***************************************************************** * * Titel: Ludwig Wittgenstein und Paul Ernst - "Mißverstehen der Sprachlogik" Autor: Josef G.F. Rothhaupt, München - Deutschland Dateiname: 23-2-95.TXT Dateilänge: 21 KB Erschienen in: Wittgenstein Studies 2/95, Datei: 23-2-95.TXT; hrsg. von K.-O. Apel, N. Garver, B. McGuinness, P. Hacker, R. Haller, W. Lütterfelds, G. Meggle, C. Nyíri, K. Puhl, T. Rentsch, J.G.F. Rothhaupt, J. Schulte, U. Steinvorth, P. Stekeler-Weithofer, W. Vossenkuhl, (3 1/2'' Diskette) ISSN 0943-5727. * * ***************************************************************** * * * (c) 1995 Deutsche Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V. * * Alle Rechte vorbehalten / All Rights Reserved * * * * Kein Bestandteil dieser Datei darf ganz oder teilweise * * vervielfältigt, in einem Abfragesystem gespeichert, * * gesendet oder in irgendeine Sprache übersetzt werden in * * irgendeiner Form, sei es auf elektronische, mechanische, * * magnetische, optische, handschriftliche oder andere Art * * und Weise, ohne vorhergehende schriftliche Zustimmung * * der DEUTSCHEN LUDWIG WITTGENSTEIN GESELLSCHAFT e.V. * * Dateien und Auszüge, die der Benutzer für * * seine privaten wissenschaftlichen Zwecke benutzt, sind * * von dieser Regelung ausgenommen. * * * * No part of this file may be reproduced, stored * * in a retrieval system, transmitted or translated into * * any other language in whole or in part, in any form or * * by any means, whether it be in electronical, mechanical, * * magnetic, optical, manual or otherwise, without prior * * written consent of the DEUTSCHE LUDWIG WITTGENSTEIN * * GESELLSCHAFT e.V. Those articles and excerpts from * * articles which the subscriber wishes to use for his own * * private academic purposes are excluded from this * * restrictions. * * * ***************************************************************** "Wenn mein Buch je veröffentlicht wird so muß in seiner Vorrede der Vorrede Paul Ernst's zu den Grimmschen Märchen gedacht werden, die ich schon in der Log. Phil. Abhandlung als Quelle des Ausdrucks "Mißverstehen der Sprachlogik" hätte erwähnen müssen." (Wittgenstein am 20.6.1931) Paul Ernst (1866-1933) gab die dreibändige Ausgabe der "Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm" (München/Leipzig 1910) heraus. Die Bände 1 und 2 bieten die vollständige Grimmsche Märchensammlung und Band 3 enthält eine Auswahl aus den Anmerkungen der Brüder Grimm und ein "Nachwort" (wohlgemerkt kein Vorwort!) von Paul Ernst. Der Text dieses Nachworts - bestehend aus einer Einleitung und den Abschnitten I bis VI - ist allerdings nicht eigens dafür verfaßt worden, sondern stellt eine Zusammenfügung von ursprünglich unabhängigen Aufsätzen dar. In Zusammenarbeit zwischen Karl August Kutzbach (1903-1992), dem Verwalter des Nachlasses von Paul Ernst, und Paul Hübscher, der mit der Arbeit "Der Einfluß von Johann Wolfgang Goethe und Paul Ernst auf Ludwig Wittgenstein" promoviert wurde, konnte die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte dieses Nachworts rekonstruiert werden*1*: "Paul Ernsts Nachwort nun besteht aus einer kurzen Einleitung (E:NW,271-273) und sechs römisch numerierten Kapiteln (I: E:NW, 273-280; II: E:NW, 280-286; III: E:NW,287-295; IV: E:NW,295-297; V: E:NW, 297-307; VI: E:NW,307-314). Es trägt als Überschrift einfach "Nachwort" und ist am Ende mit "Paul Ernst" signiert, ohne Angabe eines Datums. Die Kapitel tragen keine eigene Überschrift. Eine überschlagsmäßige Nachrechnung der Länge der Kapitel zeigt, daß die Kapitel I, II, III und VI ungefähr gleich lang sind; Kapitel IV ist eindeutig kürzer, Kapitel V eindeutig länger. Paul Ernst weist in seinem