***************************************************************** * * Titel: WITTGENSTEIN ÜBER SEHEN UND SEHEN-ALS Autor: Thorsten Jantschek, Frankfurt - Germany Dateiname: 07-2-96.TXT Dateilänge: 96 KB Erschienen in: Wittgenstein Studies 2/96, Datei: 07-2-96.TXT; hrsg. von K.-O. Apel, N. Garver, B. McGuinness, P. Hacker, R. Haller, W. Lütterfelds, G. Meggle, C. Nyíri, K. Puhl, R. Raatzsch, T. Rentsch, J.G.F. Rothhaupt, J. Schulte, U. Steinvorth, P. Stekeler-Weithofer, W. Vossenkuhl, (3 1/2'' Diskette) ISSN 0943-5727. * * ***************************************************************** * * * (c) 1996 Deutsche Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V. * * Alle Rechte vorbehalten / All Rights Reserved * * * * Kein Bestandteil dieser Datei darf ganz oder teilweise * * vervielfältigt, in einem Abfragesystem gespeichert, * * gesendet oder in irgendeine Sprache übersetzt werden in * * irgendeiner Form, sei es auf elektronische, mechanische, * * magnetische, optische, handschriftliche oder andere Art * * und Weise, ohne vorhergehende schriftliche Zustimmung * * der DEUTSCHEN LUDWIG WITTGENSTEIN GESELLSCHAFT e.V. * * Dateien und Auszüge, die der Benutzer für * * seine privaten wissenschaftlichen Zwecke benutzt, sind * * von dieser Regelung ausgenommen. * * * * No part of this file may be reproduced, stored * * in a retrieval system, transmitted or translated into * * any other language in whole or in part, in any form or * * by any means, whether it be in electronical, mechanical, * * magnetic, optical, manual or otherwise, without prior * * written consent of the DEUTSCHE LUDWIG WITTGENSTEIN * * GESELLSCHAFT e.V. Those articles and excerpts from * * articles which the subscriber wishes to use for his own * * private academic purposes are excluded from this * * restrictions. * * * ***************************************************************** Wittgensteins späte Überlegungen zu den Wahrnehmungsbegriffen*1* gehen zurück auf seine Beschäftigung mit den Wahrnehmungstheorien von W. James, W. Köhler sowie der Sinnesdatentheorie G. E. Moores und B. Russells; und sie werden vor diesem Hintergrund erst richtig deutlich. Diese drei Konzepte der Wahrnehmung werde ich in einem ersten Schritt grob skizzieren, um dann zu zeigen, wie sich Wittgenstein von ihnen absetzt. Hier wird der Begriff des Aspektsehens eine wichtige Rolle spielen und dazu führen, mit Wittgenstein einen umfassendenBegriff des Sehens zu entfalten sowie den Begriff des Sehen-als zu profilieren. 1. Visuelle Wahrnehmung: Sinnesdatum, Denken oder Organisation? (1) Es gibt, je nach zugrundegelegter Ontologie und Methode, viele Varianten von Theorien, die von Sinnesdaten ausgehen. G.E. Moore verwendete bekanntlich den Begriff der Sinnesdaten als erster und hat ihn gemeinsam mit B. Russell entscheidend geprägt. Für unseren Kontext ist es wesentlich, daß alle Fassungen der Sinnesdatentheorie von der Ansicht eines unmittelbaren Zugangs und eines unmittelbaren Wissens ausgehen, von einer unmittelbaren Bekanntschaft (Russell:"knowing by aquaintance") oder einer unmittelbaren Wahrnehmung (Moore:"direct apprehension") des eigenen "inneren" introspektiv zugänglichen Lebens. Diese Ebene unmittelbarer Kenntnis ist für den Wahrnehmenden die Basis seines Wissens über die Außenwelt, die ihm, der phänomenalistischen Fassung der Sinnesdatentheorie gemäß, nur vermittelt, durch Schließen etwa, zugänglich ist. Die Sinnesdaten dagegen sind unbezweifelbar, denn wir sehen ja auch im Falle der Illusionen, Halluzinationen und der Nachbilder irgend ETWAS. Sie sind privat, denn in diesen Fällen sieht nur der Wahrnehmende selbst etwas. Russell etwa schrieb: "I think that some of the things we observe cannot, even theoretically, be observed by any one else."*2* Damit ist auch das Wissen ein ausgezeichnetes, denn nur ich WEIß, was ich sehe und nur ich HABE die Sinnesdaten. Verknüpft mit sprachphilosophischen Überlegungen wird daraus die Vorstellung einer privaten Sprache, in der Sätze über Sinnesdaten, wie bei A. J. Ayer, unbezweifelbar und unkorrigierbar sind. Diese Sprache liegt der Rede über die Welt zugrunde und ist daher logisch primär. Die Zuordnung von sprachlichen Zeichen und Sinnesdaten kann, zu Ende gedacht, nur über eine innere hinweisende Definition im Sinne Wittgensteins zustande kommen. (2) Die Rede von elementaren Empfindungen (eng. "sensation") findet sich auch in der Psychologie von W. James, jedoch in einem völlig anderen Sinne als in der Sinnesdatentheorie. James versucht sich gerade von der Vorstellung elementarer Empfindungen, wie er sie von Lotze und Wundt kannte, abzusetzen. Im Zuge zunehmender physiologischer und experimenteller Untersuchungen bestimmte noch Lotze die ENTSTEHUNG einfacher Empfindungen hervorgehend aus dem äußeren Reiz, der Transformation in körperliche Reize und dem sich an- schließenden "empfindungserzeugenden Nervenprocess"*3*. Die einfache Empfindung ist bei ihm aber dennoch nicht eine physiologische Entität, sondern vielmehr das "bewußte Empfinden einer einfachen Sinnesqualität, eines Tons, einer Farbe."*4* Sie ist uns nur durch Introspektion zugänglich. Bei W. Wundt rückte dann stärker das Problem der Zuordnung von introspektiv WAHR- GENOMMENER Empfindung und physiologischen Prozessen in den Vordergrund. Bei James ist der Begriff der Empfindung, auch noch im Sinne von 'sensation', ein aus methodischen Gründen notwendiger Begriff, er steht aber nicht mehr im Zentrum der Untersuchungen. Empfindungen werden unter Rückgriff auf physiologische Erkenntnisse bestimmt. Es handelt sich bei James' Empfindungsbegriff um eine aus wissenschaftlichen Gründen vollzogene Abstraktion. Empfindungen in reiner Form können nach James nur bei Säuglingen in den ersten Lebenstagen vorkommen und werden bald danach durch mentale Einflüsse, wie z.B. durch Assoziationen, verändert. Sie sind dadurch kein Gegenstand der Erfahrung, denn sie sind über Introspektion, die James methodisch noch für relevant hielt, nicht zugänglich, weil Introspektion eine Fähigkeit sei, die Säuglingen nicht zukommt. Eine Empfindung ist [...] ein im ausgebildeten Seelenleben niemals wirklich vorkommendes Produkt der Abstraktion.*5* Hier kann man nicht mehr von elementaren Bewußtseinsinhalten reden. Theoretisch benötigt James den Begriff der Empfindung aber und bestimmt ihn, seinem physiologischen Programm gemäß, als das Endprodukt einer Nervenreizung, wenn sie direkt im Gehirn eintrifft. Es handelt sich dabei um ein GEDACHTES Bewußtseinsresultat, wie es sich ohne Teilnahme an weiterführenden Verarbeitungsprozessen im Gehirn beim Eintreffen der Nervenreizung finden lassen MÜßTE. Empfindungen sind nach James einfach, aber nicht isoliert. Dies unterscheidet James wiederum von seinen Vorgängern, die von einer diskontinuierlichen Menge unveränderbarer Elemente ausgegangen sind, wogegen James wie Brentano und Husserl den Begriff des Bewußtseinsstroms, d.i. bei James der kontinuierliche Wechsel der Be- wußtseinsinhalte, einführte, der der lebensweltlichen Erfahrung viel näher steht. Der Empfindungsbegriff ist bei James also durch folgende Merkmale bestimmt: Empfindungen sind 1. physiologisch-genetisch die ersten Bewußtseinserscheinungen, 2. sie sind einfach, aber nicht isolierte Elemente, 3. sind sie keine durch Introspektion zugänglichen BewußtseinsINHALTE, somit der Erfahrung entzogen und sind folglich 4. durch begriffliche Abstraktion zustan- degekommene, gedachte Entitäten. Im gewöhnlichen Leben steht die Wahrnehmung im Vordergrund: was wir sehen, hören, riechen usf. ist das Entscheidende. James unterscheidet also Wahrnehmung und Empfindung (perception und sensation). Sensation, then, so long as we take the analytic point of view, differs from Perception only in the extreme simplicity of its object or content.*6* James bestimmt Wahrnehmung als "consciousness of particular material things present to sense". *7* Dieses Bewußtsein bildet sich durch das Zusammenwirken verschiedener mentaler Prozesse, wie Erinnerung, Assoziation und Empfindung. Dies Bewußtsein kann mehr oder weniger vollständig sein; es gibt, sozusagen, Grade der Deutlichkeit der Wahrnehmung. Wahrnehmungen sind demgemäß nicht als statische Komplexe elementarer Empfindungen zu verstehen, sondern prozessual. Durch diese prozessuale Fassung des Wahrnehmungsbegriffs gewinnt James gegenüber der Tradition nicht nur den Vorteil der Anschaulichkeit, denn natürlich ändert sich beispielsweise das Wahrnehmungsbild beständig. Er verschafft sich außerdem einen Vorteil bei der Erklärung der Wahrnehmungstäu- schungen, die ein Problem für die Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorien seit der Antike darstellten. Illusionen und trügerische Wahrnehmungen entstehen nach James nicht deshalb, weil die Sinne uns täuschen, oder gar insgesamt unzuverlässig sind, sondern weil bei der Wahrnehmung nicht nur Sinnespartikel zusammengefügt werden, vielmehr sind weitere mentale Prozesse beteiligt, die uns täuschen können. The so-called 'fallacy of the senses', of which the ancient sceptics made so much account, is not fallacy of the senses proper, but rather of the intellect, which interprets wrongly what the senses give.*8* In diesen Kontext würden auch visuelle Phänomene wie die reversiblen Figuren (Kippfiguren) gehören, die von James aber nicht eigens behandelt werden. Auf sie ÜBERTRAGEN heißt das soviel, daß das gleiche Objekt gesehen wird, das Gesehene aber unterschiedlich gedeutet wird, so daß nur ein Teil von dem, was wir wahrnehmen, von dem Objekt vor uns durch unsere Sinne uns geliefert wird, während ein anderer Teil (und wohl der größere) immer aus unserem Innern hinzugefügt wird.*9* Zwar denkt James hier nicht an Kippfiguren, aber in ihrem Falle bleibt das durch die "Sinne gelieferte" gleich, während wir tatsächlich vor und nach dem Umschlagen zwei unterschiedliche Gegenstände wahrnehmen, so daß dafür der Teil verantwortlich sein muß, der "aus unserem Innern hinzugefügt wird." (3) In ganz ähnlicher Weise, wie ich es hier für James angedeutet habe, behandelt J. Jastrow die reversiblen Figuren.*10* Für ihn sind die reversiblen Figuren die besten Beispiele, um zu zeigen, daß seeing is not wholly an objectiv matter depending upon what there is to be seen, but is very considerably a subjective matter, depending upon the eye that sees.*11* Er spricht von einem GEISTIGEN "Auge", das die Figuren sieht, genauer: die Linien DEUTET*12*, so daß der Wechsel von einem Bild zum andern auch für ihn der WECHSEL EINER DEUTUNG ist. (4) Die Gestaltpsychologie Köhlers ist strikter noch als James gegen jede Bestimmung der Wahrnehmung durch einen Rekurs auf einfache, neutrale Empfindungen bzw. Sinnesdaten gerichtet. Schon Christian von Ehrenfels hat am Beispiel von Melodien zu zeigen versucht, daß man den Phänomenen nicht wirklich gerecht werden kann, wenn man von reinen Elementarempfindungen ausgeht. So richtet sich auch W. Köhler gegen die Vorstellung einfacher, neutraler, durch die Introspektion wahrnehmbarer und beschreibbarer Empfindungen. Dabei geht es ihm vor allem darum, den Wahrnehmungsvorgang im ganzen zu betrachten. Visuelle Prozesse sind keine Einzelvorstellung, sondern stehen in beständiger Wechselwirkung miteinander. An die Stelle der Sinnesdaten treten in der Gestalttheorie natürlich die GESTALTEN, das sind wahrnehmbare Ganzheiten, deren wesentlichstes Merkmal es ist, Eigenschaften zu besitzen, die über die Eigenschaften der Teile hinausreichen. Nach Köhler hat die Fähigkeit, etwas als Ganzheit zu sehen, mit Lernprozessen zu tun und diese Lernprozesse sind VISUELLE Prozesse und nicht solche, die primär mit früheren Erfahrungen zu tun haben.