hexaermeron (Sammlung zum Sechstagewerk = Schöpfung; entstanden 1273) beschreibt er eine Bücherwertigkeit, eine Hierarchie von Schriften:
1. Stelle: Heilige Schrift
2. Stelle: Schriften der sancti
3. Stelle: Schriften der magistri (d.h. Bonaventura selbst)
4. Stelle: Schriften der philosophi (an letzter Stelle)
D.h. Bonaventura verstand sich selbst - wie die meisten Denker, die
der mittelalterlichen Philosophie zugerechnet werden - nicht als Philosoph,
sondern als Magister. Das Selbstverständnis der mittelalterlichen
Denker resultierte eher aus einer Opposition heraus: Philosophie versus
Theologie.
Auch Johannes Duns Scotus (1265/66-1308) sieht eher Gegensätze
zwischen philosophi einerseits und theologi und sancti
andererseits, er spricht von einer controversia zwischen Philosophen
und Theologen. Der Auffassung der griechischen Philosophie (der Mensch
ist fähig, Gott mittels Vernunft zu erkennen, ohne Theologie) steht
die mittelalterliche Auffassung entgegen (dazu gehört die Offenbarung
und die Vernunft).
Das Problem der mittelalterlichen Philosophie: Ihr Gegenstand ist Ergebnis
eines hermeneutischen Eingriffs, einer modernen Lektüre und Deutung
von Texten, die selbst keine rein philosophische Lektüre und Deutung
beabsichtigten.
Ende Teil A
Negative Antworten auf die Frage "Gibt es eine mittelalterliche Philosophie?" durch:
I) Neuzeitliche Philosophen
II) Mediävisten
III) Mittelalterliche Denker selbst
I) Etienne Gilson: "Der
Geist der mittelalterlichen Philosophie"
Der Geist der mittelalterlichen Philosophie, Wien 1950
Le philosophe et la théologie, Paris 1960
Le Thomisme. Introduction à la philosophie de Saint Thomas
d´Aquin, Paris 6. Auflage 1965
Drei bedeutende Zentren mittelalterlicher Forschung sind Köln,
Toronto und Löwen. Etienne Gilson (1884-1978), Direktor des
1929 von ihm an der Universität Toronto gegründeten "Pontifical
Institute of Medieval Studies" untersucht das Verhältnis von Philosophie
und Theologie im Mittelalter:
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Gilson bemüht sich um den Nachweis, daß der Aufbau einer genuin christlichen Philosophie möglich ist. Mit "Der Geist der mittelalterlichen Philosophie" (zuerst erschienen 1932) wollte Gilson die Kritik ("abgestumpfte Theologie") an seiner bisherigen Deutung der Philosophie von Bonaventura (1924) und Thomas von Aquin (1925) beantworten.
Nach Gilson ist mittelalterliches Denken christliche Philosophie im Sinne einer "Philosophie, die zwar die Ordnung der Vernunft und die Ordnung der Offenbarung formell auseinanderhält, trotzdem aber die christliche Offenbarung als unentbehrliche Helferin der Vernunft ansieht."
=> Christliche Philosophie deckt sich nicht einfach mit christlicher Offenbarung.
=> Mittelalterliche Philosophie hat das antike Denken unter dem Impuls des Christentums transformiert.
=> Gilson sieht ein fruchtbares Verhältnis zwischen christlicher
Philosophie und Theologie, er will einen experimentellen Beweis christlicher
Philosophie erbringen.
Nach Etienne Gilson ist die entscheidende Transformation des griechischen Denkens die Exodus-Metaphysik (Selbstoffenbarung Gottes an Moses im Exodus-Buch der Bibel 3,14) "Ego sum qui sum" ("Ich bin der Seiende"). Diese Transformation vollzieht sich im Mittelalter.
=> Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist das Seiende.
=> "Seiend" ist der Eigenname Gottes, das Sein Gottes bestimmt zugleich sein Wesen.
=> Identität von Essenz und Existenz, es gehört nur zum Wesen
Gottes, zu existieren.
Dazu: Aristoteles (384-322 v. Chr.): Metaphysik XII,8:
Gottesbeweis aus der Bewegung (Prozessualität), d.h. alles, was in Bewegung ist, wird von einer ersten Instanz bewegt.
=> Es gibt eine erste Substanz (ousia), ein ewiges, erstes, unbewegtes Bewegendes.
Gilson:
Das Problem zwischen der antiken und der neuzeitlichen Philosophie
wird bei Gilson gelöst durch die Exodus-Metaphysik ("Ego sum qui
sum", Gott ist das Seiende) im Mittelalter. Es gibt nur einen Gott,
dieser Gott ist das Seiende. Konsequenz dieses Prinzips: Das Sein gehört
nicht notwendig zum Wesen der anderen Götter und der Welt (Kontingenzproblem).
Essenz (Wesen, Sosein) und Existenz (Tatsache des Vorhandenseins eines
Seienden) sind nur im ersten Prinzip identisch (Gott).
Die Konsequenz der Exodus-Metaphysik führt bei Gilson zur Transformation der griechischen Philosophie. Die christliche Transformation erfuhr eine Nährung durch präreflexive Erfahrung, im Mittelalter war dies der Horizont des christlichen Glaubens.
Fraglich ist aber, ob die Exodus-Metaphysik den Ausschlag gab. These
Aertsens: Nicht eine Seinsaussage, sondern eine Treueaussage Gottes verbirgt
sich hinter Exodus 3,14 ("ego sum qui sum" ist als "ich bin da"
zu übersetzen, statt als "ich bin der Seiende"). Die Philosophie habe
die Interpretation der Exodusstelle beeinflußt.
Pascal (1623-1662): "Der Gott Abrahams, der Gott Jakobs, ...
, nicht der Gott der Philosophen und Denker". Der Ausdruck ‘Gott der Philosophen’
wurde erstmals bei Q. Septimus Tertullianus (ca. 160-ca. 220) als
Gegenbegriff zum ‘Gott Abrahams’, dem christlichen Gott verwendet. Tertullian
war einer der ersten bedeutenden Kirchenschriftsteller in lateinischer
Sprache, er verfaßte theologische und apologetische Schriften, so
u.a. das Apologetikum (197). Tertullian verteidigte als Apologet das junge
Christentum gegen die Vorurteile und Anklagen der Heiden. Er lehnte die
Philosophie schroff ab, wehrte sich gegen das Eindringen der Philosophie
in den Raum des Glaubens ("was hat Jerusalem mit Athen zu schaffen!").
Tertullian steht exemplarisch für die kulturellen Impulse, die im
2. Jh. n. Chr. von Nordafrika ausgingen.
Werner Beierwaltes kritisiert Gilson: Die Exodus-Metaphysik ist
hervorgegangen aus neuplatonischer Interpretation, sie ist der denkbar
ungeeignetste Gegenstand, um an ihm eine genuin christliche Philosophie
demonstrieren zu wollen => ungeeignete Aussage über das Sein Gottes.
Durch die christliche Idee der Schöpfung (creatio ex nihilo) wurde die philosophische Reflexion über den Ursprung der Welt beeinflußt:
Siger von Brabant (ca.1235-1282/86) fragt in: Quaestiones in Metaphysicam IV (Kommentar zu Aristoteles' Metaphysik): "Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts in der Wirklichkeit?" ("Si enim quaeratur quare est magis aliquid in rerum natura quam nihil ..."). Das ist eine ‘ungriechische’ Frage; die Welt war immer da.
Martin Heidegger: Was ist Metaphysik? (1967): "Die Grundfrage
der Metaphysik: Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?"
Gilsons Grundthese:
Die Entwicklung von der Vielzahl der Götter (Griechenland) hin
zum Monotheismus (Christentum) verändert die Philosophie und nimmt
Einfluß auf ihre Fragen. Dies geschieht im Mittelalter, so daß
das Denken anders aus dem Mittelalter herauskommt, als es hineingeht. Grund
ist die Exodus-Metaphysik, die Selbstoffenbarung Gottes gegenüber
Moses.
Aertsen:
Die mittelalterlichen Denker haben die Philosophie erneuert, und zwar
vor allem auf dem Gebiet der Metaphysik und der natürlichen Theologie.
Ihre Begriffe von Sein, von Ursprung, von Notwendigkeit und Kontingenz
und von Kausalität unterscheiden sich von denen des griechischen Denkens.
Das Denken ging aus dem Mittelalter anders heraus, als es hineingegangen
war. Das Mittelalter verdient deshalb einen Platz in der Geschichte der
Philosophie, namentlich in der Geschichte der Seinsfrage.
Thomas von Aquin (1225-1274) fragt in: Summa theologica (1266-1273)
I,44,2:
"Ist die erste Materie von Gott geschaffen oder ist sie ein neben ihm
liegender Urgrund?" (materia prima)
Dazu Aristoteles in Übereinstimmung mit den griechischen Denkern: "Ex nihilo nihil sit"
=> Erstes Argument für die Anfangslosigkeit der Welt.
1.) Seinsfrage der Vorsokratiker
Substanz/Akzidens
Es gibt nur sinnlich wahrnehmbare Körper (z.B. aus Urmaterien Feuer,
Wasser, Luft, je nach Vorsokratiker). Werden ist dabei eine akzidentelle
Veränderung eines immerseienden ungewordenen Urstoffs.
