*RELIGION UND ETHIK BEIM SPAETEN WITTGENSTEIN Zu Themen in UEBER GEWISSHEIT* Karl *Brose* Universitaet Muenster Deutschland ABSTRACT Wittgenstein macht in seinen letzten Aufzeichnungen in UEBER GEWISSHEIT bis unmittelbar vor seinem Tod am 29. April 1951 Aussagen zu Themen von Religion und Ethik, die das Gefuege seines Spaetwerks ueberschreiten und neue, unabgeschlossene Horizonte eroeffnen. Ja, diese zentralen Aeusserungen in UEBER GEWISSHEIT koennen als Summe aehnlicher Aussagen in seinen vorhergehenden Werken gelten, auf die sie sich zum Teil zurueckbeziehen lassen: von den fruehen TAGEBUCH-Notizen der Jahre 1914-1916 und dem ETHIK-Vortrag von 1929 ueber die VORLESUNGEN UEBER DEN RELIGIOeSEN GLAUBEN von 1938 bis zu den PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNGEN der Jahre 1947-1949. Aus den Aufzeichnungen in UEBER GEWISSHEIT sind im folgenden Strukturen herauszuarbeiten, die den spaeten und letzten Wittgenstein als einen eigenstaendigen und auch eigenwilligen Religionsphilosophen und Ethiker zeigen; und zwar nicht nur aufgrund seiner Aeusserungen ueber Religion und Glauben, sondern auch ueber Zweifel, Wissen und Gewissheit. Dabei wird auch eine religions-ERZIEHERISCHE Komponente sichtbar. Unter diesen Voraussetzungen zeigt sich der ueber die bisherige Philosophie hinausfuehrende PRAKTISCHE Charakter der Religionsphilosophie und Ethik Wittgensteins bis in die Gegenwart. 1. *WISSEN UND GLAUBEN* 2. *RELIGIOESE ERZIEHUNG* 3. *ZWEIFEL* 4. *DIE EVIDENZ DES HANDELNS* 5. *DIE GEWISSHEIT DER SPRACHE* *ANMERKUNGEN* 1. *WISSEN UND GLAUBEN* Durch Wittgensteins letzte Aufzeichnungen in UEBER GEWISSHEIT zieht sich als ein Hauptthema - angeregt durch die "Common Sense"- Philosophie von G.E. Moore - die Unterscheidung von WISSEN und GLAUBEN *1*. Im folgenden soll diese Unterscheidung primaer "beschrieben" werden - denn der spaete Wittgenstein zieht ja die Deskription von Paradigmen einem einseitigen Vorgehen durch Definitionen, Thesen oder Hypothesen vor. Ueber das Verhaeltnis von Glauben und Wissen heisst es in UEBER GEWISSHEIT: "Man kann sagen 'Er glaubt es, aber es ist nicht so', nicht aber 'Er weiss es, aber es ist nicht so'. Kommt dies von der Verschiedenheit der Seelenzustaende des Glaubens und des Wissens? Nein. (...) Zu meinen, den Worten 'glauben' und 'wissen' muessten verschiedene Zustaende entsprechen, waere so, als glaubte man, dem Worte 'ich' und dem Namen 'Ludwig' muessten verschiedene Menschen entsprechen, weil die Begriffe verschieden sind" (G 42). Diesem Aphorismus des spaeten Wittgenstein - die Aussage soll wegen der Namensnennung des Philosophen selbst nicht kommentiert werden - seien weitere Paradigmen angefuegt, welche die Unterscheidung von Glauben und Wissen verdeutlichen: "'Ich weiss es', sage ich dem Andern; und hier gibt es eine Rechtfertigung. Aber fuer meinen Glauben gibt es keine"; "Was ich weiss, das glaube ich": aber was ich glaube, weiss ich nicht - so waere hier wohl Wittgensteins Auffassung vorerst zu beschreiben. Schliesslich: "Es waere richtig zu sagen: 'Ich glaube...' hat subjektive Wahrheit; aber 'Ich weiss...' nicht"; "Oder auch: 'Ich glaube...' ist eine Aeusserung, nicht aber 'Ich weiss...'" (G 175, 177, 179f.). Vorlaeufig ist hier im Sinn der traditionellen Subjekt-Objekt-Trennung festzuhalten, dass Glauben offenbar eine subjektive oder subjektiv relevante Wahrheit ist; nicht aber Wissen, wie Wittgenstein hier via negationis abgrenzt. Wahrscheinlich waere dann Wissen eine objektive Wahrheit oder vielmehr eine "Tatsachen"-Wahrheit im Sinn des fruehen Wittgenstein des TRACTATUS (T 1-2) *2*. Jedenfalls ist Glauben - und erst recht religioeser Glauben - nicht begrifflich, wissenschaftlich oder philosophisch im bisherigen Sinn zu erfassen. Nach diesen Einleitungspassagen sollen weitere Bemerkungen Wittgensteins zur Unterscheidung von Wissen und Glauben herangezogen werden, die den entwickelteren Passagen aus dem Mittelteil von UEBER GEWISSHEIT entstammen: "'Ich weiss...' sagt man, wenn man bereit ist, zwingende Gruende zu geben. 'Ich weiss' bezieht sich auf eine Moeglichkeit des Dartuns der Wahrheit. Ob Einer etwas weiss, laesst sich zeigen, angenommen, dass er davon ueberzeugt ist. Ist aber was er glaubt von solcher Art, dass die Gruende, die er geben kann, nicht sicherer sind als seine Behauptung, so kann er nicht sagen, er wisse, was er glaubt"; -Es gibt keine subjektive Sicherheit, dass ich etwas weiss. Subjektiv ist die Gewissheit, aber nicht das Wissen" (G 243, 245). Verfolgt man die Aufzeichnungen an dieser Stelle weiter, so kann gelten: WISSEN beruht auf einer zwingenden Begruendung durch Fakten und Tatsachen und macht damit fuer den spaeten und letzten Wittgenstein eine spezifische Form von szientifischer Wahrheit und greifbarer Wissenschaft aus *3*. Eine solche wissenschaftliche Wahrheit muss sich also belegen und beweisen lassen. GLAUBEN hingegen beruht auf einer Gewissheit, die letztlich begrifflich oder wissenschaftlich nicht aussagbar ist. Sie bliebe subjektivistisch und dogmatisch - jedenfalls ohne religioese und ethische Verbindlichkeit - wenn sie sich nur mit wissenschaftlichen Fakten oder philosophisch-theologischen Gruenden belegen und beweisen liesse. Dann waere eine solche Glaubensgewissheit nicht ueberzeugender und sicherer als eine blosse wissenschaftliche Behauptung, These oder Hypothese, als das weltanschauliche Dogma einer Kirche oder die