***************************************************************** * * Titel: Paul Ernst - Nachwort zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm Bearbeitung: Josef G.F. Rothhaupt Dateiname: 24-2-95.TXT Dateilänge: 79 KB Erschienen in: Wittgenstein Studies 2/95, Datei: 24-2-95.TXT; hrsg. von K.-O. Apel, N. Garver, B. McGuinness, P. Hacker, R. Haller, W. Lütterfelds, G. Meggle, C. Nyíri, K. Puhl, T. Rentsch, J.G.F. Rothhaupt, J. Schulte, U. Steinvorth, P. Stekeler-Weithofer, W. Vossenkuhl, (3 1/2'' Diskette) ISSN 0943-5727. * * ***************************************************************** * * * (c) 1995 Deutsche Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V. * * Alle Rechte vorbehalten / All Rights Reserved * * * * Kein Bestandteil dieser Datei darf ganz oder teilweise * * vervielfältigt, in einem Abfragesystem gespeichert, * * gesendet oder in irgendeine Sprache übersetzt werden in * * irgendeiner Form, sei es auf elektronische, mechanische, * * magnetische, optische, handschriftliche oder andere Art * * und Weise, ohne vorhergehende schriftliche Zustimmung * * der DEUTSCHEN LUDWIG WITTGENSTEIN GESELLSCHAFT e.V. * * Dateien und Auszüge, die der Benutzer für * * seine privaten wissenschaftlichen Zwecke benutzt, sind * * von dieser Regelung ausgenommen. * * * * No part of this file may be reproduced, stored * * in a retrieval system, transmitted or translated into * * any other language in whole or in part, in any form or * * by any means, whether it be in electronical, mechanical, * * magnetic, optical, manual or otherwise, without prior * * written consent of the DEUTSCHE LUDWIG WITTGENSTEIN * * GESELLSCHAFT e.V. Those articles and excerpts from * * articles which the subscriber wishes to use for his own * * private academic purposes are excluded from this * * restrictions. * * * ***************************************************************** Kinder- und Hausmärchen Gesammelt durch die Brüder Grimm Herausgegeben von Paul Ernst Dritter Band München und Leipzig bei Georg MÜller 1910 -271- Nachwort. Wir alle haben als Kinder die Grimmschen Märchen gelesen. Einige von uns hatten vielleicht noch das Glück, die eine oder andere dieser schönen Geschichten aus dem Munde einer Großmutter oder einer alten Dienerin zu hören. Jahrhundertelang sind diese Märchen Ausdruck zugleich und Bildungsmittel unseres Volkes gewesen, und noch viele Jahrhunderte lang werden sie es gewiß bleiben. Sie sind Dichtungen und sollen verstanden werden als Dichtungen: nämlich, wir sollen sie empfinden, sie in uns aufnehmen und in uns wirken lassen; sie enthalten unsere Ethik, umspannen fast den Kreis unserer dichterischen Vorstellungen und haben vieles endgültig gestaltet. Über das Nationale hinausgehend, zeigen sie in der Übereinstimmung mit den Märchen fremder Völker das Allgemeinmenschliche in Ethik wie in Phantasie. Vielleicht aber können wir die Einwirkung des rein Poetischen noch vertiefen, wenn wir ihre Entstehung zu begreifen suchen: nicht, daß wir dem Dichter, der in jeder von diesen Geschichten geschaffen hat, in die Werkstätte schauen könnten, sondern, daß wir einige allgemeine Entwicklungszüge kennen lernen, die uns Überraschendes und Rätselhaftes in ihnen verständlich machen. Man kann gewiß von verschiedenen Seiten da einen Zugang suchen. Ich möchte hier nur zwei solcher Zugänge des historischen Verständnisses zeigen, die mir selber immer die liebsten waren, und durch die mir persönlich manches in diesen alten und schönsten Dichtungen klar wurde. -272- Die Märchen, Sagen und Novellen aller Völker weisen eine auffällige Verwandtschaft auf. Diese kann man sich entweder durch Entlehnungen und das Wandern der Motive erklären oder, wenn man ein spontanes Entstehen bei den einzelnen Völkern annimmt, durch ein Sich-Entwickeln der Motive nach den allgemeinen Gesetzen der Logik und der Assoziation aus Anschauungen, welche gleichfalls aus irgendwelchen Gründen allgemein sind. Vermutlich sind beide Erklärungen richtig. Die erste hat dadurch besonders viel Bestechendes, weil bei ihr eine gewisse exakte Wissenschaftlichkeit möglich wird, indem man die Wanderungen von Geschichten bis zu einem gewissen Grade durch Übersetzungen und Bearbeitungen von Büchern nachweisen kann, welche uns vorliegen. Höchst merkwürdig ist nun, daß man bei der Verfolgung solcher Spuren immer auf Indien kommt und auf die ersten buddhistischen Jahrhunderte. Auch wenn man Benfey, dem Hauptvertreter dieser Ansichten, die größten Abstriche macht: immerhin bleibt genug exakt nachgewiesen, um uns zu überzeugen, daß etwa zwei Jahrhunderte lang in einem Volk eine merkwürdige stofferfindende Phantasie geherrscht haben muß, von deren Arbeit wir in gewissen Hinsichten heute noch ebenso leben, wie in andern Hinsichten von der geistigen Arbeit einiger Jahrhunderte des hellenischen Volkes. Es sei noch einmal betont: es handelt sich um das Erfinden von Geschichten, welche noch heute Motive und Stoffe für unsere neueste dichterische Produktion abgeben. Im letzen Grund sin solche Erscheinungen unerklärlich - ja, wir können sie uns noch nicht einmal vorstellen. Wie dem gewöhnlichen Bürger der geniale Einzelmensch, so muß uns Heutigen in unserer banalen Welt -273- die geniale Zeit eines Volkes oder einer Kultur durchaus fremdartig sein. Immerhin kann man aber doch den einen oder andern Zug entdecken, der uns verständlich wird. Und jedenfalls ist es für die letzten Gründe des Entstehens der Erzählungen gleichgültig, ob sie fast nur an einem Ort entstanden sind oder überall in der ganzen Welt; die beiden Ursprünge, die im folgenden aufgezeigt werden sollen, sind jedenfalls überall möglich: ob aus ihnen überall etwas entstanden ist, das ist eine Frage zweiter Bedeutung. I. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe haben die Menschen die Vorstellung, daß auch die uns heute tot erscheinenden Gegenstände eine Seele haben wie sie selber; ob diese Vorstellung aus der Deutung einer mißverstandenen Tendenz der Sprache entsteht, oder ob aus dem Gedanken, daß die Seelen der verstorbenen Menschen in diese Gegenstände gezogen seien, kommt hier nicht in Betracht. Dazu finden wir fast allgemein eine enge Verbindung dieser Seelen der Außendinge mit den Interessen der Menschen. Die wichtigsten Arten dieser Verbindung sind der Totemismus und der Fetischismus. Totemismus nennt man die Vorstellung eines Clans, daß er mit einer Tierart, seltener Pflanzenart usw., derart verwandt sei, daß die Vorfahren der jetzt lebenden Menschen, das erste Paar, Männchen und Weibchen des betreffenden Tieres, des Totemtieres, waren, aus den betreffenden Bäumen, den Totembäumen, herausgekommen sind usw.; Fetischismus ist der Glaube, daß Geister nach Neigungen, welche nur ihnen verständlich sind, für eine beliebige Zeit ihren Sitz auf oder in irgendeinem zufälligen Tier, einer -274- Pflanze, einem Stein oder sonstigem Gegenstand, dem Fetisch, nehmen. Während so der Totemismus die Menschen dauernd in seine Beziehung zu einer bestimmten Art von Außendingen setzt, setzt der Fetischismus sie nur zeitweilig in seine Beziehungen zu einem leicht zu wechselnden Objekt. Nur dadurch scheint in den Fetischismus eine gewisse Stetigkeit zu kommen, daß gewisse Arten von Objekten aus irgendwelchen Gründen sich als besonders anziehend darzubieten scheinen, so büschelartige Gegenstände, wie bei uns Reisbesen. Jedenfalls mußten die totemistischen Vorstellungen bedeutsamere Spuren in unserem Leben hinterlassen, weil in ihnen nichts Wechselndes war und so sich enge Verbindungen mit anderen Kreisen des Lebens herstellen konnten, dahingegen die zufälligen Gegenstände, welche der Fetischismus auszeichnete, keine Zeit hatten, und hier haben wir immer mit langen Generationsreihen zu rechnen, sich irgendwie anzufestigen. Indem der Totemismus die Seelen der Menschen eines gewissen Clans, sagen wir des weißen Wolfs, als Brüder der Seelen der betreffenden Tiere annimmt, wird er auf folgenden Gedankengang geführt: Mensch und Tier heißen beide 'weißer Wolf'; sie sind also gleichartige Wesen; wenn man also den einen in Tiergestalt, den andern in Menschengestalt sieht, so ist das nur so zu erklären, daß diese Gestalt von den Betreffenden gewechselt werden kann, wie etwa ein Anzug, der Wolf Mensch und der Mensch Wolf werden kann. Nicht die Beobachtung entscheidet für den primitiven Menschen, vielleicht in höherem Grade, wie wir ahnen, auch noch für uns, sondern die logische Ableitung aus Wort und Begriff; mir ist diese merkwürdige Tatsache immer als das bedeutsamste Zeichen der menschlichen Würde erschienen, -275- denn das Tier lebt gänzlich innerhalb der Welt, welche durch seine Sinne eingeht, der Mensch aber schafft sich schon auf so frühen Stufen seine eigene Welt, welche seiner äußeren Erfahrung gänzlich widerspricht, er beugt sich nicht und sagt: so ist die Erfahrung, sondern er befiehlt: so soll die Erfahrung sein; und gerade, weil er nun auf allerlei Wirrnis stieß, auf Unlösbares und Unsinniges, entwickelte er sich immer höher. Aus gewissen Gründen, die wir heute kaum noch ganz durchschauen können, wurden bestimmte Tiere und auch Pflanzen als Totem angenommen: Wolf, Schlage, Biber, Schwan und ähnliche; alle diese bevorzugten Totemwesen haben dann in der Entwicklung unseres geistigen Lebens bis auf heute ihre große Bedeutung beibehalten. Solange die primitiven Anschauungen ungebrochen herrschen, bleibt der Totemismus für alles Geistige unfruchtbar; sein Widerspruch mit der Erfahrung wird ruhig