Materie/Form
Die Form ist das Primäre, ist generativ. Für die Vorsokratiker
war die Urmaterie etwas Reales, etwas Seiendes; für Aristoteles ist
sie nun lediglich etwas Potentielles, das die Form zur Realisierung braucht.
Generativ ist das Werden eines bestimmten Seienden (hoc ens; Mensch,
Tier, Stein). Jedes Werden setzt eine Materie voraus, die schon auf irgendeine
Weise ist => Die Seinsfrage wird nicht wirklich real gestellt, im Sinne
von: Wo kommt dieses Sein her?
Suche nach der Ursache der Dinge, nicht bestimmter, sondern insofern sie sind.
=> Hier findet sich zuerst die universale Seinsursache: Schöpfung
=> Essenz/Existenz - Wesen/Sein
=> Zum Wesen der Dinge gehört nicht das Sein.
Creatio ex nihilo (Schöpfung) setzt nichts voraus. Schöpfungsfrage: Innerer Entwicklungsgang der Philosophie. Existenz gehört nicht notwendig zum Wesen; Dinge sind kontingent, nicht notwendig.
Nach Thomas entwickelt sich die Fragestellung vom partikularen zum universalen
Sein, zum Sein als solchem.
Kritik:
Die christliche Philosophie zieht die Philosophie in ihren Bann und
stellt eine Bedrohung der Autonomie der Philosophie dar (siehe Russell,
Hegel). Philosophie wird abhängig von der Theologie.
Literatur: Fernand Van Steenberghen: Die Philosophie im 13. Jahrhundert. München 1977
Nach Fernand Van Steenberghen (aus der Löwener Schule) wird in
Gilsons Deutung der mittelalterlichen Philosophie als christlicher Philosophie
die Autonomie der Philosophie aufgegeben. Van Steenberghen leugnet, daß
es christliche Philosophien gibt (Kontradiktion von Christentum und Philosophie).
Eine Philosophie würde aufhören Philosophie zu sein in dem Maße,
in dem sie christlich wird. Die Philosophie wurde durch die christliche
Glaubensfrage beeinflußt.
Martin Heidegger erinnert in seinem Nietzsche-Buch (1961) an
den Begriff der christlichen Philosophie als "hölzernes Eisen", als
"Versuch der Quadratur des Kreises", als Widerspruch in sich.
Aertsens Kritik an Gilsons Konzeption von mittelalterlicher Philosophie als christlicher Philosophie:
(a) Bedenken historischer Art:
Der Ausdruck ‘christliche Philosophie’ im Sinne Gilsons ist im Mittelalter selbst unbekannt, gehört jedoch zur Terminologie der monastischen Spiritualität (der Mönch ist der wahre philosophus christianus).
Eine Untersuchung der Quellen des Denkens von Descartes zeigt, daß diese Quellen im Mittelalter liegen, nicht in der Antike.
Gilson bezeichnet die Idee von christlicher Philosophie als "konzeptuelle
Übersetzung eines beobachtbaren historischen Gegenstandes". Mittelalterliche
Philosophie ist jedoch als Begriff im Mittelalter selbst unbekannt. Albertus
Magnus und Thomas von Aquin unterscheiden eher Gegensätze:
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| Pagane (heidnische) Denker (Griechen) verstehen Mensch und Welt ausschließlich durch die Vernunft. | Christliche Denker sind in ihren Überlegungen durch das Licht des Glaubens gestützt. |
Dies macht ein Selbstverständnis der mittelalterlichen Denker nicht als Philosophen, sondern als Theologen deutlich. Philosophen gehörten in die Antike, in die Vergangenheit. Thomas von Aquin hat das Epitheton philosophus nie auf einen Christen angewendet.
Des weiteren kann beobachtet werden, daß es unter den theologi selbst eine große Diversität von Auffassungen gab. Beispiel: Göttliche Namen, die dem Ersten zugeordnet werden sollen, zurückgehend auf:
1.) Pseudo-Dionysius Areopagita
2.) Thomas von Aquin
3.) Meister Eckhart
4.) Nikolaus von Kues
zu 1.) Pseudo-Dionysius Areopagita (2. Hälfte 5. Jh.): Gutheit
als primärer Gottesname
In: De divinis nominibus, ch. 2.1.31, ch. 4.1.95, ch. 13.3.452
Pseudo-Dionysius Areopagita lebte ca. 500 n. Chr. (in Syrien?), präsentiert sich in seinen Schriften aber als Schüler des Apostels Paulus (d.h. im 1. Jh. n. Chr.), da in der Paulus-Geschichte ein Dionysius auftritt. In seinen Schriften versucht er, den neuplatonischen Gedankenkreis mit der christlichen Lehre zu verschmelzen (Vorscholastik). Gegenstand seiner Schrift De mystica theologia ist eine mystische Theologie zur Einigung mit dem ersten Prinzip. Danach strebt die Welt nach Rückkehr in Gott als dem Seinsgrund, aus dem sie entspringt. Das Sehnen der menschlichen Seele nach Gott findet seine Erfüllung in der mystischen Vereinigung mit dem göttlichen Einen.
Aufgrund der für authentisch gehaltenen fiktiven Identifikation
mit dem vom Apostel Paulus bekehrten athenischen Areopagiten (Apostelgeschichte
17,34) galt Pseudo-Dionysius in der Ost- und Westkirche über Jahrhunderte
hinweg als unanfechtbare Autorität. Besonders folgenreich für
die Verbreitung seines Schrifttums im Westen war die im 9. Jh. erfolgte
lateinische Übersetzung des ganzen Corpus Dionysiocum durch den Iren
Johannes Scotus Eriugena (ca. 810-ca. 877) am Hofe Karls des Kahlen (König
des Westfränkischen Reiches, gest. 877). St. Denis (sanctus dionysius)
bedeutete eine doppelte Mystifikation. Dies wurde schon im Mittelalter
in Zweifel gezogen, worüber die Mönche von St. Denis nicht sehr
glücklich waren. Zwar vermutete schon im 15. Jh. der Humanist Lorenzo
Valla (1405-1457) die Unechtheit der Schriften, doch konnte die Abhängigkeit
seiner Schriften vom späten Neuplatonismus (insbesondere von Proklos,
410-485) erst im 19. Jh. nachgewiesen werden.
zu 2.) Thomas von Aquin (1225-1274): Sein (esse) als primärer Gottesname
In: Summa theologica I,13,11
zu 3.) Meister Eckhart (ca. 1260-ca. 1327): Wahrheit, Verstehen, Intellekt, intelligere als primärer Gottesname
In: Quaestiones parisienses (entstanden während Eckharts erster Lehrtätigkeit in Paris 1302/03, siehe S. 27), lateinische Werke V,40
Der Evangelist Johannes hat nicht gesagt: "Am Anfang war das Seiende" (ens), sondern: "Am Anfang war das Wort". ‘Sein’ gehört vielmehr in den Bereich des Endlichen, des Geschaffenen.
zu 4.) Nikolaus von Kues (1401-1464): Einheit (unitas) als zutreffendster Gottesname
In: De docta ignorantia (1440 entstanden) I,c.24,n.74-77
Über das wissende Nichtwissen zu Gott gelangen; eigentlich ist kein Name Gott angemessen. Als zutreffendsten Gottesnamen nennt er Einheit (unitas), bezogen auf: Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, dein Gott ist Einer".
1.) Pseudo-Dionysius Via Platonica, Gutheit als Gottesname, damit metaphysische Option des Platonismus
2.) Thomas von Aquin Theologische Ontologie, Seinsmetaphysik
3.) Meister Eckhart Geistmetaphysik
4.) Nikolaus von Kues Neuplatonismus, Henologie (von logos hen = griech. Denken des Einen)
Diese 4 Diversitäten bzw. metaphysischen Optionen beruhen auf unterschiedlichen metaphysischen Denkweisen. Zugrunde liegt die Frage, wie wir das Erste denken bzw. bezeichnen können. Wichtig ist nun die Frage, wie diese Verschiedenheit unter den theologi in Gilsons Konzept der christlichen Philosophie erklärt wird. Seine Definition von christlicher Philosophie (s.o.) läßt von sich aus eine solche Pluralität zu.
In der Darlegung der Exodusmetaphysik zeigt Gilson, daß untereinander so verschiedene Denker wie Aurelius Augustinus, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin und Johannes Duns Scotus die Identität von Sein und Gott anerkennen. Die obige Diversität unter den theologi macht jedoch deutlich, daß die Exodusmetaphysik als Eckstein der christlichen Philosophie keineswegs communis opinio war. Gilson sagt im ‘L´esprit’ wenig dazu, er stellt das griechische Denken, das, zumindest in seiner platonischen Version, den Primat des Guten bestätigte und die Existenz diesem unterordnete, dem christlichen Denken gegenüber, das unter dem Einfluß von Exodus den Primat des Seins lehrte und das Gute diesem unterordnete. An diesem Primat des Seins haben die mittelalterlichen Denker gegenüber Pseudo-Dionysius festgehalten, Gilson sieht also Pseudo-Dionysius außerhalb der christlichen Denktradition.