Doktrin einer politischen Partei. Werden Glauben und Wissen beim spaeten und letzten Wittgenstein nicht in dieser Weise unterschieden, so kommt es zu einer Vermischung und Verwirrung, die letztlich auf Kosten des aufgeklaerten Wissens und der Interpretation des Wittgensteinschen Werkes ueberhaupt geht. Sie fuehrt dann zu einer falschen Gewissheit, Foerderung des Aberglaubens und Irrtums und schliesslich einer Mystifizierung des Werkes Wittgensteins selbst. Einen solchen Irrtum aber bezeichnet Wittgenstein als etwas Unerlaubtes und Schimpfliches ("opprobrium"): "Ist nicht der Zweck, ein Wort wie 'wissen' analog mit 'glauben' zu konstruieren, dass dann der Aussage 'Ich weiss' ein Opprobrium anhaftet, wenn, wer es sagt, sich geirrt hat. Ein Irrtum wird dadurch zu etwas Unerlaubtem" (G 367). Gaebe es den "erlaubten Irrtum" einer Vermischung und Analogisierung von Wissen und Glauben, so wuerde er zur blossen Einbildung eines fiktiven Wissens fuehren: "Kann es denn nicht sein, dass ich mir EINBILDE, etwas zu WISSEN?" (G 442). Die Vermischung von Glauben und Wissen, mangelnde Unterscheidung und undeutliche Trennung, laesst sich schon rein aeusserlich und "oberflaechengrammatisch" (PU 664) an Moores Saetzen ablesen *4*. Wittgenstein macht fuer diese Vermischung offenbar ein subjektivistisches Moment in der traditionellen Philosophie verantwortlich, das dem Irrtum und Aberglauben bis in spekulative Abwege des "Solipsismus", und der "Privatsprache" (T 5.62, 5.64; PU 4O2f., 243ff.) Tuer und Tor oeffnet: "Moore hat ein gutes Recht zu sagen, er wisse, dass vor ihm ein Baum steht. Natuerlich kann er sich darin irren. (Denn es ist ja hier nicht wie mit der Aeusserung 'Ich glaube, dort steht ein Baum'.) Aber, ob er in diesem Fall recht hat oder sich irrt, ist philosophisch nicht von Belang. Wenn Moore die bekaempft, die sagen, so etwas koenne man nicht eigentlich wissen, so kann er es nicht tun, indem er versichert: ER wisse das und das. Denn das braucht man ihm nicht zu glauben. Haetten seine Gegner behauptet, man koenne das und das nicht GLAUBEN, so haette er ihnen antworten koennen 'ICH glaube es'" (G 520). Wie faktitiv ueberpruefbar, belegbar oder beweisbar eine wissenschaftliche Gewissheit auch sein mag, so unerschuetterlich, unwiderlegbar und unbeweisbar ist sie als Ausdruck eines persoenlichen Glaubens; und erst recht eines RELIGIOESEN Glaubens und einer ethischen Gewissheit angesichts des Problems, "etwas ueber den letzten Sinn des Lebens, ueber das absolut Gute, das absolut Wertvolle zu sagen" *5*. Geht es also um konkretes wissenschaftliches WISSEN, so muessen "unerbittliche" Tatsachen und Beweise geliefert werden, wie Wittgenstein immer wieder betont *6* : "Wenn Einer etwas glaubt, so muss man nicht immer die Frage beantworten koennen, 'warum er es glaubt'; weiss er aber etwas, so muss die Frage 'Wie weiss er es?' beantwortet werden koennen" (G 550). Der Beweischarakter des faktischen Wissens ist die Einsicht in das methodische, ja mit Einschraenkung auch "systematische" Fragen des spaeten und letzten Wittgenstein *7*; waehrend die Frage nach dem "Warum" letztlich in eine unbelegbare und unbeweisbare "Metaphysik" fuehrt - so der traditionelle Ausdruck - oder mit den Worten des TRACTATUS: ins "Undenkbare", "Unsagbare" und "Unaussprechliche"; oder ethisch gewendet: "Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen laesst. Die Ethik ist transzendental" (T 4.113f., 6.421f., 6.522). Das "Was" und "Dass" des glaubenden Argumentierens - nicht aber das wissenschaftlich-methodische "Wie" - gehoert auch fuer den spaeten und letzten Wittgenstein zu jener Art religioeser und ethischer Gewissheit, die sich jedem szientifischen Beweisen oder Belegen des objektiven Wissens einer Wissenschaft oder traditionellen Begrifflichkeit der Philosophie entzieht. Die religioese Gewissheit des Glaubens und die ethische Gewissheit des Handelns gehoeren in einen Bereich, in dem auch der skeptische ZWEIFEL der Philosophie und das rationale Wissen der Wissenschaft nichts mehr zu suchen haben und daher fuer Wittgenstein auch nicht von letzter entscheidender Bedeutung sind. 2. *RELIGIOESE ERZIEHUNG* Die praktische Gewissheit und Sicherheit des Handelns diesseits destruktiver Zweifel und rationaler Rueckversicherungen beschreibt Wittgenstein in UEBER GEWISSHEIT an zahlreichen Paradigmen ueber die ERZIEHUNG. Nach all den Irrtuemern des nur halb Geglaubten und bloss abstrakt Gewussten geht es nun um die Anwendung, Vermittlung und Uebertragung in eine erzieherische Ebene. Die folgenden Paradigmen koennten beinahe ein Beitrag zum Thema "Religioese Urteile und Vorurteile" in den kindlichen und "primitiven Sprachspielen" (PU 2ff.) sein *8*, die noch in die entwickelten Sprachspiele und Lebensformen der Erwachsenen ueberzufuehren sind: "Ein Erwachsener haette einem Kind erzaehlt, er waere auf dem Mond gewesen. Das Kind erzaehlt mir das, und ich sage, es sei nur ein Scherz gewesen, Soundso sei nicht auf dem Mond gewesen (...). Wenn nun das Kind darauf beharrte: es gebe vielleicht doch eine Art, wie man hinkommen koenne, und sie sei mir nur nicht bekannt, etc. - was koennte ich erwidern? (...) Ein Kind wird aber fuer gewoehnlich nicht an so einem Glauben festhalten und bald von dem ueberzeugt werden, was wir ihm im Ernst sagen"; "Ist dies nicht ganz so, wie man einem Kind den Glauben an einen Gott, oder dass es keinen Gott gibt, beibringen