***************************************************************** * * Titel: Lebensform, Sprache und Relativismus im Spätwerk Wittgensteins*1* Autor: Katalin Neumer, Budapest - Ungarn Dateiname: 09-2-95.TXT Dateilänge: 52 KB Erschienen in: Wittgenstein Studies 2/95, Datei: 09-2-95.TXT; hrsg. von K.-O. Apel, N. Garver, B. McGuinness, P. Hacker, R. Haller, W. Lütterfelds, G. Meggle, C. Nyíri, K. Puhl, T. Rentsch, J.G.F. Rothhaupt, J. Schulte, U. Steinvorth, P. Stekeler-Weithofer, W. Vossenkuhl, (3 1/2'' Diskette) ISSN 0943-5727. * * ***************************************************************** * * * (c) 1995 Deutsche Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V. * * Alle Rechte vorbehalten / All Rights Reserved * * * * Kein Bestandteil dieser Datei darf ganz oder teilweise * * vervielfältigt, in einem Abfragesystem gespeichert, * * gesendet oder in irgendeine Sprache übersetzt werden in * * irgendeiner Form, sei es auf elektronische, mechanische, * * magnetische, optische, handschriftliche oder andere Art * * und Weise, ohne vorhergehende schriftliche Zustimmung * * der DEUTSCHEN LUDWIG WITTGENSTEIN GESELLSCHAFT e.V. * * Dateien und Auszüge, die der Benutzer für * * seine privaten wissenschaftlichen Zwecke benutzt, sind * * von dieser Regelung ausgenommen. * * * * No part of this file may be reproduced, stored * * in a retrieval system, transmitted or translated into * * any other language in whole or in part, in any form or * * by any means, whether it be in electronical, mechanical, * * magnetic, optical, manual or otherwise, without prior * * written consent of the DEUTSCHE LUDWIG WITTGENSTEIN * * GESELLSCHAFT e.V. Those articles and excerpts from * * articles which the subscriber wishes to use for his own * * private academic purposes are excluded from this * * restrictions. * * * ***************************************************************** ABSTRACT: Im Aufsatz wird der Zusammenhang zwischen der Behauptung über die Einheit von Sprache und Denken und der These des sprachphilosophischen Relativismus im Medium der Spätphilosophie Wittgensteins mit Ausblick auf weitere Beispiele aus der Philosophiegeschichte (hauptsächlich aus der des 18. Jahrhunderts) untersucht. Dabei geht es allerdings nicht nur um eine Frage der Interpretation des Spätwerkes, sondern auch um die Möglichkeiten und Grenzen der Lösung eines konzeptuellen Problems. 1. PROBLEMSTELLUNG Unter diesem Titel möchte ich eine konzeptuelle Frage im Medium der Spätphilosophie Wittgensteins mit Ausblick auf weitere Beispiele aus der Philosophiegeschichte (hauptsächlich aus der des 18. Jahrhunderts) untersuchen, und zwar den Zusammenhang zwischen der Behauptung über die Einheit von Sprache und Denken und der These des sprachphilosophischen Relativismus. Dabei geht es mir allerdings nicht nur um eine Frage der Interpretation des Spätwerkes, sondern auch um die Möglichkeiten und Grenzen der Lösung eines konzeptuellen Problems. Die These von der Einheit von Sprache und Denken scheint nämlich - zumindest in einer Formulierung - auf den ersten Blick mit derjenigen des sprachlichen Relativismus bzw. Kulturrelativismus äquivalent zu sein. Ist die Sprache mit dem Denken "innig verbunden", wird dadurch auch ein Gedanke, der nicht in UNSERER Sprache, sondern in einer ANDEREN formuliert ist, per definitionem ein ANDERER sein: Der ANDERE Gedanke bzw. die ANDERE Sprache werden sich von UNSEREM Gesichtspunkt aus - durch unsere Sprache bzw. durch unser Denken - nicht einmal fassen lassen. Erweitert man aber nur etwas den Blickwinkel (man denke etwa an den jungen Wittgenstein, an Frege oder Davidson), so erscheint der vorhin erwähnte Schluß schon als viel weniger einleuchtend. So erhebt sich die Frage: Welcher Präzisierung ist die These von der Einheit von Sprache und Denken bedürftig, um zugleich auch die Relativismusthese als KONZEPTUELL notwendige Folgerung nach sich zu ziehen? Daraus ergibt sich gleich eine zweite Frage: Inwieweit können diese Bedingungen erfüllt werden, und wenn nicht, inwiefern legt dies die Modifizierung der Relativismus-These nahe? Es gibt wohl verschiedene Möglichkeiten, um das in der ersten Frage skizzierte konzeptuelle Problem lösen zu können. Eine Möglichkeit kann sein, die These über die Einheit von Sprache und Denken mit derjenigen des Relativismus miteinander in begrifflichen Zusammenhang zu bringen, wenn man sowohl den Begriff der Sprache wie auch denjenigen des Denkens in einem ziemlich weiten Sinne definiert. (Diese These soll freilich noch mit weiteren Korollarien ergänzt werden. Manche von diesen Zusätzen sind in Anmerkung 2 kurz angedeutet.) Diese Behauptung ist zwar offensichtlich an jener Lösung des Problems orientiert, wie man es etwa bei dem späten Wittgenstein oder Kuhn vorfindet, man kann sie aber auch mit Beobachtungen über die Philosophiegeschichte der Einheits-These bzw. der Relativismus-These in den letzten drei Jahrhunderten belegen. Die Entfaltung der beiden Thesen läßt sich nämlich durch ihre immer strengere Formulierung und damit verbunden durch eine allmähliche Erweiterung sowohl des Begriffs der Sprache als auch desjenigen des Denkens charakterisieren. (A) Auf der einen Seite soll man (bzw. hat man) den Begriff des DENKENS, das durch die Sprache abgedeckt werden soll, (1) auf alle unsere Kognitionen, Gefühle und Empfindungen, (2) auf alle unsere Aktivitäten und unser Hantieren mit den Gegenständen der Welt (3) bzw. auf unsere gesamte Weltanschauung ausdehnen (ausgedehnt). Es leuchtet unmittelbar ein, daß man auf den umgreifenden Gültigkeitsanspruch der Relativismus-These verzichten muß, solange die Sprache nur mit einem im engen Sinne aufgefaßten Denken korreliert: Um gewisse gemeinsame Grundlagen der menschlichen Erfahrung, Theoriebildung etc. voraussetzen zu können, reicht es schon aus, wenn wir nur mit manchen gemeinsamen Empfindungen - Grundwahrnehmungen, Sinnesdaten usw. - rechnen können. (B) Auf der anderen Seite soll der Begriff der SPRACHE in zweierlei Sinne erweitert werden. (1) Er soll auf alle Lebenserscheinungen und damit auf die gesamte Kultur und Lebensform der jeweiligen Gesellschaft erstreckt werden. Sonst bleibt nämlich trotz der Unterschiedlichkeit der Sprachen die Möglichkeit offen, daß die gemeinsame Kultur und Lebensform, von denen die Sprachen umgegeben sind, zu ihrer Deutung die gemeinsamen Rahmenbedingungen bieten können. (2) Als gemeinsames Bezugssystem kann allerdings nicht nur eine gemeinsame Lebensform gelten, sondern auch eine gemeinsame, universelle Lebenswelt (etwa Gegenstände "an sich", die uns als von uns unabhängig und objektiv gegenüberstehen) - es sei denn, wir setzen voraus, daß uns die Welt durch die einzelnen Sprachen nicht einfach "reguliert", sondern "konstruiert" bzw. "konstituiert" gegeben ist. Demgegenüber wird die Sprache durch die Welt nicht bestimmt, und in diesem Sinne ist die Beziehung zwischen den beiden bloß willkürlich. Auf solche Weise ist die Welt sozusagen in die Sprache einbezogen erst als Bestandteil der jeweiligen Lebensform gegeben.