Dagegen Bonaventura als mittelalterliche Gegenstimme (in: Itinerarium mentis in deum V,2): "Dionysius sequens Christum dicit, quod bonum est primum nomen". Gott kann auf zwei Weisen betrachtet werden (siehe unten S. 32f.): Einerseits durch Blick vor allem auf das Sein selbst (ipsum esse), was die Betrachtungsweise des Alten Testaments ist (Exodus). Andererseits durch Blick auf das Gute, was die Betrachtungsweise des Neuen Testaments ist. Danach legt Christus diesen Namen ausschließlich Gott bei (Lukas 18,19). Dionysius folgte deshalb Christus, als er das Gute als den primären Namen Gottes setzte.
In Gilsons Werken wird eine Spannung zwischen seinem Begriff von christlicher Philosophie und der historischen Wirklichkeit deutlich. Der ursprünglich historische Begriff von christlicher Philosophie erhält eine normative Aufladung und kann dadurch der Vielgestaltigkeit der mittelalterlichen Philosophie nicht mehr gerecht werden. In dieser Philosophie wird ‘Sein’ nämlich nicht als einzig legitime Möglichkeit betrachtet, um das erste Prinzip zu denken, sondern es finden sich darin auch Kritiker der Ontotheologie.
Der Nachfolger Gilsons in Paris, Paul Vignaux, schlägt vor, das mittelalterliche Denken eher als eine Religionsphilosophie zu verstehen. Eine solche Philosophie, die die historisch gegebenen Religionen zum Gegenstand hat, analysiert die Argumente der mittelalterlichen Denker, ohne zur Übernahme ihrer Ansichten verpflichtet zu sein. Im Gegensatz zu Gilsons Konzeption einer christlichen Philosophie schließt die Annäherung von Vignaux nicht eine ‘ultra-philosophische Verbindlichkeit’ ein. Folge dieses Vorschlages ist jedoch, daß das Denken im Mittelalter eine Ausnahmestellung erhält: Religionsphilosophie als Intermezzo zwischen der antiken und der modernen Periode der Philosophie.
Nachtrag: Was wird in den Gottesbeweisen bewiesen? Gottesbeweise
sind von anderer Art als geometrische Beweise und Gottesbeweise sind nicht
etwas typisch Mittelalterliches. Wie verhält sich der bewiesene Gott
zum Gott der christlichen Offenbarung? Noch einmal Pascal: "Der Gott Abrahams,
der Gott Jakobs, ... , nicht der Gott der Philosophen und Denker" (siehe
oben S. 9).
(b) Bedenken philosophischer Art:
Gilsons Begriff von christlicher Philosophie hat als Konsequenz, daß die mittelalterliche Philosophie der theologischen Ordnung gemäß dargelegt werden muß. Nach der sacra doctrina, der Theologie der christlichen Offenbarung, folgt dabei auf die Betrachtung Gottes als Ursache die Betrachtung von dessen Wirkung, also der geschaffenen Welt (der Wirklichkeit). Nach der philosophischen Ordnung aber folgt auf die Betrachtung der Wirkung die Betrachtung der Ursache.
Gilson in: Le Thomisme: Thomas’ Gottesbeweise in der Summa theologica I,2 folgen der theologischen und nicht der philosophischen Ordnung, in der die Beweise Gottes nicht am Anfang, sondern am Ende der Betrachtung stehen. Gilsons Argument dafür, daß Thomas nicht der philosophischen, sondern der theologischen Ordnung folgt, ist, daß die Philosophie in einer theologischen ‘Synthese’ eingeordnet ist. Die philosophische Reflexion hat lediglich eine instrumentelle Funktion für die sacra doctrina, deshalb muß die Ordnung dieser Wissenschaft auch die der Philosophie sein. Die Bindung der Philosophie an die Theologie wird in den späteren Werken Gilsons immer stärker betont. Eine christliche Philosophie, losgelöst von der Theologie, ist eine nicht-existierende Entität.
Gilsons Begriff ‘christliche Philosophie’, gedacht, den eigenen ‘Geist’ der mittelalterlichen Philosophie zu charakterisieren, ist zum Ausdruck der instrumentellen Funktion der Philosophie im Dienst der christlichen Theologie geworden. Damit verschwindet aber als Konsequenz die Philosophie aus dem Thomismus und der Thomismus aus der Philosophie. Zwar hat Thomas' Gesamtwerk einen durchgehend theologischen Sinn, jedoch enthält seine theologische Synthese grundlegende philosophische Aussagen. Thomas erkennt der Philosophie eine methodische und prinzipielle Eigenständigkeit zu (Summa theologica I,1).
Gilsons Darlegung des Thomismus bietet keine Einsicht in die eigene
Ordnung der Philosophie. Thomas´ Denken wird nicht von dieser Ordnung
her, d.h. nicht als Philosophie verstanden.
Das zweite Konzept der Moderne ist das Konzept der linguistischen Wende ("The Linguistic Turn"), eine radikale Umkehr auch im Hinblick auf das Konzept Gilsons, quasi ein Exodus aus der Metaphysik. Logik, Semantik und Sprachphilosophie stehen im Zentrum des Interesses, zurückgehend auf logisch-semantische Untersuchungen Wittgensteins und anderer. Die linguistische Wende der zeitgenössischen Philosophie mit ihrem sprachanalytischen Ansatz hat in der angelsächsischen Welt zu einem neuen Interesse an mittelalterlichen Texten geführt, weil man darin verwandte Beschäftigungen entdeckte.
Beispiel: Anthony Kenny: Wyclif. Oxford 1985
Anthony Kenny bemerkt in seiner Studie über John Wyclif (ca. 1320-1384), den er bezeichnet als "The Morning Star of the Reformation and the Evening Star of Scholasticism": Magister und Studenten des 14. Jh. diskutierten Probleme und verwendeten Methoden, die heute unter Oxforder Philosophen geläufig sind. John Wyclif war Magister in Oxford, übte Kritik an der katholischen Kirche, verfaßte Schriften zum Universalienstreit.
Die Oxford-Philosophie des 14. Jh. hat als linguistische Philosophie große Ähnlichkeit mit der sprachanalytischen Philosophie des 20. Jh., man verwendete viel Zeit auf sprachanalytische (linguistische) Untersuchungen, d.h. auf die Art und Weise der Bedeutungsfindung von Begriffen.
Beispiel: Josef Pieper: Scholastik. Gestalten und Probleme der mittelalterlichen Philosophie. München 1960
Vorherrschende Stellung der Logik; eine logisch-analytische Annäherung ist sicher nicht unbegründet, ihre Rechtfertigung liegt im scholastischen Charakter des mittelalterlichen Denkens. Scholastik wird oft synonym mit mittelalterlicher Philosophie verstanden, im Sinne einer normativer Verbindung von Glauben und Vernunft. Hier wird der Begriff eher in einem historischen, formal-methodischen Sinne verwendet:
scholastisch = schulmäßig
Zusammenhang zwischen Denken und Art des Unterrichts, nämlich schulmäßigen Unterrichts, der v.a. in der Vermittlung von autoritativen Texten besteht. Ort dessen ist die Universität, als wohl wichtigster Beitrag des Mittelalters zur abendländischen Kultur.
Literatur: Herbert Grundmann: Vom Ursprung der Universität im Mittelalter. Darmstadt 2. Aufl. 1976
Nach Herbert Grundmann gab menschliches Wissensverlangen den Ausschlag für Ursprung und Wesen der Universitäten. Im 12. Jh. entstehen in Europa die ersten Universitäten u.a. in Paris, Oxford und Bologna.
Universitäten sind Sonderfälle der Zünfte oder Korporationen, sind Zusammenschlüsse von Lehrern und Studenten zu einer universitas magistrorum et scolarium zur Wahrung gemeinsamer Interessen am Studieren. Unser heutiger Begriff von Universität bedeutete im Mittelalter studium generale. Universitas bezog sich im Mittelalter auf den Zusammenschluß, nicht auf die Universalität des Wissens. Wissenschaft wurde als Beruf anerkannt bzw. möglich.
Kennzeichen einer Zunft/Korporation:
(a) Eigene Gerichtsbarkeit (Selbstverwaltung, relative Autonomie gegenüber den staatlichen Autoritäten, zwingende Vorschriften für ihre Mitglieder).
(b) Anordnungen zur Regelung des Handwerks (z.B. Regelung der Ausbildung).
Auch die Universität hatte in diesem Sinne:
(a) Eigene Gerichtsbarkeit über die Universitätsangehörigen (Leitung der Universität durch eigene, aus ihrer Mitte gewählte Rektoren).
(b) Regelung der universitären Berufsausbildung (Studienordnung) und -ausübung. Zum ersten Mal wurde die akademische Ausbildung institutionalisiert, z.B. durch die Regelung der Examensanforderungen zur Erlangung des baccalaureus und des magister = licentia docendi, d.h. der Erlaubnis, zu lehren (heute: Habilitation). Magister bedeutete quasi die Zugehörigkeit zur Zunft, zur Körperschaft des studium generale.