*13* Diese Prozesse konstituieren die WahrnehmungsORGANISATION. Mit der Einführung des Begriffs der Organisation geht Köhler vor allem gegen die seiner Einschätzung nach empiristische Überbetonung der Beziehung von Lernen und Wahrnehmung vor. Von der Organisation eines Wahrnehmungsfeldes kann man nach Köhler dann sprechen, wenn das Wahrnehmungsfeld sich PRIMÄR in Ganzheiten gliedert, also ohne "Einwirkung" weiterer intellektueller Fähigkeiten. Dadurch gewinnt der Begriff der Gestalt, das Aussehen von Gegenständen etwa, einen Eigenwert, der dem von Form und Farbe gleichkommt, man betrachtet "shape as a visual attribute."*14* Wir nehmen demgemäß neben Form und Farbe, bzw. neben Tonhöhe und Tondauer, auch die Organisation wahr. Organisationsprozesse sind "Prozesse, die Gegenstände im Sehfeld hervortreten lassen."*15* Für die Kippfiguren spielt der Begriff der Organisation eine entscheidende Rolle, denn obwohl Form und Farbe gleich bleiben, wird der Gegenstand völlig anders GESEHEN. Nichts liegt dann näher, als für den Gestaltwechsel die ORGANISATION der Wahrnehmung heranzuziehen. Wenn die Organisation sich ändert, so muß für diese Fälle eine INSTABILE Organisation angenommen werden. Für das Umschlagen des Bildes hat Köhler daher sogar eine Sättigungshypothese entwickelt. Der Aspektwechsel wird, anders als bei James, zu einem ausschließlich VISUELLEN Phänomen. Köhler bindet weiterführend die Vorgänge der Wahrnehmung und der Organisation erklärend an physiologische Phänomene, er spricht von einer Strukturähnlichkeit von Wahrnehmung und kortikalen Vorgängen.*16* Es handelt sich hier um eine Erklärungshypothese, nach der der Wahrnehmung bestimmte kortikale Prozesse zugrunde liegen müssen. Damit wird dann auch der Wechsel des Aspektes erklärt: In some instances, sensory organization seems to change spontaneously, i.e., in the absence of any outside influence, simply because processes which pervade given parts of the nervous system for some time tend to alter the condition of the tissue in question.*17* D.h. für den Begriff der Organisation: From our present point of view, however, sensory oganization appears as a primary fact which arises from the elementary dynamics of the nervous system. So long as organization is regarded as an intellectual activity, we can not, of cause, account for the role which organization plays in biology, particularly in ontogeny.*18* 2. Wittgensteins Kritik der Wahrnehmungsbegriffe (1) Eine mögliche Art, die Bedeutung der psychologischen Worte zu bestimmen, ist die Introspektion. Die METHODE der Introspektion galt zu Beginn der wissenschaftlichen Psychologie als selbstverständlich und war weit verbreitet. Erst mit dem Aufkommen des Behaviourismus wurden Begriffe wie 'Selbstbeobachtung' und 'innere Wahrnehmung' als methodische Grundbegriffe der Psychologie, die auch noch für W. James wissenschaftliche Relevanz besaßen, wirklich suspekt. Daß gerade die Introspektionsmethode historisch für die Psychologie so interessant werden konnte, hängt mit der Nähe der sich entwickelnden Psychologie zur empiristischen Tradition der Philosophie zusammen, was sich etwa an der psychologischen Ausarbeitung des empiristischen Assoziationskonzeptes zeigen ließe, das bis hin zu den behaviouristischen Lerntheorien reicht. Systematisch stellt die Introspektion aber nur dann eine sinnvolle Methode dar, wenn es ein "INNERES" gibt, einen Inhalt, der WAHRGENOMMEN werden kann. Dies ist dann auch der Punkt, an dem Wittgenstein einhakt. Zunächst hat es eine gewisse Plausibilität, die Methode der Introspektion als durchaus sinnvolle Methode anzunehmen, wenn man so geläufige Redeweisen wie "etwas vor dem inneren Auge sehen" o.ä. betrachtet. Die Frage ist nur, wie ein solches BILD zu verstehen ist, besonders ob und was hier die Wörter 'etwas' und 'sehen' bedeuten. Damit könnte, was auch plausibel klingt, gemeint sein, die Aufmerksamkeit auf gewisse Vorgänge im Bewußtsein zu lenken. Aber was kann das heißen: 'meine Aufmerksamkeit auf mein Bewußt- sein lenken'? Es ist doch nichts merkwürdiger, als daß es so etwas gibt! Was ich so nannte (denn diese Worte werden ja im ge- wöhnlichen Leben nicht gebraucht), war ein Akt des Schauens. Ich schaute steif vor mich hin - aber NICHT auf irgend einen bestimmten Punkt oder Gegenstand. Meine Augen waren weit offen, meine Brauen nicht zusammengezogen (wie sie es meistens sind, wenn ein bestimmtes Objekt mich interessiert). Kein solches Interesse war dem Schauen vorangegangen.*19* Wittgenstein markiert nun die Konsequenzen einer so unschuldig daherkommenden Rede vom Lenken der Aufmerksamkeit auf das Bewußtsein sehr deutlich; wenn man von einem inneren Erlebnis sprechen kann, so verweist das auf einen Inhalt des Erlebnisses, der dann wieder nur durch eine besondere Wahrnehmung, die Introspektion nämlich, erkannt werden kann, und dieser Zugang selbst ist ein PRIVATER, "was seinerseits suggeriert: 'Er hat etwas, was ich nicht habe.'"*20* Das Ziel dieser Erörterung ist eine Kritik an den empiristischen Sinnesdatentheorien: Woher nimmt man nun den Begriff des 'Inhalts' eines Erlebnisses. Nun, der Inhalt eines Erlebnisses ist das private Objekt, das Sinnesdatum, der 'Gegenstand', den ich unmittelbar mit dem geistigen Auge, Ohr, etc. etc. erfasse. Das innere Bild. - Aber wo hat man diesen Begriff nötig?*21* Die Übergänge, die hier von 'Erlebnis' zu 'Sinnesdatum' führen, münden schließlich in ein Mißverständnis über das Funktionieren der Sprache, in eine semantische Problemsituation, die durch die Annahme entsteht, Wörter einer Sprache hätten Bedeutung nur durch die Gegenstände, die sie benennen. (2) Eine solche Auffassung der Sprache wird von Wittgenstein im sogenannten Privatsprachenargument unter semantischen Gesichtspunkten kritisiert. Dort weist Wittgenstein auch für den semantisch relevantesten Fall der Name-Gegenstand-Beziehung die Unmöglichkeit nach. Es ist einleuchtend, daß gerade die Rede von den psychischen Phänomenen den Prüfstein dafür abgibt, daß die Annahme eines öffentlichen, intersubjektiv kontrollierbaren Sprachbegriffs richtig ist. Der Härtefall ist dann der, bei dem die Verbindung von Name und (innerem) Gegenstand privat durch eine innere hinweisende Definition vermeintlich gegeben wird, d.h. durch die Konzentration auf die zu benennende Empfindung und durch das Einprägen dieser Verbindung.*22* Eine solche Verknüpfung, so zeigt Wittgenstein, hätte keinen Sinn, weil es keine Kriterien für einen konstanten Zeichengebrauch gäbe. "Ich präge sie [die Gegenstand-Name-Verbindung,T.J.] mir ein" kann doch nur heißen: dieser Vorgang bewirkt, daß ich mich in Zukunft RICHTIG an die Verbindung erinnere. Aber in unserm Falle habe ich ja kein Kriterium für die Richtigkeit. Man möchte hier sagen: richtig ist, was immer mir als richtig erscheinen wird. Und das heißt nur, daß hier von 'richtig' nicht geredet werden kann.*23* Worauf es mir hier ankommt ist, daß gleichsam auf dem Rücken einer grundsätzlichen Diskussion zu Fragestellungen der Bedeutung und der Sprache im allgemeinen eine Einsicht in die Semantik der psychologischen Begriffe gewonnen wird: die Bedeutung psychologischer Begriffe KANN NICHT nach dem Muster Name und Gegenstand etabliert werden, also nicht so wie viele alltägliche Begriffe für physische Gegenstände gebildet werden. Dies ist der zentrale Punkt, an dem die ganze Sinnesdatenterminologie des Empirismus und dem Empirismus nahestehender Betrachtungen hinsichtlich der psychischen Phänomene insbesondere krankt.*24* Das innere Zeigen auf etwas hat für das, was wir beispielsweise 'das Sehen' nennen, keine Bedeutung; der Inhalt des Bewußtseins, der bei der Introspektion wahrgenommen werden soll - er könnte nicht helfen, wenn es um den Begriff des Denkens etwa geht: NATÜRLICH wird uns die Introspektion nicht sagen, was Denken ist; denn wenn ich jemanden auffordere, er solle sich beim Denken beobachten, muß er schon wissen, was Denken ist.*25* Die Introspektion wird nur darüber entscheiden, wie es dem Philosophen ergeht.*26* (3) Die beiden verbleibenden Wahrnehmungskonzepte reduzieren die Wahrnehmung entweder auf vorwiegend visuelle (Köhler) oder vorwiegend mentale (James) Vorgänge. Wittgenstein versucht durch eine immanente Kritik der Theorien von Köhler und James die aus deren Einseitigkeit resultierenden Schwierigkeiten zu vermeiden. Diese reduktionistische Einseitigkeit vermeidet Wittgenstein, indem er gegenüber Köhler die Beziehung des Sehen-als mit dem Denken betont und gegenüber James die begriffliche Beziehung des Sehen-als zum Sehen. Daß das Phänomen des Wechsels von Aspekten wichtig für die Klärung des Begriffs des Sehens ist, haben schon die Erörterungen zu James, Jastrow und Köhler gezeigt. Aus diesem Grund diskutiert auch Wittgenstein das Sehen von Aspekten so ausführlich, denn in der Beschreibung dieses Phänomens "spitzen sich (die) Probleme den Sehbegriff betreffend, zu."*27* Den Begriff des Sehen-als gebrauche ich hier so, daß mit dem Sehen-als das Erlebnis des Wechsels von Aspekten, der Gestaltwechsel verbunden ist. (4) Mit Köhler ist sich Wittgenstein einig darüber, daß man die Gestalt wahrzunehmender Gegenstände direkt sehen kann, ja sogar, daß wir Eigenschaften sehen können, d.h. daß wir den Begriff des Sehens nicht so gebrauchen, als sei alles Sehen ein Deuten distaler Reize. Zugleich kritisiert er aber den zur ERKLÄRUNG herangezogenen problematischen Begriff der Organisation und wehrt sich damit natürlich auch gegen die Sichtweise, das Sehen sei ein rein sensorischer Vorgang. Die Kritik verläuft in drei Schritten: sie zeigt erstens, daß Köhler Gefahr läuft, sich in die Problematik des privaten Objektes zu verstricken, zweitens, daß sein Ausweichmanöver nur in neue Probleme führt, und drittens, daß der Begriff der Organisation unabhängig von den Köhlerschen Vorschlägen einen guten Sinn haben kann. 1. Wenn der Begriff der Organisation gleich denen der Form und Farbe gebraucht wird, so müßte man bei einem Bericht über Gesehenes auch die spezielle Organisation mitteilen können, etwa mit Hilfe eines Musters, gerade so, wie wir an der Farbtafel die Farbe des Wahrgenommenen zeigen können, oder auch durch eine zeichnerische Darstellung, die neben der Farbe und der Form auch die Organisation darstellt. Wenn wir normalerweise von 'Organisation' sprechen, so ist damit auch etwas wirklich Wahrnehmbares gemeint, z.B. in Sätzen wie: "Die Organisation dieses Vereins hat sich geändert." HIER kann ich beschreiben, WIE DAS IST, wenn sich die Organisation unseres Vereins ändert.