hingenommen, vielleicht weil den Menschen von damals, welche den Traum noch nicht von der Wirklichkeit trennen konnten, Sinnestäuschungen sich nicht zu erklären vermochten und zu vielen Erscheinungen noch keine Ursache wußten, so daß die ihnen vorkamen, wie uns heute Wirkungen aus der vierten Dimension vorkommen würden, weil also den Menschen von damals die Erfahrung als ganz trügerisch erscheinen mußte. Erst das Experiment, das heißt die beabsichtigte Erzeugung der Erfahrung schafft hier Wandel. Auf Grund der Weiterentwicklung kommt nun aber ein fruchtbares zweites Stadium der Anschauungen: der Widerspruch mit der Erfahrung wird empfunden, und es entsteht das Bedürfnis, diesen Widerspruch auszugleichen. -276- Als feststehend erscheint: dieser Leute Urmutter war ein Lorbeerbaum, jener Leute Urvater ein Schwan. Die einen können sich in einen Baum, die andern in einen Schwan verwandeln. Aber wir sehen heute nichts davon, daß sie das können, wir sind ja selbst solche Leute und wissen genau, daß wir es nicht können. Da sind nur zwei Möglichkeiten: Entweder, in früheren Zeiten konnten sich die Menschen wohl verwandeln, heute aber ist die Kunst verloren gegangen; oder, die Kunst ist nur einigen wenigen erhalten geblieben, welche sie von ihren Vorfahren gelernt haben und sie nun heimlich ausüben; denn offenbar gibt ihnen die Kunst eine Überlegenheit über andere und muß deshalb von ihnen verborgen gehalten werden. Aus der ersten Erklärung entwickeln sich Mythen, Sagen, Märchen und Novellen, aus der zweiten Aberglauben, Sagen, Märchen und Novellen. Die erste ist reicher an Möglichkeiten, als die zweite. Nämlich: die Kritik der Erfahrung bleibt bei der eben gegebenen Form der ersten Erklärungsmöglichkeit nicht stehen, denn es taucht die weitere Frage auf: warum haben die Menschen die Verwandlungsfähigkeit verloren? Darauf sind zwei Antworten möglich; sie haben sie irgendwie verscherzt, sie wurde ihnen von einem höheren Wesen genommen usw.; oder: nur der Urvater hatte sie überhaupt. Hier haben wir nun schon zwei bedeutsame Situationen, welche durch Erklärungen nach vorn und nach hinten zu Geschichten erweitert werden können. Bei der zweiten Erklärungsmöglichkeit haben wir gleich von Anfang an eine einzige gegebene Situation: ein Mensch ist durch Kunst mächtiger als andere; da Macht bei dem niederen Teil des Volkes als Mög- -277- lichkeit zu schaden empfunden wird, so erhält er bei diesem sogleich einen bösartigen Charakter; wenn der höhere Teil des Volkes hier bildet, so bleibt der Charakter indifferent. Im weiteren Verlaufe entsteht nur noch die Frage: hat er die Macht oder Kunst aus sich selber oder von einem höheren Wesen? Je höher die Entwicklung geht, desto mehr wird man geneigt sein, die letztere Ansicht zu hegen, als am besten mit der Erfahrung zu vereinigen; das ist der Ursprung des Hexenwesens. Die aristokratische Auffassung des Zauberers, wie sie etwa in den Haymonskindern herrscht, verschwindet frühzeitig und hält sich am ersten noch in Stammsagen. Aus der zweiten Möglichkeit ergab sich also fast nur der Kreis der Hexen- und Teufelsgeschichten, welcher recht monoton ist. Wie eben behauptet, ist die erste Möglichkeit reicher. Der tiefste Grund ist: hier habe wir die einmalige Situation in der Vergangenheit, die gedeutet werden muß, nicht die beständig noch in der Gegenwart wiederkehrende Situation; die Phantasie mag die erste Situation immer reicher und mannigfacher auslegen, bis sie eine Menge Mythen und Sagen aus ihr geschaffen hat; die zweite wird sie immer ärmer machen, damit sie typisch wird, denn der Mensch will sie im vorkommenden Fall erkennen, um danach handeln zu können; so ist charakteristisch, daß im lebenden Aberglauben die Zahl der Seelentiere immer geringer wird, bis schließlich etwa in einem Volk nur noch der Werwolfglauben bleibt. Von den beiden Möglichkeiten der ersten Erklärung wurde nur die zweite fruchtbar: denn offenbar reizte die Menschen mehr die Tatsache, daß früher gewisse Menschen sich in Tiere verwandeln konnten, als die, daß die anderen die Fähigkeit verloren haben. -278- Wir haben also nun einen Glauben: unsere Vorfahren konnten sich in bestimmte Tiere und Pflanzen verwandeln. Von dem Glauben haben wir folgende Abzweigungen: Erstens, der Hauptstamm: sie besaßen die Fähigkeit, sich nach Belieben, oder in jüngerer Auffassung unter gewissen Bedingungen, zu wandeln und wieder Menschen zu werden, entweder von Natur oder, das ist wieder jünger, durch Gabe eines höheren Wesens; Typus Melusine (eine Stammsage). Zweitens: sie wurden einmal wider ihren Willen von einem höheren Wesen verwandelt, konnten dann durch eine andere Kraft wieder rückverwandelt werden und ähnliches; Typen: die vielen Märchen mit Verzauberungen. Drittens: die Naturwesen wurden durch einen einmaligen Akt eines höheren Wesens auf immer in Menschen verwandelt: die Myrmidonen entstanden aus Ameisen. Viertens: die Menschen wurden auf solche Weise für immer in Naturwesen verwandelt: Daphne war ursprünglich ein Mädchen und wurde in den Lorbeerbaum verwandelt. Diese vier Fälle sind von verschiedenem Werte für die Phantasie. Wenn ein Gott Ameisen in Menschen verwandelt, so liegt offenbar nur eine Aktivität des Gottes vor, da die Ameise nichts wollen kann; der Gott muß einen Grund haben, etwa daß die Menschen in dem betreffenden Lande sehr verringert sind durch eine Pest, durch eine Sintflut; so sind hier wenig Möglichkeiten für die kombinierende Phantasie. Viel reicher ist die umgekehrte Situation, wenn ein -279- Gott einen Menschen in ein Naturwesen verwandelt, denn hier kann eine Aktivität der Menschen allein, des Gottes allein und ein Kampf beider stattfinden. So ist charakteristisch, daß die dichterisch wenig begabten Indianer beständig zu erzählen wissen von Verwandlungen aus Tieren in Menschen, die Griechen unzählige Mythen von Verwandlungen von Menschen in Tiere und Pflanzen haben. Wie hier das urtümlich Vorhandene bis auf das eigentliche Gestalten einwirkt, möge eine kurze Betrachtung zeigen. Ein Tier, welches früher Mensch war, wird immer etwas Unheimliches haben dadurch, daß es ja handeln kann, und seine Handlungen das Ende menschlicher Überlegungen sein können, die in dem Tier ja vielleicht erhalten sind. So haben die Tiermythen meistens etwas Düsteres; selbst wenn ein Mensch in einen Schwan verwandelt wird, so ist er entweder ein alter König, der ein wirres und halbtragisches Schicksal hat, oder ein Unhold, welcher den Wanderern auflauert, um aus ihren Schädeln seinem Vater Ares einen Tempel zu errichten. Eine Pflanze, wenn sie nicht etwa giftige Säfte birgt, hat aber immer etwas Rührendes, wenn man denkt, daß sie früher Mensch war; sie ist auch als Mensch nicht zu denken als ein gewaltsames Wesen, sondern als ein Narkissos oder eine Daphne. Während der sterile dritte Fall vielleicht einige uralte, aber künstlerisch bedeutungslose Geschlechtssagen bildet, entwickeln sich aus diesem vierten reiche Mythen; diese können sich unter Umständen zu Märchen ausbilden und von da an Novellen und Dramen werden; vielleicht ist Dornröschen diesen Weg gegangen. Noch viel mehr Neigung zur Bildung von Märchen haben aber der -280- erste und zweite Fall. Wie immer in diesen Dingen das Alte nicht ausstirbt, sondern ruhig fortlebt neben der neuen Deutung, so dürfen wir auch hier nicht vergessen, daß auch die urtümliche Gleichsetzung von Mensch und Tier sich hält, und aus ihr sich Geschichten bilden, in welchen die Tiere ganz als Menschen handeln, ohne daß an eine Metamorphose gedacht wird, etwa wie bei Rotkäppchen. Hierauf bauen sich später gern moralisierende Tendenzen. II. Die vorhergehenden allgemeinen Bemerkungen waren nötig zum Verständnis der folgenden Darlegungen. Im Pentamerone des Basile findet sich als zweite Erzählung des ersten Tages folgendes Märchen: Es wohnte einmal in dem Dorfe Miano ein Ehepaar, welches keine Kinder hatte, aber die Frau wünschte so sehnsüchtig einen Erben, daß sie immer sagte 'wenn ich doch nur etwas gebären möchte, und wäre es auch nur ein Heidelbeerzweig'. Da geschah es ihr denn, daß sie in andere Umstände kam, und am Ende brachte sie wirklich einen Heidelbeerzweig zur Welt. Diesen pflanzte sie mit großer Freude in einen schönen Blumenasch, stellte den ans Fenster und pflegte ihn fleißig, daß er groß und schön wurde. Nun geschah es, daß der Sohn des Königs auf die Jagd ritt und den Heidelbeerstrauch sah, da bekam er eine solche Lust, ihn zu haben, daß er der Frau so lange zuredete, bis sie ihn ihm schenkte. Er nahm ihn in sein Schlafgemach und begoß ihn immer selber. Da geschah es, wie er einmal im ersten Schlafe lag, daß er jemand durch sein Zimmer gehen hörte; er hielt die Erscheinung fest und verspürte, daß es ein Mädchen war, das war das Mädchen, welches in dem -281- Heidelbeerzweig wohnte. Sie wurde heimlich seine Frau, und beide waren sehr glücklich. Nun mußte der Prinz eine Weile verreisen; deshalb besprachen sie sich, daß das Mädchen wieder in die Pflanze zurückkehren solle, und an dem äußersten Zweige wollten sie ein Glöckchen anhängen, wenn er dann wiederkomme, so sollte er das Glöckchen läuten, dann werde sie aus dem Strauch wieder herauskommen. Nun hatte der Prinz aber sieben liederliche Weibsbilder gehabt, die hatte er in der letzten Zeit nicht mehr angesehen; hierüber waren die mißtrauisch geworden, gruben heimlich einen Gang bis zu seiner Schlafkammer und drangen so in die Kammer, als er verreist war, um die zu durchsuchen. Wie sie nichts fanden, rührten sie durch Zufall das Glöckchen an, so daß das Mädchen heraustrat; da gerieten sie in Wut und ermordeten das Mädchen und gingen dann fort. Wie der Kammerdiener kam und die zerrissenen Stücke ihres Leichnams fand, hatte er große Angst, suchte sie zusammen und begrub sie in dem Asch, dann entfloh er. Nun kehrte der Prinz zurück, aber sein Heidelbeerstrauch war ganz verwüstet; da wurde er ganz verzweifelt; aber wie er sich so abhärmte, da war das Mädchen wieder gewachsen, trat aus dem Strauch hervor und küßte den Prinzen. Dann lebten die beiden fröhlich, die schlechten Weibsbilder aber wurden schmählich hingerichtet. Fast wörtlich stimmt ein Märchen bei Krauß. 