Magister hatte zweifache Unterrichtsaufgabe:
1.) lectio
=> Problematisieren durch Fragenstellen.
=> Eigene Kommentarform der quaestio entwickelte sich.
=> Das Fragenstellen löste sich vom Text und bildete eigene Fragestellungen. Die Kommentarform der quaestio verselbständigte sich und wurde zur Unterrichtsform der disputatio.
=> Diese Disputationsform setzte sich nun an allen Fakultäten und auch außerhalb der Universitäten durch (Beispiel: Thomas von Aquin: Quaestiones disputatae de veritate).
Beispiel: Thomas von Aquin: Summa theologica I,2,3:
1.) Videtur quod Deus non sit Es scheint, daß Gott nicht existiert, da es Übel in der Welt gibt.
2.) Sed contra Andererseits: Argument für die Existenz Gottes: "Ich bin der Seiende" in Exodus 3,14.
3.) Respondeo dicendum Determinatio, Antwort des Magisters. Thomas bietet hier 5 Gottesbeweise ("quinque viae")
4.) Respondeo zu 1.) Erwiderung auf die Einwände aus videtur quod non ("ad primum, ad secundum, ...")
=> Scholastischer Charakter des mittelalterlichen Denkens.
=> Bedeutend sind Semantik und Logik.
=> Termini werden genau analysiert.
=> Verfeinerte, intellektualisierte Methode des Argumentierens.
Zur mittelalterlichen Logik:
Bestandteile der aristotelischen Logik:
(a) Begriff, Terminus
(b) Satz, Urteil (Bestandteile sind Subjekt und Prädikat)
(c) Syllogismus (Verknüpfung von 2 Sätzen zu einem Schluß)
Leistungen der mittelalterlichen Logik:
Die mittelalterliche Logik entwickelt neue Disziplinen, und diese logica modernorum wird mit ihrer Lehre von den Eigentümlichkeiten der Termini (proprietates terminorum) der logica antiqua, bestehend aus logica vetus und logica nova gegenübergestellt, die weitgehend auf Aristoteles und dessen Kommentatoren (besonders Boethius) zurückgeht.
Bedeutende Werke der mittelalterlichen Logik sind z.B.:
(a) Petrus Hispanus Portugalensis (ca. 1205-1277) = Papst Johannes XXI. (1276): Tractatus, später: Summulae logicales (entstanden 1230-40)
(b) Wilhelm von Ockham (ca. 1280-ca. 1349): Summa totius logicae (entstanden
1324/25)
Beispiel: Inhalt des Tractatus (Summulae logicales) des Petrus Hispanus Portugalensis als wohl bekanntestes und angesehenstes Logik-Lehrbuch des Mittelalters:
Tractatus I: De introductionibus Logik wird beschrieben als eine allen wissenschaftlichen Methoden zugrunde liegende Kunst, die man vor den anderen Wissenschaften erlernen sollte. Erläuterung einiger wichtiger logischer Grundbegriffe.
Tractatus II: De predicabilibus Lehre von den Prädikabilien (Gattung, Art etc.), zurückgehend auf Boethius’ Ausführungen zu Porphyrius’ Isagoge.
Tractatus III: De predicamentis Abhandlung über die 10 Kategorien des Aristoteles.
Tractatus IV: De sillogismis Abhandlung über die Schlußformen, Einführung eines Merkverses über die Modi der verschiedenen Schlußfiguren.
Tractatus V: De locis Befaßt sich mit den Lehren des Boethius (De topicis differentiis).
Tractatus VI: De suppositionibus Behandelt die Suppositionslehre (siehe unten), zentrales Thema der Lehre von den Eigentümlichkeiten der Termini => logica modernorum
Tractatus VII: De fallaciis Fehlschlußtheorie
Tractatus VIII: De relativis Präzise Beschreibung und Klassifizierung der Relativpronomina => logica modernorum
Tractatus IX: De ampliationibus => logica modernorum
Tractatus X: De appellationibus => logica modernorum
Tractatus XI: De restrictionibus => logica modernorum
Tractatus XII: De distributionibus => logica modernorum
Drei neue Entwicklungen der mittelalterlichen Logik:
1.) Terministische Logik
2.) Modallogik
3.) Sophismata (logical problems)
zu 1.) Terministische Logik:
Lehre von der Signifikation und Supposition der Termini:
Signifikation: Bedeutung eines Wortes unabhängig von einem
Kontext.
Beispiel: Gleiches Subjekt (‘Mensch’), aber unterschiedliche Suppositionen:
(a) Mensch ist ein Lebewesen.
Mensch steht hier für ‘extramentale’ Dinge.
=> suppositio personalis (formal allgemeines supponieren)
(b) Mensch ist eine Spezies.
Mensch steht hier für ein Konzept, eine Universale (nicht: Sokrates ist eine Spezies).
=> suppositio simplex (formal singuläres supponieren)
(c) Mensch ist ein Monosyllabum.Mensch ist ein einsilbiges Wort (nicht: Sokrates ist ein Monosyllabum), d.h. ein Terminus für den Ausdruck selbst. Ein weiteres Beispiel: "Primum et septimum de quatuor", aus: Umberto Eco, Der Name der Rose, S. 582 f.
=> suppositio materialis (material-singuläres supponieren)
Suppositionen dienen dazu, die Wahrheit eines Satzes zu beweisen. Stehen die Termini für dasselbe, d.h. supponieren Subjekt und Prädikat für dasselbe, ist ein Satz wahr.
Anwendung der Suppositionslehre im Nominalismus:
Beispiel: Wilhelm von Ockham (1280/85-ca. 1349):
Es gibt nur einzelne Dinge als Seiendes. Nur was individuell ist, ist wirklich, und umgekehrt. Allgemeine Dinge (Universalien) sind nur termini, nur nomen bzw. conceptus. Frage: Ist dann aber eine Wissenschaft der Realität, eine scientia realis möglich? Ockham schließt sich hier der Auffassung an, daß Wissenschaft sich mit dem Allgemeinen beschäftigt (Dualismus im Nominalismus).
Gegner Ockhams: Realisten:
Wissenschaft beschäftigt sich nur mit Begriffen, mit Allgemeinheiten => jede Wissenschaft wird Logik. Ockham fragt: Gibt es eine scientia realis, eine Wissenschaft, die sich mit dem Realen beschäftigt? Wissenschaft beschäftigt sich nicht mit extramentalen Dingen, sondern mit Sätzen, in denen Begriffe verbunden werden. Propositionen, Propositionalität, "S ist P".
Es bleibt ein Unterschied zwischen einer Realwissenschaft und einer Wissenschaft der Begriffe, Grund sind die Suppositionen:
scientia realis logica
Begriffe, die für Begriffe, die für Dinge stehen Begriffe stehen
(extramentale Komponente)
suppositio personalis suppositio simplex
‘Naturphilosophie ohne Natur’, logisch-semantische Analyse der Sätze über die Natur. Menschliche Redeweise, nicht die Gegenstände selbst sind Objekte der Beschäftigung.
zu 2.) Modallogik:
Untersucht werden die Modalitäten der Verbindung von Subjekt und Prädikat. Zur Darstellung des ’Modalquadrats’ der Scholastik analog zum logischen Quadrat der Aussageformen siehe Hans Poser, Zur Theorie der Modalbegriffe bei G. W. Leibniz, Wiesbaden 1969, S. 12.
(a) notwendig (immer)
(b) unmöglich (nie der Fall in der tatsächlichen Welt)
(c) möglich (mind. einmal der Fall)
(d) kontingent (mind. einmal der Fall und mind. einmal nicht der Fall)
Kontingenter Sachverhalt:
P kann zu einem anderen Zeitpunkt Nicht-P sein => Kontingenz bezieht
sich auf die gegenwärtige Zeit.
Johannes Duns Scotus (1265/66-1308) bestimmt die andere Kontingenzauffassung des
14. Jh.:
P und Nicht-P sind zur selben Zeit möglich im Sinne einer logischen Möglichkeit, d.h. nicht an die tatsächliche Welt gebunden, entsprechend also der modernen Modallogik. Theologischen Hintergrund bildete bei Duns Scotus dabei die Allmacht Gottes. Gott ist nicht an diese existierende Welt gebunden, er hätte auch eine andere Welt erschaffen können (logische Kompatibilität). Die tatsächliche Welt ist "nur" Beispiel aller möglichen Welten. Mögliche Welt sind die Sachlagen, die innerlich konsistent sind (kompossibel).
=> Möglich ist das, was wahr ist in mindestens einer möglichen
Welt.
Rätsel; logische Paradoxe; Aussagen, die sich auf sich selbst beziehen; Puzzles. Beispiel: Das Lügenparadox "Ego dico falsum" = "Ich sage Falsches" (Aus Wahrem folgt Falsches, aus Falschem folgt Wahres).
Fazit:
Alle drei Neuentwicklungen der mittelalterlichen Logik haben ihren Niederschlag, ihre Entsprechung in der modernen Logik:
Kritik:
Das Postulat der Modernität, d.h. die philosophische Erkennbarkeit für den modernen Geist führt in der Cambridge History dazu, daß das Studium der mittelalterlichen Philosophie durch Logik und Semantik dominiert wird. Eine viel zu geringe Beachtung findet die Art und Weise, wie die mittelalterlichen Denker philosophische und theologische Probleme mit Hilfe dieser Denkinstrumente analysiert haben.