Nachwort vier Mal auf Märchen der Brüder Grimm hin (E:NW,282n;288n;306;309). Er erwähnt drei Mal die Nummer des betreffenden Märchens. Zwei Mal stimmt diese Nummer NICHT mit derjenigen überein, die sie in seiner eigenen Sammlung tragen (E:NW,288n;306). Diese Märchen sind in seiner Ausgabe in Band 2, wo die Märchen nochmals von 1 her numeriert worden sind. Die Nummer, welche stimmt (E:NW,282n), betrifft ein Märchen, das in Ernsts Sammlung in seiner Anmerkung E:NW,288n nicht nur mit der falschen Nummer auf ein Märchen verweist, sondern zusätzlich auf ein zum selben Themenkreis gehörendes Minnelied, das in den Anmerkungen der Brüder Grimm aufgeführt sei. Diese Anmerkung der Brüder Grimm ist in Ernsts Auswahl jedoch nicht aufgenommen. Der Verdacht, daß das Nachwort unabhängig von der Ausgabe entstanden sei, wurde bald bestätigt. Tatsächlich hat Ernst nachträglich drei von einander unabhängige Aufsätze aneinandergefügt. Nur die kurze Einleitung scheint original für diese Ausgabe hinzugeschrieben worden zu sein. Kapitel I bis IV dagegen entsprechen dem Aufsatz "Die Entwicklung eines Novellenmotivs" (E:WF2,88-112 bzw. E:WF3,98-120). Es soll, laut K.A. Kutzbach, auch schon in E:WF1 abgedruckt worden sein. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde es in der Wiener Wochenschrift "Die Zeit", und zwar in der Nummer 500 vom 30. April 1904 (S.52-55). An allen Veröffentlichungsorten ist der Aufsatz in dieselben vier römisch numerierten Kapitel unterteilt. Kapitel V des Nachwortes, ohne die zusätzliche Überleitung "Das war eine Quelle von Geschichten; betrachten wir nun die andere." (E:NW,297), entspricht dem Aufsatz "Wie ein Märchenmotiv entsteht". Kapitel VI entspricht dem Aufsatz "Die Stoffe und der Dichter". Die beiden Aufsätze sind jetzt hintereinander abgedruckt in E:VZ1 (S.26-33 bzw. 33- 39): E:VZ1 weist als Erscheinungsjahr 1910 nach. Laut K.A. Kutzbach sollen die beiden Aufsätze auch in der zweiten Auflage von E:C im Jahre 1912 erschienen sein. "Möglicherweise ist der letztgenannte Aufsatz ["Wie ein Märchenmotiv entsteht"] in der Wochenzeitung "Der Tag", vielleicht als Buchbesprechung oder geplantes Nachwort irgendwo erschienen."*2* Dagegen sollte der Aufsatz "Die Stoffe und der Dichter" "ursprünglich in einem Jahrbuch, das Ernst mit Scheffler und Lucas beim Verlag J.C. Mohr (Siebeck) in Tübingen herausbringen wollte, das aber nicht zustande kam"*3*, erschienen. Die zweite und die dritte Auflage der Märchensammlung erschienen 1916 bzw. 1923 im Propyläenverlag, Berlin. Sie sind in jeder Beziehung text- und seitengleich mit der ersten Auflage. Mit Ausnahme von Veränderungen in Wortwahl (Ausmerzung der Fremdwörter in der Werkausgabe!) und Interpunktion (die Ernst sehr unorthodox handhabte und die von den Setzern oft noch verfälscht wurde - vgl. Polheim*4*) sind die verschiedenen Versionen des Textes, soweit sie uns vorliegen, identisch. Einzig im Nachwort sollen Streichungen von Wiederholungen und Hinzufügungen von Querverweisen offensichtlich nachträglich dem Leser eine Einheit des Textes suggerieren."*5* Die retrospektiv-autobiographische Bemerkung Wittgensteins, wie sie zu Beginn dieser Einführung quasi als Motto zitiert ist, nämlich daß er Paul Ernsts Text zu den Grimmschen Märchen nennenswerte Anregung verdankt, trägt er am 20. Juni 1931 in seinen Manuskriptband MS110,184 ein. Das von ihm zu dieser Zeit anvisierte Buch hat er zeitlebens nicht realisiert. Die Inspiration durch Paul Ernst war für ihn jedoch wichtig und nachhaltig und ist in der Wittgensteinforschung noch nicht umfassend ausgelotet. Ludwig Wittgenstein war bereits kurze Zeit nach dem Erscheinen dieser Ausgabe der Grimmschen Märchen mit ihr vertraut. Er kannte seit