'Sagen und Märchen der Südslaven', Band I, Nr. 79, mit dieser Geschichte überein; hier handelt es sich um einen Basilikumstrauch. Zweierlei ist zu bemerken: Erstens: Die Gleichheit Heidelbeerzweig-Mensch ist erklärt für die Ansichten der Zeit durch den Ausspruch der Mutter; da diese Ansichten noch den primitiven -282- Meinungen nahestehen, war keine Veranlassung zu einem komplizierteren Phantasiegebilde. Zweitens: Aus der Gleichheit ist eine Geschichte entwickelt auf einer reizenden Gefühlsgrundlage der Liebe zu einem gepflegten Lieblingspflänzchen, das von böswilligen Menschen übel behandelt wird und wieder genest. Auch hier spielen wieder mythische Elemente hinein, das Grundlegende aber scheint mir eine Tat der dichterischen Phantasie zu sein. Es hat sich mythisch und erklärend ergeben: Wunsch der Mutter, Geburt des Heidelbeerzweiges-Mädchens. Hier setzt die Phantasie ein, es wird eine Weiterführung vermißt, die naheliegend ist: in das Heidelbeerzweig-Mädchen verliebt sich ein Jüngling. Das kann schon ein Ende sein *); aber die Phantasie verlangt eine Weiterführung, sie empfindet das bisherige nur als Exposition; am künstlerischesten wäre eine solche, welche sich aus der Doppelnatur ergäbe, wie in der Melusinensage; in unserem ---------- *) Gebrüder Grimm, Nr. 76, 'Die Nelke', ist in eine kompliziertere Komposition das eingeflochten: Der Prinz verzaubert seine Geliebte in eine Nelke und entzaubert sie wieder nach Belieben; das Motiv ist hier, daß er mit der Geliebten einen weiten Weg machen muß. Auch im 'Wunderhorn' (meine Auswahl, S. 196) 'Sub Rosa' ganz rein: Als ich im Gärtlein war, Nahm ich das Blümlein wahr, Brach mir ein Röselein, Das sollt mein eigen sein. * Ich nahm das Röslein fein, Schloß es ins Kämmerlein, Stellt es an seinen Ort Daß es ja nicht verdorrt. * Komm ich ins Kämmerlein, Find ich mein Röselein Als ich herummer sah, Sitzt eine schöne Jungfrau da. * Sprach: Ach, erschrick nur nicht, Denn ich bin dir verpflicht, Denn ich bin dir vertraut, Denn ich bin deine Braut. -283- Falle durch Feindlichgesinnte, wobei Eifersucht das naheliegende Motiv ist und so die gegenhandelnden Personen ergibt. Halten wir nun das Märchen des Basile in seiner geschilderten Gestalt fest, und nehmen wir an, daß durch eine Weiterentwicklung die Erklärung Heidelbeerzweig-Geburt nicht mehr genügt und die Gleichheit Heidelbeerzweig-Mädchen ganz unmöglich erscheint; der novellistische Inhalt des Märchens aber erscheint wertvoll und wird festgehalten: Liebe zu einer Blume im Asch, enge Beziehung derselben zu einem Menschen, Eifersucht, Zerstörung der Blume. Hier kommen wir auf eine Novelle bei Boccaccio: 'Dekameron' Tag 4, Novelle 5, welche nach des Dichters eigenem Hinweis auf Grund eines Volksliedes geschrieben ist, das anfing: Qual esso fu lo mal Christiano, Che mi furò la grasta. Die Deputati sagen, das Lied sei zu Boccaccios Zeit viel gesungen; ob sich eine Niederschrift erhalten, weiß ich nicht; Landau in seinen Quellen des Boccaccio schweigt über die Novelle. Man muß annehmen, daß es ein Märchen gab, welches dem bei Basile analog war, aber von einem jungen Mann und einem Basilikumstrauch (wie im südslavischen Märchen) handelte, den ein Mädchen in einem Asch pflegte. Ob die Umsetzung in die Novelle schon völlig -284- von Boccaccio vorgefunden wurde oder erst von ihm vollendet ist, kann für unseren Zweck gleichgültig sein, der Vorgang ist jenseits des Persönlichen und ganz typischer Art. Boccaccios Novelle lautet in dem Auszug: Die Brüder Lisabettas bringen den Geliebten der Schwester um; der Ermordete erscheint ihr im Traume und zeigt ihr, wo er begraben liegt. Sie gräbt heimlich den Kopf aus, legt ihn in einen Basilikumtopf und weint alle Tage eine ganze Stunde darüber. Die Brüder nehmen ihr den Topf, und sie stirbt bald darauf vor Schmerz. Wie wir sehen, hat sich die Novelle aus dem Märchen einfach durch rationalistische Deutung entwickelt. Die rationalistische Deutung ist bei weitem das gewöhnlichste Auskunftsmittel, und in den meisten Fällen bringt sie ein neues poetisches Element in den Stoff; man kann dafür noch die jüngsten solcher Versuche anziehen. Eine der komischsten Wundererklärungen des Theologen Paulus in Heidelberg, wegen deren er von den historisch gebildeten Romantikern weidlich verspottet wurde, war die des Wunders, wie dem Propheten Elias seine Speise durch Raben gebracht wird; der Gelehrte erklärte, daß Elias die Raben gefangen und gegessen habe. Stellen wir uns vor, der Text stände uns nicht zur Verfügung, und diese Erklärung wäre schon in uralten Zeiten gemacht und an Stelle der alten Wundererzählungen getreten, so würde das auf uns ähnlich wirken, wie der Bericht über Johannes, der sich von Honig und Heuschrecken nährte, nämlich recht pittoresk durch eine gewisse Unsinnigkeit, die zum Nachdenken und Kombinieren Veranlassung gibt. So ist an sich die Deutung - der Basilikumstrauch war ja gar kein Mensch, das Mädchen liebte ihn nur so, weil im Asch -285- der Kopf ihres Geliebten vergraben war - zunächst ganz platt; dennoch aber enthält sie aus dem uralten Mythologischen noch so viel Irrationales, daß die Geschichte heute, wo wir ihre Entstehung nicht kennen, gerade die rechte Wirkung hat, die einer Novelle angemessen ist. Ein weiteres Moment der Umbildung habe ich im Auszug nicht angeführt; das alte Märchen handelte gewiß von Prinzen, einsam lebenden Bauersfrauen oder ähnlichem; in der Novelle sind die Brüder Kaufleute, die ganz genau und bürgerlich beschrieben werden, daß sie aus San Gimignano stammen, reich sind und in Messina Geschäfte treiben, und der Geliebte ist ihr Handlungsgehilfe, der aus Pisa stammt und ein geschickter Mann ist. So ist die gesamte Umwelt bürgerlich geworden, und die Novelle erhält den Anschein, als ruhe sie auf einem wahren Vorgang. Man denke sich einen solchen wahren Vorgang: Drei junge Kaufleute ermorden den Geliebten ihrer Schwester, welcher ihr Angestellter ist. Wie wenig bedeutsam ist das, wie banal und gleichgültig. Wollte ein Dichter aus solcher Geschichte etwas machen, so müßte er, um überhaupt ein Interesse zu schaffen, das über dasjenige hinausging, welches wir am Bericht im lokalen Teil einer Zeitung nehmen, auf psychologische Schilderungen, Landschaftsschilderungen, Milieudarstellungen, moralische Betrachtungen usw. kommen - man sieht die ganze Reihe von Möglichkeiten, welche historisch ja wirklich geworden sind. Alle solche Erzählungen sind veraltet oder werden veralten, die entzückende Novelle von Boccaccio aber wird ewig jung bleiben. Der erste, welcher aus der Quelle schöpft, hat es leichter als die Späteren, wenn nicht etwa, wie das auch -286- geschehen kann, der Fall so ist, daß er durch seine mythische Vorlage noch zu sehr seine Phantasie fesseln läßt und so eine wirkungsvollere Möglichkeit übersieht, die sich aus ihr ableiten läßt. Für unseren Fall kenne ich keine solche; als Beispiel eines in schlechter Lage befindlichen Späteren möge Barbey d'Aurevilly folgen mit einer Novelle aus seinen 'Diaboliques'. Barbey d'Aurevilly hat unendlich mehr künstlerische Arbeit geleistet wie Boccaccio, der durch seine günstigere Situation doch eine bessere Novelle geschrieben hat. Bei Barbey wird ein illegitimes Neugebornes von der Mutter in einer Jardiniere ihres Zimmers begraben, deren Pflanzen sehr üppig werden. Es ist recht bezeichnend, wie sich so eins aus dem anderen entwickelt: mit Boccaccio ist nur das Begraben im Blumenasch gemeinsam, von dem urtümlichen Totem ist nichts mehr geblieben, als daß seine rationalistische Ausdeutung nun ihrerseits Kern für eine Neubildung geworden ist. Das Kind im Blumentopf der Kindesmörderin ist ein ganz grausiges und schon zum Pathologisch-Hysterischen hinneigendes Motiv. Mit Kunst allerersten Ranges ist die Führung der Erzählung gemacht, für mein Gefühl wirkt sie freilich schon raffiniert. Die Umweltschilderung, welche nötig wird, um das Schauerliche recht herauszubringen, ist gleichfalls sehr gut und immer für den künstlerischen Allgemeinzweck bedacht. Dennoch ist das Ganze ein unerquickliches Produkt. Boccaccios Novelle ist meines Erachtens endgültig; alles, was künstlerisch aus dem Blumentopfmotiv gezogen werden kann, hat er aus ihm gezogen. Man wird bei den meisten Novellen des Dekamerone finden, daß sie derart endgültige Fassungen sind; Boccaccio war ein Mann von der ausgezeichnetsten künstlerischen Weisheit. -287- III. Eine weit größere Bedeutung noch hat eine andere Rationalisierung gefunden. Noch mehr, wie in dem vorigen Abschnitt, muß auf auch nur annähernde Vollständigkeit der zu erwähnenden Fassungen verzichtet werden *). Wir wollen mit einer Novelle des Straparola beginnen (Le piacevole notte I, 4 der ungekürzten Ausgaben). Tedaldo, der Fürst von Salerno, hatte eine sehr schöne Frau, welche ihm auf dem Sterbebett das Versprechen abnahm, daß er nur