Das Ergebnis ist ein reduziertes Bild des mittelalterlichen Denkens, auch weil die philosophische Theologie bewußt ausgeklammert ist.
Zwar füllt die Cambridge History als wichtiges Werk der neuen Mediävistik
eine Lücke in der Forschung, jedoch kann der logisch-semantische Ansatz
der Cambridge History wegen seiner Einseitigkeit mittlerweile als überholt
angesehen werden.
La philosophie médiévale, Paris 2. Aufl. 1992
Nach Alain de Libera ist die Artes-Fakultät (facultas artium) der Ort der mittelalterlichen Philosophie. Jedoch steht nicht der logisch-semantische Ansatz im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Erscheinung des Intellektuellen im 13. Jh. einerseits, und deren ethische Lehre andererseits. Diese Intellektuellen entwickelten dort ein neues Ideal eines philosophischen Lebens, von de Libera "ethischer Aristotelismus" genannt.
Zwar wurden an der Artes-Fakultät die in ihrem Ursprung auf Boethius
(ca. 480-524) zurückgehenden septem artes liberales gelehrt
(die drei sermocinalen Fächer des Triviums der sieben freien Künste
- die Gesprächs- bzw. dialogischen Fächer - , sowie die darauf
aufbauenden Fächer des Quadriviums), jedoch standen diese angesichts
der beginnenden Aristotelesrezeption nicht mehr im Mittelpunkt.
Septem artes liberales:
Trivium Quadrivium
Grammatica (Latein) Geometria
Dialectica (Logik) Arithmetica
Rhetorica Astronomia
Musica
Beispiel: Das ‘Manuskript Barcelona’, ein im 20. Jh. gefundener Strukturplan des Studiums an der Artes-Fakultät in Paris, zeigt eine Dreigliederung des Studiums der Philosophie:
(a) Philosophia naturalis: Theoretische Philosophie des Aristoteles (Physik,
naturphilosophische Schriften und Metaphysik,
liber de causis), Mathematik (Quadrivium; Boethius)
(b) Philosophia practica bzw.
philosophia moralis: Praktische Philosophie, Ethik des Aristoteles
(c) Philosophia rationalis: Logik des Aristoteles, Trivium
- Studium über 6 Jahre als Propädeutik.
- Bezogen auf die Schriften des Aristoteles, damit eigentlich Aristotelesstudium.
- Revolution des mittelalterlichen Denkens, philosophische Wende von Platon zu
Aristoteles.
- Prägte das geistige Leben des 13. Jh.
Das Wesen Europas ist die Kunst des Entlehnens. Die Quellen, aus denen Europa schöpft, liegen außerhalb seiner selbst, d.h. Athen und Jerusalem als nicht zu Europa gehörend angesehen. Wichtige vermittelnde Rolle der arabischen Denker dabei: Avicenna (Ibn Sina) 980-1037 in Persien und Averroës (Ibn Roschd) 1126-1198 in Spanien.
=> Aristoteles wurde ‘der Philosoph’ des 13. Jh., vorher war Platon ‘der Philosoph’. Philosophische Wende im Mittelalter von Platon zu Aristoteles: Bisher galt Platon als der Philosoph, mit dem man die Philosophie und die christliche Lehre in Einklang bringen kann, jetzt zeigt u.a. Thomas von Aquin, daß das auch mit Aristoteles geht.
=> Aristoteles-Studien an den Universitäten, gegen den Widerstand der Kirche.
=> Durchsetzen der Studienordnung an der Artistenfakultät der Universität Paris i.J. 1255: Entstehung einer philosophischen Fakultät.
=> Erstmals eigener institutioneller Ort für die Philosophie.
1210 wurde auf der Provinzialsynode von Paris die lectio der
naturphilosophischen Schriften des Aristoteles verboten, 1215 wurde dieses
Verbot unter Papst Innocenz III. auf die Metaphysik ausgedehnt. 1231 bestätigte
Papst Gregor IX. diese Verbote noch, allerdings mit dem einschränkenden
Hinweis, "bis sie geprüft und von jedem Verdacht des Irrtums gereinigt
seien". Die heterodoxe Auslegung, d.h. die Auslegung abweichend von der
Kirchenlehre, sollte nach wie vor nicht zum Gegenstand des offiziellen
Unterrichts gemacht werden. Bis zum Jahr 1255 wurden jedoch alle bis dahin
bekannten Schriften des Aristoteles in das offizielle Lehrprogramm der
Artistenfakultät aufgenommen (offizielles Legitimieren des Aristotelesstudiums).
Vor diesem Hintergrund entwickelten Siger von Brabant und Boethius
von Dacien als Vertreter des radikalen Aristotelismus um 1250/60 eine neue
Ethik bzw. ein neues Lebensideal, nämlich ein philosophisches:
Boethius von Dacien, 1250: De summo bono (Über das höchste
Gut) oder De vita philosophi: Das höchste Gut des Menschen (Glück)
besteht in der Tätigkeit des höchsten Vermögens des Menschen,
der Vernunft:
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Intellektuelles Betrachten ist das höchste Ziel, Glück und
Gut des Menschen => intellektuelle Selbstentfaltung (Aristoteles, Nikomachische
Ethik, v.a. Buch 10). Nach Boethius erreicht nur der Philosoph das letzte
Ziel des Menschen: Glück. Philosoph ist jeder Mensch, der nach der
Ordnung seiner (vernünftigen) Natur lebt und der das beste, sowie
das letzte Ziel des Menschen erreicht hat. Philosophie wird nicht als Propädeutik,
sondern als höchster Lebensstand des Menschen angesehen.
Diese neue philosophische Ethik stellt sich als ein naturalistisch
orientierter Intellektualismus dar. Menschliche Glückseligkeit besteht
in der Erkenntnis des Wahren und im Tun des Guten, und zwar in dieser Welt.
Das ist das dem Menschen angemessene und zugleich höchste Glück.
Dies geht nach de Libera einher mit dem Erscheinen des Intellektuellen
im 13. Jh.:
Was konstituiert den Intellektuellen? Die Erfahrung des Denkens.
Heidegger: "Was heißt Denken?"
Auf diese Frage versucht de Libera eine Antwort zu finden.
Es gibt zwei Arten von Intellektuellen im Mittelalter:
(a) Universitäre Intellektuelle
- Magistri der Artes-Fakultäten, Universitätsprofessoren.
- Entprofessionalisierung der Philosophie.
- Vertreter: Dante (1265-1321), Meister Eckhart (ca. 1260-ca. 1327).
- Verfaßten in der Volkssprache; auch Frauen wurden einbezogen.
Die berühmtesten Averroisten des 13. Jh., d.h. die Pariser Philosophie-Professoren
der Artisten-Fakultät (v.a. Siger von Brabant und Boethius von Dacien)
kamen durch ihre mit der Kirchenlehre unvereinbaren Aristoteles- und Averroës-Interpretationen
in scharfe Konflikte mit den Theologen.
Universitäre Verurteilung von 1277 (Paris und Oxford):
hier Paris: Der Pariser Bischof Tempier verurteilt 219 Thesen.
Struktur der mittelalterlichen Universität:
Theologische Fakultät (erste wissenschaftliche Untersuchung
theologischer Fragen), wurde bald von Bettelorden dominiert, den Mendikanten
(Prediger- und Seelsorgeorden des Spätmittelalters: Dominikaner ab
1216, Franziskaner ab 1223, Karmeliter ab 1245).
Beispiel: Der Streit um die Frage nach der Ewigkeit der Welt:
Boethius von Dacien: De aeternitate mundi (Über die Ewigkeit
der Welt).
dagegen:
Christlicher Glaube: Lehrt die Neuheit der Welt, Genesis, Gott erschuf Himmel und Erde (Creatio ex nihilo).
Bonaventura: Schöpfung schließt Ewigkeit aus. Ewigkeit ist innere Unmöglichkeit.
These Bonaventuras: Es läßt sich philosophisch beweisen,
daß die Welt einen Anfang hat.
Literatur: Kurt Flasch: Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277.
Das Dokument des Bischofs von Paris. Mainz 1989
Darin findet sich eine Übersetzung dieser 219 Thesen. Einige dieser
Thesen betreffen die Autonomie der Philosophie, z.B. keine höhere
Erkenntnisform als die philosophische anzuerkennen, oder alles, was die
Theologen sagen, sei auf Fabeln begründet (s.a. Voltaire) Diese Säkularisierung
des Denkens kann als Wende im mittelalterlichen Denken betrachtet werden.
These: Das intellektuelle Ideal bewegte sich nun außerhalb der Universitäten,
eine Entprofessionalisierung der Philosophie ist die Folge der Pariser
Verurteilung von 1277. Sprichwort im Mittelalter: "Man soll an der Artes-Fakultät
nicht alt werden".