*28* 'Beschreiben' meint hier: beschreiben am öffentlich Wahrnehmbaren. Die Organisation, wie Köhler sie bestimmt, ist aber gerade nicht öffentlich zugänglich, sie ist keine zusätzliche EIGENSCHAFT DER GEGENSTÄNDE, sondern sie ist eine Eigenschaft des Wahrnehmungsbildes. Köhler gebraucht also den Begriff der Organisation in einem kategorial völlig von dem ursprünglichen Kontext losgelösten Sinn. Die Organisation wird somit als ein subjektiver Vorgang bestimmt, als die Veränderung MEINES Gesichtsbildes. Vom Gesichtsbild ist demnach als einem "inneren Gegenstand" die Rede. Das innere Bild wird nach der Analogie des äußeren Bildes gebildet, aber die Kriterien, die uns von äußeren Bildern reden lassen, die Kriterien der gewöhnlichen Wahrnehmung, sind in den Bereich des Innern, wie ich an der Introspektionskritik gezeigt habe, nicht übertragbar.*29* Dies führt also notgedrungen zu den Problemen, die Köhler selbst an der Introspektionsmethode kritisiert hat, nämlich in der Wittgen- steinschen Redeweise: zum inneren, privaten Objekt. 2. Köhler meint diese Konsequenzen durch eine Anbindung der Organisation an verborgene physiologische Prozesse vermeiden zu können. Dies wiederum stellt eine VERDINGLICHUNG des Begriffs der Organisation dar, der, richtig verstanden, in der Wahrnehmung tatsächlich eine Rolle spielen kann. Gebraucht man nämlich das Verbum 'organisieren' im gewöhnlichen Sinne, so sprechen wir von einer Tätigkeit; so organisiert man beispielsweise die Notizen der letzten fünf Jahre neu. 'Organisieren' meint hier so etwas wie 'ordnen' oder 'arrangieren'. Man könnte jemandem dann MITTEILEN, man habe die Notizen neu geordnet (organisiert) und kann die neue Organisation erläutern etc. Ganz unsinnig ist es dagegen, das Nervensystem in die Rolle des Handelnden schlüpfen zu lassen, der das Gesichtsbild ordnet bzw. organisiert, wie es implizit von Köhler vorgeschlagen wird. Der normale, sinnvolle Gebrauch wird durch diese Redeweise zu einer okkulten Veranstaltung hypostasiert, der in der Erfahrung nichts mehr entspricht. Vorschnell wäre es dennoch, die Redeweise der Organisation völlig aus dem Bereich der Wahrnehmung als metaphysisch verdinglichend auszuschließen. 3. Man kann sich nämlich durchaus sinnvolle Verwendungen vorstellen, etwa: Ich schaue eine Tapete an. Ihr Muster ist für mich zuerst ein regelloses Gewirr von Flecken; nach einer kurzen Prüfung kenne ich mich aus; es ist ein System. Man kann sagen, ich sehe es zuerst unorganisiert, dann organisiert.*30* Dann ist aber weder von einem verborgenen Vorgang im Nervensystem die Rede, noch von inneren privaten Objekten, sondern von einem schlichten ERKENNEN einer REGELMÄßIGKEIT, und dies ist natürlich kein ausschließlich neurophysiologischer Prozeß und außerdem ist er öffentlich wahrnehmbar. Oder aber wir fassen den Begriff der Organisation in Hinsicht auf Darstellungen auf: Die Organisation des Gesichtsbildes: DAS gehört zusammen, DAS nicht. Organisiert wird also durch ein Zusammennehmen und ein Trennen. Nun, beim Zeichnen kann man das z.B. tun.*31* BESTIMMTE Phänomene, die Wittgenstein in der Aspektproblematik zu klären sucht, lassen sich durch den Organisationsbegriff beschreiben.*32* Aber erstens lassen diese besonderen Fälle sich nicht auf alle Fälle des Aspektsehens übertragen, und zweitens wäre es falsch, eine sprachliche Äußerung in solchen Fällen als eine Mitteilung über Tatsachen aufzufassen, egal ob es sich dabei um Eigenschaften der Dinge oder Bewußtseinszustände handelt: Wenn Einer sagt:"Ich rede von einem visuellen Phänomen, in welchem sich wirklich das Gesichtsbild, nämlich seine Organisation ändert, obwohl Formen und Farben die gleichen bleiben" - dann kann ich ihm antworten:"Ich weiß, wovon du redest; ich MÖCHTE AUCH DAS SAGEN, was du sagst." - Ich sage also nicht:"Ja, das Phänomen, wovon wir beide reden, ist wirklich ein Wechsel der Organisation ...", sondern "Ja, dies Reden von dem Wechsel der Organisation, etc. ist die Äußerung des Erlebnisses, das auch ich meine".*33* (5) Gegen Köhlers REIN SENSORISCHE Auffassung des Sehens und des Aspektwechsels arbeitet Wittgenstein die begriffliche Beziehung zwischen Sehen-als und Denken heraus. Dafür, daß der Wechsel von Aspekten eine Ähnlichkeit mit dem Denken hat, gibt es vor allem zwei Gründe: 1. Das Gesichtsbild ändert sich vor und nach dem Wechsel des Aspektes nicht,*34* somit liegt es nahe, daß sich die Auffassung oder die Deutung ändert. Deuten gehört aber zum Denken.*35* Wir würden auch bei einer Darstellung des Gesehenen, indem wir etwa versuchen, das Gesehene mit zeichnerischen Mitteln darzustellen, vor und nach dem Wechsel dasselbe Bild als Resultat erhalten, die Herstellung wäre dann aber eine Verschiedene, wir würden bestimmte Teile zuerst, andere später darstellen, was leider nur ein schwaches Indiz dafür ist, daß das Aspektsehen mit dem Denken zu tun hat, denn GESEHEN wird ja nur das eine Bild, das durch die Darstellung repräsentiert ist. Es handelt sich hierbei nur um ein schwaches Indiz, weil sich die INTENTION an der Art der Ausführung einer Darstellung einer mehrdeutigen Zeichnung, etwa allein durch das Betrachten der so nacheinander entstehenden Fragmente, NICHT bestimmen läßt. Für den, der das Gesehene darstellt, zeigt sich der Bezug zum Denken daran, daß wir eine Intention haben, der wir Schritt für Schritt folgen. Das Konstruieren könnten wir bei der Ausführung kommentieren, dann würde auch der Beobachter erkennen, daß nicht nur ein inneres Bild beliebig "abgezeichnet" wird, sondern einer bestimmten Intention gefolgt wird; und das Intendieren ist dem Denken mindestens verwandt. 2. Wir können den Aspektwechsel willkürlich herbeiführen.*36* Wir können aber nicht eine Änderung des Gesehenen in Farbe und Form willkürlich herbeiführen, daher muß das Aspektsehen vom Sehen unterschieden werden.*37* Wenn wir den Aspektwechsel willkürlich herbeiführen können, so müssen wir an den Aspekt, den wir sehen WOLLEN und gegenwärtig noch nicht sehen, auch denken, denn wer "das Aspekterlebnis hat,[...] der denkt auch an das, was er sieht"*38*, folglich ÄHNELT das Sehen-als dem Denken. Wir müssen uns ja irgendwie mit dem, was wir sehen, beschäftigen, darin gleicht es einem Tun, nicht einem Zustand. (6) Die Kritik an James, der ja gerade auf der ERKLÄRUNG des Sehen-als durch das Denken oder Deuten besteht, verläuft genau entgegengesetzt. Zunächst zeigt Wittgenstein am normalen Gebrauch des Wortes 'deuten', daß dieser als Erklärung der Fälle des Aspektsehens nicht der richtige ist, und zwar aus zwei Gründen nicht: 1. Das Sehen ist ein Zustand, das Denken eine Handlung.*39* Das Aspektsehen trägt nun aber deutliche Züge der BewußtseinsZUSTÄNDE, denn einerseits können wir, was wir jeweils im Aspekt sehen, auch darstellen und zweitens hat das Sehen-als, und das ist entscheidend, das Kriterium der echten Dauer. Wir können präzise sowohl das Aufscheinen des Aspektes und dadurch auch die Dauer des Sehens in einem Aspekt angeben. 2. Wenn man das Wort 'deuten' in seinem normalen Sinn versteht, so bilden wir, wenn wir etwas deuten, über ETWAS GEGEBENES, etwa über einen Text oder ein Bild, eine ANNAHME, eine Hypothese, sogar im engeren wissenschaftlichen Sinne, die sich bewahrheiten kann oder auch falsch sein kann. Selbst wenn für das Aspektsehen und das Sehen im allgemeinen an die Stelle des Gegebenen das äußere Bild bzw. äußere Gegenstände und nicht innere, für die wir die Probleme schon kennen, treten, so besteht noch immer das Problem, daß wir beim Sehen normalerweise keine Hypothesen bilden, denn Hypothesen sind begrifflich an die MÖGLICHKEIT ihrer Verifikation, im Sinne von Bewährung, oder Falsifikation gebunden: Wenn wir deuten, stellen wir eine Vermutung an, sprechen eine Hypothese aus, die sich nachträglich als falsch erweisen kann. Sagen wir "Ich sehe diese Figur als ein E", so gibt es dafür, so wie für den Satz "Ich sehe ein leuchtendes Rot", nicht Verifikation oder Falsifikation.*40* Gegen James macht Wittgenstein also die begriffliche Verwandschaft von Sehen-als mit dem Sehen stark, die eben vor allem durch das Kriterium der Darstellung bestimmt ist. Das Wort 'sehen' für den Aspekt ist insofern gerechtfertigt, als es eine Kopie gibt, die zeigt, wie man es sieht.*41* Durch die Darstellungsmöglichkeit besteht eine Ähnlichkeit der Verwendung des Wortes 'sehen' in Sätzen wie "Ich sehe dies als das." und "Ich sehe ein leuchtendes Rot."! Denn auf die Frage, was man sieht, ist die Darstellungsmöglichkeit im Falle des Sehen-als vergleichbar dem Zeigen eines Farbmusters, d.h. wir können schlicht spontan angeben, was wir SEHEN. Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die Kritik an Köhler und James gezeigt hat, daß das Sehen-als begrifflich sowohl mit dem Sehen, als auch mit dem Denken verbunden ist. Dies ist auch für Wittgensteins Begriff des Sehens maßgeblich. 3. Wahrnehmen, Sehen und Sehen-als Ich möchte im folgenden erstens den Zusammenhang zwischen Wahrnehmungen und Sehen durch den Begriff der Wahrnehmung aufzeigen. Zweitens versuche ich zu erläutern, was Wittgenstein zunächst ohne größere Berücksichtigung des Sehen-als am Sehen herausarbeitet und leite dann mit W. Schapp zur Klärung des Begriffs des Sehens über. Diese Klärung soll dann drittens durch eine gründlichere Betrachtung der Unterscheidung von Sehen und Sehen-als erfolgen, woran sich eine Verdeutlichung des Sehen-als anschließt. A. Wahrnehmen (1) Wenn beispielsweise ein Kind lernt, uns seine Wahrnehmungen mitzuteilen, so werden wir ihm nicht zuerst das Wort 'wahrnehmen' beibringen, sondern die einzelnen besonderen Wahrnehmungsworte. Systematisch betrachtet muß uns der Begriff der Wahrnehmung dabei gar nicht zur Verfügung stehen, sondern eher ein sehr heterogenes Feld, in dem wir Worte wie 'sehen', 'riechen', 'hart', 'glitzernd', 'süß' usf. gebrauchen. Das Wort 'wahrnehmen' kommt hier noch gar nicht vor, wir benötigen es nicht, es ist gegenüber den einzelnen Wahrnehmungswörtern ein sekundäres. Mit ihm fassen wir die primären Verwendungen zusam- men: "Ist jemand in diesem Zimmer? Siehst Du ihn? Hörst Du ihn? Greifst Du ihn?" Allgemeiner:"Nimmst Du ihn wahr?"*42* Die verschiedenen Wahrnehmungen greifen ineinander, sie können gleichzeitig auftreten oder auch ineinander übergehen, d.h. erst hören wir einen Zug kommen und dann sehen wir ihn. Die Kriterien, die die Zusammenfassung der einzelnen, völlig verschiedenen Wahrnehmungen unter dem Begriff der Wahrnehmung rechtfertigen, sind durch die Ähnlichkeit der Situationen gegeben, in denen der Gebrauch von Wahrnehmungsworten praktisch notwendig ist: in Situationen nämlich, in denen es darum geht, die Welt kennenzulernen. Nicht ein Vergleich der INHALTE der Wahrnehmungen legt die Zusammenfassung nahe, denn die Tastempfindung ist von dem Gesichtsbild völlig verschieden. Vielmehr ist die FUNKTION, die die einzelnen Wahrnehmungen im Leben erfüllen, eine ähnli- che. Nur so kann, wie Wittgenstein sagt, die Tastwahrnehmung für einen Blinden die visuelle Wahrnehmung hinsichtlich ihrer Funktion geradezu ersetzen.