eine solche Frau in zweiter Ehe nehmen werde, welcher ihr Fingerring passe. Trotz vielfachen Suchens fand sich ein solches Mädchen nicht; als aber seine Tochter Doralise in ihr jungfräuliches Alter gekommen war, streifte sie einmal in Harmlosigkeit den Ring an, und er paßte ihr. Da beschloß Tedaldo, daß er sie als Gattin nehmen wolle. Doralise wird durch ihre treue Amme gerettet, welche ihr einen Trank gibt, durch dessen Kraft sie lange jede Nahrung entbehren kann und sie dann in einem sehr schön gearbeiteten Schrank einschließt, der ihrer verstorbenen Mutter gehört hatte, damit sie in dem verharre, bis bessere Zeiten eintreten. Der König sieht nach einiger Zeit den Schrank, und da derselbe ihm trübe Erinnerungen erweckt, so befiehlt er, daß er verkauft werde. Auf dem Markt ersteht ihn ein Kaufmann aus Genua, dem das kunstvolle Stück sehr gefallen hat und bringt ihn zu Schiff nach England. Da begegnet der junge König Genese, der auf der Jagd nach einer Hinde ist, dem -------- *) Literaturangaben: v. d. Hagen, Gesamtabenteuer, Bd. III, 'Deu tochter des Küniges von Reuzen', die Quellennachweise dazu: 'Novella della figlia del re di Dacia', Pisa 1866, Einleitung von Wesselowsky. -288- Schiffsherrn, wird von dem bewirtet und kauf ihm den schönen Schrank ab, der nun in das Schlafzimmer des jungen Königs gebracht wird. Wenn der junge König des Morgens das Schlafgemach verläßt, kommt Doralise heimlich aus dem Schrank, ordnet alles, macht das Bett schön zurecht und verstreut überall schöne Blumen. Der neugierig gewordene König versteckt sich einmal und überrascht sie und, indem er sich in ihre Schönheit verliebt, heiratet er sie und erhält mit der Zeit von ihr zwei Kinder. Es folgen dann noch weitere , hier nebensächliche Dinge, nämlich eine Fortsetzung der väterlichen Verfolgung, harte Bestrafung der Unschuldigen und endliche Entdeckung und Wiedereinsetzung. Die rationalistige [sic.] Deutung ist hier ganz klar: Erste Stufe, nicht Doralise ist ein Baum, sondern sie wohnt in einem Baum (wie in anderem Zusammenhang mit nebensächlicher Bedeutung in einem Grimmschen Märchen geschildert wird *), indem der hohl und groß gedachte Baum eine verschlossene Tür hat, und im Innern steht ein Bett usw.; in demselben Märchen ist eine an- ---------- *) Die Alte im Walde, Nr. 123. In den Anmerkungen wird auf ein Minnelied verweisen, wo die Idee von einem sich belebenden Baume lyrisch verwertet ist: Mir getroumte ein troum, Des ist nicht lanc: Kunden gesten disiu maere diu sag ich Wie ein rôseboum Hoch unde kranc mit zwein blümden esten umbe vienge mich. Dar unter fand ich viôl und der rôsen smac. Daz erschein ich mir, Sô si nu mac, Daz ir umberanc mich bindet halben tac, Gestate ichs ir. -289- dere Person gleichzeitig noch mit der Identität Baum-Mensch gedacht, und zwar durch Verzauberung). Zweite Stufe, nicht in einem Baum, wie man sich schwer vorstellen kann, wohnt Doralise, sondern in einem Schrank (man denke, daß in alten Zeiten Möbelstücke aus ganzen ausgehöhlten Bäumen hergestellt wurden, da man Bretter nur sehr mühsam herstellen konnte, indem man mit dem Beile spanweise von einem Stamm das Überflüssige abschlug, bis man ein Brett übrig hatte. Balken beim Hausbau habe ich selbst noch in meiner Kindheit durch Bebeilen herstellen sehen). Hier ist ein Keim, aus welchem sich Tausende von Geschichten entwickelt haben. Ein Mensch ist in einem Schrank. Wie kann er da hineingekommen sein? Wir wollen, um innerhalb der notwendigen Grenzen zu bleiben, nur eine einzige Erklärung betrachten, eine andere noch andeuten. Er kann verborgen worden sein, um ihn vor einer Gefahr zu schützen, oder um ihm einen Streich zu ermöglichen. Hier beginnt nun für unser betrachtetes Motiv eine ganz frühe Verknüpfung mit einem anderen Motiv, nämlich der verfolgten Jungfrau, welche nicht in ein blutschänderische Ehe willigen will. Wie allgemein bekannt ist, sind unsere heutigen Verwandtschaftsbeziehungen verhältnismäßig jungen Datums; es gingen ihnen ältere Systeme voraus. Der wichtigste Punkt der Entwicklung war das Aufgeben der Verwandtschaftsfolge von bloß mütterlicher Seite, gewöhnlich mit unzulässiger Ausdehnung der Erscheinung Mutterrecht genannt. Hiernach war der Vater nicht mit seinen Kindern verwandt, die gehörten vielmehr nur zur Verwandtschaft der Frau, und verwandtschaftsrechtlich traten ihm an ihre Stelle die Kinder seiner -290- Schwester. So konnte also der Vater seine Tochter ehelichen. Das Aufgeben dieser Verwandtschaftsfolge und die Annahme der sogenannten vaterrechtlichen, die nun aber nicht mehr einseitig war, sondern das Kind in Verwandtschaftsverhältnisse zu Vater und Mutter brachte, muß eine der tiefgreifendsten Revolutionen gewesen sein, weil hier die tiefsten Gefühle der Menschen sich gänzlich ändern mußten; natürlich erforderte das im normalen Verlauf viele Generationen. Wie weit die Barbaren, welche das römische Reich unter sich teilten, in dieser Entwicklung waren, ist im allgemeinen schwer zu sagen, zumal sie - man denke an die große Distanz der Goten von den Langobarden - auf sehr verschiedenen Entwicklungsstufen standen und sicher auch ein ganz buntes Völkergemisch darstellten, in dem wohl auch selbst Mongolen vorkamen. Jedenfalls wirkte die christliche Kirche hier mit, welche ja die uns heute geläufigen Verwandtschaftsanschauungen vertrat. Nun haben die Barbaren die Tendenz, aus solchen Kämpfen Mythen zu bilden; man kann sicher sein, daß überall, wo man bei den Griechen Blutschandemythen findet, der letzte Grund in jener Revolution liegt *1*. Die ------------- *) Ich weiß nicht, ob schon darauf hingewiesen ist, daß man hier ein Verständnis für den uns heute ästhetisch so unmöglich vorkommenden Schluß der Orestie des Äschylos finden kann. In der Mutterrechtszeit, aus welcher auch die alten chthonischen und weiblichen Götter stammen, ist Orestes der Sohn der Klytemnestra, nicht des Agamemnon, hat also den Mord seines Vaters nicht zu rächen. Nun ist bei manchen Völkern, auch bei den Griechen, in der ersten Zeit des 'Vaterrechts' das väterliche Prinzip mit übertriebener Wichtigkeit behandelt, das Kind stammt aus den Lenden des Mannes und wird von der Mutter nur quasi ausgebrütet, der Mythus von der Geburt der Athene ist zu dessen Beweis geschaffen; hiernach steht Orestes also dem Vater näher wie der Mutter, und muß den Vater rächen. Aber die alten mutterrechtlichen Götter leben noch, wenn auch als verhaßte und feindliche Wesen, wie im Christentum die alten Götter als Dämonen; die verfolgen also den Übertreter ihrer Gebote; dieser wird von seinen Göttern, den Vertretern des Vaterrechts, in Schutz genommen, denn ihre Gebote hat er ja erfüllt, und so handelt es sich also im Grunde um den Kampf zwischen den Erinnyen und Apollo, wer von beiden der Stärkere ist. Der Kampf endet mit einer Versöhnung der Götter zum Heile der Stadt Athen, wie auch Ödipus und Kolonos Athen zum Heile stirbt. Was war für den Griechen der Äschyleischen Zeit das Wichtige? Das Schicksal des Orestes, oder die Versöhnung der alten Göttinnen mit seinem Lande? Uns heute interessiert nur Orest, nach den ersten 200 Versen der Eumeniden ist unser Interesse für das Gesamtdrama erloschen, denn wir fassen die Worte des Apollo an Orest als die Worte eines absoluten und sittlichen Gottes auf, als wenn unser Gott sagen würde: du hast bereut - in der nötigen Objektivität des Dramas durch die Eumeniden -, deshalb sei dir vergeben. Aber von Reue ist hier ebensowenig die Rede, wie von Schuld. Ich habe bei einer Aufführung des Gesamtdramas in Berlin die Wirkung an mir erprobt, und fand wieder bestätigt, daß die ganze Schuld- und Sühnetheorie in der Tragödie unsinnig ist. Sehr merkwürdig ist dagegen, wie der Begriff des absoluten Gottes für uns schon instinktmäßig geworden ist; und deshalb empfinden wir alles nach der Szene im Heiligtum des Apollo als überflüssig. Erschwerend kommt noch hinzu, daß die Szene im Areopag ein Prozeß ist; uns erscheint derselbe gänzlich töricht, weil wir (und die Römer) ein ganz anderes Rechtsgefühl haben wie die Griechen; den Griechen muß er ganz regelmäßig geschienen sein. - Wollten wir uns eine Vorstellung machen, wie eigentlich die Orestie gemeint ist, so denken wir uns etwa folgende Situation: In der Reformationszeit heiratet ein Mönche eine Nonne, wird auf katholischem Gebiete verfolgt, rettet sich auf protestantisches Gebiet, wird hier von dem katholischen Herrscher requiriert, der gefürchtet werden muß, weil er ein mächtiger Herr und der protestantische Reichsstand etwa nur ein kleines Städtchen ist; der Magistrat erklärt, daß er die Sache gerichtlich untersuchen wolle, und weiß im Laufe der Prozeßverhandlung den katholischen Herrn zu versöhnen, so daß alles in Frieden ausgeht. Die Konflikte sind hier nicht sonderlich tief gefaßt, und diese Erzählung soll beileibe nicht ein Gegenstück gegen den Mythus der Orestie bilden, nur durch das Näherrücken der Verhältnisse erklären soll sie. -291- Tatsache, daß sich das Christentum auf die Seite des Vaterrechtes stellte, wird bei den sich bildenden Mythen aus der Zeit, welche wir hier annehmen, eine Hinneigung zur christlichen Legende verursachen. Von den vielen möglichen Mythen, die man sich schematisch aufzeichnen und dann auch in Wirklichkeit finden könnte, wurde für unsere Literatur aus gewissen Gründen bedeutsam, die: der Vater (Mutterrecht) will die Tochter (Vaterrecht) ehelichen; die Tochter widerstrebt. Der Mythus wird stets gedichtet, nachdem die Umwälzung geschehen ist, in