*2* Den vorliegenden Aufsatz möchte ich also der Wittgensteinschen Ausdehnung der Begriffe von Sprache und Denken und seiner Auffassung über die Willkürlichkeit der Sprache widmen. Dabei wird sich herausstellen, daß sich der Begriff der Willkürlichkeit nicht nur in dem vorhin erörterten Sinne mit dem Begriff der Sprache in Zusammenhang bringen läßt, sondern daß er auch in bezug auf denjenigen des Denkens für die Relativismus-These relevant ist. Darüber hinaus werden wir gerade durch die Analyse des Willkürlichkeits-Begriffs an die Grenze eines relativistischen Standpunktes stoßen. 2. SPRACHE UND DENKEN Die Binsenwahrheit, daß sich Wittgenstein ohne Sprache kein Denken hat vorstellen können, möchte ich hier nicht ausführlicher erörtern. Ich möchte allerdings auf eine Stelle der PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNGEN aufmerksam machen, die uns nahelegt, daß Wittgenstein die Beziehung zwischen Sprache und Denken nicht als eine schlichte Identität gedacht, sondern zwischen ihnen auch einen begrifflichen Unterschied gesehen hat: "'Reden`(ob laut, oder im Stillen) und 'Denken` sind nicht gleichartige Begriffe; wenn auch im engsten Zusammenhang." (PU IIxi, S. 558. In BPP II § 7 spricht er sogar über eine kategorische Verschiedenheit beider Begriffe. Vgl. noch PU IIxi, S. 549) Zur Entschlüsselung dieses Paragraphen können zwei Stellen der BEMERKUNGEN ÜBER DIE PHILOSOPHIE DER PSYCHOLOGIE zu Hilfe kommen. Die eine weist darauf hin, daß man über einen Denkvorgang nicht dieselben Prädikate aussagen kann wie über das Sprechen: "man kann z.B. den 'Denkvorgang` nicht unbegleitet vor sich gehen lassen. Er hat auch nicht Abschnitte, die den Abschnitten der andern Tätigkeit (des Redens z.B.) entsprechen". (BPP II § 7) Für unser Problem ist wohl die zweite Stelle interessanter. In BPP I § 180 behauptet Wittgenstein, daß wenn Denken "wirklich ein Gespräch [wäre], so könnte man nur die Worte des Gesprächs berichten und die äußern Umstände, unter denen es geführt wurde, aber nicht auch die Meinung, die diese Worte damals für den Sprecher hatten". Diese Stelle läßt sich z.B. mit manchen Behauptungen der PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNGEN in Zusammenhang bringen, denen zufolge man einen Unterschied zwischen dem denkenden und gedankenlosen Sprechen machen könne (siehe z.B. PU I § 330 und 341). Aufgrund dieser letzteren Stellen kann man die zuerst erwähnte dahingehend auslegen, daß sich Sprechen mit Denken deshalb nicht identifizieren läßt, weil das Reden - es sei denn, wir haben es mit Papageien oder Gramophonen zu tun - normalerweise mehr darstellt als eine bloß mechanische Regelbefolgung und äußerliche Durchführung eines Sprechaktes. Das menschliche Sprechen zeichnet sich gerade dadurch aus, das das Gesagte nicht nur dahingeplappert, sondern auch gemeint und gedacht ist. Damit will Wittgenstein freilich nicht behaupten, daß das Sprechen von dem VORGANG des Meinens bzw. Denkens BEGLEITET werden solle. Andererseits kann er aber, - wie ich es in einem früheren Aufsatz schon gezeigt habe - indem er den Begriff des Meinens mit demjenigen des Aspektwechsels, der sekundären Bedeutung und der Atmosphäre in Zusammenhang bringt, der Gefahr nicht entrinnen, die Grenze einer Art Privatsprachenkonzeption zu berühren.*3* (A) DER BEGRIFF DES DENKENS Für unsere an Wittgenstein geschulte Denkweise erscheint wohl nichts Überraschendes darin, wenn man in Formulierungen wie etwa "Die Sprache bestimmt das Denken" oder "Es ist kein Denken ohne Sprache möglich" unter dem mit der Sprache korrelierenden "Denken" mehr versteht, als was das Wort wörtlich bedeutet. Daß es allerdings bei weitem nicht selbstverständlich ist, mit einem allumfassenden Begriff des Denkens zu operieren, können uns Beispiele prominenter Relativisten zeigen. So entdeckte z.B. Condillac zwar einen engen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken und entwarf dabei in seinem ESSAI auch die Konzeption des "génie de la langue", trotzdem meinte er, daß "die Perzeption und das Bewußtsein" selbst vor allem Zeichengebrauch "nicht ausbleiben könn[t]en, sobald man wach ist". (Condillac 1947a: S. 19) Daß diese Voraussetzung vorsprachlicher Perzeptionen auch konzeptuelle Folgen hinsichtlich der Relativismusthese haben kann, kann uns u.a. das Beispiel von Maupertuis zeigen, der gemeint hat, daß die Menschen wenigstens ihre ersten Wahrnehmungen und dadurch eine kleine Anzahl von Vorstellungen gemeinsam hätten. (Maupertuis 1965: S. 437) So ist er trotz der Verwerfung der Idee einer universellen Schrift, die der universellen Ordnung der Vorstellungen und primärer Empfindungen entsprechen könnte, zu der Folgerung gekommen, daß zumindest die erste, natürliche Sprache - im Gegensatz zu der konventionellen - von allen verstanden werden könne. Selbst Whorf in unserem Jahrhundert setzte noch wenigstens eine allen Menschen gemeinsame Psyche voraus, indem er schrieb: "Es gibt einen universalen, gefühlsartigen Zusammenhang zwischen Erfahrungen, der sich in psychologischen Experimenten zeigt, anscheinend von der Sprache unabhängig und im Grunde für alle Menschen gleich ist." (Whorf 1956: S. 267) Es kann allerdings nicht nur auf universalistische Folgerungen hinauslaufen, wenn man dem Begriff der Sprache einen engeren Begriff des Denkens entsprechen läßt. Hier kann uns u.a. Humboldt als Beispiel dienen. Er operierte zwar einerseits mit einem weiten Begriff des Denkens, wobei er die