*43* Weil sich durch die Wahrnehmungen unser Weltbezug konstituiert und Gegenstände nicht nur auf eine Weise wahrnehmbar sind, können wir auch unter Verzicht auf die ein oder andere Art der Wahrnehmung den Weltbezug aufrechterhalten, wir können uns ggf. mit Hilfsmitteln auch so orientieren. Daß die Funktion der Wahrnehmungen eine ähnliche ist, heißt erstens nicht, daß ALLE Wahrnehmungen durch andere vertretbar sind, so können wir gleiche Gegenstände von unterschiedlicher Farbe ohne den Gesichtssinn von allein, d.h. ohne technische Hilfsmittel, nicht unterscheiden. Zweitens folgt daraus nicht, daß die Ähnlichkeit hinsichtlich der Ermöglichung lebensweltlicher Orientierung auch die "jeweilige Qualität" der einzelnen Wahrnehmungen übernehmen könnte. Daß die Wahrnehmungsbegriffe für uns hinsichtlich ihrer Funktion relevant sind, weist übrigens auch die These als falsch auf, die Bedeutung der Wahrnehmungsworte hänge an der physiologischen Beschaffenheit der Wahrnehmungsorgane. Das Sehen, kann man sagen, hat mit der Physiologie des Auges nur soviel zu tun, als daß ein Sehen ohne Auge nicht möglich ist, was aber eben nicht bedeutet, daß die Semantik von 'Sehen' vom Auge als Gegenstand der Physiologie abhängt. Die Ähnlichkeit hinsichtlich der Funktion setzt die einzelnen Wahrnehmungen in Beziehungen zueinander. Was das Bündel der 'Sinneseindrücke' zusammenhält, sind ihre Relationen zu einander. Das, was 'rot' ist, ist auch 'süß' und 'hart' und 'kalt', und 'klingt', wenn man es anschlägt.*44* B. Sehen (stetiges Sehen von Aspekten) (2) Innerhalb der Wahrnehmungsbegriffe kommt der visuellen Wahrnehmung eine wesentliche Bedeutung zu. Den Begriff des Sehens lernen wir in der Regel in der dritten Person dann gebrauchen, wenn andere sich auf eine bestimmte Weise benehmen, bei einer roten Ampel stehen bleiben, die Tasse sicher fassen, usf. Häufig erkundigen wir uns auch danach, was jemand gesehen hat; meist ist das das sicherste Kriterium dafür, daß jemand etwas bestimmtes gesehen hat. Wittgenstein unterscheidet dabei grundsätzlich zwei Begriffe des Sehens: [H--E---BILD] Und ich muß zwischen dem 'stetigen Sehen' eines Aspekts und dem 'Aufleuchten' eines Aspekts unterscheiden.*45* Man muß sich im klaren darüber sein, daß der Begriff des stetigen Sehens von Aspekten erst auf der Grundlage des Erlebnisses des Sehen-als oder auch einer Wahrnehmungstäuschung verständlich wird. Wittgenstein hat bei dieser Unterscheidung zwei Situationen im Auge. Die REAKTION auf das Betrachten des Hasen-Enten-Bildes könnte so sein, daß derjenige, der es betrachtet, erstens auf die Frage, was er sehe, antwortet:"Ich sehe einen Hasen.", er könnte zweitens allerdings auch, mit einer gewissen Emphase, sagen:"Jetzt sehe ich es als Hasen!" In der Oberflächengrammatik gleichen sich die Äußerungen, in der Praxis aber unterscheiden sie sich. (3) Für das stetige Sehen von Aspekten, den ersten Fall, fällt es dem Betrachtenden gar nicht auf, daß beim Sehen des H-E-Bildes mehrere Sichtweisen möglich sind. Das ist eine Situation des gewöhnlichen Sehens. Als Beobachter dieser Situation sind wir, wenn wir von jemandem sagen wollen, er sehe etwas, auf die Kriterien des Sehens angewiesen: Was ist das Kriterium des Seherlebnisses? - Was soll das Kriterium sein? Die Darstellung dessen, 'was gesehen wird'.*46* Als Beobachter sind wir folglich auf den sprachlichen Ausdruck, oder die Darstellung des Gesehenen in abbildender Form, in skizzenhafter Zeichnung oder ausgearbeiteter Kopie, angewiesen. Wir sind im Falle des stetigen Sehens von Aspekten, unserem gewöhnlichen Sehen, mit einer Kopie, der Darstellung von Form und ggf. auch Farbe, des Gesehenen völlig zufrieden, "sie beschreibt die Wahrnehmung GÄNZLICH"*47*, wie Wittgenstein betont. Diese Formulierung ist etwas mißverständlich: sie darf nicht zur Ansicht führen, es gäbe eine besondere, AUSGEZEICHNETE Art der Darstellung, die Kopie, mit der man ALLES darstellen kann, was gesehen wird ("gänzlich"). Eine Kopie ist niemals AUSSCHÖPFEND. Ich glaube, daß Wittgenstein in diesem Kontext den Begriff der Kopie zur Unterscheidung von Arten der Darstellung einführt. Im Unterschied zur Darstellung mit sprachlichen Mitteln oder Gesten sind Kopien Darstellungen mit zeichnerischen Mitteln: Bilder, Skizzen, Zeichnungen etc. Sie sind zur Darstellung des Gesehenen prädestiniert, weil sie sich selbst visueller Mittel bedienen, selbst wieder Gegenstand der Wahrnehmung sein können. Eine Kopie in diesem Sinne, eine visuelle Darstellung, stellt das Gesehene tatsächlich GÄNZLICH dar, wenn die Anforderungen, die die Mitteilung des Gesehenen an den Mitteilenden stellt, erfüllt sind. Sie sind dann erfüllt, sobald einem anderen klar ist, was ich gesehen habe, selbst wenn er es nicht gesehen hat. Beim stetigen Sehen von Aspekten kann eine Skizze hinsichtlich der Darstellung und der Mitteilung des Gesehenen ebenso vollständig sein wie ein in Farbe gemaltes Bild. Mit der zeichnerischen als auch der sprachlichen Darstellung kann man "einem Anderen mitteilen: dort, wo seine Blicke nicht hinreichen, befinde sich das und das."*48* Etwa kann jemand einer anderen Person am Telefon seinen neuen Sessel beschreiben, ihm eine Zeichnung schicken o.ä. Wir sehen aber nicht nur die Dinge, die wir darstellen, sondern, wie oben schon angedeutet, auch etwa Eigenschaften, wie die Traurigkeit. Es hat keinen Sinn, zu behaupten, wir sähen erst eine spezifische Anordnung von Linien und SCHLÖSSEN dann von dieser besonderen Linienkonfiguration auf das traurige Gesicht. Wir haben nicht die Möglichkeit, soll das heißen, von einem eigentlichen, "rein optischen" Sehen zu sprechen, das sich in der zeichnerischen Darstellung verwirklicht. Diese Möglichkeit besteht deshalb nicht, weil wir keinen exakten Begriff dessen haben, was man 'Darstellung des Gesehenen' nennen könnte. In lebensweltlichen Zusammenhängen nennen wir Verschiedenes eine Darstellung des Gesehenen, von einer undeutlichen Skizze, einer Beschreibung in Worten und Gesten, bis hin zur ganz genauen Kopie. Die Kopie ist dabei kein IDEAL der Exaktheit. Dies könnte sie nur dann sein, wenn sie das Abbild eines inneren Bildes, eines privaten Objekts, wäre. Bei der Darstellung des Gesehenen handelt es sich um eine Form unserer Praxis, die sich in verschiedenen Situationen in ebenso verschiedenen "Techniken" ausdrücken kann. Insofern kann man auch Traurigkeit darstellen, wir sehen sie dann ebensogut, wie wir den Baum vor unserm Fenster sehen.*49* Eine Reduktion des Gesehenen auf das "rein Optische" würde der Bedeutung des Wortes 'Sehen' nicht gerecht. (4) Wittgensteins Beschreibung des Sehens ähnelt in vielerlei Hinsicht den phänomenologischen Analysen des Sehens, besonders denen von W. Schapp, was hier nur angedeutet werden kann. Schapp war meines Wissens der erste, der konsequent die Ansicht vertreten hat, daß Sehen immer ein Sehen von etwas ist, und dies mit einem lebensweltlichen Begriff des Sehens verknüpft hat. Er schließt damit an die Wahrnehmungsanalysen von Husserl an und betont ausdrücklich, daß seine Untersuchungen des Sehens unser gewöhnliches alltägliches Sehen betreffen, sprich die Wahrnehmung unter gewöhnlichen Umständen und normalen Beleuchtungsverhältnissen. Wir wollen hier nicht untersuchen, wie der Säugling, wie der operierte Blinde die Welt sieht, sondern wie wir die Welt sehen [_].*50* Das normale Sehen, in Wittgensteins Worten das stetige Sehen von Aspekten, ist neben allen Besonderheiten das Sehen von Gegenständen und deren Eigenschaften, das Sehen von etwas als etwas. Das hängt für Schapp wesentlich von der Bedeutung der Farben ab, die als "Oberflächenfarben" und nicht als sekundäre Qualitäten konstitutiv für unsere dingliche Wahrnehmung sind. Die Dinge sehen wir einschließlich bestimmter Eigenschaften direkt und müssen sie nicht aus Farbkomplexen oder elementaren Empfindungen zusammensetzen. Dinge sehen wir also als ganze, und wesentliches Kriterium des Sehens ist, wie bei Wittgenstein, die Vermittlung der Außenwelt, d.h. daß wir Informationen über die Außenwelt durch das Sehen vermittelt bekommen. Dinge können wir als Dinge sehen, weil die Farbe ihnen nicht kontingent, sondern WESENTLICH zukommt. Die Welt sieht man als farbige Dingwelt und kann daher sehr gut zwischen Wirklichkeit und Schein unterscheiden, ebenso wie zwischen Beleuchtungseffekten (wie Lichtreflexen) und Dingen. Die Unterscheidung von Wirklichkeit und Schein darf nicht mit der von Ding an sich und Erscheinung verwechselt werden, wie sie sich bei Kant findet. Für Schapp sind alle wirklichen Dinge sinnlich gegebene. "Schein" heißt demnach, wie für Husserl auch, "SCHEINREALITÄT". Schapp beschreibt in diesem Kontext auch das Aspektsehen anhand von Wahrnehmungstäuschungen. Er beschreibt den Aspektwechsel als plötzliche Umwandlung, "wie wenn eine Umschaltung erfolgt wäre. Nun ist sicher, im zeitlichen Ablauf stehen uns hier zwei verschiedene Gegenstände gegenüber, die sich uns einfach aufzwingen."*51* Für die Beschreibung des Phänomens des Aspektwechsels verwendet Schapp die Unterscheidung zwischen Darstellendem, der sinnlichen Materie, der zeichnerischen Darstellung in Wittgensteins Terminologie, und dem Dargestellten, dem gesehenen Gegenstand. Das Darstellende bleibt sich beim "Umschalten" gleich, während sich der gesehene Gegenstand verändert. C. Das Sehen-als und ein umfassender Begriff des Sehens (5) Die Problemlage, wie sie sich bei Schapp entfaltet, unterscheidet sich insofern von der Wittgensteins, als daß das für Wittgenstein wesentliche Moment des ERLEBNISSES*52* des Wechsels von Aspekten von Schapp nicht als solches berücksichtigt wird. D.h. Schapp analysiert zwar den Wechsel des Aspektes, unterscheidet aber nicht, wie später Wittgenstein, stetiges Sehen von Aspekten vom Sehen-als, sondern er vertritt, wie wir sahen, die Ansicht, daß ALLES Sehen ein Sehen-als ist, welches in bestimmten Situationen wechseln kann. Wittgenstein teilt meines Erachtens diese Analyse insoweit, als sie Einblicke in die Grammatik des Sehbegriffs zuläßt. Das kann sie aber erst durch eine Betrachtung des Sehen-als. Daß das Sehen immer ein Sehen von etwas ist, gesteht Wittgenstein zu, nur so läßt sich der Begriff des stetigen Sehens von Aspekten verstehen. Für die Fälle des normalen Sehens hat der GEBRAUCH von 'sehen ... als' in der ersten Person aber KEINEN SINN; d.h. es hat insofern keinen Sinn, alles Sehen ein Sehen-als zu NENNEN, wenn damit auch der Ausdruck 'sehen ... als', der einen gegenüber dem Sehen sehr eingeschränkten Gebrauch hat, verbunden ist: Zu sagen "Ich sehe das jetzt als...", hätte für mich so wenig Sinn gehabt, als beim Anblick von Messer und Gabel zu sagen:"Ich sehe das jetzt als Messer und Gabel." Man würde diese Äußerung nicht verstehen. - Ebensowenig wie diese:"Das ist für mich jetzt eine Gabel", oder "Das kann auch eine Gabel sein." Man 'HÄLT' auch nicht, was man bei Tisch als Eßbesteck erkennt, FÜR ein Eßbesteck; [_].