ihm muß aber das neue Prinzip stets als das sittliche, das alte als das unsittliche erscheinen; so wird der Vater ein Blutschänder und kann sich zu jedem beliebigen Grade -292- von Bösartigkeit entwickeln, wie es die sich ausbildende Erzählung verlangt, und die Tochter wird eine verfolgte Unschuld, die bis zur Heiligkeit (St. Uliva ist eine derartige mythologische Heilige) gesteigert werden kann, wenn es erforderlich ist. Offenbar hat sich nun recht frühzeitig die Kombination der zwei Motive dargeboten: das Mädchen im Schrank und die verfolgte Unschuld; aus solcher Kombination entstand dann die Fassung bei Straparola. Nun kommt ein neuer Schritt, der eine Gestaltung der Geschichte ergibt, die nichts mehr ahnen lassen würde von ihrer Entstehung, wenn man das Zwischenglied nicht hätte. Die dichtende Phantasie hat nicht nur die Tendenz zum Differenzieren, die Geschichte immer farbiger zu -293- machen, was sie zuletzt durch Wiederholung der alten Motive in veränderter Form tut, wenn ihr am Ende die überlieferten Motive ausgegangen sind; sondern auch zum Integrieren, indem sie jedes Motiv auf seinen höchsten möglichen Gipfel zu bringen sucht. Der Vater ist ein Bösewicht, die Tochter rettet sich in einen Schrank; wie nun, wenn der Vater die Tochter in dem Behälter selbst einschließt, um sie für ihren Widerstand zu strafen, und sie in der Absicht, sie elend ums Leben zu bringen, in jene Verhältnisse setzt, wo sie schließlich den Königssohn heiratet? Bei Basile und sehr vielen anderen finden wir die Fassung, daß der Vater (hier Bruder) das Mädchen in eine verpichte Kiste legen und ins Meer werfen läßt, wo sie dann von anderen aufgefangen wird usw. Man kann sich lange den Kopf zerbrechen, um einen anderen Weg zu finden, aus dem sich das Motiv der in der Kiste ausgesetzten Unschuld, das sich auch vielfach anderwärts findet (z.B. in ganz anderem Zusammenhang in der Geschichte von Ghanem und Kut Alkulub in 'Tausend und eine Nacht'), ableiten ließe; denn daß ein solches Motiv, das überall wiederkehrt, durch alle Völker und Zeiten, aus der Wirklichkeit stammen sollte, die man sich zudem recht schwer vorstellen kann, das ist doch gänzlich ausgeschlossen, es muß sich aus etwas ganz allgemein Menschlichem herleiten und mit zwingender Notwendigkeit überall an einem Punkt auftreten, wo es dann ja natürlich in den bereits vorhandenen Schatz der Motive eingereiht und als verwendbarer Stein überall gebraucht wird, wo es am Ort ist *) ------------ *) Nebenbei möchte ich bemerken, daß die Genofeva-Legende meines Erachtens auch hierher gehört; wieder eine Kombination verfolgter Unschuld (hier selbständig aus dem Mythus zu einer historischen Novelle entwickelt) und Baumtotem (hier zum Leben im Walde, und zwar nach der ältesten lateinischen Aufzeichnung 'mitten in einer Brombeerhecke', geworden; die an sich doch unsinnige Brombeerhecke scheint hier ein quasi Darwinsches Überbleibsel aus dem früheren Stadium der Geschichte zu sein). -294- Viele und verbreitete Fassungen der Geschichte von der verfolgten Unschuld haben das Motiv der abgehauenen Hände, weite Reisen u. a. m. Durch Glieder, welche hier zu erwähnen allzu weitläufig wären, ist diese Gestaltung des Motivs mit der wundervollen grotesken Novelle, Dekamerone II 7, zusammenhängend, wo die Königstochter von einem Geliebten zum andern kommt, immer unter Mord und Blutvergießen, das durch die strikte Wiederkehr komisch wird und am Ende doch noch, nachdem sie mit der Sanftmut einer geduldigen Helena oder Genovefa alles ertragen hat, ihren bestimmten Mann bekommt mit dem schönen Verse: Bocca baciata non perde fortuna, Anzi rinuova, come fa la luna. Gleich diesem Umschlag in die tollste Komik ist die andere Reihe, welche aus der zweiten erwähnten Erklärung des Problems 'Mensch im Schrank' folgt, nämlich, daß der Mensch selbst oder durch einen andern in den Behälter gebracht ist eines Streiches wegen. Offenbar müssen wir hier viel jüngere Erzeugnisse der Phantasie vorfinden, die nämlich aus einer Zeit stammen, wo auch der letzte geheimnisvolle Schauder von dem Problem geschwunden war. Welch unübersehbares Geschlecht von Possen und Streichen in Novellen, Lustspielen und Romanen sich hier anschließt, braucht nur angedeutet zu werden. Würde man nicht in einzelnen Fällen die Entwicklung -295- genau verfolgen können, so möchte die Erklärung, daß das Verbergen eines Liebhabers im Kasten auf uralten Totemglauben hinauskommt, wohl etwas übergelehrt erscheinen; aber so ist es gerade in diesem Falle, wo der Einfall an sich so nahe liegt und aus den Möglichkeiten des Lebens genommen, sehr lehrreich, wenn man die Verbindung behaupten kann, von welcher ja schon hervorgehoben ist, daß die Leute, die das Motiv verwendeten, keine Ahnung mehr von ihr hatten: so arbeitet in Wahrheit die künstlerische Phantasie. IV. Die vorstehenden Ausführungen haben nicht einen historischen Zweck, sondern einen ästhetischen: sie sollen zeigen, wieviel vom dichterischen Schaffensprozeß ein Konstruieren und ein Denken ist, wie erst in zweiter Linie die Summe der Elemente kommt, die man als Naturnachahmung bezeichnen kann, und erst in dritter Linie kommt das Gefühl. Menschen wie Zeiten mit dilettantischen Instinkten pflegen von der Naturnachahmung oder von Gefühl oder von beiden zugleich auszugehen und erzeugen so die Art von Literatur, die man als die sentimentalische gegenüber der naiven, vielleicht besser die subjektive oder lyrische gegenüber der objektiven oder epischen und dramatischen bezeichnen kann. Das Drama mit seinen engen Grenzen der Wirkung kann diesem Zuge am wenigsten nachgehen, obwohl wir auch in der Auflösung des Dramas, wie das naturalistische Theater zeigt, schon sehr fortgeschritten sind, weil auch der Instinkt der Zuschauer verschwindet bei unseren heutigen Theaterverhältnissen; denn auch selbst auf der -296- Tribüne sitzen noch nicht einmal unverbildete Leute, weil für die der Theaterbesuch zu teuer ist; schon allein die überhandnehmende Zeitungslektüre allein genügt, um die Menge den Suggestionen instinktloser Halbbildung zu unterwerfen; die Erzählung unterliegt diesem Zuge nach Auflösung am meisten. So haben wir schon seit langem keine Novelle mehr bis zu dem Maße, daß es niemand mehr glaubt, daß die Novelle eine strenge Form hat wie das Drama; und der Roman hat sich überhaupt nicht zu einer Form entwickelt und blieb so Halbkunst, weil er zu spät auftrat, als das NAIVE Konstruieren und Denken schon verschwunden war. Hier liegt der letzte Grund für die geringe Haltbarkeit der modernen Dichtungen. Hervorragende Werke der vorigen Generation können wir schon gar nicht mehr lesen, andere veralten vor unseren Augen. Und wahrscheinlich ist Begabung und Kraftaufwand nicht geringer wie früher, sondern größer: aber uns fehlt die Naivität. Zurück kann man nicht, denn an sich ist die Naivität doch kein Vorzug; wir sind doch klüger wie der Mann, welcher sich sagte: Doralise kann nicht in einem Baume gesessen haben, das muß ein Schrank gewesen sein; wir müssen nach vorwärts und den Vorteil, welchen die Älteren durch ihre Naivität hatten, durch DENKEN gewinnen; dann werden wir sie nicht nur erreichen, sondern sogar übertreffen. Über das Wie ist natürlich nichts zu sagen, das wird in jedem einzelnen Fall neu sein. Aber ich denke mir allgemein folgendes: Der bei weitem größte Teil unserer dichterischen Motive waren bis jetzt Kombinationen, welche sich aus der primitiven Deutung des Weltbildes ergaben. Seitdem -297- haben wir eine Anzahl anderer Deutungen erlebt bis auf heute: sollte sich aus ihnen nichts bilden lassen? Unsere modernen naturwissenschaftlichen Theorien, unbestreibare wie fragwürdige, sind so mannigfaltig, daß in ihnen doch derartiges stecken müßte. Ansätze sind bei den Gelehrten durchaus vorhanden, wir bemerken sie nur nicht; wenn wir unseren Blick durch Untersuchungen schärfen wie die obenstehende, so finden wir vielleicht Mythologie in den verschiedenen Geschichtsauffassungen, im Darwinismus, in der Kant-Laplaceschen Theorie, in dem Gravitationsgesetz, wir brauchen den Vermenschlichungsprozeß nur in genau derselben Weise vorzunehmen, wie unsere wilden Vorfahren. Man ist schon auf den Gedanken gekommen, Stilmotive, die bis heute auch immer nur durch naives Konstruieren und Deuten entstanden, aus mikroskopischen Lebewesen abzuleiten. Eierstab, Mäander, Kalbszähne, Zinnen und wie die verhältnismäßig wenigen Ornamente heißen, sind bisher durch Zufall oder Naivität entstanden; man muß unzählige durch die Notwendigkeit des Verstandes erzeugen können. So auch neue Motive der Dichtung. Damit würde ein neues Leben in uns kommen, das wir, die wir uns als so alt erscheinen, gar nicht ahnen können, damit erst wäre unsere gesamte geistige Arbeit von heute fruchtbar geworden. V. Das war die eine Quelle von Geschichten; betrachten wir nun die andere. Es gibt mehrere Geschichtensammlungen aus dem Mittelalter, welche direkt für Erbauungszwecke zusammengestellt waren, teils für Prediger den Stoff für Erzählungen gaben, welche in die Predigten verwebt wur- -298- den, um die interessanter zu machen. Eine der berühmtesten dieser Sammlungen sind die sogenannten Gesta Romanorum, die nicht etwa, wie man annehmen sollte, Erzählungen aus der römischen Geschichte enthalten, sondern Märchen, Legenden, Novellen und Anekdoten aus der ganzen Welt. Am Schluß einer jede der rund hundertachtzig kurzen Erzählungen steht eine 'Moralisatio', die, allegorisierend und aus einem ganz andern Geist entstanden, etwa so