nichtrationalen Aspekte des Menschen, seine im weiten Sinne aufgefaßte Weltanschauung ebenfalls in Betracht zog. Andererseits aber galt für ihn als eine der Garantien der Existenz des Individuums, daß "[d]er Mensch [...] mehr und noch etwas anderes [sei], als alle seine Reden und Handlungen, und selbst als alle seine Empfindungen und Gedanken". Auf diese Weise verband der Klassiker der These von der Einheit von Sprache und Denken den Begriff der Individualität mit deren Unaussprechbarkeit und Privatheit: "Bis auf einen gewissen Punkt lassen sich alle Plane und Raisonnements eines Menschen ohne grosse Schwierigkeit entwickeln und auseinanderlegen; kommt man aber dahin, wo der Gedanke oder der Entschluss zuerst entstand, so befindet man sich auf einmal wie an den Gränzen einer unbekannten Welt, aus der nur einzelne und abgerissene Erscheinungen plötzlich hervorspringen, indess sie selbst in undurchdringlichen Dunkel verhüllt liegt. Und doch sind es gerade diese ersten Triebfedern, diese innern Kräfte, die das eigentliche Wesen des Individuums ausmachen und ursprünglich alles in Bewegung setzen [...]" (Humboldt 1968a: S. 88)*4* Vor diesem Hintergrund ist also die Bedeutung der Wittgensteinschen philosophischen Position einzuschätzen. Wittgenstein hat nämlich den Begriff des Denkens in dreierlei Hinsicht erweitert: (1) Erstens wurde von ihm der Begriff des Denkens auf alle Empfindungen, Gefühle, Dispositionen etc., d.h. auf das GESAMTE SEELENLEBEN ausgedehnt. (2) Zweitens ließ er seine These, der zufolge das "Denken im wesentlichen eine Tätigkeit des Operierens mit Zeichen ist" (BB S. 23), nicht nur in bezug auf den im eigentlichen Sinne genommenen Zeichengebrauch gelten, sondern auch für ALLERLEI HANDELN und Hantieren. Dabei dachte er unter dem Begriff "Denken" hauptsächlich nicht an ausgesprochene oder bewußte und vernünftige Überlegungen, sondern an das spontane Probieren, Vergleichen und Wählen zwischen verschiedenen Möglichkeiten. (Vgl. z.B. PU I § 330, Z § 100-108 und BPP II § 224- 229.) Diese Art Überlegung unterscheidet das menschliche Handeln etwa von demjenigen der seelenlosen Sklaven - auf diese Weise erscheint jetzt in bezug auf das Handeln der vorhin erwähnte Gedanke, dem zufolge Meinen und Denken für das menschliche Sprechen charakteristisch seien. These (2) kann uns zu These (3) überleiten: Man kann sie nämlich auch als einen Aspekt der Wittgensteinschen Ausdehnung des Begriffs des Denkens auf denjenigen der gesamten WELTANSCHAUUNG auffassen. Punkt (3) möchte ich hier nicht ausführlicher behandeln. Zu Punkt (2) möchte ich nur soviel bemerken, daß man ihn ebenso gut hätte nicht bezüglich der Erweiterung des Begriffs des Denkens, sondern auch bezüglich der Sprache behandeln können. Das kann uns zeigen, wie eng die Begriffe der Sprache und des Denkens für Wittgenstein trotz ihrer Unterschiedlichkeit miteinander verbunden sind, und daß sich die Erweiterung des einen Begriffs mit derjenigen des anderen auf diese Weise in Zusammenhang bringen läßt. Im folgenden möchte ich mich ausführlicher nur mit Punkt (1) befassen. Die Privatsprachenkritik Wittgensteins stellt eine der Paradebeispielen dar, wie er das gesamte Seelenleben des Menschen und nicht nur seine Gedanken durch die Sprache abdecken ließ. "Nicht darum handelt es sich, daß unsre Sinneseindrücke uns belügen können, sondern, daß wir ihre SPRACHE verstehen. (Und diese Sprache beruht, wie jede andere, auf ÜBEREINKUNFT.)" (meine Hervorhebungen), so lautet es in § 355 der PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNGEN. Es wird hier nicht nur behauptet, daß alle Empfindungen öffentlich aussprechbar sein sollten, sondern selbst die Sinneseindrücke werden unter dem Begriff der Sprache und Übereinkunft geordnet. Dadurch, daß selbst die Gefühle als Sprache definiert sind, wird die Gefahr begrifflich abgewendet, daß sie als akzidentelle und externe außerhalb der Sprache unaussprechbar bleiben. § 355 löst zwar auf diese Weise das begriffliche Problem der Aussprechbarkeit, aber diese Lösung läßt gleich weitere konzeptuelle Fragen auftauchen. Diese Behauptung gehört wohl zu denen, aufgrund deren man Wittgenstein mit Recht hat vorwerfen können, daß er die Schmerzen auf das Benehmen reduzierte. Es gibt freilich auch Textstellen, die einer anderen Interpretation den Weg ebnen können. Ich will hier nur kurz auf Paragraphen hinweisen, die zwar behaupten, daß die Empfindung "kein Etwas", nicht aber, daß sie "ein Nichts" wäre, (PU I § 404) und die sich von der Position distanzieren wollen, der zufolge "es [...] keinen Schmerz ohne SCHMERZBENEHMEN" gebe, (PU I § 281) u.a. schon deshalb, weil Schmerzen mit ihren Äußerungen nicht notwendig einhergehen: Man kann Schmerzen heucheln, aber auch verheimlichen. Es handelt sich im Fall des Schmerzes sogar um mehr, als daß man nicht immer die Wahrheit sagt, oder daß man nicht immer über alles reden muß, was man fühlt. Man kann dies ja über seine Gedanken, Absichten, Hoffnungen, Pläne oder seine Reue behaupten. Etwas bereuen oder hoffen kann nur, "wer sprechen kann", wer "die Verwendung einer Sprache beherrscht". (PU II S. 489) Ganz ähnlich wie es als Voraussetzung des Aspektsehens gilt, daß man gewisse Redewendungen anwenden kann - wie seltsam es auch klingt, "daß dies die logische Bedingung dessen sein soll, daß Einer das und das ERLEBT!" Man kann dagegen nicht sagen, "nur der `habe Zahnschmerzen', der das und das zu tun imstande sei". (PU IIxi S. 544) Die Hoffnung, die Absicht, etc. könnten ohne Sprache nicht einmal möglich sein. In diesem Sinne ist hingegen die Existenz unserer Empfindungen logisch unabhängig von der Sprache.*5* Dieser Schluß, den wir aus den gerade zitierten Worten haben ziehen können, läßt sich aber nicht nur mit der früheren ziemlich extremen Folgerung aus § 355 nicht vereinbaren. Es ergeben sich aus ihr auch Schwierigkeiten hinsichtlich der viel nüchterneren Behauptung, nach der beides, sowohl Benehmen wie auch Schmerzen durch das Sprachspiel vorausgesetzt seien. (Der letztere Gedanke wird vielleicht am klarsten in PU I § 300 ausgesprochen.) Es tauchen diesbezügliche begriffliche Schwierigkeiten schon auf, sobald man den Ausgangspunkt der Privatsprachenkritik näher untersucht und weiterdenkt. Diesen könnte man in der Weise kurz zusammenfassen, daß (1) sprachliche Schmerzäußerungen die Schmerzen nicht beschreiben, sondern nur das unmittelbare, "ursprüngliche, natürliche" Schmerzbenehmen ersetzen. (PU I § 244) (2) Infolgedessen sind Schmerzäußerungen von Anfang an an Handlungen gebunden, die in einem öffentlichen Spielraum durchgeführt werden. (3) Dieser Tatbestand ermöglicht, daß (3a) Schmerzen durch die öffentliche Sprache und den öffentlichen Regeln entsprechend ausgedrückt werden und umgekehrt: (3b) Die Existenz der öffentlichen Sprache macht erst möglich, sie als Schmerzen zu identifizieren.