*53* (6) Über die Analyse des Begriffs des Sehens hinaus geht es Wittgenstein um die Grammatik des Sehen-als. Nur wenn es vorkommt, daß Aspekte wechseln, hat die tatsächliche Verwendung von 'sehen .. als' einen Sinn. Wenn nicht der Wechsel des Aspektes vorläge, so gäbe es nur eine AUFFASSUNG, nicht ein so oder so SEHEN.*54* Eine wirkliche UNTERSCHEIDUNG innerhalb des Sehbegriffs zwischen stetigem Sehen von Aspekten und dem Aufscheinen von Aspekten hätte also keinen Sinn, wenn es niemals vorkäme, daß Aspekte wechseln. Dies bedeutet aber nicht, daß alle Verwendungen von 'sehen' auch solche von 'sehen-als' sind, denn dann bräuchten wir ja die Unterscheidung nicht. Wir würden nämlich in der Praxis nur den Begriff des Sehen-als verwenden. Es wäre dann so, daß bereits Kinder nicht lernten, daß dies eine Bank, dies ein Tisch IST, sondern immer gleich das 'als' mitlernten, also immer "ich sehe dies als Tisch" äußerten. Dies allerdings wäre eine Praxis, die der unsrigen kaum ähnelt. Angenommen, die in solchen Sätzen verwendeten Wörter hätten dieselbe Bedeutung wie bei uns, so würden sie in der uns vertrauten Praxis, konsequent durchgedacht, eine radikale Form der Skepsis induzieren, die allerdings im Alltag leer liefe. Man könnte nämlich dann sagen:"Ich sehe es zwar als Bank, Tisch usw., aber ich weiß, daß es auch etwas völlig anderes sein könnte." Man fühlt sich an den skeptischen Opponenten aus den Bemerkungen ÜBER GEWIßHEIT erinnert. Wir lernen aber die Wahrnehmungsworte, also auch den Gebrauch des Ausdrucks 'sehen' in unproblematischen Einführungssituationen, in denen unsere Wahrnehmungen in den allermeisten Fällen auch tragen, sodaß der Aspektwechsel ein seltenes, besonderes Phänomen ist. Wir beherrschen das Sprachspiel 'sehen', "ohne eine Ahnung davon, daß es sich dabei um einen Aspekt handelt."*55* 'Aspekt' heißt hier soviel wie eine Auffassungsweise, die wir beim stetigen Sehen von Aspekten eben beständig von einem Gegenstand haben. Erst durch das Phänomen des Wechsels des Aspektes scheint der Aspekt vom übrigen Sehen abgelöst zu werden. Es ist, als könnte man nach der Erfahrung des Aspektwechsels sagen:"Es gab also da einen Aspekt!"*56* Würde man jemandem nacheinander eine Reihe von Hasenbildern und eine mit Entenbildern vorlegen, so braucht die betrachtende Person nicht bemerken, daß das H-E-Bild in beiden Reihen vorkommt:"Er sah beide Aspekte und doch nicht den Aspektwechsel."*57* Im Aspektwechsel werden wir uns der "Auffassungsgebundenheit" des alltäglichen Sehens, des Aspektes BEWUßT. Der Aspektwechsel ist gleichzeitig konstitutiv für den Begriff des Sehen-als. Weil der Aspektwechsel ein plötzliches Umschnappen des Aspektes ist, ist er ein besonderes Phänomen. Neben dem oben bereits genannten Unter- scheidungskriterium der Willkürlichkeit ist das Sehen-als vom Sehen dadurch unterschieden, daß man das Aufscheinen des Aspektes einem anderen nicht MITTEILEN kann, wie man FORM und FARBE MITTEILEN kann. Wenn jemand mit mir zwei Gesichter betrachtet und plötzlich ausruft:"Sieh nur, wie ähnlich sie einander sind!", so kann dies zwar dazu führen, daß ich, möglicherweise durch Anleitung ("Betrachte doch die Mundpartie."), ebenfalls die Ähnlichkeit bemerke, es muß aber nicht so sein. Ganz anders ist der Fall: jemand sagt mir, hinter dem Zaun, über den er sieht, befinde sich ein Fußballfeld. Hier müßte ich einzig und allein über den Zaun schauen, um zu sehen, was er sieht, während ich in jenem ersten Fall die Gesichter so deutlich sehe wie er.*58* (7) Auch das Sehen-als muß, wie nach Wittgenstein alle anderen psychischen Wörter auch, nach den Verwendungen der ersten und der dritten Person betrachtet werden. Während beim normalen Sehen das Kriterium des Gebrauchs der dritten Person die Mitteilung oder Darstellung des Gesehenen auf der Seite dessen, der etwas sieht, ausreicht oder wir am Benehmen schon erkennen können, daß er etwas, etwa eine rote Ampel, gesehen hat, so ist beim Sehen-als die Lage komplizierter. Für den Gebrauch des Ausdrucks 'sehen ... als' in der dritten Person muß man drei Fälle unterscheiden: 1. Wir sprechen in Bezug auf Dritte von einem Sehen-als, wenn uns diese Person mitteilt, was sie wahrnimmt, es sich aber SO NICHT verhält. Unter diese Art von Situationen fallen unter anderem auch die Wahrnehmungstäuschungen. Diese sind die Situationen, in denen nach D. W. Hamlyn die entscheidenden Verwendungen des Sehen-als in der dritten Person vorkommen.*59* Wir sagen dann:"Er sieht die Speckschwarte als Tonscherbe." 2. Jemand teilt uns seine Wahrnehmung mit, wir wissen aber, daß neben dieser Mitteilung noch eine andere Mitteilung und also eine andere Sichtweise möglich wäre. Wir sagen in solchen Fällen:"Er sieht dies Bild als Hase, könnte es aber auch als Ente sehen." 3. Schließlich sprechen wir den Ausdruck 'sehen ... als' auch zu, wenn jemand mit dem Ausdruck des Erstaunens sagt:"Jetzt sehe ich es als ..." Die erste Situation ist nicht weiter erläuterungsbedürftig, für die zweite Situation ist das Kriterium, das dem Zusprechen des Sehen-als zugrunde liegt, neben der Äußerung auch das Benehmen, die Reaktion. Die Person ist beim Anblick des Hasen-Enten-Kopfes nicht erstaunt, nicht aufgeregt, sie würde es in eine Reihe von anderen Hasenbildern ordnen etc. Die dritte Situation ist die für Wittgenstein entscheidende, denn in ihr wird der Aspektwechsel vom Sehenden wirklich erlebt, so daß zu den Kriterien der Prädikation von 'sehen ... als' der Ausdruck des Erlebnisses des Aspektwechsels gehört, wozu auch der Gebrauch des 'sehen ... als' in der ERSTEN Person Singular gehören kann. Der Ausdruck des Erlebnisses des Aspektwechsels ist in solchen Fällen ein Ausruf:"Jetzt sehe ich es als _!" Dieser Ausruf hat die oberflächengrammatische Form einer Mitteilung über Gesehenes, ist von ihr jedoch grundlegend unterschieden. Hierbei handelt es sich um einen Erlebnisausdruck:"Das Erlebnis des Aspekts äußert sich so:"JETZT ist es _""*60* Der Ausdruck des Erlebnisses entringt sich dem, der das H-E-Bild sieht; er gleicht darin dem Schmerz. Der Ausruf "verhält sich zum Erlebnis wie der Schrei zum Schmerz."*61* Das Sehen-als (d.h. das Erlebnis des Sehen-als im Aspektwechsel) ist von der Wahrnehmung, verstanden als Darstellung des Gesehenen in einer Mitteilung, dadurch unterschieden, daß ihm wie auch dem Schmerz und auch den Gefühlen ein CHARAKTERISTISCHER Ausdruck in Verhalten, Mimik etc. zukommt. Dieser ist ähnlich der Überraschung *62* und es geht auf jeden Fall mit einem Staunen einher, ja das Staunen ist sogar ein wesentliches Moment des Ausdrucks.*63* Die Reaktion des Betrachtenden ist damit eine völlig andere als bei der "normalen" Wahrnehmung. War es beim stetigen Sehen des Aspektes vor einem Wechsel des Aspektes völlig ausreichend, eine Kopie (im oben skizzierten Sinne) anzufertigen, so muß nun, nachdem er als solcher erkannt worden ist, zu der Darstellung des Gesehenen noch etwas hinzukommen. So würde etwa derjenige, der beim H-E-Bild einen Aspektwechsel erlebt und sein Wahrnehmungserlebnis danach ausdrücken will, eine Kopie anfertigen UND auf eine Reihe Hasenbilder oder auf ein Modell eines Hasen hinweisen. Die Kopie beschreibt die Wahrnehmung GÄNZLICH. Das Modell, worauf ich noch deute, eine Art MEINER Anschauung. Man könnte also auch sagen: das Seherlebnis. - Als eine Meldung der Wahrnehmung ist die Kopie dann genauer. Wenn aber der Aspekt AUFLEUCHTET, dann ist der Ausdruck davon (das Zeigen auf's Modell z.B.) WESENTLICH der Ausdruck einer neuen Wahrnehmung. So also, als müßte diesem Ausdruck jetzt eine neue Kopie entsprechen. Was aber nicht der Fall ist.*64* Das Deuten auf ein Modell oder Vergleichbares gehört in vielen Fällen zum Ausdrucks des Aspekterlebnisses. Dieses Deuten auf ein Modell muß für die Fälle des Gebrauchs des Ausdrucks 'sehen ... als', bei denen jemand das Erlebnis mit zeichnerischen Mitteln ausdrücken möchte, zur Darstellung des Gesehenen mit zeichnerischen Mitteln hinzu kommen. Nur dann können wir von demjenigen sagen, er sehe das H-E-Bild ALS Hase. Die zeichnerische Darstellung allein würde das mehrdeutige Bild nur reproduzieren. Diese Situation ist natürlich konstruiert, um den Unterschied von Sehen und Sehen-als aufzuzeigen, denn normalerweise würde man ja nicht eine Zeichnung anfertigen, wenn man weiß, daß sie mehrdeutig ist. Aus der Unterscheidung von Sehen und Sehen-als folgt aber, daß für Wittgenstein das Erlebnis des Aspekts nicht zur Wahrnehmung (im engeren Sinne) gehört: "Die Meldung aber "Jetzt sehe ich's als - jetzt als -" meldet keine Wahrnehmung."*65* (8) Beim Aspektsehen SEHEN wir nicht den ASPEKTWECHSEL.*66* Vor und nach dem ASPEKTWECHSEL haben wir eine ganz unterschiedliche Auffassung des Gegenstandes, ohne den Übergang der einen zur anderen selbst zu sehen. Das zeigt sich in der Praxis so, daß wir den Gegenstand anders behandeln, eine zeichnerische Darstellung anders anfertigen etc. Das Gesehene ist begrifflich verfaßt, wir SEHEN eine andere BEDEUTUNG.*67* In das Sehen geht damit das Denken immer schon ein. Indem wir im Sehen eine Auffassung zur Verfügung haben, haben wir auch eine Umgangsweise mit dem entsprechenden sprachlichen Ausdruck zur Verfügung. Der Verstand, sage ich, ergreift DEN EINEN GEGENSTAND; und dann reden wir von IHM, und seinen Eigenschaften, seiner Natur gemäß.*68* Unser Sehen ist immer schon begrifflich konstituiert. D.h. aber, daß beim Sehen-als immer nur bestimmte Möglichkeiten zugelassen sind. Es kommen nur die Möglichkeiten überhaupt in Frage, die man in einem Bild unterbringen kann, das H-E-Bild kann man entweder als Hasen oder als Ente sehen, nicht aber als Schildkröte. (9) Wie aber läßt sich das Sehen-als unter diesen Voraussetzungen analysieren? Der Ausdruck des Erlebnisses ist einerseits Ausdruck einer geänderten Wahrnehmung, einer völlig anderen, gleichzeitig aber ein und derselben. Dieses Paradox führt dazu, die Fäden der Kritik Wittgensteins an Köhler und James wieder aufzunehmen. Gegenüber den beiden Theorien versucht Wittgenstein, einen umfassenden Begriff des Sehens zu erlangen. Bezogen auf das Sehen-als heißt das: "Das ist doch kein SEHEN!" - "Das ist doch ein SEHEN!" - Beide müssen sich begrifflich rechtfertigen lassen.*69* So scheint das Erlebnis des Aspektes gleichsam aus Sehen und Denken ZUSAMMENGESETZT. Dies aber könnte es nur dann sein, wenn wir der Beschreibung des Phänomens die gleichen oder ähnliche Kategorien zugrundelegen wie Köhler und James selbst. Wittgenstein sucht nach anderen Möglichkeiten, das Problem zu klären: Es ist ein Sehen, INSOFERN ... Es ist ein Sehen nur insofern, ALS ._ (Das scheint mir die Lösung.)