gehalten ist wie im Neuen Testament die Auslegungen der Gleichnisse des Herrn. Die Erzählungen sind aus vielen Quellen geflossen, und einige haben wohl wirklich ihren letzten Ursprung in Indien; einige aber, freilich die unvollkommenen sind sicher ganz original, das heißt, ungefähr der Zeit und den Kreisen entstammend, wo das Buch zusammengestellt wurde. Die Zeit muß nun, wenn auch in der denkbar größten Abschwächung, eine Ähnlichkeit mit jenen buddhistischen Jahrhunderten gehabt haben, und die Kreise waren hier ähnliche, wie dort. Es handelte sich um das Durchdringen einer ethischen Religiosität, durch welche andere und mehrere Fähigkeiten der Menschen in Anspruch genommen wurden, wie bei der älteren Frömmigkeit; und die Träger der Bewegung waren freiwillig arme, predigende Mönche. Menschen, welche ganz in einem bestimmten Zirkel von Vorstellungen und Empfindungen leben, ziehen ohne Absicht und unbewußt jede Erfahrung in diesen Zirkel, soweit das immer geht: entweder direkt, oder indem sie die Erfahrung als Bild dessen empfinden, was sie so ganz erfüllt. Wird von solchen Leuten ein Bild gebraucht, so muß man zunächst nicht annehmen, daß sie es bewußt gesucht haben, um etwa ihre Rede zu schmücken; ästhetische Absichten liegen ihnen ganz fern, und sie sind nicht weniger rationalistisch und für das eine, das sie -299- beherrscht, utilitarisch gesinnt, wie der banale Bürger. Für Menschen, welche beständig über die Beziehung von Geist und Körper brüten und annehmen, daß der Geist ein selbständiges Wesen sei, das den Körper für seine Zwecke beherrschen und leiten müsse, und daß der Körper gegen diese Herrschaft mehr oder weniger revoltiere, bietet sich das Bild von Reiter und Pferd sofort dar, wie das von Herr und Knecht. Aus der täglichen Erfahrung muß das Bild damals von jedem empfunden sein. Das Bild wird in Worte gebracht und an seiner Stelle angewendet. Nun kann aber der praktische Verstand darüber kommen, der - nicht etwa das Bild 'poetisch ausführt', eine Darstellung gibt - sondern, um den zu belehrenden Leuten gegenüber recht ausdrücklich zu werden, etwas, das man sonst nur als psychologischen Vorgang, ganz unsinnlich und deshalb wenig wirksam vortragen konnte, als einen wirklichen Vorgang darstellt, der dem Reiter mit dem Pferd geschieht. Durch die Sinnlichkeit und Anschaulichkeit wird dann ein viel größerer Eindruck erzielt. Nach diesem Gesagten lese man folgende Erzählung - die fünfundsechzigste - aus dem Gesta Romanorum. 'Ein gewisser König zog einst aus einer Stadt in eine andere und kam zu einem Kreuz, welches auf allen Seiten beschrieben war. Auf der einen Seite war auf ihm geschrieben: O König, wenn du diesen Weg reitest, so wirst du für deinen Körper eine gute Herberge finden, aber dein Pferd wird übel bedient werden. Auf der andern Seite des Kreuzes war geschrieben: Wenn du diesen Weg reitest, so wirst du deine Herberge finden, wo es deinem Pferd sehr gut gehen wird, du aber wirst -300- übel bedient werden. Auf der dritten Seite war geschrieben: Wenn du auf diesem Weg gehst, so wirst du und dein Pferd zur Genüge haben, aber ehe du ankommst, wirst du heftig geprügelt werden. Auf der vierten Seite war geschrieben: Wenn du auf diesem Wege gehst, so wirst du wohl bedient werden, aber du mußt dein Pferd dort lassen und dann zu Fuße gehen. Wie der König das alles gelesen hatte, verwunderte er sich sehr und dachte bei sich, welchen Weg er reiten wolle, Er sprach bei sich: den ersten Weg will ich wählen, weil es mir wohlgehen wird und dem Pferde schlecht; die eine Nacht wird schnell vorübergehen. Er stieß das Pferd mit den Sporen bis zu einer Straße, wo er eine Burg fand. In dieser war ein Ritter, der ihn gütig aufnahm und ihn wohl bediente, das Pferd aber hatte wenig oder nichts. Am Morgen aber stand er auf, ritt nach seinem Schloß, und erzählte alle Geschichten, welche er gesehen hatte.' Die Moralisatio erklärt: Der König ist der Christ, der das Heil seiner Seele sucht. Das Pferd ist sein Körper (hinzugefügt ist, offenbar von einem Interpolator: 'der aus den vier Elementen zusammengesetzt ist'; so unsinnig die Beziehung auf die vier 'Seiten' des Kreuzes ist, so würde doch, falls die Geschichte nicht schriftlich fixiert, sondern weiter erzählt wäre, aus dieser Beziehung sich irgendein märchenhaftes Motiv ergeben haben, gerade weil sie unsinnig ist). Das Kreuz ist dein Gewissen, welches wie ein Kreuz ausgebreitet ist, dieser eine Teil ruft dich zum guten auf, der andere warnt dich, tapfer gegen das Böse zu kämpfen. Wenn du nun auf dem Wege wandelst, wo es dir gut und dem Pferde schlecht geht, so tust du sehr wohl. Meine Lieben: Jener Weg ist der Weg der Buße, die Herberge ist die heilige Mutter -301- Kirche, wo es dir in der Seele wohl gehen wird, indem das Pferd, das ist dein Körper, Buße tut... Es geht dann weiter, daß der zweite Weg der der Weltlustigen ist, der dritte derjenigen, welche zu wenig gute Werke tun und deshalb erst ins Fegefeuer kommen, und das vierte der wahrhaft Frommen, welche auf alle irdische Lust verzichten. Besonders geschickt ist weder die Erzählung, noch die Erklärung des Gleichnisses. Indessen kommt es darauf hier nicht an. Denken wir uns, daß die Geschichte einem frohen Gemüt bekannt wird, welches nicht an ihren Zweck denkt und die Deutung oder Nutzanwendung unbeachtet läßt, sondern nur durch die pittoreske Situation getroffen wird: ein König, der ausreitet, kommt an einen Kreuzweg und liest die merkwürdigen Inschriften. Hier ist der Phantasie eine Aufgabe gestellt; weshalb reitet der König aus? Was bedeuten die vier Sätze? Wer schrieb sie an? Etwa die vier Ritter, welche die Burgen in den verschiedenen Richtungen bewohnen? Weshalb behandelt der eine die Fremden so, der andere so? Die intellektuelle Tätigkeit, welche hier geleistet wird, ist sehr ähnlich der der modernen Wissenschaftler: es wird eine Erklärung für eine gegebene Tatsache gesucht, eine Theorie. Nur, daß erstens heute andere gegebene Tatsachen angenommen werden, und daß man sich zweitens nicht mit der bloßen Theorie begnügt, sondern in den Naturwissenschaften experimentelle, in der Geschichte Induktionsbeweise dazu erlangt. An einer solchen Geschichte, wie die eben erzählte, arbeitet die Verstandesphantasie heute nicht mehr, denn der erste Gedanke des Hörers ist heute: Kann die Geschichte überhaupt wahr sein; wer erzählt sie; welchen Zweck kann der Erzähler -302- haben - kurz, heute wird sofort die Kritik wachgerufen, und die Gutgläubigkeit der alten Zeiten fehlt. Daß unsere Geschichte weitergebildet ist, zu einem wirklichen Märchen oder zu einer Novelle, ist nicht nachzuweisen. Es ist möglich, daß sie in der unvollkommenen Form stehengeblieben ist aus irgendwelchen zufälligen Gründen. Immerhin kommen Anklänge an die Geschichte sehr häufig in der ritterlichen Dichtung bis auf Ariost und die Prosaromane vor. Ich habe die Geschichte aus den Gesta gewählt, weil ihre Unbehilflichkeit ganz klar zeigt, daß wir es bei ihr mit einer, auf Grundlage eines sich natürlich darbietenden Bildes, aufgebauten Erfindung zu tun haben, welche lediglich praktisch-pastorale Zwecke verfolgt. Als Gegenstück will ich nun eine Geschichte aus einer alten indischen Sammlung erzählen, welche bereits künstlerisch so abgerundet ist, daß der Zweck der Erfindung nicht sofort klar wird. Es ist Pantschatantra Buch 2, Erzählung 4, nach Bonfeys Übersetzung: 'Was ein einziger Spruch wert ist'. Der Zweck des Erfinder war: deutlich zu Gemüt zu führen, was wir Fatalismus nennen; in der Sprache des Erzählers: 'Was ihm bestimmt, wird auch zuteil dem Menschen; ein Gott sogar vermag das nicht zu hindern; drum klag ich nicht, staune darum auch nimmer; denn DAS, was uns höret, gehöret nicht andern.' Aufgabe des Erfinders wird sein, durch seine Erzählung zu zeigen: Der Mensch denkt, das Fatum lenkt; in der wirksamen zugespitzten Form: gerade die auf einen ganz andern Zweck zugespitzten Veranstaltungen von Menschen werden vom Fatum für seine Absichten benutzt. Zunächst hat der Erfinder aber eine Einleitung gemacht, um den hohen Wert seines Satzes ganz anschau- -303- lich zu machen. Der Sohn eines Kaufmanns kauft ein Buch für hundert Rupien, das nur jenen einen Satz allein enthält. Also so wertvoll ist der Satz. Der Vater wird deshalb zum Kaufmann gemacht, damit man einen Mann von weltlicher Gemütsstimmung hat. Er verstößt seinen Sohn, weil dieser gezeigt habe, daß er nie Geld verdienen könne, wenn er so dumm sei, für einen einzigen solchen Satz hundert Rupien zu bezahlen. Dieser Vater wird also durch den Verlauf der Geschichte widerlegt werden müssen. Der Sohn geht in eine anderen Stadt. Zweites Moment, den Wert des Satzes hervorzuheben: Er antwortet auf jede Frage nichts wie diesen Satz, so daß er den Namen bekommt Was-ihm-bestimmt. Eine offenbar dichterisch ungeschickte Erfindung, die aber geeignet ist, den Satz dem Zuhörer recht einzuprägen. Hier ist die Einleitung zu Ende. Die Erzählung enthält in dreifacher, leicht variierter Wiederholung, gleichfalls, um den Satz des Fatalismus recht einzuprägen, wie ein Mädchen eine Zusammenkunft mit ihrem Geliebten verabredet, durch einen Zufall statt des Erwarteten der Held kommt und an die Stelle des Geliebten tritt. Erst hat die Königstochter für ihren Liebhaber einen Strick aus ihrem Fenster gehängt. Der zufällig vorbeigehende Was-ihm-bestimmt klettert an ihm hoch, wird in der Dunkelheit in das Bett der Prinzessin aufgenommen; nachher fragt ihn die Geliebte, weshalb er nicht spreche, und er sagt