kann, und es je nachdem fuer das eine oder andere triftig scheinende Gruende wird vorbringen koennen?" (G 106, 107). Das religioes, ethisch und paedagogisch Bedeutsame an diesen Paradigmen ist, dass Wittgenstein nicht nur das Problem einer Erziehung des Kindes zum Glauben andeutet, sondern auch zur UNTERSCHEIDUNG und damit Differenzierung von Wissen und Glauben. Freilich laesst er die Frage der Existenz eines Gottes bewusst offen. Dass er hier angesichts des Kindes zu einer skeptischen und zweifelnden Haltung gegenueber dem Glauben an einen Gott neigen koennte - wie dies aus der Formulierung der "triftig scheinenden Gruende" zu schliessen waere - ist nur eine oberflaechliche und "oberflaechengrammatische" (PU 664) Folgerung aus diesen Aufzeichnungen Wittgensteins. Vielmehr gilt angesichts der Offenheit des Glaubens an einen Gott beim letzten Wittgenstein in UEBER GEWISSHEIT, dass sich fuer den religioesen Glauben ueberhaupt keine triftigen Gruende oder faktischen Beweise anfuehren lassen. Die Frage nach dem religioesen Glauben an einen Gott wirkt in eine WELTANSCHAUUNG hinein. Sie ergibt ein "Bild der Welt"*9*, "Weltbild" und "System" (G 93ff.; 1O2ff.): "Wenn wir anfangen, etwas zu GLAUBEN, so nicht einen einzelnen Satz, sondern ein ganzes System von Saetzen. (Das Licht geht nach und nach ueber das Ganze auf.)"; "Nicht einzelne Axiome leuchten mir ein, sondern ein System, worin sich Folgen und Praemissen GEGENSEITIG stuetzen" (G 141, 142). Wittgenstein beschreibt hier einen Strukturzusammenhang und ein Relationsgefuege des "Glaubens" - und das ist auch fuer den RELIGIOeSEN Glauben von Bedeutung - die bis an die Grenze des faktischen Wissens und der Wissenschaft reichen, z.B. der Theologie; aber auch der religioesen und ethischen Erziehung: "Ein Kind lernt viel spaeter, dass es glaubwuerdige und unglaubwuerdige Erzaehler gibt, als es Fakten lernt, die ihm erzaehlt werden"; "Das Kind lernt eine Menge Dinge glauben. D.h. es lernt z.B. nach diesem Glauben handeln. Es bildet sich nach und nach ein System von Geglaubtem heraus, und darin steht manches unverrueckbar fest, manches ist mehr oder weniger beweglich. Was feststeht, tut dies nicht, weil es an sich offenbar oder einleuchtend ist, sondern es wird von dem, was darum herumliegt, festgehalten" (G 143, 144). Es sind die "Umstaende", "Situation" und "Umgebung" - wie dies Wittgenstein in den PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNGEN beschreibt (PU 49ff.) - die ein Sprachspiel und dessen entsprechende Lebensformen konstituieren, d.h. in diesem Fall auch etwas bloss "Geglaubtes"; was freilich auch auf den tatsaechlichen religioesen Glauben und das praktische ethische Handeln seine Wirkung haben wird. Durch ein solches Umfeld und System von Saetzen des Geglaubten und schliesslich auch des Glaubens selbst relativiert Wittgenstein den Anspruch einer Intuition oder Offenbarung, Weltanschauung oder Ideologie; er verschiebt solche Abstrakta und Absoluta in die Funktion der Sprache, deren Spiele und die entsprechenden Lebensformen. Die Weltanschauung wird dadurch gleichsam zu einer "Sprachanschauung". In UEBER GEWISSHEIT hat eine solche sprachexponentielle Sichtweise also letzte Konsequenzen auch fuer den religioesen Glauben, die praktische Ethik und damit auch die religioese Erziehung des Kindes. Wieder haelt sich Wittgenstein an die lehr- und lernbaren Fakten des Wissens und Unterrichts im Rahmen eines spezifischen, ja szientifischen Glaubens, an die didaktische Funktionalitaet und methodische Beweisbarkeit wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse: "Wir lernen als Kinder Fakten, z.B. dass jeder Mensch ein Gehirn hat, und wir nehmen sie glaeubig hin" (G 159). Auf dem Grund dieses faktitiv begruendeten Glaubens aber liegt ein "unbegruendeter Glaube", wie es spaeter in UEBER GEWISSHEIT heisst (G 253). Dieser zweifelsfreie, unhinterfragbare und unbegruendete Glaube wird im folgenden Paradigma angedeutet: "Das Kind lernt, indem es dem Erwachsenen glaubt. Der Zweifel kommt NACH dem Glauben" (G 160). Ein solcher Glaube begruendet - aehnlich wie der religioese Glaube und die ethische Gewissheit - fuer den spaeten und letzten Wittgenstein erst den szientifischen Glauben mit dessen cartesisch-philosophischen, kantisch-kritischen und wissenschaftlich-skeptischen Zweifeln oder auch Sicherheiten. Erzieherisch deutlich wird hier, welche grosse ethische Verantwortung fuer das Kind und den jungen Menschen in der Religionsphilosophie und Religionserziehung des spaeten und letzten Wittgenstein gefordert wird. Dieser exemplifiziert ja durchaus den szientifischen Glauben an der analytischen Faktizitaet der wissenschaftlichen Sicherheit mit all deren Hoehen und Tiefen, Thesen und Hypothesen, Behauptungen und Irrtuemern. Hinsichtlich des wirklichen Glaubens einer religioesen Gewissheit und damit auch eines von destruktiven Zweifeln befreiten ethischen Verhaltens und praktischen Handelns ist damit jedoch noch nichts gesagt. Und hierueber laesst sich auch beim gesamten Wittgenstein nichts sagen. Es gilt tatsaechlich der programmatische Satz des TRACTATUS: "Wovon man nicht sprechen kann, darueber muss man schweigen" (T 7). Wie dann die Weiterfuehrung des Wittgensteinschen Werkes und Denkens zeigt, schliesst dieses Schweigen jedoch nicht aus - ja geradezu ein - dass Wissen und Wissenschaft gelehrt und gelernt werden muessen und hier auch kein falscher