Fazit:
Alain de Libera betrachtet diese ethische Lehre als den Geist der mittelalterlichen Philosophie (ist damit gegen Gilson gerichtet). Er sucht Philosophie da, wo sie erstmals Autonomie behauptet. Die Artes-Fakultät ist Ort der Philosophie und die Magister dort behaupten ihre Selbständigkeit.
=> Analyse des spezifischen Phänomens der Erscheinung des Intellektuellen
im 13. Jh.
Mittelalterliche Philosophie wäre nach Alain de Libera auf die Artes-Fakultät beschränkt (d.h. Thomas von Aquin, Bonaventura, Duns Scotus, Meister Eckhart usw. fielen raus). Auffällig ist, daß nach de Libera die Rheinische Mystik den ethischen Aristotelismus wieder aufgreift. Diese Verbindung ist jedoch unklar.
Lokaler Charakter der Verurteilung => Die Bedeutung der Pariser Verurteilung
wird von de Libera überschätzt.
Anmerkung zu Meister Eckhart:
Meister Eckhart war Dominikaner und zweimal Professor in Paris (1302/03 und 1311-13), d.h. er genoß ein hohes Ansehen. Ab 1323 hatte er die Leitung des studium generale in Köln inne. Nachdem er vom Kölner Erzbischof der Verbreitung häretischer Lehren beschuldigt wurde, wies er diese Vorwürfe in einer Rechtfertigungsschrift zurück und appellierte an den Papst in Avignon, wo Eckhart jedoch vor einer Entscheidung im Jahre 1327/28 starb. In einer Bulle vom 27.3.1329 wurden 28 Artikel aus Werken Eckharts verurteilt, teils als "häretisch", teils als "sehr kühn und der Häresie verdächtig".
Wichtig ist hier die Frage, ob sie aus denselben Gründen verurteilt wurden wie die Verurteilungen von 1277, und, ob Meister Eckharts Intention auch auf ein philosophisches Lebensideal ausgerichtet war, wie es Boethius formuliert hatte.
Meister Eckhart fällt aus der Konzeption Gilsons und dem logisch-semantischen Ansatz der Cambridge History heraus (Eckhart ist zu spekulativ). Die Entdeckung Meister Eckharts in der neueren Forschung kann als Korrektur dieser beiden Konzeptionen betrachtet werden. Meister Eckhart ist in der Forschung immer sehr umstritten gewesen, er wird sehr gegensätzlich interpretiert. Hauptproblem in der Forschung ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen seinen lateinischen (scholastischen) und seinen deutschen (mystischen) Werken. Programmatischer Text ist der Johannes-Kommentar.
Unter welcher Intention steht Eckharts Gesamtwerk?
Er möchte die Heilige Schrift (a) auslegen und mit Philosophie beweisen und (b) sie so ausweisen, daß sie alle philosophischen Wahrheiten enthält, d.h. er intendiert die philosophische Auslegung des Christentums.
Meister Eckharts Absicht ist also nicht auf das philosophische Lebensideal
ausgerichtet, er strebt eine Verbindung, nicht eine Trennung von Philosophie
und Theologie an.
Kant benutzt den Ausdruck ‘Transzendentalphilosophie’ im Sinne
von ‘Transzendentalphilosophie der Alten’ (enthält reine Verstandesbegriffe):
"Quodlibet ens est unum, verum, bonum" (in: KrV, B113).
Thomas von Aquin fragt in den Quaestiones disputatae de veritate
(der
vollständigsten Darstellung der Transzendentalienlehre im Mittelalter,
entstanden 1256-59): "Quid sit veritas?" "Was ist Wahrheit?"
(q1, a1):
1. Schritt:
Die Untersuchung der Möglichkeitsbedingungen für jede Was-Frage
erfolgt durch Zurückführung (Analytik, Analysis, resolutio,
reductio)
des Denkens, durch Auflösung unserer Denkinhalte auf das Erste, wodurch
etwas verständlich wird.
Wissenschaft setzt etwas voraus, was bereits als Vorkenntnis vorhanden
ist. Aristoteles: "Jeder Begriff und jedes Wissen basiert auf bereits
vorhandenem Wissen." Diese Notwendigkeit von Vorwissen ist impliziert im
Begriff scientia = Wissenschaft als begründete Erkenntnis,
begründet aufgrund eines Beweises.
Wissenschaft ist bezogen auf den Schlußsatz eines Syllogismus,
der auf Prämissen gebaut ist. Diese Prämissen müssen vorher
bekannt sein. Wissenschaft ist damit aus Prämissen abgeleitet. Diese
Prämissen können das Ergebnis eines früheren Syllogismus
sein, jedoch kann das Unendliche nicht durchlaufen werden => Wissenschaft
erfordert die Endlichkeit der Reduktion, der Zurückführung der
Prämissen (ein infiniter Regreß ist nicht zulässig). Es
muß also etwas vorausgesetzt werden, das durch sich selbst einsichtig
ist (per se notum, evident). Erstes Prinzip des Wissens bei Aristoteles
ist das Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs: Etwas kann etwas nicht
zugleich in derselben Hinsicht zukommen und nicht zukommen. S=P ist bereits
Anwendung dieses Prinzips.
Diese Zurückführung (Analytik, Analysis, resolutio,
reductio)
führt zum Anhypotheton des Denkens, zur Voraussetzungslosigkeit des
Denkens. Es ist keine Hypothese mehr denkbar, dahinter kann nicht mehr
zurückgegangen werden. Platon verwendete diesen Ausdruck für
die Idee des Guten.
Die Frage nach dem Wesen (der Essenz) als Was-Frage führt bei Thomas
von Aquin als Folge der Anwendung der Analytik auf Begriffe zum
Sein als Anhypotheton des Denkens, bei Aristoteles als Folge der Anwendung
der resolutio auf Aussagen zum Prinzip des ausgeschlossenen
Widerspruchs. Beides ist die erste Konzeption des Verstandes, d.h. die
erste Konzeption, die nicht mehr aus etwas anderem abgeleitet werden kann,
die evident, per se notum, unmittelbar einsichtig ist (prima
intelligibilia). Das, was allen ohne jeden Beweis unmittelbar bewußt
ist.
2. Schritt:
1. Schritt war die Rückführung jeder Was-Frage auf ein erstes Prinzip.
2. Schritt: Was ist das erste Prinzip? Was ist der Anfang des Denkens?
Nach Thomas von Aquin ist Seiendes das erste Prinzip, das Ersterkannte.
Alle anderen Begriffe entstehen durch eine Hinzufügung (additio).
3. Schritt:
Wie ist nun eine solche Hinzufügung möglich?
Hinzufügung:
Gattung + spezifische Differenz = Art
als Hinzufügung
Sinneswesen + vernunftbegabt = Mensch
Parmenides von Elea (ca. 540-ca. 480 v. Chr.): Das Sein ist Eins,
die bewegte Vielheit des Seins ist Schein der Sinne. Nur Sein als Absolutes
kann erkannt werden. Genauer: Die bewegte Vielheit des Seienden ist trügerischer
Schein der Sinne, bei der Forschung von sinnlichen Wahrnehmungen auszugehen
führt zu Scheinmeinungen. Wahre Erkenntnis kann nur durch Ableitung
aus Denkgesetzen gewonnen werden. Merkzeichen des Seins sind Ungeborenheit,
Unvergänglichkeit, nicht der Zeit unterworfen, im Jetzt vorhanden
als Ganzes, Eines, Zusammenhängendes. (Eigentlich ist nur ein
Sein => christlicher Parmenideismus.)
Problem: Das Hinzuzufügende ist normalerweise außerhalb
des Begriffs, dem etwas hinzugefügt wird. Kann ‘Sein’ durch Hinzufügung
von etwas außerhalb des Seins liegendem differenziert werden? Sein
kann nicht differenziert werden, kein außerhalb des Seins liegendes
kann ihm hinzugefügt werden, da es außerhalb des Seins nichts
gibt.
Lösung des Thomas von Aquin: Eine weitere Bestimmung des
Seins erfolgt nicht durch die Hinzufügung eines außerhalb liegenden,
sondern durch die Hinzufügung eines Modus, der die Weise des Seins
ausdrückt, die durch den Begriff des Seins selbst noch nicht ausgedrückt
ist.
=> Modale innere Explizierung als Selbstentfaltung des Begriffs ‘Sein’.
(a) Besondere Seinsweise (Kategorien)
Beschränkung, Kontrahierung der unendlichen Vielfalt der Dinge auf die 10 Kategorien des Aristoteles: Substanz, Qualität, Quantität, Relation, Ort (Wo), Zeit (Wann), Lage, Haben, Tun (Wirken), Leiden.
Kategorien sind Arten der Aussagen über Seiendes in einem allgemeinen
Sinn. Kategorien zählen zu den allgemeinsten Strukturen des Seienden.
Die ihm zugeordneten Begriffe sind denknotwendig, d.h. Kategorien sind
Aussageformen, die verwendet werden müssen, wenn wir überhaupt
etwas aussagen wollen.