seinen Spruch 'Was ihm bestimmt, wird auch zuteil dem Menschen'. An der Sprache erkennt sie, daß er ein Fremder ist, und er klettert wieder zurück. Ermüdet legt er sich in einen Tempel schlafen; ein Mann, der hier ein Rendezvous hat, trifft ihn hier, und um den Störenden zu entfernen, bietet er -304- ihm an, in seinem Hause zu nächtigen. Er geht dahin, verfehlt aber das Zimmer und kommt zu der Tochter des Mannes, die gleichfalls einen Liebhaber erwartete und ihn für den Ersehnten hält. Nachher dieselbe Frage, dieselbe Antwort wie vorhin. Inzwischen wird es Tag, er geht auf der Hauptstraße, schließt sich einem Hochzeitszug an, kommt zufällig neben die Braut zu stehen, ein wütender Elefant jagt die Gesellschaft in Schrecken, so daß alle entfliehen, er beruhigt den Elefanten, und die Braut erklärt den Zurückgekehrten, nun werde sie niemanden heiraten wie ihren Retter. Die Sache verursacht einen großen Auflauf, und die Königstochter und das andere Mädchen befinden sich unter den Zuschauern. Der König erscheint und befiehlt dem Helden, seine Geschichte zu erzählen. Dieser sagt seinen Satz: 'Was ihm bestimmt, wird auch zuteil dem Menschen'. Die Königstochter erkennt ihn und sagt den zweiten Vers: 'Ein Gott sogar vermag das nicht zu hindern.' Das andere Mädchen fügt den dritten Vers hinzu: 'Drum klag ich nicht, staune darum auch nimmer', und die Braut schließt: 'Denn DAS, was uns hört, gehöret nicht andern.' Hierauf erhält dann Was-ihm-bestimmt die Königstochter und die beiden andern Mädchen als Frauen nebst der entsprechenden Mitgift. Der paränetische Zweck der Erfindung ist ebenso klar wie bei der ersten Geschichte; aber weil sie abgerundet ist, wirkt sie schon als wirkliche Geschichte, und der zu erhärtende Satz ist so anmutig hervorgehoben und durch die Erzählung verschlungen, daß das schon allein ein ästhetisches Vergnügen bereitet. Von der Wirkung auf fromme Gemüter mögen sich die Leser eine Vorstellung -305- machen, wenn sie an die Predigten unseres Abraham Santa Clara denken. Wer einige Kenntnis der Märchen und Novellen hat, wird eine zahlreiche Nachkommenschaft dieser Geschichte kennen. Einer der reizendsten Abkömmlinge ist die Novelle II, 2 beim Boccaccio. Der Italiener ist nichts weniger als Fatalist, für ihn handelt es sich also lediglich um lustige Zufälle. Deren novellistischer Reiz würde durch die Häufung gleichförmiger Erlebnisse schwinden; deshalb hat er bloß ein einziges; und indem er dieses schalkhaft an die Verehrung eines Heiligen knüpft, gibt er ihm noch den besonderen Reiz, den viele seiner Novellen haben, für seine Zeit noch stärker hatten. Ein Kaufmann hat die Gewohnheit, auf seinen Reisen jeden Morgen zum heiligen Julian zu beten, daß der ihm ein gutes Nachtlager verschaffe; Räuber überfallen ihn und ziehen ihn bei winterlicher Kälte nackt aus; aber er kommt an ein Kastell und wird hier von einer liebenswürdigen Dame so freundlich aufgenommen wie sein indischer Vorgänger, und so zeigt denn sich der heilige Julian für die treue Verehrung dankbar. Ein recht abenteuerliches Element in der indischen Erzählung ist das beständige Wiederholen des Spruches durch den Helden. An solche auffälligen Dinge knüpfen sich Weiterbildungen durch die Phantasie. Es stößt jemandem auf, wie ein solcher Mann ganz hilflos sein müßte, wenn er in eine gefährliche Situation kommen sollte, und nun erfindet er eine solche Situation. Da der Grund für das beständige Wiederholen des Satzes mit dessen Bedeutsamkeit bei andersgearteten Völkern verschwindet, so muß auch eine neue Ursache gefunden werden. Hier gibt es nun manche Märchen, die mehr oder weniger geschickt eine solche Ursache, einen solchen -306- Satz und eine schwierige Situation kombinieren; das bei uns bekannteste ist das bei Grimm von den drei Handwerksburschen (Nr. 120). Es möge zum Schluß kurz erzählt werden: Der Teufel verlangt von den dreien, daß sie jeder immer nur sagen sollen, der erste 'wir alle drei', der zweite 'ums Geld', der dritte 'und das war recht', dann würde er ihnen so viel Geld geben, wie sie haben wollten. Ein Wirt ermordet einen reichen Kaufmann und verdächtigt die drei, die vor Gericht, indem sie nach der Reihe ihren Spruch sagen, einzugestehen scheinen. Wie sie hingerichtet werden sollen, kommt der Teufel verkleidet und erlaubt ihnen, daß sie die Wahrheit, die sie gesehen haben, erzählen; da entdecken sie die Schandtat des Wirtes, der nun hingerichtet wird und dem Teufel verfallen ist. Auch diese Erzählung ist nicht besonders geschickt, zeigt aber gerade dadurch ihren Ursprung aus den Kombinationen über das gegebene Thema: Ein Mann spricht immer denselben Satz. Je plausibler eine Erzählung ist, desto weniger gibt sie zu solchen Kombinationen und Erklärungen Anlaß, die ihrerseits wieder neue Ausgangspunkte für Geschichten werden. So erklärt sich zum Teil die merkwürdig erfinderische Phantasie jener oben geschilderten Zeiten. Heute werden Erfindungen von Geschichten nur noch von Dichtern gemacht, denen daran liegen muß, daß ihre Geschichten recht plausibel sind; und zugleich sind sie, der künstlerischen Absicht wegen, geschlossen. Regen sie stark an, so können sie deshalb nur Nachahmungen erzeugen, nicht Weiterbildungen und neue Kombinationen. Damals wurden die Geschichten erfunden von Moralisten für paränetische Zwecke: nicht mit dem Ziel, einen Anschein der Wahrheit zu erwecken, sondern um einen mora- -307- lischen Satz recht eindringlich zu machen durch Übertreibungen, Unmöglichkeiten, Wiederholungen usf. Diese Geschichten wurden dann späterhin gutgläubig als wahr angenommen, und indem man Erklärungen, Motive und Konsequenzen ausdachte, wurde bei durchaus rationalistischer Absicht, die prinzipiell nicht von der Absicht des modernen Wissenschafters verschieden ist, ein Werk der Phantasie geschaffen. VI. Wer ohne vorgefaßte Meinungen die neuere Poesie mit der mittelalterlichen vergleicht, der wird unter vielen Unterschieden besonders einen merkwürdig finden: je näher wir zur Gegenwart kommen, desto geringer wird die Zahl der Sujets und Motive - wir wollen sagen: Stoffe - ja, es scheint, als ob neue Stoffe gar nicht mehr gefunden würden, und nur ein immer enger werdender Kreis von alten Stoffen neu behandelt werden könnte. Mindestens wird man sehr lange nachdenken müssen, ehe man bei einem neueren Dichter einen Stoff findet, der ganz unserer Zeit angehören muß. Vielleicht könnte man sich sagen: das Finden oder vielmehr Erfinden neuer Stoffe war immer eine Seltenheit; im Laufe vieler Jahrtausende aber haben sich die Stoffe nun gehäuft; und was wollen die rund vierhundert Jahre der Neuzeit gegen diese langen Zeiten vorher bedeuten? Aber mit diesem Einwand ist jedenfalls die Verengerung des Stoffkreises nicht erklärt. An eine Menge Stoffe wagen sich heutige Künstler nicht mehr, weil man allgemein annimmt, sie halten vor der Kritik aus der Wirklichkeit nicht stand. Man kann förmliche Ablagerungen der Einwände gegen gewisse Arten von Stoffen beobachten. -308- Periodisch kommen literarische Bestrebungen zur Macht, die sich als Rückkehr zur Natur vorstellen; eine jede solche Periode räumt unter anderem auch mit einer bestimmten Art von Stoffen auf, die man dann in den nachfolgenden Zeiten der sogenannten Stilkunst nicht wieder einzuführen wagt. Der weitaus, weitaus überwiegende Teil der noch heute verwendbaren Motive und Sujets stammt ganz bestimmt nicht aus der Wirklichkeit. Es ist oft uraltes Gut der Völker, auf rätselhafte und immer noch nicht genügend erklärte Weise bei den entferntesten und verschiedensten Völkern auftretend, entstanden außer auf die ausführlicher dargestellten zwei Weisen durch Wandlungen der Sprache, indem eine spätere Zeit die Sprachlogik der Vergangenheit nicht mehr verstand und durch Erfindungen deutete; durch Wandlungen der Anschauungen über den Weltzusammenhang, über den Tod, die Seele, das Jensetis, Gott usw., indem man unverstandene Reste des früheren Glaubens rationalistisch deutete; durch Wandern der Stoffe zu andern Völkern, durch Weitererzählen bei veränderten Zuständen des Volkes und mit Anpassen an das Neue. Der Prozeß ist im wesentlichen immer der: ein durch die Wirklichkeitserfahrung unlösbares Problem wird durch eine erfundene rationalisierende Geschichte gelöst. Im Fortgang der Zeiten stellen sich in dieser Geschichte wieder unlösbare Probleme heraus, und eine neu Erdichtung kommt wieder wirklichkeitsnäher; in der folgenden Zeit wird die Wirklichkeitskritik wieder schärfer, und eine neue Rationalisierung kommt, bis man zuletzt das Ganze als belanglos oder töricht überhaupt fallen läßt. Etwa ähnlich, wie die Vorstellung vom Mädchen im Baum herrschte von alten Zeiten her, ist eine Vorstellung, -309- daß Menschen Raben sind. Man sieht das heute nicht mehr, also war das nur früher. Was früher oft geschah, erscheint den Menschen in einer bestimmten Entwicklungsperiode als einmal geschehen. Es wurden einmal Menschen in Raben verwandelt und wurden dann wieder Menschen. Wie kam eine solche Verwandlung? Das ist auf verschiedene Weise möglich; unter anderem so: ein Mensch, der die Macht hatte, wurde gereizt und sprach das Zauberwort aus. Hier, wo nun die Dichtung beginnt, macht sich das größere oder geringere Geschick des Dichters bemerkbar durch bessere oder schlechtere Motivierung. So heißt es in dem Grimmschen Märchen von den sieben Raben, recht schwach, daß der Vater ungeduldig wird, weil die sieben Söhne nicht schnell genug von der Quelle zurückkommen. Wie kann die Entzauberung