*6* Um die Bedeutung dieser konzeptuellen Lösung hinsichtlich des Relativismus-Problems klarer zu zeigen, möchte ich sie zunächst vor einem weiteren philosophiegeschichtlichen Horizont untersuchen. Darüber hinaus soll uns diese Untersuchung auch Gesichtspunkte liefern, die uns auf die problematischen Punkte der Wittgensteinschen Argumentation aufmerksam machen können.*7* Die Ausführungen Wittgensteins über Schmerzäußerungen gehen nämlich auf eine lange philosophische Tradition zurück, und zwar auf die Distinktion "willkürliche und unwillkürliche Zeichen". Dabei verstand man gewöhnlich unter unwillkürlichen Zeichen natürliche Zeichen, die z.B. Gefühle und Empfindungen unmittelbar äußern oder die, die kausal oder aufgrund der Assotiation bzw. des Ähnlichkeitsprinzips durch die Gegenstände motiviert etwa eine schallnachahmende Funktion haben. Das Wort "willkürlich" dagegen läßt sich auf die scholastischen Ausdrücke AD PLACITUM, INSTITUTIO, CONVENTIO zurückführen. Dementsprechend verstand man unter willkürlichen Zeichen nicht motivierte und nicht natürliche Zeichen, die intentionell, "nach Gefallen" erfunden oder gesetzt auf die Vereinbarung einer Gesellschaft zurückgehen. (Vgl. Coseriu 1968) Diese Distinktion war eine der wichtigsten der Theorien im 18. Jahrhundert über das Entstehen und damit auch über das Wesen der Sprache. In bezug auf das letztere war einer der entscheidenden Punkte, inwiefern sich die ursprüngliche Unwillkürlichkeit des menschlichen Zeichengebrauchs auf die höheren Stufen der Sprachenbenutzung übertragen ließe. Die diesbezüglichen Theorien lassen sich in vier Typen einordnen. (1) Es ist wohl nicht überraschend, daß die Behauptung, der zufolge die UNWILLKÜRLICHE Natur der ersten Zeichen mehr oder weniger auch die ganze menschliche Sprachverwendung bestimme, eine günstige Position war, um auf UNIVERSALISTISCHE Folgerungen kommen zu können. Mit dieser Behauptung wurden nämlich üblicherweise auch zwei andere vorausgesetzt, und zwar daß die primären Empfindungen und dadurch auch die damit einhergehenden Gefühlsäußerungen allen Menschen gemeinsam und darüber hinaus, daß die abbildende Sprache von dem Abgebildeten als von etwas ihr objektiv Gegenüberstehendem bestimmt seien. (Vgl. Knowlson 1965)*8* (2) Auf der anderen Seite erkannten prominente RELATIVISTEN, selbst wenn sie die Unwillkürlichkeit und allgemeine Verständlichkeit der ersten Laute nicht leugneten, in der grundsätzlichen WILLKÜRLICHKEIT der kultivierten Sprachen die Quelle dessen, daß jede Sprache für sich ihren eigenen Geist haben kann.*9* (3) Die Behauptung der wesentlich willkürlichen Natur der Sprache allein reicht allerdings nicht aus, um relativistische Folgerungen ziehen zu können: Ohne zusätzliche Voraussetzungen kann sie ebenso gut in einer UNIVERSALISTISCHEN Konzeption ihren Platz haben, mit der Begründung etwa, daß es gerade die WILLKÜRLICHE Natur der Sprachen möglich mache, eine universale Schrift herauszufinden, oder daß es ihr zu verdanken sei, daß die Sprachen trotz der Existenz eines gemeinsamen menschlichen Geistes voneinander so verschieden sein können.*10* (4) Auf der anderen Seite kann auch die Behauptung der entscheidenden Rolle der ersten natürlichen Sprachen auch auf RELATIVISTISCHE Konsequenzen hinauslaufen, indem man zwar den ersten Tönen als motivierten und UNWILLKÜRLICHEN eine grundlegende Bedeutung beimeßt, dabei aber die Beziehung zwischen ihnen und den Gefühlen bzw. Gegenständen nicht notwendig, sondern zufällig bestimmt denkt, was die Verschiedenheit der Sprachen zur Folge hat.*11* Wollen wir jetzt zu der Wittgensteinschen philosophischen Position zurückkehren, so können wir zuerst behaupten, daß er die Gegenüberstellung, auf deren einer Seite sich das Wort "unwillkürlich" mit dem "natürlich" und "motiviert" verknüpft, und auf deren anderen Seite das Wort "willkürlich" mit "konventionell" etc. einhergeht, grundsätzlich aufgehoben hat. Für ihn wird nämlich alles "vom Gebrauch, von der Praxis des Sprachspiels" abgedeckt. (BPP I § 184) Er behielt zwar die Distinktion von "unwillkürlichen Interjektionen" und "willkürlichen Zeichen" in einer Form zumindest, und zwar in derjenigen der Gegenüberstellung "Äußerung-Mitteilung", wobei er auch die Gebärden den sprachlichen Äußerungen analog behandelt. Der Unterschied besteht zwischen Äußerung und Mitteilung aber seines Erachtens nicht darin, daß die erstere ohne die konventionelle Sprache verständlich wäre, die letztere aber nicht. "Chinesische Gebärden verstehen wir so wenig, wie chinesische Sätze", so lautet es in den ZETTELn (§ 219). Damit wird nicht nur ausgesagt, daß Gebärden - von dem Gesichtspunkt des Betrachters aus - erst auf dem Hintergrund der von der Sprachgemeinschaft bestimmten Regeln überhaupt als Gebärden verstanden werden und ihre Bedeutung bekommen können, sondern daß sie - jetzt von der Position des Agens aus gesehen - ebenso wie sprachliche Äußerungen den Regeln des jeweiligen Sprachspiels entsprechend erlernt werden müssen. Infolgedessen hat es für Wittgenstein keinen Sinn, von "natürlichen" und "motivierten" Zeichen zu sprechen, sondern nur von "willkürlichen", und zwar in dem Sinne, daß sie nur in Relation zu den Regeln des jeweiligen Sprachspiels verstanden werden können. Auf diese Weise sind also alle Bedeutungen relativ. Dabei verändert Wittgenstein aber auch die Bedeutung des Wortes "willkürlich". Auch wenn er die Sprache auf Übereinkunft zurückführt, definiert er diese trotzdem nicht als bewußte und "intentionelle Setzung und Erfindung" der Zeichen, die vom Gefallen abhängen könnte. Dieser Gedankengang hat aber einen Haken, und dies kommt gerade in der