*70* Das Sehen-als ist begrifflich deshalb ans Sehen gebunden, weil der Gebrauch und also die Bedeutung des Wortes 'Sehen' WEITER ist als die visuelle Wahrnehmung von Form und Farbe ("Es ist ein Sehen, insofern ..."). Desweiteren muß aber auch die "sinnlich-qualitative" Eigenständigkeit des Sehens gegenüber dem Denken, seine Irreduzibilität, betont werden ("Es ist ein Sehen nur insofern, als ..."). Das Rätsel des Sehen-als läßt sich nicht durch eine Reduktion auf das Sehen oder das Denken lösen, sondern nur aus der Einsicht, daß Denken und Sehen (immer schon) aufeinander bezogen sind und daß dieser Bezug im Sehen-als zutage tritt. Wittgenstein kann am Aspektsehen zeigen, daß sich praktische Situationen ausmachen lassen, in denen für das Sehen-als der sprachliche Ausdruck des Sehens und des Denkens gerechtfertigt ist. Die begriffliche Beziehung, die im Aspektsehen zutage tritt, wird uns sozusagen im Aspekterlebnis bewußt. Im Ausdruck des Erlebnisses sind wir auf die sprachlichen Mittel des Sehens oder die des Denkens/Deutens angewiesen. (10) Für die Beschreibung des Sehens-als nimmt Wittgenstein einen Begriff wieder auf, den er bereits im TRACTATUS verwendete. Was man beim Aspektwechsel wahrnimmt ist letztlich nicht "eine Eigenschaft des Objekts, es ist eine interne Relation zwischen ihm und anderen Objekten."*71* Und an anderer Stelle heißt es:"Heißt 'den Aspekt sehen': Die interne Relation wahrnehmen? Was spricht in mir dagegen?"*72* Schon im TRACTATUS unterscheidet Wittgenstein interne und externe Relationen. Er nennt zwar diejenigen Relationen eigentliche, die extern sind, gibt den Begriff der internen Relation aber nicht auf, wie es etwa Russell wollte. Von einer internen Relation spricht Wittgenstein im TRACTATUS, wenn 1. die Beziehung den Phänomenen notwendig zukommt.*73* D.h. sie können nicht anders gedacht werden. Die interne Relation gehört dann zu seiner "logischen Natur" und somit zum logischen "Gerüst" der Welt. 2. sie nicht GESAGT, d.h. mitgeteilt, sondern nur GEZEIGT werden kann.*74* Unter internen Relationen sind beim frühen wie beim späten Wittgenstein logisch-semantische Beziehungen zu verstehen, die in der Spätphilosophie Wittgensteins durch begriffliche Sätze repräsentiert werden. Sie SAGEN nichts, weil sie keine Erfahrungssätze sind. Sie kommen den "Phänomenen" insofern NOTWENDIG zu, als sie die Form der Auffassung der Phänomene sind. - Nur so haben wir die Phänomene überhaupt zur Verfügung. Die Frage in unserem Kontext ist, wie sich das Problem der internen, begrifflichen Beziehung hinsichtlich des Sehen-als am konkreten Fall verstehen läßt.*75* Das oben angeführte Zitat lautet in seinem vollen Wortlaut: Der Farbe des Objekts entspricht die Farbe im Gesichtseindruck (dies Fließpapier scheint mir rosa, und es ist rosa) - der Form des Objekts die Form im Gesichtseindruck (es scheint mir rechteckig, und es ist rechteckig) - aber was ich im Aufleuchten des Aspekts wahrnehme, ist nicht eine Eigenschaft des Objekts, es ist eine interne Relation zwischen ihm und anderen Objekten.*76* Eine Relation besteht immer zwischen mindestens zwei Gegenständen. Das erste Objekt ist die gesehene figürliche oder geometrische Konstellation, etwa der H-E-Kopf. Was man beim Aufscheinen oder dem Wechsel des Aspektes wahrnimmt, kommt der gesehenen Figur (dem Objekt, dem H-E-Kopf) nicht als eine empirische Eigenschaft zu. Wittgenstein will damit deutlich machen, daß es sich nicht um eine EXTERNE Relation handelt, die dem Objekt zukommen kann oder auch nicht, wie etwa die Linienfarbe des H-E-Bildes blau oder schwarz sein könnte. Aber was sind die anderen Objekte der Relation, mit denen die mehrdeutige Figur in interner Relation steht? Dabei handelt es sich meines Erachtens entweder um Hasen oder um Enten (in der Realität, als bildliche Darstellung oder im Modell). Wieso besteht aber hier eine interne, BEGRIFFLICHE Beziehung? Nun, wir lernen den Gebrauch, d.h. den Begriff der sprachlichen Ausdrücke 'Hase' oder 'Ente' an Bildern oder wirklichen Tieren. Wir lernen sie an figürlich-visuellen Merkmalen, nicht etwa z.B. an biologischen oder anatomischen Eigenschaften. Wenn wir beispielsweise das H-E-Bild wahrnehmen, sehen wir direkt einen Hasen oder eine Ente, d.h. wir sehen IN der HasenBEDEUTUNG oder IN der EntenBEDEUTUNG, zu der wir nur mittels des Begriffs des Hasen oder der Ente kommen können. So ist das H-E-Bild entweder mit Hasen (wirklichen oder dargestellten) oder mit Enten intern- begrifflich verbunden. D.h. wir nehmen nicht eine zusätzliche Eigenschaft der Zeichnung wahr, sondern deren Bedeutung, indem sie wechselt, ohne daß an der Zeichnung sich etwas geändert hätte. Die interne Relation zwischen dem Sehen und dem Denken ZEIGT sich für das Sehen-als im Ausdruck des Erlebnisses des Aspektwechsels. Nur so kann das Staunen, die Ähnlichkeit des Ausdrucks mit dem der Überraschung, die spontane Reaktion etc. für den Aspektwechsel konstitutiv sein. Will man das Erlebnis sprachlich ausdrücken, so benutzt man entweder die sprachliche Umgebung des Sehens oder die des Denkens. Diese sprachliche Umgebung wird in diesen Fällen gerade deshalb nicht als Mitteilung beschrieben, weil sie dann das, was sich in ihr zeigt, zu sagen versuchen würde. Wir erinnern uns: gegenüber Köhler heißt es an der Stelle, wo der Begriff der Organisation als ERKLÄRUNG, also im Medium des Sagens, kritisiert wurde: "Ich weiß, wovon du redest, ICH MÖCHTE AUCH DAS SAGEN, WAS DU SAGST."*77*, aber, so könnte man ganz im Sinne des TRACTATUS ergänzen, es läßt sich nicht sagen, es zeigt sich: "Ich sage also nicht:"Ja, das Phänomen, wovon wir beide reden, IST WIRKLICH ein Wechsel der Organisation...", sondern "Ja, dies REDEN vom Wechsel der Organisation, etc. ist die ÄUßERUNG DES ERLEBNISSES, das auch ich MEINE."*78* Wie im TRACTATUS ist es auch hier so, daß die interne Relation WESENTLICH zum Phänomen des Aspektsehens gehört, ohne sie, das wurde an den Reduktions-programmen von Köhler und James deutlich, läßt es sich nicht beschreiben. Der Begriff des Sehen-als liegt zwischen dem reduzierten Begriff des Sehens und dem des Denkens, einen eigenen, vermittelnden Begriff gibt es nicht und wir brauchen auch keinen. Im konkreten Fall zeigt sich die interne Relation dadurch, daß wir das, was wir sehen, in Beziehung setzen zu Begriffen, mit denen wir über die Gegenstände sprechen, also zu Gegenstandsbereichen. Wenn das Bild wechselt, wird uns die kategoriale Konstitution der Wahrnehmung bewußt. Wir setzen, sozusagen, die zeichnerische Darstellung in einen anderen begrifflichen Kontext. In solchen besonderen Erlebnissen wird uns also die interne Relation zwischen Sehen und Denken deutlich und damit ein umfassenderer Begriff des Sehens. (11) Durch das in das Sehen-als eingehende und nicht von ihm zu trennende Denken ist es reicher als die visuelle Wahrnehmung (dem Sehen von Form und Farbe) und steht damit in ausgezeichneter Beziehung zum SUBJEKT. Es bleibt trotz der Möglichkeit einer objektiven Verwendung durch den Gebrauch in der dritten Person eine Angelegenheit des Subjekts, das den Wechsel des Aspektes willkürlich vollzieht oder spontan erlebt. Dabei ist auch die Mitteilung über die Figur auf die objektive Seite zu schlagen, während die Äußerung "JETZT sehe ich es als ..." die subjektive Seite bildet. Die Worte, die dabei gebraucht werden, lassen dies allein nicht erkennen. Das SEHERLEBNIS ist die "Art MEINER Anschauung."*79* So gewinnt der Begriff des Sehens selbst über das Erlebnis des Aspektwechsels eine wichtige Bedeutung für den der Subjektivität: insofern das Sehen in bestimmten Situationen dem Sehen-als ähnelt, z.B. in der Äußerung "JETZT sehe ich ein leuchtendes Rot!" Das Sehen hat, wie die Wahrnehmung überhaupt, eine irreduzibel subjektive Seite: Farbe, Klang, Geschmack, Temperatur, diese haben eine subjektive und eine objektive Seite. Das heißt doch wohl: sie geben manchmal an, was ich fühle, manchmal beschreiben sie die Außenwelt.*80* Die Rolle der Subjektivität, d.h. die der Individualität wird hinsichtlich der Wahrnehmung an unserem Umgang mit Bildern deutlich, Wittgensteins Behandlung des Aspektblinden wird dies ebenso zeigen wie die Ähnlichkeit des Sehen-als mit den sekundären Bedeutungen. Dies ist das Thema der folgenden beiden Abschnitte. 4. Sehen und Erlebnis Die Vielfältigkeit der Situationen, in denen das Aspektsehen von Wittgenstein philosophisch betrachtet wird, reicht vom plötzlichen Erkennen der Ähnlichkeit von Gesichtern bis zum Betrachten von Zeichnungen und Bildern. Während bisher der Akzent auf der Beschreibung der Wahrnehmung lag, soll es nun darum gehen, unser Verhältnis zu Bildern zu beleuchten. Damit erhält die Untersuchung einen Anschluß an ästhetische Problemlagen. Dafür ist die Wittgensteinsche Unterscheidung von Bildern und Blaupausen wichtig. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil wir eine grundsätzlich andere EINSTELLUNG zu Bildern, Skizzen, Zeichnungen usw. haben als zu Blaupausen und Werkzeichnungen. Blaupausen, Darstellungen also, nach denen Werkstücke gefertigt werden, werden GELESEN. Die darstellenden Linien werden als Kanten eines Gegenstandes INTERPRETIERT, je nach der Notation der Linie. Nach einer Werkzeichnung kann ein Gegenstand gefertigt werden, ohne daß seine Gestalt bekannt wäre und ohne daß der Fertigende die Funktion, die Bedeutung des Teils kennen müßte. Der Gegenstand wird nach und nach hergestellt, ohne daß jemand mit großem Erstaunen ausriefe:"So sieht es also aus!" etc. Blaupausen werden also GEDEUTET, zudem sind sie EINDEUTIG bestimmt, d.h. es gibt kein so oder so Sehen. Die Art der Darstellung kann nur richtig oder falsch gedeutet (gelesen) werden. Würde jemand hier sagen:"Ich habe es aber als DAS gesehen.", so könnte man sagen: "Weil du diese Linie falsch GEDEUTET hast." Zu Bildern haben wir ein völlig anderes Verhältnis. Darstellende Bilder sehen wir direkt, ALS ETWAS. Um das deutlich zu machen, führt Wittgenstein den Begriff des Bildgegenstandes (Bildgesicht, Bildhase etc.) ein.*81* Die Rede von den Bildgegenständen macht natürlich nur Sinn in Verbindung mit dem Begriff des stetigen Sehens von Aspekten. Bildgegenstände sehen wir direkt, und wir verhalten uns ihnen gegenüber ähnlich wie gegenüber den dargestellten Gegenständen selbst.*82* Diese Form der Praxis ist verknüpft mit den Erlebnissen, die wir beim Betrachten zum Ausdruck bringen können. Beim Betrachten von Gemälden können wir etwa ausrufen:"Mein Gott, wie schrecklich!" oder "Sieh nur, die prächtige Farbe!" Die Erlebnisebene (i.w.S.) ist dabei irreduzibel, im ersten Fall als eine Gefühlsäußerung im zweiten als ein Seherlebnis. Sie bildet aber nicht die (private) Grundlage, auf deren Basis wir die Bedeutung psychologischer Begriffe lernen, sie ist weder ein Nichts noch ein Etwas, wie Wittgenstein an anderer Stelle unter Bezug auf die Empfindungen sagt.