Glaube oder Aberglaube entstehen darf. Selbst der ZWEIFEL hat dann hier einen propaedeutischen Stellenwert. Mit dem religioesen Glauben einer letzten Gewissheit und dem Gelingen einer zweifelsfreien ethischen Handlung hat dies jedoch nichts zu tun. 3. *ZWEIFEL* Das Problem des religioesen Glaubens und ethischen Handelns grenzt also der spaete und letzte Wittgenstein in UEBER GEWISSHEIT staendig ab von dem des szientifischen Glaubens und faktischen Wissens, wobei seine Fragen immer auch als moegliche Teilantworten zu sehen sind - und umgekehrt *10* : "Muesste es ein sogenannter wissenschaftlicher Glaube sein? Koennte es kein mystischer sein? Muss er damit unbedingt geschichtlichen Tatsachen widersprechen? Ja, selbst geographischen?" (G 236). Bei seinen Abgrenzungsversuchen zeigt Wittgenstein auch den Zusammenhang oder das Trennende zwischen LERNEN und GLAUBEN; das ist besonders religionserzieherisch wichtig. Die Differenzierung dieser beiden Begriffe vollzieht er durch das staendige Kreisen um die belegbare und beweisbare Faktizitaet und Analyse des wissenschaftlichen Wissens einerseits und die unbeweisbare und "unaussprechliche" (T 6.522) Gewissheit des zweifelsfreien religioesen Glaubens und ethischen Handelns andererseits. Eine Gewissheit, die nicht wissenschaftlich-objektive Erkenntnisse und Prinzipien, Begruendungen und Gesetze der Wissenschaften einzuschliessen vermag, ist deshalb freilich noch lange keine religioese Glaubensgewissheit; vielmehr bleibt sie genauso den subjektiven Zweifeln und Ungewissheiten, der Beliebigkeit und Willkuer moeglichen Irrtums und Aberglaubens ausgeliefert wie die Einzelwissenschaften selbst oder ein anderer wissenschaftlicher "Unsinn" (T 4.003ff.). Wittgensteins Argumentation laesst sich an folgender Paradigmenkette veranschaulichen: "Ich glaube, was mir Menschen in einer gewissen Weise uebermitteln. So glaube ich geographische, chemische, geschichtliche Tatsachen etc. So LERNE ich die Wissenschaften. Ja, lernen beruht natuerlich auf glauben"; "Vielleicht sagt man 'Es muss doch ein Prinzip diesem Vertrauen zugrunde liegen', aber was kann so ein Prinzip leisten? Ist es mehr als ein Naturgesetz des 'Fuerwahrhaltens'?"; "Liegt es denn in meiner Macht, was ich glaube? oder was ich unerschuetterlich glaube? (...) Und KOeNNTE ich nicht auch an meinem Glauben festhalten, was immer ich spaeter erfahre?! Aber ist nun mein Glaube BEGRUeNDET?"; "Ich handle mit VOLLER Gewissheit. Aber diese Gewissheit ist meine eigene" (G 170, 172-174). Dieser letzte Satz ist nicht die aeusserste Antwort der religioesen Glaubensgewissheit auf die vorhergehenden Fragen Wittgensteins *11*, sondern eher die Antwort einer praktischen Gewissheit der Wissenschaften oder des alltaeglichen Handelns. Jene vorhergehenden Fragen sind aber wiederum bereits Teilantworten. Die praktische Gewissheit des allerletzten Satzes der Paradigmenkette bliebe freilich ebenfalls partikular und ein blosses subjektivistisches Bekenntnis - bis an den Rand von "Solipsismus" und "Privatsprache" - wenn sie sich nicht an dem objektiven Wissen der Wissenschaften oder den Fakten und Praktiken des alltaeglichen Handelns messen und ueberpruefen liesse; ohne freilich in diesen aufzugehen. Auf den ersten Blick WELTANSCHAULICH an den Aeusserungen Wittgensteins in UEBER GEWISSHEIT erscheint, dass er Rueckschluesse auf die religioese Gewissheit auch auf Belege aus dem konfessionellen Glauben stuetzt - in diesem Fall aus dem katholischen *12* - wenn er ihn auch wiederum durch Fragen nach dem szientifischen Glauben und theologisch-dogmatischen Beweisen ueberschreitet: "Ja, ich glaube, dass jeder Mensch zwei menschliche Eltern hat; aber die Katholiken glauben, dass Jesus nur eine menschliche Mutter hatte. Und Andre koennten glauben, es gebe Menschen, die keine Eltern haben, und aller gegenteiligen Evidenz keinen Glauben schenken" (G 239). Wie erwaehnt geht Wittgenstein von diesem konfessionellen Paradigma dann zu seinen Fragen nach wissenschaftlich beweisbarer Faktizitaet oder positiver Erfahrung ueber: "Worauf gruendet sich der Glaube, dass alle Menschen Eltern haben? Auf Erfahrung. Und wie kann ich auf meine Erfahrung diesen sichern Glauben gruenden? Nun, ich gruende ihn nicht nur darauf, dass ich die Eltern gewisser Menschen kannte, sondern auf alles, was ich ueber das Geschlechtsleben von Menschen und ihre Anatomie und Physiologie gelernt habe; auch darauf, was ich von Tieren gehoert und gesehen habe. Aber ist das denn wirklich ein Beweis?" (G 240). Natuerlich ist das kein Beweis, zumal Wittgenstein bereits in den PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNGEN Erfahrungen und Erfahrungssaetze fuer austauschbar haelt (PU 85ff.). Eine zum Teil befriedigende Antwort auf die Frage nach einem solchen Beweis gibt Wittgenstein erst im folgenden Aphorismus von UEBER GEWISSHEIT, der bereits zu Beginn dieser Studie wiedergegeben wurde und hier nochmals als Auszug zitiert werden soll: "'Ich weiss...' sagt man, wenn man bereit ist, zwingende Gruende zu geben. (...) Ist aber was er glaubt von solcher Art, dass die Gruende, die er geben kann, nicht sicherer sind als seine Behauptung, so kann er nicht sagen, er wisse, was er glaubt" (G 243). Im staendigen Abwaegen derartiger Probleme von GLAUBEN und WISSEN, LERNEN oder ERFAHREN schaelen sich einige religioese und ethische Aspekte aus dem Spaet- und Letztwerk Wittgensteins heraus: das