dieser Zeit auch das Nachwort von Paul Ernst, das er in späteren Aufzeichnungen allerdings irrtümlich als Vorwort bezeichnet. Hatte Wittgenstein einmal in einem Werk eines Schriftstellers, Wissenschaftlers oder Philosophen Gedankeninspiration oder Denkanstöße gefunden, so hat er sich auch näher für diesen Autor und für weitere Werke von ihm interessiert. Und so scheint es auch bei Paul Ernst gewesen zu sein, denn neben der Referenz auf das Nachwort zu den Grimmschen Märchen lassen sich - bei guter Kenntnis des Werks von Paul Ernst und bei detaillierter Recherche im Nachlaß von Ludwig Wittgenstein - weitere Referenzen, Bezüge und Übereinstimmungen aufdecken. Zum Beleg für diese Feststellung soll exemplarisch eine recht markante Interdependenz zwischen Ernst und Wittgenstein aufgezeigt werden: Wittgenstein trägt in sein Taschennotizbuch MS156b,32recto etwa 1932-1934 folgende Bemerkung ein: "Jeder Künstler ist von Andern beeinflußt worden + zeigt (DIE) Spuren dieser Beeinflußung in seinen Werken; aber was wir an ihm haben ist doch nur seine eigene Persönlichkeit. //aber was er uns bedeutet ist doch nur SEINE Persönlichkeit.// Was vom Andern stammt können nur Eierschalen sein. Daß sie da sind mögen wir mit Nachsicht behandeln aber unsere geistige Nahrung werden sie nicht sein." Und mindestens 10 Jahre später hält er in Manuskript MS129,181 folgenden Gedanken fest: "Es wird schwierig sein, meiner Darstellung zu folgen: denn sie sagt Neues, dem doch die Eierschalen des Alten ankleben."*6* Bei Paul Ernst findet sich in seinem Werk "Erdachte Gespräche" unter der Überschrift "Idealismus und Positivismus" ein Dialog zwischen einem Dichter und einem Philosophen, in dem auch Hans Vaihingers Werk "Die Philosophie des Als Ob"*7* ins Gespräch gebracht wird. Der erdachte Dichter äußert dabei u.a. folgendes: "An dieser Stelle, wo Vaihinger den Raum als Fiktion bezeichnet, fährt er fort: `Das kosmische Geschehen hat in der Psyche diesen Begriff des dreidimensionalen Raums hervorgetrieben, um den Schein des Begreifens zu erzeugen.` Ich glaube, daß man an diesem Punkt weiterdenken muß. Vaihinger ist hier stehen geblieben, vielleicht gezwungen durch die Entwicklungsgeschichte seines Begriffs der Fiktion in ihm selber, zu dem der erste Einfall sicher aus der Untersuchung der wissenschaftlichen Methode kam. Der Begriff, wie er selber ihn faßt, trägt immer die Eierschalen seines Entstehens mit sich herum; aber er hat die Fähigkeit, außerordentlich zu wachsen, bis man ihm seine Jugend nicht mehr ansieht."*8* Und in eben jenem Manuskriptband MS110, den Wittgenstein zwischen Dezember 1930 und Juli 1931 verfaßt und in welchem er mehrere namentliche und thematische Bezugnahmen auf Paul Ernsts Vorstellungen festhält, findet sich interessanterweise auch eine Referenz auf Vaihinger und dessen philosophisches Hauptwerk: "Die `Philosophie des Als Ob` beruht selbst //ganz// auf dieser Verwechslung zwischen Gleichnis und Wirklichkeit."*9* Die umfassende Aufklärung dieser und anderer Zusammenhänge (etwa mit J.G. Frazer, F. Galton und J.W. Goethe) ist ein Desiderat für die Erforschung des Wittgensteinschen Gesamtnachlasses. Ebenso wären eingehendere Studien zu den bei Wittgenstein vorhandenen volkskundlichen und ethnographischen Themen wünschenswert - etwa zu Wittgensteins Lektüre von Märchensammlungen und Volkserzählungen (Gebrüder Grimm, Wilhelm Busch, Richard von Volkmann-Leander, Johann Peter Hebel, Leo Tolstoi) und seine Lektüre von J.G. Frazers "The Golden Bough. A Study in Magic and Religion" und W. James "The Varieties of Religious Experience". "Die Lösung philosophischer Probleme verglichen mit dem Geschenk im Märchen, das im Zauberberg zauberisch erscheint und wenn