Privatsprachenkritik zum Vorschein. In seiner Privatsprachenkritik geht Wittgenstein absichtlich von Schmerzgefühlen und ihren Äußerungen aus. Er meint, was man an den primitivsten Formen der Sprache sehen kann, ließe sich auf die komplizierteren ebenfalls übertragen. Die Frage ist nun, ob die primitiven Formen wirklich das zeigen können, was er mit ihnen beabsichtigt. Der entscheidende Punkt der Privatsprachenkritik ist, wie bereits gesagt, daß es ein primitives Schmerzbenehmen existiere, das durch den sprachlichen Ausdruck ersetzt werden kann. Das ist aber gleichzeitig auch der neuralgische Punkt der Privatsprachenkritik. Dieses primitive Schmerzbenehmen ist nämlich, wie selbst Wittgenstein an manchen Stellen offen aussagt, VORSPRACHLICH. (BPP I § 916, Z § 541) Es mag also wohl sein, daß die Erwachsenen erst aufgrund ihrer Sprachkenntnisse - die sie sich also bereits angeeignet haben mußten - die Schmerzen des Kindes als Schmerzen und nicht etwa als Jucken identifizieren können. Das Kind braucht dagegen keine Vorkenntnisse bzw. keine öffentlichen Regeln, um seine Schmerzen durchs Schreien ausdrücken zu können. Diese Gebärde ist unabhängig davon, ob er als Chinese oder als Brasilianer geboren ist - deshalb ist sie gerade vorsprachlich. Weiterhin kann man das primitive Schmerzbenehmen nur deshalb als Gebärde des Schmerzes und nicht als etwas anderes identifizieren, weil es auch ohne den Prozeß der Aneignung eines Regelsystems gewisse Regelmäßigkeiten aufzeigt.*12* Und drittens hat diese Gebärde nur Sinn, wenn sie die Gebärde eines Schmerzes ist, wenn sie also in der Regel SEIN Ausdruck ist - sie setzt also voraus, daß es von Anfang an Schmerzen gibt, die zunächst ausgedrückt und erst danach im Prozeß der Aneignung durch eine sprachliche Äußerung ersetzt werden. Diese Theorie setzt also gerade voraus, was sie bekämpfen wollte: Sie setzt voraus, daß es gewisse natürliche Töne und Gebärden gibt, die in regelmäßigem Zusammenhang mit Gefühlen sind. Darüber hinaus soll dieser Zusammenhang nicht nur in bezug auf dieses oder jenes Kind, sondern wenigstens für mehrere bestehen, ohne daß diese etwas hätten erlernen müssen. Diese Theorie setzt also etwas Gemeinsames voraus, was unwillkürlich und natürlich ist. Wir sind damit wieder auf eine andere Weise auf den früher bereits gezogenen Schluß gekommen. Es mag wohl sein, daß die Frage nach der Möglichkeit der Aneignung eines Sprachspiels etwa im Fall der Hoffnung, Absicht oder der komplizierten Gefühle mit der Möglichkeit deren Existenz zusammenfällt. Komplizierte Gefühle entwickeln sich sicher durch den Sprachgebrauch: Ein Kind kann nicht die Gefühle haben wie Iwan Karamasow und es kann auch nicht seine Seele zwischen dem Ruhm Schillers und dem Abgrund der Sinnlichkeit zerrissen fühlen. (Johnston 1993: S. 129)*13* Das ist aber nicht der Fall in bezug auf die Schmerzen, zumindest in dem Sinne nicht, daß jemandes Schmerzen - dem parallel, wie wir aufgrund seiner Schmerzäußerung behaupten, daß er Schmerzen habe -, erst durch seine Äußerung ermöglicht wären. (B) DER BEGRIFF DER SPRACHE Der Gedanke, daß eine Sprache verstehen und sprechen können mehr fordere als sich bloß ihren Wortschatz bzw. ihre syntaktischen und semantischen Regeln anzueignen, und daß man dazu auch gewisse außersprachliche Faktoren wie etwa (1) Gesten, Handlungen, die Lebensform, Kultur, Tradition etc. und (2) die Gegenstände der physikalischen Welt als Umgebung in Betracht ziehen solle, ist wohl nicht neu. Ebenso wie auch die Idee nicht, daß uns die Welt erst durch die Brille der in diesem weiten Sinne aufgefaßten, in die gesamte Umgebung eingewobenen Sprache erscheint. Diese beiden Formulierungen lassen aber noch die Frage offen, was für eine Rolle dabei die außersprachlichen Komponenten haben können, bzw. wie die Beziehung zwischen ihnen und der Sprache definiert ist. Im folgenden werde ich mich auf die Rolle der physikalischen, natürlichen Gegenstände konzentrieren. Diese Verfahrensweise kann uns auch den Vorteil bringen, die Behandlung beider genannten Problemen - des der Umgebung und des der gegenstandkonstituierenden Rolle der Sprache - miteinander verbinden zu können. Die Philosophiegeschichte des Problems wird uns wohl auch hier manche Gesichtspunkte liefern können. So kann man die Beziehung zwischen Umgebung und Sprache als eine einseitige Wirkung der ersteren auf die letztere betrachten. Eine einfachere und philosophisch gesehen weniger interessante Form dieser Auffassung ist, wenn man den Wortschatz einer Sprache auf das Vorhandensein der entsprechenden Gegenstände in der Umgebung zurückführt. Eine kompliziertere Form stellen z.B. die Klimatheorien dar (vgl. Koller 1918: S. 7-32) wie etwa diejenige von Rousseau, der die Verschiedenheit der nördlichen und südlichen Sprachen auf die Unterschiede des Klimas zurückführte. (Rousseau 1990: S. 91-113) Man kann aber auch wie etwa Herder in den IDEEN einen gegenseitigen Einfluß zwischen Sprache und natürlicher Umgebung annehmen. Er schrieb zwar dem menschlichen Geist und den menschlichen produktiven Kräften eine grundsätzliche Rolle zu, diesen aber wurde von ihm durch die äußeren Umstände und das Klima auch eine gewisse Grenze gezogen. Auf diese Weise setzte Herder immer noch eine von der subjektiven Seite getrennte, von ihr nicht geformte objektive Seite voraus. Selbst Humboldt gab den Gedanken einer von der Sprache unabhängig existierenden objektiven Welt nicht auf. Er dachte zwar, "dass eine grosse Anzahl von Gegenständen erst durch die sie bezeichnenden Wörter geschaffen werden". (Humboldt 1968d: S. 640) Das hat laut seines bekannten Spruches zur Folge, daß es "in jeder Sprache eine eigenthümliche Weltansicht" liege. (Humboldt 1968c: S. 60) Er schrieb dennoch wie folgt: "Die Summe des Erkennbaren liegt, als das von dem menschlichen Geiste zu bearbeitende Feld, zwischen allen Sprachen, und unabhängig von ihnen, in der Mitte [...]" (Humboldt 1986b: S. 27) Die Position Wittgensteins zeichnet sich gerade dadurch aus, daß er die Trennung zwischen Objektivität und Subjektivität als sinnlos abgelehnt hat.