objektive und greifbare Wissen scheint dabei den Vorrang vor der wesentlich ungreifbareren, aber auch umgreifenderen religioesen Glaubensgewissheit zu gewinnen; diese laesst Wittgenstein gleichsam als unbezweifelte und nicht mehr aussprechbare letzte Versicherung und Wahrheit stehen: schliesslich auch angesichts seines ihm voll bewussten Todes. Wenn sich eine religioese Glaubensgewissheit durchaus auf feste Gruende berufen will, wie subjektivistisch oder irrational sie auch sein moegen - Wittgenstein laesst sie sowieso nicht zur Letztbegruendung zu - so muss sich erst recht die Wissenschaft auf sichere Beweise und belegbare Fakten stuetzen koennen, damit sie nicht zum Pseudoglauben und Aberglauben wird und eher schadet als nuetzt. Wittgensteins letzter Glaube ist ein unbegruendeter Glaube: "Am Grunde des begruendeten Glaubens liegt der unbegruendete Glaube" (G 253). Wittgenstein steht hier an der Grenze einer unaussprechlichen Religion und Ethik. Es ist die gleiche Grenze wie im Fruehwerk. In UEBER GEWISSHEIT schliesst sich damit der Kreis zurueck zur Geste des Unsagbaren und Unaussprechlichen im TRACTATUS. 4. *DIE EVIDENZ DES HANDELNS* Aus der Haltung des spaeten und letzten Wittgenstein in UEBER GEWISSHEIT zu Religion und Ethik folgt eine bestimmte Praxis, Pragmatik und Lehre des Handelns. Sie ist der letzte Grund und die EVIDENZ in seinen Aufzeichnungen. Gerade im Hinblick auf religioeses Verhalten und ethisches Handeln - und zwar aus dem Geist der Sprache und des Sprachspiels *13* - ist die Erkenntnis bzw. Beschreibung dieser Evidenz von grossem Interesse. "Handeln" haengt mit "Hand" zusammen, wie Wittgenstein an folgenden - z.T. bekannten - Paradigmen zeigt, die er weitgehend von Moore uebernimmt *14*: "Dass ich zwei Haende habe, ist unter normalen Umstaenden so sicher wie irgend etwas, was ich als Evidenz dafuer anfuehren koennte. Ich bin darum ausserstande, den Anblick meiner Hand als Evidenz dafuer aufzufassen"; "Heisst das nicht: ich werde unbedingt nach diesem Glauben handeln und mich durch nichts beirren lassen?"; "Aber es ist doch nicht nur, dass ICH in dieser Weise glaube, dass ich zwei Haende habe, sondern dass jeder Vernuenftige das tut"; "Am Grunde des begruendeten Glaubens liegt der unbegruendete Glaube"; "Jeder 'vernuenftige' Mensch handelt SO" (G 250-254). Aus dieser Einsicht, dass auf dem Grund des durch Tatsachen begruendeten Glaubens ein unbegruendeter - im Sinn des TRACTATUS ein undenkbarer, unsagbarer und unaussprechlicher - Glaube liegt, folgt der Schluss, dass vernuenftiges Handeln keineswegs den unbegruendeten Glauben ausschliesst, sondern geradezu fordert. Es ist offenbar ein religioeser Glaube - oder soll man im Sinn von Karl Jaspers von einem "Philosophischen Glauben" sprechen? - den Wittgenstein immer nur abgrenzend beschreibt; gleichsam durch Ausklammerung, "Schweigen" (T 7) und "von Innen her"*15*, ohne das Ja einer letzten Gewissheit zu nennen. Waere diese "Gott" oder das "Handeln" selbst, so muesste sie sich auch im Sprachspiel ZEIGEN und in der EVIDENZ des "HANDELNS, welches am Grunde des Sprachspiels liegt", in der Grammatik und "PRAXIS der Sprache" sowie den entsprechenden Sprachspielen und Lebensformen: "Worin besteht denn diese Uebereinstimmung, wenn nicht darin, dass, was in diesen Sprachspielen Evidenz ist, fuer unseren Satz spricht? (LOG. PHIL. ABH.)" (G 203, 204, 524). Dass die Praxis und praktische Vernunft des taeglich handelnden und kommunizierenden Menschen durch eine spezielle und traditionelle ETHIK besser und sicherer begruendet waere - etwa durch moralische Sollenspostulate im Sinn Kants oder weltanschauliche Glaubensdogmen - eine solche Erleichterung und Entlastung jenseits von sprachlicher Anstrengung verweist auch der spaete und letzte Wittgenstein in eine unsagbare Sphaere des "Mystischen" (T 6.44f., 6.522). Das praktische Handeln und Wissen und eine darauf gegruendete Alltagsgewissheit ist fuer ihn das evident zu Begreifende; dazu gehoeren auch die alltaeglichen Erfahrungen der Menschen: "Sie haben immer aus der Erfahrung gelernt, und aus ihren Handlungen kann man ersehen, dass sie Gewisses mit Bestimmtheit glauben, ob sie diesen Glauben aussprechen oder nicht. Damit will ich natuerlich nicht sagen, dass der Mensch so handeln SOLLE, sondern nur, dass er so handelt" (G 284). Ein Handeln unter den Geboten einer traditionellen Ethik, moralischer Postulate oder kategorischer Imperative lehnt Wittgenstein ab; sie sind ihm nicht mehr sicher und ueberpruefbar genug und wecken ZWEIFEL. Vielmehr hat der Mensch primaer auf die Faktizitaet und Funktionalitaet seiner eigenen Erfahrungen, Lernprozesse und seines anwendungsorientierten Wissens als das ihm allein Greifbare und Verbindliche beim praktischen Handeln zu achten: ein Autonomiegedanke, der durchaus nicht Kant widerspricht; freilich dessen formale Postulate und kategorischen Imperativ sprachaktiv und sprachspiel-relevant erweitert und ueberschreitet. Wittgensteins Evidenz des Handelns in UEBER GEWISSHEIT kann somit zum Ausgangspunkt einer gegenwaertigen und kuenftigen SPRACHPRAKTISCHEN ETHIK werden und zur Kritik an den bisherigen unsprachlichen und damit abstrakten und defizitaeren Handlungsimperativen und Maximen fuehren. Er scheint hier ebenso radikal im Sinn einer praktischen Ethik zu verfahren wie die traditionelle Moralphilosophie Kants oder Moores auch - letzterer etwa in seinen "Principia Ethica" von 