man es draußen beim Tag betrachtet nur ein Stück Eisen ist." (Wittgenstein am 2.7.1931) Die derzeitige Verwalterin des Nachlasses von Paul Ernst, Frau Hildegard Blanke (sie übernahm 1992 die Nachlaßverwaltung nach dem Tod ihres Onkels K.A. Kutzbach), gibt einen weiteren Hinweis für die Wittgensteinforschung. Er bezieht sich darauf, inwiefern auch Ernst von Wittgenstein Kenntnis gehabt haben konnte: "Paul Ernst könnte von Wittgenstein über Hasso Härlen, Max Zweig und Paul Engelmann gehört haben, obwohl mir mein Onkel nie davon erzählt hat. Die 16 Originalbriefe (1912-1930) von M. Zweig an Paul Ernst sind in Marbach, Kopien bei uns [im Paul-Ernst-Archiv in Neu-Ulm]; sowie das gesamte Werk und 2 Aktenordner Briefe an meinen Onkel sind bei mir greifbar."*10* Bisher sind nur zwei Veröffentlichungen bekannt, die sich der Thematik "Ludwig Wittgenstein und Paul Ernst" eigens annehmen: die bereits erwähnte und zitierte Dissertationsarbeit von Paul Hübscher aus dem Jahre 1985 und der hier in den WITTGENSTEIN STUDIES erstveröffentlichte Aufsatz von Wolfgang Künne . Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Juli 1991 als Vortrag auf einem Symposium anläßlich des 125. Geburtstags von Paul Ernst im Goethehaus am Frauenplan in Weimar gehalten.*11* Die Adressaten dieser Veranstaltung waren Literaturwissenschaftler und -liebhaber. Dennoch ist er für die Erforschung von Wittgensteins Lebensweg und -werk von Bedeutung. Für die Erlaubnis zum Wiederabdruck des Nachworts von Paul Ernst in der Grimmschen Märchensammlung und für freundliche Unterstützung möchte ich Frau Hildegard Blanke, der Nachlaßverwalterin Paul Ernsts, Herrn Louis F. Helbig, dem Präsidenten der Paul-Ernst-Gesellschaft e.V. und Herrn Heinrich Steinmeyer, dem Vize-Präsidenten dieser Gesellschaft, recht herzlich danken. Für die Genehmigung zur Veröffentlichung und Übersetzung des Beitrags "Paul Ernst und Ludwig Wittgenstein" ist Herrn Wolfgang Künne zu danken. Dank gebührt auch dem Übersetzer. FUSSNOTEN: *1* Hübscher, Paul: Der Einfluß von Johann Wolfgang Goethe und Paul Ernst auf Ludwig Wittgenstein, Bern 1985. Dort wird die Rekonstruktion geschildert und zudem der Inhalt des Nachworts knapp beschreiben (S.74ff). Bei Hübscher stehen folgende Siglen für Publikationen von Paul Ernst: E:NW = Ernst, Paul: Nachwort. In: Grimm, Jakob und Wilhelm: Kinder- und Hausmärchen. 3 Bände. Mit einem Nachwort und durch Stücke aus den Anmerkungen ergänzt und herausgegeben von Paul Ernst. München/Leipzig: Georg Müller, 1910. E:WF1 = Ernst, Paul: Der Weg zur Form. Erste Auflage (verschollen). E:WF2 = Ernst, Paul: Der Weg zur Form: Aesthetische Abhandlungen vornehmlich zur Tragödie und Novelle. Berlin: Hyperionverlag, 1915. E:WF3 = Ernst, Paul: Der Weg zur Form. Dritte, vermehrte Auflage von E:WF2. München: Georg Müller, 1931. E:VZ1/VZ2 = Ernst, Paul: Völker und Zeiten im Spiegel ihrer Dichtung. Band 1: Aufsätze zur Weltliteratur. Band 2: Aufsätze zur deutschen Literatur. München: Albert Langen & Georg Müller, 1940-1942. E:C = Ernst, Paul: Ein Credo. München: Albert Langen & Georg Müller, 1935. Paul Ernsts "Gesammelte Werke" sind mit 19 Bänden in 3 Abteilungen (Erzählende Schriften, Dramen, Theoretische Schriften) in München erschienen. *2* Kutzbach in einem Brief an Hübscher. *3* Kutzbach in einem Brief an Hübscher. *4* Polheim, Karl: Paul Ernsts Straßenraub-Novelle. Graz: Steirisches Volksbildungswerk 1962. *5* Hübscher 1985,74-76. Kutzbach hat diese Studie von Hübscher rezensiert in: Der Wille zur Form. [in Verbindung mit] Mitteilungen der Paul-Ernst-Gesellschaft e.V., Neue Folge, Nr.9, 42-47. *6* Diese beiden Bemerkungen Wittgensteins sind bereits in Wittgenstein, Ludwig: Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl aus dem Nachlaß (Frankfurt 1994,56f+91f) bzw. Wittgenstein, Ludwig: Culture and Value (Oxford 1984,23+44) veröffentlicht worden. Das gesamte Manuskript MS110 ist publiziert in: Wittgenstein, Ludwig: Wiener Ausgabe. Band 3: Bemerkungen. Philosophische Bemerkungen, Wien/New York 1995. *7* Vaihinger, Hans: Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus. Mit einem Anhang über Kant und Nietzsche, Berlin 1911. *8* Ernst, Paul: Erdachte Gespräche, München 1931,261-284; hier 275. Weitere Gespräche in diesem Werk sind für die Wittgensteinforschung relevant. So heißt es im Gespräch "Der gefrorene Fluß": "Ich bin ein Handwerker. Mein Werkzeug ist die Sprache. Ich habe Hämmer, Meisel, Bohrer, Messer und Pfriemen. Ich halte sie blank und habe sie in Ordnung in meiner Werkstatt aufgehängt. Ich gebrauche jedes Gerät, wie es gebraucht werden muß." (S.233) Vgl. hierzu Wittgenstein: "Denk an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: es ist da ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel und Schrauben. - So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier und dort.) Freilich, was uns verwirrt ist die Gleichförmigkeit ihrer Erscheinung, wenn die Wörter uns gesprochen, oder in der Schrift und im Druck entgegentreten. Denn ihre VERWENDUNG steht nicht so deutlich vor uns. Besonders nicht, wenn wir philosophieren!" (PUI§11) Und: "[...] Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache und ihrer Verwendungsweise, die Mannigfaltigkeit der Wort- und Satzarten, mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben. (Und auch der Verfasser der `Logisch-Philosophischen Abhandlung`.)" (PUI§23). Bei Ernst heißt es im Gespräch "Das Netz und die Bühne": "Mein Denken hängt innig mit meiner Sprache zusammen; ich denke nur das, was mir die Sprache unter die Hand gibt, ohne daß ich es merke." (S.117f) Siehe allgemein auch Hübscher 1985. *9* Manuskript MS110,256. Diese Bemerkung bezieht sich auf die unmittelbar davorstehende Sektion: "Wenn es einem Menschen freigestellt wäre in einen Baum eines Waldes geboren zu werden //sich in einen Baum eines Waldes gebären zu lassen//: so gäbe es Solche, die sich den schönsten Baum aussuchen würden, solche die sich den kleinsten wählten und solche die sich einen Durchschnitts- oder minderen Durchschnittsbaum wählen würden, und zwar meine ich nicht aus Philistrosität, sondern aus eben dem Grund, oder der Art von Grund, warum sich der Andre den höchsten gewählt hat. Daß das Gefühl welches wir für unser Leben haben mit dem eines solchen Wesens, das sich seinen Standpunkt in der Welt wählen konnte, vergleichbar ist, liegt, glaube ich, dem Mythus - oder dem Glauben - zu Grunde, wir hätten uns unsern Körper vor der Geburt gewählt." (MS110,255) Diese Sektion gelangte alsdann auch in den ersten Teil der "Bemerkungen über Frazers `The Golden Bough`" (Wittgenstein, Ludwig: Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, München 1989,39), nicht aber die anschließende Sektion zur "Philosophie des Als Ob". *10* Hildegard Blanke für die Paul-Ernst-Gesellschaft e.V.- Archiv in Neu-Ulm, im Brief vom 2.10.1994 an Josef G.F. Rothhaupt als dem Vize-Präsidenten der Deutschen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V. in Passau. *11* Die deutsche Originalfassung soll in einer eigenen Publikation der Paul-Ernst-Gesellschaft e.V. veröffentlicht werden. In den WITTGENSTEIN STUDIES wurde bewußt die englische Übersetzung aufgenommen, um die Thematik "Paul Ernst und Ludwig Wittgenstein" auch im englischen Sprachraum näher vorzustellen. [Anm. der Redaktion: Diese englischsprache Fassung des Artikels von Prof. Künne wird in der nächsten Ausgabe der STUDIES erscheinen.]