*14* "Wie alles Metaphysische ist die Harmonie zwischen Gedanken und Wirklichkeit in der Grammatik der Sprache aufzufinden", so wurde von ihm die Wirklichkeit in die Sprache einbezogen. (Z § 55) Was wir unter Erfahrung, Wirklichkeit, Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, "wahr" und "falsch" etc. verstehen, wird nicht durch die dem Sprachspiel externen Fakten bestimmt, sondern durch die Sprache intern definiert und hängt auf diese Weise von dem Willkür der letzteren ab. Es erscheint dennoch als eine heikle Frage des Spätwerkes, ob Tatsachen nicht trotzdem in das Leben der Sprachspiele eingreifen, ob sie bzw. ihre Veränderungen unsere Behauptungen über sie nicht bestimmen könnten. Es handelt sich hier freilich nicht um Meinungen, die laut Wittgenstein durchs Sprachspiel als "wahr" und "falsch", und dementsprechend als veränderlich definiert sind. Die Frage erhebt sich erst in bezug auf die fundamentalen Urteile, die das gesamte Sprachspiel und die Lebensform bestimmen. Wittgensteins erste Antwort auf diese Frage ist bekanntlicherweise wieder verneinend. Empirische Beobachtungen können diese Urteile nicht in Zweifel ziehen: Die vollkommene Zweifellosigkeit ist ja gerade, was sie fundamental macht. Daß diese Antwort Wittgenstein dennoch nicht befriedigen konnte, davon zeugen seine wiederholten Fragen: "Wie, wenn etwas WIRKLICH UNERHÖRTES geschähe? wenn ich etwa sähe, wie Häuser sich nach und nach ohne offenbare Ursache in Dampf verwandelten; wenn das Vieh auf der Wiese auf den Köpfen stünde, lachte und verständliche Worte redete; wenn Bäume sich nach und nach in Menschen und Menschen in Bäume verwandelten"? (ÜG § 513) Es wäre nach Wittgenstein zwar nicht unvorstellbar, daß wir selbst unter solchen Umständen unsere Urteile nicht aufgeben und das alte Sprachspiel - etwa das der Induktion - weiter spielen würden. Es würde so jedoch fraglich, "ob man das" noch "`Induktion' nennen würde" (ÜG § 619) - d.h. ob man es auf diese Weise nicht dennoch mit einem ANDEREN, VERÄNDERTEN Sprachspiel zu tun hätte. Das "Unerhörte" kann aber auch auf eine andere Weise ein anderes Sprachspiel bewirken: Es kann uns nämlich laut der Definition der fundamentalen Urteile veranlassen, unser ganzes Bezugssystem in Frage stellen. Man würde so "durch gewisse Ereignisse in eine Lage versetzt, in der [man] das alte Spiel nicht mehr fortsetzen könnte", (ÜG § 617) d.h. es aufgeben müßte. Das Problem, wie die Tatsachen als bestimmende Faktoren in das Leben des Sprachspiels eingreifen können, tritt besonders klar u.a. in den Aufzeichnungen über die Farbbegriffe hervor. Die Hauptthese Wittgensteins lautet hier wie gewöhnlich: Welche Farben wir erkennen, sei grundsätzlich eine logische und keine empirisch- naturwissenschaftliche Frage. Es hänge von unseren Farbbegriffen ab und sei in diesem Sinne willkürlich. Manche Wittgensteinsche Beispiele weisen dennoch darauf hin, daß die Natur auch hier etwas mitzureden hat. Käme man in ein Land, diese Möglichkeit spielt Wittgenstein durch, "wo die Farben der Dinge [...] unaufhörlich wechselten", (BPP II § 198) oder "wo alles nur EINE Farbe hätte", so könnte man hier die Leute den Gebrauch der Farbwörter nicht lehren - das Fehlen der (konstanten) Farben würde hier nämlich das Sprachspiel unmöglich machen. (BPP II § 199) Einen analogen Fall stellt das Beispiel eines Landes dar, wo sich die Farbbegriffe wegen der Farbenblindheit der Einwohner von den unsrigen unterscheiden. Die Leute hier könnten sich ebenso wenig den Gebrauch unserer Farbwörter vollständig aneignen, wie diejenigen des früher erwähnten Landes. (BÜF III § 112, 120, 281) Diesen "brute facts" gegenüber sind unsere Begriffe, unsere Sprachspiele also einfach machtlos. (Demgegenüber könnten wir Leuten, die bloß deshalb als "farbenblind" erschienen, weil sie nicht über die nötigen Farbbegriffe verfügten, unsere Sprache - auch wenn nicht ohne jegliche Schwierigkeiten - beibringen. [LS § 220]) Wie dem auch sei, kann Wittgenstein der Folgerung nicht mehr ausweichen: "Ja, ist es nicht selbstverständlich, daß die Möglichkeit eines Sprachspiels durch gewisse Tatsachen bedingt ist?" (ÜG § 617, vgl. noch BPP II § 190, 727, Z § 350, 352) Diese These läßt sich zwar als Folgerung dessen auffassen, daß Wittgenstein den Begriff der Sprache auf die ganze Lebensform und dadurch die Bedingungen des Verstehens eines Satzes auf seine ganze Umgebung erstreckte. Spricht man von der GESAMTEN Umgebung, so sind selbsverständlich auch Tatsachen inbegriffen. Diese treten dann nicht mehr als Ursachen, die dem Sprachspiel extern sind, sondern als interne Bedingungen auf. Damit wird aber mehr behauptet, als daß es keinen Sinn habe, von außersprachlichen Gegenständen zu reden, weil auch diese vom Sprachspiel definiert sind. Wenn gewisse Gegenstände bzw. Tatsachen ins Sprachspiel als dessen Bestandteile einbezogen sind, so bedeutet das, daß sie nicht mehr darunter zu zählen sind, was erst durchs Sprachspiel definiert ist, sondern darunter, was selbst als Sprachspiel definiert. Ist das aber wahr, so lassen sich Behauptungen wie etwa "'Irgendwo wirst du doch an Existenz und Nichtexistenz anrennen!" - Das heißt aber doch an TATSACHEN, nicht an Begriffe." (BPP II § 432, vgl. Z § 364) nicht ohne weiteres - wie es Wittgenstein gerne tun möchte - als sinnlos verwerfen. Wenn wir also am Anfang unserer Ausführungen die Ausdehnung des Begriffes der Sprache als willkürlichen Zeichensystems als eine der begrifflichen Voraussetzungen angesehen haben, um strenge relativistische Folgerungen ziehen zu können, so stellt sich jetzt heraus, daß gerade diese These zur Selbstauflösung der Theorie führt. Damit sind wir auf ähnliche Schlußfolgerung gekommen wie früher in bezug auf die Schmerzen bzw. Schmerzäußerungen: Auch wenn die Sprache im großen und ganzen ein willkürliches System bildet,*15* bleibt immer noch ein Residuum übrig, was nicht mehr ihrem Willkür unterliegt, und was uns auf diese Weise - falls noch weitere begriffliche Voraussetzungen erfüllt sind - auf die Grenzen eines rein relativistischen Standpunktes aufmerksam machen kann. LITERATUR I. Die Werke Wittgensteins werden auf der Grundlage der WERKAUSGABE IN 8 BÄNDEN, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984 mit den üblichen Abkürzungen zitiert. II. Sonstige Literatur [Anonymus] 1760. ABHANDLUNG ÜBER DIE FRAGE VON DEM EINFLUSS DER MEINUNGEN IN DIE SPRACHE UND DER SPRACHE IN DIE MEINUNGEN