1903 - nur eben sprachaktiv und sprach-kopernikanisch gewendet. Seiner sprachpraktischen Ethik fehlt es also keineswegs an Rigorismus. Gemessen an der traditionellen Ethik, mit deren ausfuehrlich begruendeten und entfalteten Systematiken, ist Wittgenstein jedoch ein "Ethiker" mit umgekehrtem Vorzeichen; und zwar nicht zuletzt durch seine Kunst des Ausklammerns und Begrenzens "von Innen", andeutenden Zeigens und aphoristisch-fragmentarischen Perspektivismus. Mit diesem Verfahren wird auch die Antwort auf die Frage nach einer letzten religioesen Gewissheit hinausgeschoben oder vielmehr offengehalten. Vermutlich aber wird das Fundament, der Grund und Abgrund eines aeussersten religioesen Glaubens und einer letzten Gewissheit vom spaeten und letzten Wittgenstein ebensowenig ausgesprochen wie vom fruehen *16*: das Unaussprechliche bleibt eben unaussprechlich. Mit diesem Zirkel sollte man sich in der gesamten Religionsphilosophie Wittgensteins bescheiden. An seine sprachpraktische Ethik mit deren Evidenz des Handelns, der Sprachspiele und Lebensformen kann man sich jedoch halten. Zur Klaerung seines beweisenden Versicherns evidenter Gewissheit gegenueber blossen "Vermutungen" (G 459) und Irrtuemern verwendet Wittgenstein auch in UEBER GEWISSHEIT den wiederholt erwaehnten Terminus und Gestus des ZEIGENS *17*. Vielleicht ist einem normal handelnden, aber dogmatisch glaubenden Menschen oft nicht anders beizukommen, als ihm das Factum brutum des Gegenstandes seines Denkens und Handelns tatsaechlich zu ZEIGEN - zumindest wenn quaelende Zweifel, Ungewissheit und Unsicherheit nicht anders "auszumerzen" (G 31, 33) sind - ein Vorgang, den auch Moore am Ende seiner "Common Sense"-Philosophie dem uneinsichtigen "Glaeubigen" und Dogmatiker nur noch entgegensetzen kann *18*. Wittgenstein fragt in aehnlicher Weise: "Denn wie, wenn ein normal handelnder Mensch uns versicherte: er GLAUBE nur, er heisse soundso, er GLAUBE seine staendigen Hausgenossen zu erkennen, er glaube Haende und Fuesse zu haben, wenn er sie nicht gerade sieht, usw. Koennen wir ihm aus seinen Handlungen (und Reden) zeigen, dass es nicht so ist?" (G 428). Wittgenstein gibt nach weiteren aehnlichen Fragen aus der Fuelle seiner Paradigmen die Antwort -, die an dieser Stelle freilich wenig mit dem religioesen Glauben zu tun hat und nur von fern auf die Ethik verweist oder vielmehr ZEIGT: "Wie aber ist es Einem zu ZEIGEN, dass wir nicht nur Wahrheiten ueber Sinnesdaten, sondern auch solche ueber Dinge WISSEN? Denn es kann doch nicht genug sein, dass jemand uns versichert, ER wisse dies. Wovon muss man denn ausgehen, um das zu zeigen?"; "Man muss zeigen, dass, auch wenn er nie die Worte gebraucht 'Ich weiss, ... ', sein Gebaren das zeigt, worauf es uns ankommt" (G 426, 427). Dieser Rekurs auf das Gebaren, die Gebaerden und Gesten des Menschen illustriert gleichsam eine anthropologische Verhaltensweise. Wittgenstein liefert oft Bilder und Paradigmen des ZEIGENS, die auf den ersten "oberflaechengrammatischen" Blick wie eine Ironie und Satire wirken koennen; bei einem zweiten "tiefengrammatischen" (PU 664) Blick aber erweisen sie sich als eine anschauliche Beschreibung und scharfsichtige Analyse menschlichen Handelns und Verhaltens in alltaeglichen Situationen und Zusammenhaengen, Sprachspielen und Lebensformen. 5. *DIE GEWISSHEIT DER SPRACHE* Da Wittgenstein in UEBER GEWISSHEIT seine aeussersten Antworten und zweifelsfreien Gewissheiten - aber auch Gebaerden wie das ZEIGEN - oft wieder in Frage stellt und mit neuen Zweifeln und Ungewissheiten versieht, bleibt vieles offen oder positiver gesagt: oeffnet sich zum Weiterfragen und Weiterdenken. Dass der spaete und letzte Wittgenstein mit seinen Saetzen mehr sagt als der groesste Teil der zeitgenoessischen Philosophie leistet, ist offensichtlich. Dennoch deutet er oft mehr perspektivisch an und evoziert und provoziert neuartige Bilder, als dass er sofort greifbare Begriffe oder logisch-systematische Zusammenhaenge liefert; deshalb wurden die obigen Paradigmen auch etwas ausfuehrlicher zitiert. Dennoch kann angesichts dieser perspektivischen und aphoristischen "Skizzen" - "Landschaftsskizzen" und Bilder eines "Albums" (PU Vorwort) - von "philosophischer Arroganz" nicht die Rede sein, der sich Wittgenstein selbst bezichtigt *19*. Vielmehr versucht er in seiner Religionsphilosophie und Ethik in aller Bescheidenheit - aber auch mit stringenter Notwendigkeit - von der blossen Grammatik und dem andeutenden Gebrauch von Bildern zu den praktischen Konsequenzen und relevanten Tatsachen der "Welt, die der Fall ist" (T 1) ueberzugehen, zum alltaeglichen Denken und Handeln im Zusammenhang von Sprachspielen und Lebensformen: "VERIFIKATION DURCH KONSEQUENZEN - das ist Wittgensteins Kommentar und Appell zur Religion" *20* und Ethik. Aus diesem Kommentar folgen bis in die Gegenwart praktische Konsequenzen. Deren Problematik ist an einem neuzeitlichen Beispiel zu zeigen. In der Nachfolge und den Konsequenzen Wittgensteins, naemlich in der Analytischen Philosophie und Ethik, glaubt der skeptische Ethiker Wilhelm Weischedel einen "Verlust des ethischen Interesses" festzustellen *21*. Dieses Urteil mag zwar fuer die ethischen Implikationen der Wissenschaftstheorie und des Positivismus gelten, die Weischedel zur Charakterisierung und seiner dann folgenden Widerlegung der Analytischen Philosophie und Ethik anfuehrt; aber fuer die