stattfinden? Da kommt fast immer in der Deutung etwas tief Geheimnisvolles heraus: durch Liebe und unerschrockene Güte eines Menschen. Hier sind offenbar nur Empfindungszusammenhänge, keine logische Erklärung; vielleicht wie Liebe, Aufopferung, Treue, Güte die andern Menschen veredelt, auf die sie sich richtet, so kann sie auch entzaubern - man verzeihe die unzutreffende Ausdrucksweise, es läßt sich nicht anders sagen. Solche Verwendung von Emmpfindungszusammenhängen als Erklärungen finden wir bei der weiteren Entwicklung immer seltener, auf ihnen ruht aber sehr viel, vielleicht das meiste von dem poetischen Reiz alter Stoffe. Aber weiter. Eine spätere Zeit findet den Vorgang unglaubhaft, kann sich aber vorstellen, daß ein Mensch gezwungen ist, in dem Kleide eines Raben zu leben; er wird befreit, wenn man das Kleid ins Feuer wirft, wenn er es einmal ausgezogen hat. Auch das bildet sich weiter. Man erklärt: nicht so war es, daß der betreffende Mensch ein Vogel -310- war; er kam aus einem fernen Lande, niemand kannte seinen Ursprung, und er wurde von einem Vogel geführt wie Lohengrin. Und endlich mag dann der Vogel nur noch sein Wappentier sein, und er ist etwa unehelichen Herkommens, wie so viele Helden der alten Ritterromane. Man sieht, das Verschwinden derjenigen Stoffe, welche einen mythischen - das Wort ganz weit genommen - Ursprung haben, ist ein durchaus natürlicher Prozeß, der nicht erst in der Gegenwart vor sich geht. Nur: es entstehen aus mythischen Ursprüngen keine neuen Stoffe mehr. Nicht, daß den Menschen die Fähigkeit abhanden gekommen wäre; aber früher waren Dichtung, Wissenschaft und Religion eins, heute sind sie getrennt; und die entsprechende Kraft der Menschen äußert sich heute in der Wissenschaft als Theorie: eine grandiose Mythologie ist etwa die Darwinsche Theorie; eine immerhin interessante kommt bei den Rassetheoretikern heraus; die verschiedenen Geschichtsauffassungen, ja, die politischen Überzeugungen der Menschen sind solche Dichtungen von heute, welche der Literatur freilich verloren gehen. Das ist nun die eine Seite der Sache. Aber man kann auch von einer andern Stelle aus untersuchen, und hier kommen wir auf die zweite Quelle. Jene Stoffe sind an sich nur Gedankenzusammenhänge und Vereinigungen von Vorstellungen und geben nur einen Teil des Rohmaterials für die Dichter her. Unsere Volksmärchen sind derjenige Teil unserer älteren Dichtwerke, welcher von der gesamten Nation angenommen wurde, ihr also offenbar kongenial war. Sie sind in jeder Hinsicht außerordentlich verschieden voneinander; außer den rein ästhetischen Eigenschaften, die sich aus der Technik der Erzählung ergeben, habe sie nur eins ge- -311- meinsam: den unerschütterlichen Glauben ein eine sittliche Weltordnung: Ob in der 'Wirklichkeit' eine sittliche Weltordnung herrscht, darüber sind bekanntlich seit Jahrtausenden die Meinungen geteilt: reichten unsere Quellen weiter, so würden wir den Gegensatz noch weiter zurück verfolgen können. Für die Dichtung ist dieser Streit der Weltbetrachter gleichgültig. Es gibt keinen törichtern Einwand, wie den, daß etwa die poetische Gerechtigkeit im Leben nicht vorkomme; eben, weil sie jenseits des Lebens steht, heißt sie poetisch. Ich meine, eine vertiefte Einsicht in das GESELLSCHAFTLICHE Leben und die Zusammenhänge der Menschen und Vergessen des beschränkten Persönlichkeitsstandpunktes seit den Vorstellungen von der irdischen Gerechtigkeit her, diesem Widerspruch in sich, wird auch im Leben die göttliche Gerechtigkeit sehen: aber da man diese Einsicht nicht von allen Menschen verlangen kann, so genügt es, wenn man sich klar macht: nicht auf die Darstellung dessen, was den Menschen umgibt, geht die Kunst als auf ihren Zweck; das ist ihr nur Mittel; sondern dessen, was der Mensch ersehnt; und am tiefsten ersehnt selbst der Unsittliche die sittliche Weltordnung. Wir wir sahen, hat es Zeiten gegeben, wo man aus der Betrachtung der ethischen Probleme Stoffe schuf: entweder indem man sich die ethischen Mächte in lebenden Wesen und ihren Beziehungen symbolisierte, weil man noch nicht begrifflich dachte; so ist etwa Hiob entstanden; oder, was das häufigere war, indem man für ethische Probleme, mehr noch naturgemäß für untergeordnete moralische Lehren und Vorschriften Lehrbeispiele für Predigten ersann. In unsern Tagen ist seit langer Zeit wieder bewußt -312- derartiges neu geschaffen, und zwar von einem Dichter: Leo Tolstoi. Man mißversteht diesen großen Mann und großen Dichter bei uns vollständig, indem man ihn auffaßt wie einen Literaten unter andern Literaten, der vorzügliche Romane und Erzählungen geschrieben habe und merkwürdigerweise leider auch sehr törichte Ansichten über Politik, Gesellschaftsleben und Kunst äußere. Tolstoi ist ein schöpferischer Geist, der sich eine neue Welt nach seinem Ideal schafft, einem ethischen Ideal. Sobald das ethische Ideal mit der Wirklichkeit zusammenstößt, so erscheint es stets als Torheit. Wenn der alte buddhistische König Asoka an den Grenzen seines Reiches Inschriften anbringen ließ, in denen er sich gegen den Krieg ausspricht, so ist das gewiß töricht, denn der Krieg gehört zum Wesen des Staates, denn das Wesen des Staates ist Macht. Aber im höheren Sinn ist es das größte, was geschehen konnte, daß ein König, in dem der Staat sich verkörpert, den Krieg verneint: das heißt, daß unser irdisches Leben nur ein verächtlicher Kompromiß ist. Tolstoi ist Ethiker, und als Ethiker ist er Dichter. In seiner früheren Periode, vor seiner 'Bekehrung', suchte er seine ethischen Empfindungen aus der Detaildarstellung der genau beobachteten Wirklichkeit heraus zu bilden und machte sich über den Stoff, das Motiv und Sujet nicht mehr Gedanken, wie andere neuere Romandichter und Erzähler. In seiner Vorrede zu einer Sammlung von ihm neu erfundener Legenden spricht er aber dann darüber, wie ihm klar geworden sei, daß die heutigen Dichter immer nur die alten Stoffe wieder neu bearbeiten, ohne sich klar darüber zu sein, daß in einem bestimmten Stoffe schon ein großer Teil, unter Umständen das größte Teil der dichterischen Arbeit von den alten, -313- längst verstorbenen Dichtern geleistet ist. Er gebraucht sehr harte Worte: hätte er schon die allerneuste deutsche Literatur gekannt, welche sich nicht scheut, die vollkommensten Meisterwerke der Weltliteratur als Rohstoff zu verwenden, so hätte er wohl noch härter gesprochen. Jedenfalls hat in diesen Legenden seit Jahrhunderten hier ein Dichter zum erstenmal bewußt neue Stoffe geschaffen, bewußt aus seinem auf gewisse Empfindungen gerichteten Willen. Diese Geschichten gehören zu den schönsten Werken des menschlichen Geistes und können Jahrtausende leben, nicht nur als Stoff, sondern auch in der Form, welche ihnen Tolstoi gegeben hat. Ich will einen Inhalt erzählen, um klar zu machen was ich meine. Ein gewisser Fasttag wird von den Bauern sehr hoch gehalten; sie zünden ein Licht in ihrer Stube an und singen fromme Lieder. Ein hartherziger Verwalter zwingt die Bauern an diesem Tage zu pflügen. Ein frommer Mann folgt dem Befehl ohne Murren; wie der Verwalter nach den Leuten sieht, findet er, daß der Mann eine Kerze auf seinen Pflug gesetzt hat, und wie er pflügend seine Lieder singt. Dem Verwalter gehen plötzlich seine Missetaten auf das Gewissen und er stirbt. Der Griseldisstoff ist uns in der Fassung Boccaccios überliefert, trotz aller dichterischen Genialität des alten Novellisten bei weitem nicht so eindringlich und schön gestaltet, wie diese Geschichte; dennoch gehört er zum dauernden Bestand der Dichtung; er ist - lange vor Boccaccio - als Ausdruck derselben ethischen Vorstellung gedichtet: von der unüberwindlichen Macht der Demut. Hat man sein Auge geschärft für den Stoff, so sieht man, daß unbewußt auch andere Dichter neue Stoffe geschaffen haben, welche das Höchste der Dichtung erstreben: die Darstellung der sittlichen Welt, welche ein -314- Kampf und ein Prozeß ist, durch die sinnlichen Mittel. So ist Dostojewskis Raskolnikow ein neuer Stoff, den ein Dichter schuf, der den Kampf des menschlichen Stolzes mit dem göttlichen Gesetz darstellen wollte. Wie die Griechen in ihrem tragischen Zeitalter, wie die Juden zur Zeit des Hiobsdichters ringen wir heute um eine neue Ethik und eine neue Religion; so wird der Raskolnikowstoff, wenn wieder bedeutende Dichter kommen, wieder neu gewendet und neu dargestellt werden, vor allem von einem Tragiker. Die Stufenfolge der Geister kann man erkennen, wenn man an Ibsen denkt. Auch Ibsen hat sein Dichten so aufgefaßt wie Dostojewski und Tolstoi; aber er kam nie zu der Höhe wie jene beiden; das Licht bei Tolstoi und das Beil bei Dostojewski ist Wirklichkeit, und so haben die beiden einen neuen Stoff geschaffen, bei Ibsen geht die Wirklichkeit und die ethische Bedeutung der Wirklichkeit nebeneinander unverbunden her, so, daß die Bedeutung sich oft zu einem selbständig lebenden Symbol entwickelt, das doch wieder der Wirklichkeitsabhandlungen zu seiner Erklärung bedarf: er ist nur Moralist. Im tiefsten Grund: er war Skeptiker und Analytiker, nicht Gläubiger und Schöpfer; Zuschauer und Darsteller, nicht Erleber. Der Weg der Menschen geht zu immer größerer Klarheit, zu immer bewußterem Handeln, Denken und Empfinden. Eine Weile mag es scheinen, als ob das ein Weg zur seelischen Verarmung sei; aber wenn wir nur recht arbeiten, dann wird unser Geist das tausendfach geben, was früher die Natur gab: so ist es nicht nur im materiellen Leben, sondern auch im seelischen. Paul Ernst.