(b) Allgemeine Seinsweise (Transzendenzien, Transzendentalien)
Im 13. Jh. wurde erstmals der Begriff transcendentia (transcendentalia seit dem Ende des 16. Jh., siehe oben Francisco Suárez S. 28) verwendet (transcendere = übersteigen). Aber was wird überstiegen? Überstiegen werden die Kategorien. Genauer: Transzendentalien sind in der Scholastik im Unterschied zu Universalien (Allgemeinbegriffe, ihrerseits im Unterschied zu den Realien, den Individualbegriffen) Bezeichnungen für die allgemeinsten, jenseits sämtlicher kategorialen Bestimmungen liegenden und nicht mehr reduzierbaren metaphysischen ‘Wesenheiten’.
Transzendentalien übersteigen die Kategorien, weil sie sich in allen Kategorien, nicht bloß in einer wiederfinden. Sie sind allgemein (communia). Transzendentalien sind Bestimmungen, die unmittelbar aus dem Wesen des Seins folgen und deshalb alles Seiende betreffen.
Augustinus hat transcendere als charakteristisch für
die Platonische Philosophie bezeichnet, für den Aufstieg zum Bereich
des Göttlichen, dem Immergeltenden der platonischen Ideen.
Bei Kant beziehen sich die Transzendentalien auf die menschlichen
Kategorien des Verstandes. ("Quodlibet ens est unum, verum, bonum").
transzendent transzendental
13. Jh. 16. Jh.
Platonischer Aufstieg zur Transzendentalien bezeichnen keine übergeordnete
Welt, übergeordneten Welt der sondern sie beziehen sich auf das allen
Dingen Gemeinsame. Ideen Transzendentalien sind allgemein (communia),
sie sind Seins weisen, die jedem Sein zukommen, also müssen
sie in jedem Sein nachzuweisen sein. Sie finden sich in allen Kategorien.
Deduktion der Transzendentalien als Modi des Seienden bei Thomas von Aquin:
Seiendes und dessen modale Explizierungen:
Ding (res) (1) Was-Heit
in se
Eins (unum) (2) Eins-Heit,
Unteilbarkeit
Seiendes
(ens)
Getrenntheit (divisio (3) Getrenntheit,
aliquid i.S.v. aliud quid) Andersheit
ad aliud
verum (4a) Erkennbarkeit; das Wahre
(4) Übereinstimmung
(convenientia)
bonum (4b) Erstrebbarkeit;
das Gute
(1) Jedes Seiende hat eine bestimmte Seinsweise (Sinngehalt, Essenz, Wesen, das ‘Was’) => Ding (res)
(2) Ungeteiltheit des Seienden => Eins-Heit (unum)
(3) und (4) sind relationale Transzendentalien (ad aliud):
(4) Positive Relation: Übereinstimmung (conveniencia)
der menschlichen Seele (von Natur aus befähigt, mit allem anderen
zusammenzukommen) mit Seiendem. Bei Thomas von Aquin folgt aus der menschlichen
Seele als Erkenntnisvermögen (gerichtet auf das Wahre = verum
(4a)) und als Strebevermögen (gerichtet auf das Gute = bonum
(4b)) eine Sonderstellung des Menschen in diesen beiden Transzendentalien.
In der Ableitung von Thomas offenbart sich eine Anthropozentrik, greifbar
in den transzendentalen Bestimmungen ‘wahr’ und ‘gut’. Diese drücken
die Beziehung zu einem Sein aus, das wie jedes Seiende aliquid ist,
das jedoch in seinem Geistsein seine unendliche Reichweite hat, mit allem
übereinstimmen kann (transzendentale Offenheit, d.h. alles erstreben
oder erkennen können).
1.) Thomas von Aquin
2.) Bonaventura
3.) Meister Eckhart
zu 1.) Antwort des Thomas von Aquin: Seiendes
Das erste, was wir in jedem Begriff implizit erfassen, ist Seiendes
(Ontologie
als Seinsmetaphysik). Das erste Erkannte eines Gegenstandes ist das
Sein, als Voraussetzung für weitere Fragestellungen.
Beispiel: Pflanze: (1) Ding (res) = Pflanze
(2) Getrenntheit (divisio aliquid) = kein Tier
zu 2.) Antwort des Bonaventura: Göttlichkeit/Gutheit des Seienden
Im Itinerarium mentis in deum (Wegbeschreibung des Geistes/der
Seele zu Gott, entstanden 1259) nennt Bonaventura, wie Pseudo-Dionysius,
nämlich der via platonica folgend, ‘Gutheit’ als Gottesname
(metaphysische
Option des Platonismus).
Darin unterscheidet Bonaventura 3 Hauptstufen der Wegbeschreibung:
1.) Welt außer uns (Körper).
2.) Welt in uns (Seele).
3.) Welt über uns (das Göttliche).
Diese Welt über uns (das Göttliche) kann auf 2 Weisen betrachtet werden:
b) Idee des Guten: Christliche Betrachtungsweise, bezogen auf das NT:
Gutheit
als erster Name Gottes.
=> Das Eine
=> Das Wahre
=> Das Gute
Bis hierhin gibt es noch keinen Unterschied zwischen Thomas von Aquin
und Bonaventura, aber:
Bonaventura: in: Collationes in hexaemeron X,18: "Der Verfasser
des Buches über die Ursachen sagt: Das erste aller geschaffenen Dinge
ist das Sein. Ich aber sage: Das erste der erkennbaren Dinge ist das
erste Sein."
Also: Wenn Seiendes erkannt ist, ist noch nicht alles erkannt.
Die Erkenntnisanalyse ist damit noch nicht vollständig bei Bonaventura
(Thomas hörte hier auf). Nach Bonaventura lassen sich Unvollkommenheit
(Privation), Abhängigkeit usw. nur erkennen, wenn wir wissen, was
Vollkommenheit und Absolutheit des Seins ist, m.a.W. der Erkenntnis des
Unvollkommenen, des Abhängigen setzt voraus (oder: beinhaltet auch)
die Erkenntnis von Vollkommenem, von Absolutem.
Aus Bonaventuras resolutio completa folgt: Das erste Erkannte,
die erste Erkenntnis ist das Göttliche Sein. Eine reflexive
Erkenntnis ist notwendig. Durch diese Untersuchung werden Dinge explizit
erkannt, die in allem implizit eingeschlossen sind. In der Idee des Seins
ist das Göttliche Sein enthalten.
Thomas von Aquin Bonaventura
Seiendes Kognitiv Erstes = Ontologisch Erstes
Erstes Seiendes Erstes Erkanntes = Göttliches Sein
Höchstes Seiendes (Kapitel V des Itinerarium mentis in deum)
Liegt bei Bonaventura nicht ein eklatanter Widerspruch vor? These: Es
gibt eine Blindheit des Intellekts für die erste Erkenntnis. Der Intellekt
kann nicht die erste Voraussetzung für das Erkennen des Seienden betrachten.
Beispiel: So wie das Auge, das von der Farbenpracht geblendet ist, das
Licht nicht sieht, durch das es alles erst sieht, so sieht der Intellekt
den Geist selbst nicht, mit dem er erkennt.
These: Bonaventura ist der mittelalterlichste aller mittelalterlichen
Denker.
zu 3.) Antwort des Meister Eckhart:
Meister Eckhart war der wohl umstrittenste Denker des Mittelalters (=>
unterschiedliche Interpretationen). Er forderte intellektuelle Selbstentfaltung
( => Krönung des ethischen Aristotelismus). Absicht seiner Werke war
die philosophische Auslegung der Heiligen Schrift und des Christentums.
Meister Eckharts Hauptwerk (Opus tripartitum, begonnen nach 1311)
besteht aus:
2.) Opus quaestionum: Vorgesehen war hier eine Zusammenstellung von einzelnen Problemen und Quastionen, und zwar nach dem Aufriß der Summa theologica des Thomas von Aquin (Vollendung fraglich).
3.) Opus expositionum: Hier wollte Eckhart seine Schriftkommentare und
Predigten sammeln.
- Vorrede des Opus tripartitum (Prolog) - Esse est deus (Das Sein ist Gott)
- Einige Quaestiones - Utrum deus sit (Ob Gott existiert)
- Einige Expositionen (z.B. Genesis Satz 1) - In principio creavit deus caelum et terram
(Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde)
Da Opus 2 und 3 von Opus 1 abhängen, ist das Werk nur schwer verständlich,
da vom Opus 1 selbst nur der Prolog überliefert ist. Meister Eckhart
bemerkt am Ende des Prologs selbst, daß das zweite und dritte Werk
derart vom Opus propositionum, d.h. dem Werk der Thesen, abhängen,
daß sie ohne das erste Werk von geringem Nutzen sind, und zwar deshalb,
weil die Lösungen der Probleme und die Auslegungen der Worte der Schrift
in den meisten Fällen in einer der Thesen begründet sind.
Das Vorgehen Meister Eckharts ist als axiomatische Metaphysik
anzusehen, allgemeine Prinzipien bilden also die Voraussetzungen. Es
wird von einer vorangestellten These ausgegangen, von der alles weitere
abgeleitet wird. Dies stellt eine Kritik am scholastischen Vorgehen dar
(quaestio), das autoritative Texte an den Anfang stellt.
Was ist Sinn dieser axiomatischen Metaphysik?