Ethik Wittgensteins kann dieses Verdikt nicht gelten. Wie geht Weischedel nun im einzelnen vor? Aus seinem Angriff gegen die Analytische Ethik - in den auch das ethische Denken Wittgensteins impliziert werden koennte - ist der skeptisch-negative Unterton seiner eigenen ethischen Invektive und Alternative herauszuhoeren: "Man behauptet nun: Es ist zwar nicht moeglich, ethische Urteile oder ethische Prinzipien philosophisch zu begruenden. Doch weist man der Philosophie in diesem Zusammenhang bestimmte Aufgaben zu. Sie soll die ethischen Begriffe und Urteile sprachlich klaeren und klassifizieren. Sie soll etwa herausarbeiten, was gut oder schlecht, moralisch oder unmoralisch, sittlich oder unsittlich dem Sprachsinn nach bedeuten. Sodann soll sie das Verhaeltnis dieser Begriffe und der darauf gegruendeten Urteile zueinander bestimmen. Schliesslich soll sie sich den ethischen Grundprinzipien zuwenden und aufklaeren, welche Arten und Auspraegungen es davon gibt, in welchem Verhaeltnis sie zueinander stehen und wie sie sich sprachlich angemessen formulieren lassen". Abgesehen von dem kategorischen oder auch postulativen Grundton dieser Darstellung scheint Weischedel bestimmte inhaltliche und kriterielle Momente der ethischen Intentionen der Sprachphilosophie durchaus angemessen zu beschreiben, d.h. etwa auch des spaeten Wittgenstein, den er selbst freilich nicht nennt. Im Anschluss an das eben Gesagte kommt er jedoch zu seinem skeptischen, ja ablehnenden Resuemee, das auch auf die Sprachphilosophie und Ethik Wittgensteins abfaerben koennte: "Das alles ist zwar wichtig, aber es ist doch letztlich rein deskriptiv und daher fuer die in einer Philosophischen Ethik eigentlich interessierende Frage, was man denn nun tun oder lassen soll und was inhaltlich das Gute und das Boese sind, unwesentlich. Die Fragestellungen der Sprachanalyse reichen also grundsaetzlich nicht bis zu dem Bereich der Problematik der Rechtfertigung ethischen Tuns und ethischen Urteilens". Abschliessend konzediert Weischedel der Analytischen Philosophie in "wachsendem Mass Versuche, zum Problem einer normativen Ethik vorzustossen, ohne dabei metaphysische oder gar theologische Prinzipien zu Hilfe zu nehmen. (...) Bei genauerem Zusehen zeigt sich freilich, dass von einer philosophischen Begruendung jener ethischen Postulate nicht die Rede sein kann". So fuehre auch die Analytische Ethik in der Frage nach einer philosophischen Grundlegung des ethischen Verhaltens in der Gegenwart nicht weiter. Moegen diese Vorwuerfe Weischedels auf bestimmte Phaenomene der Analytischen Philosophie und Ethik zutreffen, so zielen sie an dem Werk Wittgensteins jedenfalls eindeutig vorbei. Der skeptische Ethiker Weischedel macht sich offensichtlich nicht die bewusst entgrenzenden und offenen, nicht mehr bloss kategorischen oder nur postulativen Argumentationen, Bilder und Paradigmen besonders der "Sprachspiel"- und "Lebensform"-Philosophie des spaeten Wittgenstein zunutze. Gerade dessen VERZICHT auf ein "inhaltliches" Beschreiben oder Definieren von "Gutem und Boesem", auf eine "Rechtfertigung" ethischen Tuns und Urteilens - samt "metaphysischen oder gar theologischen Prinzipien" - bedeutet eine Entlastung von jenen Normen und Imperativen, die der skeptische Ethiker Weischedel im Sinn traditioneller Moralphilosophie aufrechterhalten will. Dabei bleibt er selbst bei einer verkuerzten und normativen Sicht des "Deskriptiven" stehen, weil er die Sprachanalytische Philosophie und Ethik pauschal und zeitgebunden nur an einem einzigen Beispiel "beschreibt" *22*. So droht seine Beurteilung und Verurteilung der Analytischen Philosophie und Ethik eben doch die urspruengliche Leistung der Sprachphilosophie, Religionsphilosophie und Ethik Wittgensteins zu beruehren und damit unter Umstaenden auch zu bezweifeln und zu verstellen. Tatsaechlich sind Wittgensteins letzte Ethik, Glaubens- und Religionsaussagen theoretisch-begrifflich und traditionell- philosophisch nicht voll greifbar und aussprechbar; dafuer aber bewusst offen und vielfaeltig-plural anwendbar in Richtung auf die Praxis der Sprache und Sprachaktivitaet mit all deren kommunikativen, ethischen und schliesslich auch religioesen Implikationen. Kaum sind kategorische Imperative, weltanschauliche Dogmen oder ethische Skepsis und "Skeptische Ethik" derart praktisch relevant wie die hierin nicht festgelegte, festlegende und damit multivariante Struktur der Sprachphilosophie, Religionsphilosophie und Ethik besonders des spaeten und letzten Wittgenstein. Gerade in UEBER GEWISSHEIT zeigt er, dass Skepsis und Zweifel nur einen punktuellen oder allenfalls heuristischen und propaedeutischen Stellenwert im Leben haben und die Funktion von ethischen Sprachspielen oder religioesen Lebensformen nicht behindern duerfen. Vielmehr sind Zweifel und Skepsis in solche Sprachspiele und Lebensformen "aufzuheben" und zu transponieren, um somit Freiraum und offenen Horizont zu schaffen fuer noch verschlossene Welten und letztmoegliche Antworten auf aeusserste Fragen von Religion und Ethik, Denken und Glauben sowie den Sinn des Lebens ueberhaupt. *ANMERKUNGEN* *1* Im folgenden wird die APHORISMENNUMMER hinter der DER WERKSIGLE von UEBER GEWISSHEIT (1949-1951)~(G) und anderen Schriften Wittgensteins zitiert aufgrund der WERKAUSGABE IN 8 BAENDEN, Frankfurt/M. 1984; Bd. 8, S. 113-257: UEBER GEWISSHEIT. Hrsg. von G.E.M. Anscombe und G.H. von Wright. Vgl. ferner G.E. Moore: Eine Verteidigung des Common Sense. Fuenf Aufsaetze aus den Jahren 1903-1941. Frankfurt/M. 1969. *2* L. Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. Logisch- philosophische Abhandlung (1921) (T). Werkausgabe, a.a.O., Bd. 1, S. 7-85. Vgl. im folgenden ders.: Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe, a.a.O, Bd. 1, S. 225-580. *3* "'Ich weiss' soll eine Beziehung ausdruecken, nicht zwischen mir und einem Satzsinn (wie 'Ich glaube'), sondern zwischen mir und einer Tatsache. So dass die TATSACHE in mein Bewusstsein aufgenommen wird" (G 90). *4* Moore: Eine Verteidigung des Common Sense, a.a.O., S. 155ff., 159, 163ff., bringt fast auf jeder Seite oft mehrere Saetze mit "Ich glaube"; auf S. 155 und 171 sogar jeweils 5 Mal. Wittgenstein konzentriert sich wohl vor allem auf den Schluss, d.h. die letzte S. 184 von Moores Vorlesung "Beweis einer Aussenwelt" (1939). *5* Wittgenstein: Vortrag ueber Ethik. In: VORTRAG UEBER ETHIK und andere kleine Schriften. Hrsg. und uebers. von J. Schulte. Frankfurt/M. 1989, S. 19. *6* Solche "unerbittlichen" Beweise fordert Wittgenstein vor allem fuer die Mathematik, aber auch fuer die Logik und Alltagspraxis; vgl. Wittgenstein: Bemerkungen ueber die Grundlagen der Mathematik (1937-1944). Hrsg. von G.E.M. Anscombe, R. Rhees, G.H. v. Wright. Werkausgabe, a.a.O., Bd. 6, S. 37f., 60f., 82. *7* Vgl. K. Brose: Moeglichkeiten und Grenzen des Sprachspiels. Zur Systematik in Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen". In: RATIO. Hamburg 1985. 27. Bd., Hft. 2, S. 106-114. (Engl. Paralleluebersetzung in RATIO/Oxford, pp. 121-132.) *8* Vgl. vom Verf.: Sprachspiel und Kindersprache. Studien zu Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen". Frankfurt/M./New York 1985, S. 19ff.; ders.: Wittgenstein als Sprachphilosoph und Paedagoge. Grundlagen zu einer Philosophie der Kindersprache. Frankfurt/M. /New York 1987, S. 171ff. *9* "Dass die Erde existiert, ist vielmehr ein Teil des ganzen BILDES, das den Ausgangspunkt meines Glaubens bildete" (G 209). *10* Wittgenstein: Bemerkungen ueber die Grundlagen der Mathematik. Werkausgabe, a.a.O., Bd. 6, S. 147: "In der Philosophie ist es immer gut, statt einer Beantwortung einer Frage eine FRAGE zu setzen. Denn eine Beantwortung der philosophischen Frage kann leicht ungerecht sein; ihre Erledigung mittels einer andern Frage ist es nicht". *11* "'Hier bin ich auf einer Grundlage alles meines Glaubens angelangt.' 'Diese Stellung werde ich HALTEN!'" (G 246); "Habe ich die Begruendungen erschoepft, so bin ich nun auf dem harten Felsen angelangt, und mein Spaten biegt sich zurueck. Ich bin dann geneigt zu sagen: 'So handle ich eben.'" (PU 217). *12* Zu aehnlichen Aeusserungen ueber Katholizismus (oder Judentum) vgl. Wittgenstein: Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl aus dem Nachlass (1914-1951). Hrsg. von G.H. v. Wright/H. Nyman. Werkausgabe, a.a.O., Bd. 8, S. 445-573. *13* Dass Wittgensteins Glaubensbegriff eng mit der Grammatik- und Sprachspiel-Konzeption von PU zusammenhaengt zeigt G 313: "So ist DAS also, was uns einen Satz glauben macht? Nun, es haengt eben die Grammatik von 'glauben' mit der des geglaubten Satzes zusammen". *14* Moore: Eine Verteidigung des Common Sense, a.a.O., S. 178-184. *15* Wittgenstein: Briefe. Hrsg. von B.F. McGuinness und G.H. v. Wright. Frankfurt/M. 1980, S. 96 (Nr. 107 vom Okt./Nov. 1919) ueber die Ethik des TRACTATUS: "denn der Sinn des Buches ist ein Ethischer. (... Es wird naemlich das Ethische durch mein Buch gleichsam von Innen her begrenzt; und ich bin ueberzeugt, dass es, STRENG, NUR SO zu begrenzen ist". *16* Inzwischen wird vermutet, dass dieses "Unaussprechliche" direk als GOTT ausgesprochen oder zumindest angerufen wird vom fruehen Wittgenstein: Geheime Tagebuecher 1914-1916. Hrsg. und dokumentiert von W. Baum. Wien/Berlin 1991, S. 11-76. *17* An diesem Begriff des ZEIGENS wie auch der EVIDENZ mag sich noch am ehesten die von Wittgenstein selbst negierte Naehe zu Husserl zeigen. Vgl.: ANTI-HUSSERL. In: Wittgenstein und der Wiener Kreis (1929-1932). Gespraeche, aufgezeichnet von F. Waismann. Aus dem Nachlass hrsg. von B.F. McGuinness. Werkausgabe, a.a.O., Bd. 3, S. 67f. *18* Moore: Eine Verteidigung des Common Sense, a.a.O., S. 184. *19* Wittgenstein: Vorlesungen und Gespraeche ueber Aesthetik, Psychologie und Religion (1938; 1942-1946). Hrsg. von C. Barret. Goettingen 1971, S. 110. Vgl. dazu vom Verf.: Wittgenstein als Religionsphilosoph. Religioese Themen in Wittgensteins "Vorlesungen ueber den religioesen Glauben" (1938). In: Philosophisches Jahrbuch. Freiburg/Muenchen 1989. 96. Jahrg., 1. Halbbd., S. 82-94. *20* W. Baum: Ludwig Wittgenstein und die Religion. In: Philosophisches Jahrbuch. Freiburg/Muenchen 1979. 86. Jahrg., 2. Halbbd., S. 298; zur Analogie zwischen der fruehen und spaeten Religionsphilosophie und Ethik Wittgensteins vgl. S. 287 und 293. *21* W. Weischedel: Skeptische Ethik. Frankfurt/M. 1980 (1976), S. 104-106. Hier finden sich auch die folgenden Zitate Weischedels. Dieser kritisiert vor allem W.K. Frankena: Analytische Ethik. Muenchen 1972. *22* Zur Weiterfuehrung vgl. R.M. Hare: Deskriptivismus. In: Seminar: Sprache und Ethik. Zur Entwicklung der Metaethik. Hrsg. von G. Grewendorf und G. Meggle. Frankfurt/M. 1974, S. 260-284; ferner Hare: Die Sprache der Moral. Uebers. von P. v. Morstein. Frankfurt/M. 1983.