EINES VOLKES, in: Dissertation 1760. (o. N.); Ayer, Alfred J. 1954. "Can There Be a Private Language?", in: BELIEF AND WILL. PROCEEDINGS OF THE ARISTOTELIAN SOCIETY, Supplementary Volume XXVIII, S. 63-76 Canfield, John V. 1991. "Private language: PHILOSOPHICAL INVESTIGATIONS section 258 and environs", in: Arrington, Robert L. - Glock, Hans-Johann (eds.), WITTGENSTEIN'S PHILOSOPHICAL INVESTIGATIONS. TEXT AND CONTEXT, London and New York: Routledge, S. 120-137 Christmann, Hans Helmut 1980. "Zum Begriff der Analogie in der Sprachbetrachtung des 16. bis 19. Jahrhunderts", in: STIMMEN DER ROMANIA. FESTSCHRIFT FÜR W. THEODOR ELWERT ZUM 70. GEBURTSTAG, hg. v. Gerhard Schmidt und Manfred Tietz, Wiesbaden: B. Heymann Verlag, S. 519-535 Condillac, Étienne Bonnot de 1947a. ESSAI SUR L'ORIGINE DES CONNOISSANCES HUMAINES, in: Condillac 1947c: Bd. I, S. 1-118 Condillac, Étienne Bonnot de 1947b. GRAMMAIRE, in: Condillac 1947c: Bd. I, S. 427-513 Condillac, Étienne Bonnot de 1947c. OEUVRES PHILOSOPHIQUES DE CONDILLAC. Texte établi et présenté par Georges Le Roy, Paris: Presses Universitaires de France 1947 Coseriu, Eugenio 1968. "L`arbitraire du signe. Zur Spätgeschichte eines aristotelischen Begriffes", ARCHIV FÜR DAS STUDIUM DER NEUEREN SPRACHEN Jg. 119, Bd. 204, S. 81-112 Dissertation 1760. DISSERTATION QUI A REMPORTÉ LE PRIX PROPOSÉ PAR L`ACADÉMIE ROYALE DES SCIENCES ET BELLES LETTRES DE PRUSSE SUR L`INFLUENCE RÉCIPROQUE DU LANGAGE SUR LES OPINIONS, ET DES OPINIONS SUR LE LANGAGE. Avec les Pieces qui ont concouru, Berlin: Haude & Spener Forberg, Friedrich Karl 1969. "Über den Ursprung der Sprache", PHILOSOPHISCHES JOURNAL EINER GESELLSCHAFT TEUTSCHER GELEHRTEN, hg. v. Friedrich Immanuel Niethammer, 1795, Bd. 3, H. 2, S. 135-160 (Nachdruck: Hildesheim: Georg Olms Verlagsbuchhandlung) Herder, Johann Gottfried 1989. IDEEN ZUR PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT, in: WERKE IN ZEHN BÄNDEN, Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker Verlag, Bd. 6, hg. v. Martin Bollacher von Humboldt, Wilhelm 1968a. "Das achtzehnte Jahrhundert", in: Humboldt 1968e, Bd. II, S. 1-112 von Humboldt, Wilhelm 1968b. "Ueber das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung", in: Humboldt 1968e, Bd. IV, S. 1-34 von Humboldt, Wilhelm 1968c. "Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts", in: Humboldt 1968e, Bd. VII, S. 1-344 von Humboldt, Wilhelm 1968d. "Ueber den Einfluss des verschiedenen Charakters der Sprachen auf Literatur und Geistesbildung", in: Humboldt 1968e, Bd. VII, S. 640-644 von Humboldt, Wilhelm 1968e. GESAMMELTE SCHRIFTEN, hg. v. d. Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1903-1936, photomech. Nachdruck Berlin: W. de Gruyter Johnston, Paul 1993. WITTGENSTEIN. RETHINKING THE INNER, London and New York: Routledge Knowlson, J. R. 1965: "The Idea of Gesture as a Universal Language in the XVIIth and XVIIIth Centuries", JOURNAL OF THE HISTORY OF IDEAS 4, 495-508 Koller, Armin Hajman 1918. THE THEORY OF ENVIRONMENT. AN OUTLINE OF THE HISTORY OF THE IDEA OF MILIEU, AND ITS PRESENT STATUS, Menasha, Wisconsin: George Banta Publishing Company Maupertuis, Pierre Louis Moreau de 1965. "Dissertation sur les différens moyens les hommes se sont servis pour exprimer leurs idées", in: OEUVRES, Nachdruck der Ausgabe Lyon 1768, Hildesheim-New York: Georg Olms Verlag 1965, Bd. III, S. 435-468 Meiner, Johann Werner 1971. VERSUCH EINER AN DER MENSCHLICHEN SPRACHE ABGEBILDETEN VERNUNFTLEHRE ODER PHILOSOPHISCHE UND ALLGEMEINE SPRACHLEHRE, mit einer Einleitung v. Herbert E. Brekle, Stuttgart-Bad Cannstatt: Friedrich Frommann Verlag (Günther Holzboog) Michaelis, Johann David 1760. BEANTWORTUNG DER FRAGE VON DEM EINFLUSS DER MEINUNGEN IN DIE SPRACHE UND DER SPRACHE IN DIE MEINUNGEN, in: Dissertation 1760. Neumer, Katalin 1994. "Bedeutungserlebnisse. Privatsprachenkritik und Gebrauchstheorie der Bedeutung im Licht der psychologischen Aufzeichnungen Wittgensteins", WITTGENSTEIN STUDIES 2, Datei 09-2- 94.TXT Neumer, Katalin 1995a. "Das Fremde und das Eigene. Zu Wittgensteins Spätphilosophie", in: Johannessen, Kjell S. - Nordenstam, Tore (Hg.), CULTURE AND VALUE. PHILOSOPHY AND THE CULTURAL SCIENCES - PHILOSOPHIE UND DIE KULTURWISSENSCHAFTEN, Kirchberg am Wechsel: Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, S. 677-684 Neumer, Katalin 1995b. "Das Rot, der Schmerz, der Leopard und die Sprache. Außersprachliche Gegenstände und die Grenzen des Relativismus im Spätwerk Wittgensteins", PHILOSOPHISCHES JAHRBUCH DER GÖRRES- GESELLSCHAFT, Halbband 2, S. 339-351 Politzer, Robert L. 1963. "On Some Eighteenth Century Sources of American and German Linguistic Relativism", in: WELTOFFENE ROMANISTIK. FESTSCHRIFT ALWIN KUHN ZUM 60. GEBURTSTAG, hg. Guntram Plaugg u. Eberhard Tiefenthaler, (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, hg. v. d. Innsbrucker Gesellschaft zur Pflege der Geisteswissenschaften, Bd. 9/10) Innsbruck, S. 25-33 Raatzsch, Richard 1995. "Begriffsbildung und Naturtatsachen", in: von Savigny, Eike - Scholz, Oliver R. (Hg.), WITTGENSTEIN ÜBER DIE SEELE, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 268-280 Rousseau, Jean-Jacques 1990. ESSAI SUR L`ORIGINE DES LANGUES OU IL EST PARLÉ DE LA MÉLODIE ET DE L`IMITATION MUSICALE. Texte établi et présenté par Jean Starobinski, Paris: Éditions Gallimard Sulzer, Johann Georg 1974. "Anmerkungen über den geistigen Einfluß der Vernunft in die Sprache, und der Sprache in die Vernunft", in: J. G. Sulzers VERMISCHTE PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN, I. Theil, Leipzig 1773, S. 166-198, (Reprint: Hildesheim and New York: Georg Olms Verlag) Temkin, Jack 1986. "A Private Language Argument", SOUTHERN JOURNAL OF PHILOSOPHY, vol. 24, S. 109-121 Vater, Johann Severin 1970. VERSUCH EINER ALLGEMEINEN SPRACHLEHRE, Faksimile-Neudruck der Ausgabe Halle 1801 mit einer Einleitung und einem Kommentart von Herbert E. Brekle, Stuttgart-Bad Cannstatt: Friedrich Frommann Verlag (Günther Holzboog) Whorf, Benjamin Lee 1956. LANGUAGE, THOUGHT, AND REALITY. SELECTED WRITINGS, ed. and with an introduction by John B. Carroll, foreword by Stuart Chase, Cambridge, Massachussetts, USA: M.I.T. Press, Massachussetts Institute of Technology ANMERKUNGEN *1* Die Vorarbeiten zu diesem Aufsatz sind der Förderung der Alexander von Humboldt-Stiftung, die weitere Bearbeitung der Central European University (Research Support Scheme of the Higher Education Support Programme, grant No.: 731/1995) zu verdanken. *2* Man kann natürlich die Reihe der Korollarien zu der Einheits-These noch fortsetzen, etwa mit der Behauptung, daß es keine Übergangsmöglichkeiten aus der einen in die andere Lebensform gäbe, weil sie jede für sich abgeschlossen sind, und weil es nicht einmal ein in einem schwachen Sinne genommenes Metasystem (etwa Metasprache oder Universalien) gäbe, das die Unterschiede sozusagen überbrücken könnte, was auch die These der Unübersetzbarkeit der Sprachen nach sich zieht. Etwas übersetzen und etwas erlernen können heißt allerdings nicht dasselbe. Infolgedessen, wenn auch ohne ein gemeinsames Bezugssystem eine vollkommene Übersetzung unmöglich wäre, bleibt die Möglichkeit immer noch offen, NEBEN der eigenen Sprache auch eine andere zu erlernen, sich anzueignen und dadurch am Leben des anderen teilnehmen und teilhaben zu können - es sei denn, man schreibt der Aneignung der ersten Sprache (der Muttersprache) eine bevorzugte Position zu. Dieser letzteren Voraussetzung zufolge könne man alle weiteren Sprachen allein vor dem Hintergrund der Muttersprache erlernen. Die Grenzen des Bezugsrahmens der Muttersprache können deshalb nicht überschritten werden: sie sind unhintergehbar. (Manche von diesen Punkten habe ich bereits mehr oder weniger ausführlich anderen Orts erörtert: so die Frage, wie der Begriff des Spracherlernens von Wittgenstein definiert wurde, und darüber hinaus wie dies trotz Aussagen, die die Existenz eines gemeinsamen Bezugssystems nahelegen, eine relativistische Konklusion nach sich zieht, in Neumer 1994: *7*-*16* und in Neumer 1995a: S. 681-683.) *3* Siehe hierzu ausführlicher Neumer 1994: *5* - *11*. *4* Auch bei Herder liest man Stellen ähnlichen Gehalts: "Jeder Mensch hat ein eignes Maß, gleichsam eine eigne Stimmung aller sinnlichen Gefühle zu einander [...] Die Sprache hat auch keinen Ausdruck für sie, weil jeder Mensch doch nur nach seiner Empfindung spricht und verstehet, verschiednen Organisationen also ein gemeinschaftliches Maß ihrer verschiednen Gefühle fehlet." (Herder 1989: S. 287) *5* Dieses Problem habe ich ausführlicher in Neumer 1995b: S. 347-348 behandelt. *6* Ich möchte damit nicht behaupten, daß man auch seine eigenen Schmerzen mit Hilfe von KRITERIEN identifizieren würde. Vgl. hierzu Canfield 1991. *7* Für die hier folgende Analyse habe ich Anregungen von Ayer 1954: S. 70 und Temkin 1968: S. 111 ff. bekommen. *8* Die bekanntesten Beispiele bei Knowlson sind hierzu Abbé de l'Epée und Abbé Roch-Ambroise Cucurron de Sicard. Merkwürdigerweise findet man diese Position nicht besonders häufig in klarer Form auf. Sie wird in weniger bekannten Werken dargelegt wie z.B. in Forberg 1969 und in der Preisschrift, die von einem anonymen Autor auf die bekannte Preisfrage der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin "Quelle est l`influence réciproque des opinions du peuple sur le langage et du langage sur les opinions?" 1759 geschrieben wurde (Anonymus 1760). Rousseaus Distinktion zwischen Melodie und Harmonie läßt sich auf diejenige von "natürlich-konventionell" bzw. "unwillkürlich-willkürlich" zurückführen, wobei "natürlich" für ihn auch als "universell" gilt und von ihm eindeutig höher eingeschätzt wird als "konventionell". Die tatsächliche, wenn auch ungünstige Entwicklung der Sprachen geht aber seines Erachtens in die Richtung der Konventionalität und Willkürlichkeit. *9* Hierzu kann man Maupertuis, Michaelis und Condillacs ESSAI als Beispiele anführen. (In seiner GRAMMAIRE vertritt Condillac nicht mehr diese Meinung, indem er die Zeichen nicht mehr auf Willkür, sondern auf den Prinzip der - auf die gemeinsame RAISON basierten - Analogie zurückführt. Siehe hierzu Christmann 1980: S. 527.) So irrt sich Politzer, wenn er behauptet, daß "die Voraussetzung der willkürlichen Natur des sprachlichen Zeichens die einzige Möglichkeit" sei, "dem Relativismus zu entkommen". (Politzer 1963: S. 32) *10* So z.B. begründete Johann Severin Vater seinen Plan einer universalen Pasigraphie gerade mit der auf Vereinbarung beruhenden Willkürlichkeit der Sprache. Johann Werner Meiner streitete zwar die tatsächliche Verschiedenheit der Sprachen nicht ab. Aber gerade weil sie willkürlich sind, sei ihre Verschiedenheit seiner Meinung nach kein Argument dagegen, daß sie die Kopien des gemeinsamen menschlichen Geistes sind. Wären sie nicht willkürlich, so würde ihre Verschiedenheit für die Verschiedenheit des menschlichen Denkens sprechen. *11* Hierzu kann uns als charakteristisches Beispiel Johann Georg Sulzers Aufsatz "Anmerkungen über den gegenseitigen Einfluß der Vernunft in die Sprache, und der Sprache in die Vernunft" dienen. In diesem schließt er "alle bloß willkürliche Anwendungen" der Sprache aus. (Sulzer 1974: S. 177) Die Nachahmung der natürlichen Töne sei aber seines Erachtens nicht notwendig bestimmt, sondern hänge vom Zufall ab, was die Unterschiede der Sprachen bewirkt. *12* Das wird auch in PU I § 142 klar ausgesagt: "Und verhielten sich die Dinge ganz anders, als sie sich tatsächlich verhalten - gäbe es z.B. keinen charakteristischen Ausdruck des Schmerzes, der Furcht, der Freude [...] - so verlören unsere normalen Sprachspiele damit ihren Witz." *13* Auf diese Weise ist die Wittgensteinsche Auffassung gegen die herkömmliche gerichtet, der zufolge gerade die komplizierten Gefühle unaussprechbar seien. Andererseits aber, wie in Anmerkung 3 bereits angedeutet, kann selbst Wittgenstein nicht umhin, sich einer Art Privatsprachenkonzeption zu nähern, indem er die komplexen Gefühle mit der sekundären Bedeutung und der Atmosphäre in Zusammenhang bringt. *14* In den folgenden Ausführungen konnte ich nicht vermeiden, manche Punkte aus Neumer 1995b überzunehmen. In diesem Aufsatz habe ich noch weitere Aspekte der Rolle "außersprachlicher" Faktoren analysiert. *15* In einem Sinne ist die Sprache für Wittgenstein freilich nicht willkürlich, und zwar in dem, daß die Regeln einer Sprache bestimmen, was innerhalb des Sprachspiels erlaubt ist. Vgl. Raatzsch 1995.