Dazu die erste Bemerkung aus dem Prolog des Opus tripartitum: Allgemeinbegriffe
sind priora, sind früher als alles andere (=> das Werk der
Thesen setzt eine Transzendentalienlehre voraus). Termini generales
(Seiendes, Einheit, das Wahre, das Gute) dürfen nicht nach der Seinsweise
und der Natur der Akzidenzien vorgestellt werden, denn sie gehen allem
voraus und sind das erste in den Dingen. Akzidenzien sind ontologisch später
anzusetzen, da sie zur Substanz hinzukommen. D.h. der Begriff des Seins
(priora) und dessen, was mit dem Sein vertauschbar ist (Subjekt
und Prädikat sind vertauschbar = convertibilis) wird hier untersucht.
=> Die Transzendentalienlehre ist Grundlage des Opus tripartitum Meister
Eckharts, der axiomatischen Metaphysik.
- Was betrachten die mittelalterlichen Denker selbst als das Besondere der Philosophie? Antwort: Transzendentalien.
- Was ist Ursprung der Transzendentalienlehre? Antwort: Abgrenzung des Denkens mittelalterlicher Philosophen von Theologen.
- Warum kommt die Transzendentalienlehre gerade im 13. Jh. auf? Antwort:
Die Philosophie hatte zwar seit jeher über Wahrheit, Sein, Einheit,
das Gute etc. nachgedacht, es gab aber in der Antike keine Doktrin der
transcendentia,
in der Grundworte und -bestimmungen in einen Zusammenhang gebracht und
diese Verhältnisse betrachtet wurden. Also warum Transzendentalienlehre
im 13. Jh.? Der Anfang der Transzendentalienlehre fällt zusammen mit
der Zeit, in der die lateinische Welt zum ersten Mal mit einer umfassenden
philosophischen Welterklärung konfrontiert wird, d.h. fällt zusammen
mit der beginnenden Aristotelesrezeption (Übersetzung des gesamten
Corpus Aristotelicum im 13. Jh.) => mittelalterliche Denker reflektieren
über die Eigenart der Philosophie im Unterschied zur christlichen
Theologie. Es gab nie eine solche Notwendigkeit, die eigenen Grundlagen
der Philosophie zu verantworten => Herausforderung der Lehre der Transzendentalien,
d.h. dessen, was das Erste des Denkens, das Erste des Erkennens ist, was
jede weitere Erkenntnis bedingt. Transzendentalien sind die prima
in kognitiver Hinsicht. In der Rückführung (resolutio)
unserer Denkinhalte auf die allgemeinsten Begriffe erweisen sie sich als
das Ersterkannte.
Zwei Aspekte der Transzendentalien-Lehre:
1. Aspekt: Transzendentalien-Lehre als Gegenstand der Metaphysik.
Metaphysik als Name ist eine bibliothekarische Bezeichnung, die auf
Andronikos von Rhodos zurückgeht, der im 1. Jh. v. Chr. die 14 Bücher
der ersten Philosophie des Aristoteles hinter bzw. jenseits denen der Naturdinge
(Physik) anordnete (griech. ta meta ta physika). Aristoteles gibt
mehrere Bestimmungen zur ersten Philosophie (Metaphysik) an:
(b) Die erste Philosophie ist Wissenschaft des Seienden als solchem
und seiner Bestimmungen, sie betrachtet alles Seiende als Seiendes.
=> Metaphysik ist Seinswissenschaft, allgemeine Ontologie (Buch
IV der Metaphysik)
(c) Die erste Philosophie ist Wissenschaft des ersten, unbewegten, unstofflichen
Bewegenden, des Göttlichen.
=> Metaphysik ist Theologie (damit spezielle Ontologie) (Buch VI
der Metaphysik)
Albertus Magnus (ca. 1200-1280) im Sentenzen-Kommentar: "Nach
dem Philosophen sind das Seiende und das Eine vor allem" => Mittelalterliches
Selbstverständnis bezüglich der Transzendentalienlehre. Und weiter:
"Der Philosoph behauptet nicht, das Wahre und das Gute seien Dispositionen,
die das Seiende im allgemeinen begleiten." Dem philosophus stellt
Albertus Magnus die sancti gegenüber. Diese betrachten das
Seiende nach seinem Ursprung aus dem ersten, wahren und guten Seienden.
Seine Opposition deutet an, daß auf die Transzendentalienlehre verschiedene
Denktraditionen und Motive - griechische und christliche - eingewirkt haben.
Ludger Honnefelder spricht von einem "Zweiten Anfang der Metaphysik"
im 13. Jh. (erster Anfang war Aristoteles im Zeitalter des Übergangs
vom Mythos zum Logos), der mit der beginnenden Aristoteles-Rezeption im
lateinischen Westen zusammenhing (bisher waren nur die logischen Schriften
bekannt). An den Artes-Fakultäten der entstehenden Universitäten
etablierte sich ein Philosophie-Studium als Aristoteles-Studium.
Mit dem zweiten Anfang der Metaphysik ist die Frage nach dem Gegenstand
der Metaphysik verbunden. Die Kommentatoren (Albertus Magnus, Thomas von
Aquin, Johannes Duns Scotus) übernahmen nicht das theologische Konzept,
sondern die ontologische Konzeption des Seins als solchem. Die Distanz
zur Theologie entstand durch eine Aufspaltung in philosophische und nicht-philosophische
Überlegungen zur Theologie: Einer auf Offenbarung gegründeten
Theologie (auf Glauben beruhend) stand eine philosophische Theologie im
Sinne der aristotelischen Metaphysik (auf Vernunft begründet) gegenüber.
Auch dieses Verhältnis von philosophischer Theologie und Offenbarungstheologie
kennzeichnet den zweiten Anfang der Metaphysik.
Eigentlicher Gegenstand der Philosophie ist Seiendes im allgemeinen
(communis). Ziel der Wissenschaft ist Erkenntnis der Ursachen, Ziel
der ersten Philosophie ist Erkenntnis der ersten Ursache. Metaphysik betrachtet
die erste Ursache, also Gott, insofern er Prinzip alles Seienden ist. Das
Seiende und dessen Eigenschaften sind gerade Transzendentalien.
=> Metaphysik ist Transzendentalwissenschaft (Scientia transcendens),
die erste Philosophie heißt Seinswissenschaft.
Transzendentalien sind das Ersterkannte i.S.v. Bedingungen für
alles weitere Erkannte. Aber: Finden wir eine philosophische Rechtfertigung
der Transzendentalien? Eine Eigenart philosophischer Reflexion sind Begriffe,
die aus sich selbst bekannt sind.
Die mittelalterliche Philosophie ging aus einer theologischen Synthese
hervor. Ein hermeneutischer Eingriff liegt darin, daß theologische
Werke, wie Thomas von Aquins Summa theologica als philosophische Werke
betrachtet werden. Da aber die Summa theologiae Transzendentalien behandelt,
kann der Eingriff (z.B. zu sagen, es handle sich um Philosophie) gerechtfertigt
werden. Beispiel: Die Lehre der Transzendentalien spielt eine entscheidende
Rolle in der Lehre der göttlichen Namen.
Transzendentalien sind unbeschränkt, können von allem ausgesagt
werden, sind philosophische Theologie.
Ende Teil B
Vier Konzeptionen der Moderne zur Frage "Gibt es eine mittelalterliche Philosophie?":
II) Der logisch-semantische Ansatz "The Linguistic Turn": Sieht mittelalterliche Philosophie auf logisch-semantischer Ebene.
III) Alain de Libera: "Der andere Geist der mittelalterlichen Philosophie": Im 13. Jh. erscheint ein neues Lebensideal, das des Intellektuellen in der mittelalterlichen Philosophie (Geburtsstunde der mittelalterlichen Philosophie) an der Artes-Fakultät (als Ort der Philosophie).
IV) Oratio pro domo (Aertsens Annäherung): Mittelalterliche
Philosophie als eine Art transzendentalen Denkens. Keine Zeit denkt so
grundlegend über Prinzipien und Eigenarten der Philosophie nach, wie
das Mittelalter.
Aurelius Augustinus 354 - 430
Proklos 410 - 485
Boethius ca. 480 - 524
Pseudo-Dionysius Areopagita 2. Hälfte 5. Jh.
Johannes Scotus Eriugena ca. 810 - ca. 877
Avicenna (Ibn Sina) 980 - 1037
Anselm von Canterbury 1033/34 - 1109
Petrus Abaelard 1079 - 1142
Gilbert von Poitiers ca. 1080 - 1154
Averroës (Ibn Rushd) 1126 - 1198
Albertus Magnus ca. 1200 - 1280
Petrus Hispanus Portugalensis ca. 1205 - 1277
Roger Bacon ca. 1214 - ca. 1292
Bonaventura 1217/18 - 1274
Thomas von Aquin 1224/25 - 1274
Siger von Brabant ca. 1235 - 1282/86
Boethius von Dacien ? - ca. 1284
Meister Eckhart ca. 1260 - ca. 1327
Dante Alighieri 1265 - 1321
Johannes Duns Scotus 1265/66 - 1308
Wilhelm von Ockham 1280/85 - ca. 1349
Nikolaus von Kues 1401 - 1464