*83* Daß die Erlebnisebene für das Sehen sehr wesentlich ist, macht Wittgenstein an einer fiktiven Situation deutlich, nämlich am Aspektblinden. Der Aspektblinde kann das ERLEBNIS des Aspektwechsels nicht haben, er zeigt in seinem Verhalten nichts von der Paradoxie des Aspektsehens. Er kann zwar ERKENNEN, daß eine Zeichnung eines Würfels auch einen Würfel darstellt, und er kann ihn UNSERER Beurteilung nach auch einmal so, einmal so sehen, aber was er über das Gesehene sagt, hat immer den Charakter einer Mitteilung; niemals ist es aber so, daß sich ihm der Ausdruck eines Erlebnisses entringt. Er sieht den Würfel wie eine Blaupause (im oben diskutierten Sinne). Wenn es um die MITTEILUNG des Gesehenen sich handelt, so gleicht das Verhalten dem unsrigen, und doch: sein Leben, d.h. seine Praxis unterscheidet sich erheblich von unserer, vom menschlichen Leben. Ihm fehlt der subjektive Anteil, der im Ausdruck sich entäußert. Wir würden uns über sein Verhalten beim Wechsel des Aspektes wundern, wir könnten etwa sagen:"Sonderbar, daß ihn das plötzliche Umschlagen so wenig berührt." - Das Sehen von Aspekten hat also eine besondere Bedeutung in unserer Praxis, und zwar wegen des Erlebnisausdrucks. Wir hängen uns, in der Regel, ja keine Blaupausen an die Wände, um sie zu betrachten. Gerade in diesem Kontext, in der Praxis der Kunstbetrachtung spielen das Erlebnis, die Einstellung zu Bildern und damit auch die Begriffe der Subjektivität und, meines Erachtens auch und gerade, der Individualität eine besondere Rolle. Wie ist man denn überhaupt zu dem Begriff des 'das als das sehen' gekommen? Bei welchen Gelegenheiten wird er gebildet, ist für ihn ein Bedarf? //Bei welchen Gelegenheiten zeigt er sich, ist für ihn ein Bedürfnis?// ( Sehr häufig, wenn wir über ein Kunstwerk reden.) Dort, z.B., wo es sich um ein Phrasieren durchs Aug oder Ohr handelt.*84* In Kontexten der Kunstbetrachtung ist die Erlebnisseite durch die interne Beziehung des Sehens zum Denken, Wissen, Erinnern u.ä. sehr ausgeprägt. Damit wir bestimmte Erlebnisse beim Betrachten von Kunstwerken überhaupt haben können, müssen wir sehr viel über sie wissen. Wir müssen etwa eine Fähigkeit erwerben, brauchen einen Unterricht etc.*85* Um den Bildgegenstand zu sehen, müssen wir wissen, worum es in einem Gemälde geht. Ohne den Kontext, mit dem wir, sozusagen als einzelne Betrachter, die Darstellung umgeben, bleibt es für uns leer. Der Aspekt kann aber "aufscheinen", wenn wir das Kunstwerk erklärt bekommen. Was jemand in einem Kunstwerk erkennt, ist wesentlich auch von ihm abhängig, und das heißt: von seiner Individualität. Diese Überlegungen möchte ich noch ein wenig weiterführen und beziehe mich hierbei nicht mehr direkt auf Wittgenstein, sondern widerspreche ihm hinsichtlich der kognitiven Überspitzung seiner Thesen zur Ästhetik.*86* In Situationen, in denen wir mit Kunst umgehen, gebrauchen wir häufig Äußerungen wie "Herrlich!", "Sieh nur, wie schön!" oder "Entsetzlich!" etc. Auf den ersten Blick mag dies allein wie ein Gefühlsausdruck sich ausnehmen. Im Anschluß an das Gesagte trifft das allerdings nicht völlig zu. "Ist das schön!" geäußert in einer Situation, in der uns ein sanfter Wind über die Haut streicht, ist ein völlig normaler Empfindungsausdruck. Der gleiche Satz beim Anblick einer Landschaft scheint ein (ästhetisches) Urteil zu sein. Meiner Ansicht nach handelt es sich weder um das eine, noch um das andere. Zwar gehen Gefühle häufig mit solchen Situationen einher, aber der ÄSTHETISCHE Gebrauch des Wortes 'schön' ist vom EMOTIONALEN unterschieden. Der ästhetische Gebrauch ist nicht auf die Rede von der Kunst beschränkt, er hat eine viel weitere Anwendung in der lebensweltlichen Praxis. Innerhalb der ästhetischen Rede haben wir die Möglichkeit, eher beschreibender, mitteilender Äußerungsweisen (mit Worten wie 'glatt', 'glitzernd', 'unscheinbar' ...) und eher bewertender Äußerungen ('schön', 'häßlich', 'grandios' ...). Diese sind dadurch unterschieden, daß bei ÄSTHETISCHEN BEWERTUNGEN das Erlebnis (i.w.S.) von besonderer Bedeutung ist. Bewertende Ausdrücke sind von nur beschreibenden ('rot', 'oval') unterschieden, aber es gibt, wie gerade notiert, Übergänge. Auf der anderen Seite sind ÄSTHETISCHE BEWERTUNGEN von ÄSTHETISCHEN BEURTEILUNGEN unterschieden. Demgemäß möchte ich den ästhetischen Gebrauch von 'schön' eine ästhetische Bewertung, nicht aber eine ästhetische Beurteilung nennen. Jemand sagt in der Situation einer Beurteilung etwa, daß ein Bild schön sei, man könnte ihm dann aber antworten:"Es geht hier gar nicht darum, ob Du dieses Bild nun schön oder häßlich nennst, sondern darum, ob es gelungen ist oder nicht, es geht um den künstlerischen Wert, egal ob einer von uns es schön findet." Um ein ästhetisches Urteil zu fällen, brauchen wir nur gemeinsame Kriterien und ein Verständnis des Kunstwerkes. Die Situation dabei gleicht der, in der jemand beim Anblick des H-E-Bildes, nach dem Gesehenen befragt, sagt, es handele sich um den H-E-Kopf. Hier muß wie dort keine besondere Art des Erlebens in die Situation eingeflochten sein. Während die ästhetische Bewertung für alle Gegenstände der Rede möglich ist, ist das ästhetische Urteil nur für von Menschen hergestellte Gegenstände möglich. Einen Berg können wir schön, nicht aber gelungen nennen. Wie unterscheiden sich nun ästhetische Urteile von ästhetischen Bewertungen? Bei einer ästhetischen Bewertung werden Sätze wie "X ist schön." und "Ich finde X schön." ähnlich gebraucht, wir haben es also mit SUBJEKTIVEN Fällen zu tun. 'Schön' gebrauchen wir, soll das heißen, nur in der Oberflächengrammatik wie die Eigenschaft eines Objekts. 'Subjektiv' soll dabei nicht im Sinne von willkürlich und auch nicht im strengen Sinne von privat verstanden werden. Mit dem Begriff der ästhetischen Bewertung sind die der ÄSTHETISCHEN ERFAHRUNG und des ÄSTHETISCHEN ERLEBNISSES verbunden. In der Bewertung 'schön' drückt sich diese Erfahrung und dieses Erlebnis aus. 'Erlebnis' und 'Erfahrung' gebrauche ich hier in einem terminologisch nicht differenzierten Sinn und der Unterschied, der sich in diesen Begriffen zeigt, ist vielleicht nur ein marginaler. Damit wir überhaupt von einer ästhetischen Bewertung reden können, müssen wir schon mit dem Gegenstand vertraut sein. 'Vertraut' bleibt hier bewußt vage, weil es viele Möglichkeiten des Vertrautseins geben kann, etwa vom trivialen Wissen, daß es sich beim betrachteten Gegenstand um einen Berg handelt und nicht um eine Wolkenformation, bis hin zum Verstehen differenzierter musikalischer Zusammenhänge. Ästhetische Bewertungen treffen wir in verschiedenen Kontexten völlig unterschiedlich. Es können hier Wissen, Technik, Verstehen, aber auch Erinnerung und Assoziation eine wichtige Rolle spielen, um nur einige Formen des Vertrautseins anzusprechen. Um die These zuzuspitzen, 'schön' kann man ein impressionistisches Gemälde auch nennen, ohne etwas von der Theorie der Malerei zu verstehen. Aber wir dürfen die ästhetische Bewertung auch nicht subjektivistisch auf das Prädikat "Geschmackssache" verkürzen. Es kommt immer wieder darüber, ob etwas schön ist, zum Streit. Auch Argumente können dabei ausgetauscht werden, aber es geht hier nicht um ÜBERZEUGUNG. Es ließe sich ein Gespräch vorstellen, in dem jemand sagt:"Wenn du das Bild SO siehst, wirst du sehen, daß es schön ist." Und dann würde jemand eine Geschichte zu dem Bild erzählen und es in einen Kontext einbetten, der von subjektiven Erinnerungen bis hin zu Kenntnissen reicht. Wenn es hier zum Streit kommt, so werden Geschichten erzählt, in denen Argumente nicht ZWINGEND sind, nicht einmal in einem schwachen Sinne. Diese Geschichten vermitteln Sichtweisen auf die Gegenstände. In Kantischer Redeweise läßt sich hier dann von SUBJEKTIVER ALLGEMEINHEIT sprechen.*87* In Anlehnung an Wittgenstein kann man sagen, daß wir Schönheit sehen (hören, auch tasten) können. Das zeigt, daß wir einen reicheren Begriff des Sehens haben als das, was man unter 'visueller Wahrnehmung' versteht. In der ästhetischen Bewertung drückt sich ein subjektives oder, weniger verfänglich, ein individuelles WELTVERHÄLTNIS aus. Durch unsere kommunikativen Mittel können wir dieses Weltverhältnis VERMITTELN oder VERGEGENWÄRTIGEN, aber nicht im ernsten Sinn begründen. Das Anliegen, mit dem eine solche Vermittlung vorgetragen wird, ist, daß der Andere verstehen, meine Sichtweise teilen SOLL, nicht daß er sie dann teilen MUß. Die individuelle Seite der ästhetischen Bewertung ist aber nur ein Aspekt der ästhetischen Bewertung. Mit dem Prädikat 'schön' lernen wir häufig auch durch Unterricht und soziale Vermittlung umzugehen. D.h., wir lernen an EXEMPLARISCHEN Gegenständen den Gebrauch von 'schön'. Wie im einzelnen die Kanonbildung ausfällt, hängt vom Unterricht, von der Unterweisung mit MUSTERGÜLTIGEN Exemplaren ab. Insofern wird hier der Akzent der ästhetischen Bewertung auf die Allgemeinheit gelegt. (Hier mag Kants Rede vom Sensus Communis ihren berechtigten Sitz haben.*88*) Es hat dann auch eher Sinn, von der Schönheit als Eigenschaft von Objekten zu sprechen, wenn auch in einem eingeschränkten Sinn. Die kanonische Erziehung ist uns, könnte man sagen, zur zweiten Natur geworden. Ich denke dabei an Phänomene wie die musikalischen Harmonien. Hierin besteht das Bindeglied zwischen ästhetischer Bewertung und dem ästhetischen Urteil. Daß die Kanonbildung von mir trotzdem auf der Seite der ästhetischen Bewertung behandelt wird, hängt damit zusammen, daß die Kanonbildung nicht ERZWUNGEN werden kann. Die Verwendung von 'schön' hat in diesem Zusammenhang gegenüber dem allgemeinen Einverständnis, daß etwas schön sei, einen individuellen Überschuß und verweist daher auf den Bereich der ästhetischen Bewertung. 5. Erlebnis und Sprache *89* In Situationen, in denen wir mit Werken der Kunst umgehen, drücken wir ästheti- sche Erlebnisse vor allem mit sprachlichen Mitteln aus. Es ist zwar auch möglich, staunend und stumm vor einem Bild zu stehen, doch stumm heißt nicht sprachlos. Gerade im Bereich des Ästhetischen ist die Sprache von entscheidender Wichtigkeit. Dabei sind besondere Situationen zu bedenken. Beim Hören einer Klaviermusik etwa könnte jemand ausrufen:"Ein wunderschönes Präludium.", etc. Hier haben die im Erlebnisausdruck verwendeten Worte ihre völlig normale, alltägliche Verwendung; es könnte allerdings auch sein, daß er ausruft:"Diese Tonart hat einen strahlendblauen Klang." In dieser Situation hat das Wort 'strahlendblau' zwar immer noch die Bedeutung einer Farbe, aber es wird in einem den Farbprädikatoren fremden Zusammenhang gebraucht. Wittgenstein führt dafür die Rede von den SEKUNDÄREN BEDEUTUNGEN ein.*90* Bei den sekundären Bedeutungen handelt es sich ausdrücklich nicht um Metaphern. Ohne hier näher in eine metapherntheoretische Diskussion eintreten zu wollen, läßt sich doch soviel feststellen, daß die metaphorische Rede im Rahmen von MITTEILUNGEN, FESTSTELLUNGEN etc. gebraucht wird. Ob ihr dann ein Wahrheitswert zugesprochen werden kann, ist hier nicht wichtig. Sekundäre Bedeutungen dagegen sind an den ERLEBNISAUSDRUCK gebunden. Der sekundäre Gebrauch der Sprache setzt den primären Gebrauch voraus. Die Worterklärung ist beidemal die der primären Bedeutung. Nur für den, der das Wort in jener Bedeutung kennt, kann es diese haben. D.h. die sekundäre Verwendung besteht darin, daß ein Wort, mit DIESER primären Verwendung, nun in dieser neuen Umgebung gebraucht wird.*91* Die Verwendung sekundärer Bedeutungen ist häufig die einzige Möglichkeit, dem Erlebnis angemessen Ausdruck zu verleihen, d.h. der Intensität und der Qualität gerecht zu werden. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob man von einem strahlendblauen Klang spricht oder von einem hellen, sehr klaren Klang. Durch sekundäre Bedeutungen ist die Möglichkeit stark erweitert, Erlebnisse (i.w.S.) sehr differenziert auszudrücken. Es ist sogar so, daß der Gebrauch sekundärer Bedeutungen für das entsprechende Erlebnis konstitutiv ist, denn sonst hätten wir ja einen anderen Begriff, der das Erlebnis genauso adäquat zum Ausdruck bringen könnte. D.h., die besondere Wahl des Ausdrucks ist das Kriterium, ohne das das Erlebnis nicht zugesprochen werden kann, weder hat es Sinn, zu behaupten, ein dritter hätte ein Erlebnis, noch ich selbst hätte ein Erlebnis, ohne daß Ausdrucksverhalten erkennbar wäre. Sekundäre Bedeutungen wären nichts anderes als Synonyme, wenn es hier eine andere, quasi natürliche Form des Ausdrucks gäbe. Zugleich aber ist diese Möglichkeit nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln, denn sekundäre Bedeutungen müssen, wenn sie überhaupt Ausdruck sein wollen, ver- standen werden. Sie müssen für die Praxis verwendbar sein. Ob dies allerdings immer so ist, muß sich in der Praxis zeigen. Gegenüber dem primären Sprachgebrauch erweitern die sekundären Bedeutungen unsere Individuierungsmöglichkeit beträchtlich. Eine weitere Form, in der die Sprache für den Erlebnisausdruck konstitutiv ist, wird durch Situationen des "Erlebens von Bedeutungen", wie Wittgenstein es nennt, repräsentiert. Diese Situationen sind dem Aspektsehen sehr ähnlich. Auch hier zeigt die Erörterung des Bedeutungsblinden, welchen Stellenwert das Erleben einer Bedeutung in unserem Leben hat. Eine Situation, in der man von einem Erleben der Bedeutung sprechen kann, wäre etwa das emphatische Ausrufen des Namen "Bach!". Der Bedeutungsblinde könnte das Wort sowohl für die Art von Gewässer verwenden, als auch für den Komponisten. Das einzige, was ihm fehlt, ist der subjektive Anteil, der hinsichtlich des Gebrauchs keine Relevanz besitzt, sondern die individuelle Stellungnahme, die eingearbeitete Bewertung, ausdrückt. "Der Bedeutungsblinde wäre eigentlich der, der nur das LEERLAUFENDE Erlebnis der Bedeutung nicht hatte."*92* Auch dabei ist die Bedeutung des Eigennamens 'Bach' nicht an ein besonderes Erlebnis gebunden, sondern bleibt im Falle der Eigennamen an ein Bündel möglicher Kennzeichnungen gebunden ("Der Komponist der Goldbergvariationen").*93* Daß dieses Erlebnis leerläuft, heißt nicht, daß es für die Sprecher keine Wichtigkeit hätte, sondern wieder nur, daß die Erlebnisse, die hier thematisiert werden, nichts zur Bedeutung der verwendeten Wörter beitragen. Sie sind eine Art Überschuß, der uns nur in bestimmten Kontexten wichtig ist. Wir haben also zwischen der Bedeutung und den Konnotationen zu unterscheiden, während die Bedeutung intersubjektiv ist, ist die Konnotation mit einer Bewertung verbunden. Läßt sich keine in der Äußerung eingearbeitete Bewertung ausmachen, so würde man nicht vom "Erlebnis der Bedeutung" sprechen. Die Begrifflichkeit, die Wittgenstein hier wählt, ist ein wenig schräg, denn das Wesentliche für das Erlebnis sind schlußendlich die Konnotationen. ------------------------- *1* Die Schriften Wittgensteins, die ich mit 'Ms' und 'Ts' angebe, beziehen sich auf den hand- oder maschinenschriftlichen Nachlaß nach der Zählung in "WITTGENSTEINS NACHLAß" von G.H. von Wright (in ders.:WITTGENSTEIN, Frankfurt 1990), der mir als Lesekopie des Cornell- Mikrofilms im Philosophischen Archiv der Universität Konstanz zugänglich war. Sofern ich neben dem Datum der Eintragung eine Seitenzahl notiere, gilt: in Klammern notierte Seitenzahlen sind nur in der Konstanzer Ausgabe notiert, andere sind ins Manuskript selbst eingetragen. 'Ds' bedeutet Doppelseite, weil Wittgenstein gelegentlich Kassenbücher benutzte, die nur doppelseitig nummeriert sind. Die von mir zitierten Stellen sind nicht in die Typoskripte und also nicht in die WERKAUSGABE in acht Bänden, Frankfurt 1989, aufge- nommen worden, aus der ich sonst zitiere. *2* B. Russell: THE ANALYSIS OF MIND, London 1995 (Original 1921), S. 117. *3* W. Lotze:MEDIZINISCHE PSYCHOLOGIE UND PHYSIOLOGIE DER SEELE. Leipzig 1852, S. 176. *4* A.a.O., S. 180. *5* W. James: PSYCHOLOGIE, Leipzig, 1909, S. 313. *6* W. James: THE PRINCIPLES OF PSYCHOLOGY, New York 1950, Bd. II, S. 2. *7* A.a.O. S. 76. *8* A.a.O. S. 86. *9* James:PSYCHOLOGIE, S. 330. *10* Wittgenstein hat das berühmte Hasen-Enten-Bild einer ähnlichen Darstellung in Jastrows Buch FACT AND FABLE IN PSYCHOLOGY, Boston, New York 1900, S. 295 entnommen. *11* A.a.O. *12* A.a.O. S. 285. *13* Vgl. W. Köhler:DIE AUFGABE DER GESTALTPSYCHOLOGIE, Berlin 1971. *14* W. Köhler:GESTALT PSYCHOLOGY, New York 1970, S. 181. *15* W. Köhler:DIE AUFGABE DER GESTALTPSYCHOLOGIE, S. 40. *16* A.a.O. S. 50. *17* W. Köhler: GESTALT PSYCHOLOGY, S. 171. *18* A.a.O. S. 199. *19* L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen I, § 412. *20* L.Wittgenstein: Vorlesungen über die Philosophie der Psychologie, S. 475. *21* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 109. *22* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, § 258. *23* A.a.O. *24* Vgl. Vorlesungen über die Philosophie der Psychologie, S. 123. *25* A.a.O., S. 21, vgl. Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 212. *26* Vorlesungen über die Philosophie der Psychologie, S. 317. *27* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 172. *28* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 536. *29* Vgl. L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, §§ 439-445. *30* L.Wittgenstein: Ms 135, 3/9/1947, Cornell Bd. 37. *31* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 529. *32* Vgl. a.a.O., § 530 oder Philosophische Untersuchungen II, * S. 543. *33* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 534. *34* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der * Psychologie I, § 27. *35* Vgl.: L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 179. *36* Vgl. a.a.O. § 612 und: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 544. *37* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 545. *38* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 553. *39* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 550; Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 522. *40* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 8. *41* L.Wittgenstein: Ms 136, 16/1/19448, Cornell Bd.38, Ds 117. *42* L.Wittgenstein: Ms 136, ca. 17.12.1947, Cornell Bd. 38, Ds 1. *43* Vgl. L.Wittgenstein: Ms 136, ca. 18.12.1947, Cornell Bd. 38, Ds 2. *44* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 896. *45* L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 520. *46* L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 526. *47* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 495. *48* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 431. *49* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 529; Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 1070ff. *50* W. Schapp:Phänomenologie der Wahrnehmung, Göttingen 1925, S.13. *51* A.a.O. S. 96. *52* In seiner Spätphilosophie gebraucht Wittgenstein den Erlebnisbegriff wenig differenzierend, er verwendet ihn vielmehr häufig als Sammelbegriff für 'innere Vorgänge'. Grundsätzlich kritisiert er einen erkenntnistheoretischen Erlebnisbe- griff. Es wäre nun zu einfach, schlicht zu sagen, er ersetze den erkenntnistheo- retischen durch einen lebensweltlichen Erlebnisbegriff. Denn philosophisch betrachtet ist der Begriff des Erlebnisses ein Produkt des 19. Jahrhunderts. (Zur Begriffsgeschichte vgl.: K. Cramer:Artikel ERLEBNIS, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie (Hg. J. Ritter) Bd. 2, Darmstadt 1972; H.G. Gadamer:WAHRHEIT UND METHODE, Tübingen 1986, S. 66-70.) Darin tauchen Erlebnisse vornehmlich als vorbegriffliches Fundament von Erkenntnis und Erfahrung auf. Der Erlebnisbegriff, mit dem sich Wittgenstein kritisch auseinandersetzt, läßt sich unter diese Verwendung subsumieren, es ist der Erleb- nisbegriff des logischen Empirismus, wie ihn z.B. R. Carnap vertrat. In DER LOGISCHE AUFBAU DER WELT versucht Carnap über das Auffinden einer unmittelbaren Erlebnisbasis den Empirismus im strengen Sinne zu begründen. Demnach müßten alle Begriffe auf diese Erlebnisebene zurückführbar sein, so daß alle Erkenntnis von diesen vorbegrifflichen Erlebnissen ausgeht. Diese von Carnap so genannten Elementarerlebnisse sind die einer eigenpsychischen Basis, denn es handelt sich um MEINE Erlebnisse. Daß dies eine solipsistische Erkenntniskonzeption ist, steht natürlich außer Zweifel, wenngleich Carnap kein Subjekt der Erlebnisse, dem "das Gegebene gegeben ist"( R. Carnap:DER LOGISCHE AUFBAU DER WELT, Berlin 1928, S. 86; vgl. auch § 65.) braucht; die Erlebnisse finden einfach statt. Solipsismus und Realismus fallen somit, wie es Wittgenstein im TRACTATUS formulierte, zusammen. Einer über den erkenntnistheoretischen Erlebnisbegriff hinausgehende Konzeption nach sind Erlebnisse (im weiteren Sinne) nur zugänglich durch die gemeinsam geteilte Sprache, auch im eigenen Fall. Sie sind allerdings UNMITTELBAR, insofern wir auf eine Situation oder ein Ereignis unmittelbar reagieren. In der unmittelbaren Reaktion ZEIGT sich ein Erlebnis. Die unmittelbare Reaktion, in der wir Erlebnisse ausdrücken, ist an den einzelnen Menschen, das konkrete Individuum gebunden. Das zeigt sich daran, daß nur der, der ein Erlebnis hat, es auch ausdrücken kann, d.h. bei Erlebnissen können wir uns (aus begrifflichen Gründen) NICHT VERTRETEN LASSEN. Durch den unmittelbaren AUSDRUCK sind Erlebnisse aus dem "normalen Lebensfluß" HERAUSGEHOBEN. D.h. in einem unspektakulären Sinn herausgehoben, wenn sich eine andere Person den Fuß stößt und plötzlich vor Schmerzen aufschreit oder beim Betrachten eines Bildes plötzlich "Wie scheußlich!" ausruft. Wir können doch dann sagen, daß der Ausdruck des Erlebnisses aus dem "normalen Lebensvollzug" des Treppensteigens oder Sehens herausgehoben ist. Wenn das stimmt, so müssen Erlebnisse (a) SINGULÄRE EREIGNISSE sein, die (b) ihre Bedeutung nur im praktischen LEBENSVOLLZUG haben. Daß sich Erlebnisse nicht in der Erinnerung konstituieren, sondern im Ausdruck, heißt nicht, daß man sich nicht an sehr lange zurückliegende Erlebnisse erinnern könnte.Tatsächlich aber führt Wittgenstein, zumindest implizit, einen lebensweltlichen Erlebnisbegriff mit, während er den erkenntnistheoretischen derart kritisiert, daß er anhand der psychologischen Begriffe zeigen kann, daß Erlebnisse nicht zur Grundlage dieser Begriffe, welche zugleich die Grundbegriffe der Erkenntnistheorie sind, taugen. An die Stelle des privaten Erlebniskonzeptes tritt auch hier ein "öffentliches" Wahrnehmen. Welches "Seherlebnis" wir hatten, zeigt sich an unserer Reaktion, d.h. gegebenenfalls an der Mitteilung dessen, was wir gesehen haben, - und dabei sind wir keineswegs im starken Sinne unvertretbar. Der andere sieht, was ich auch sehe. Eine nähere Bestimmung des erkenntnistheoretischen Erlebnisbegriffs, d.h. die Bestimmung des über den gemeinsamen Sprachgebrauch hinausgehenden qualita- tiven Restes der Wahrnehmung oder Empfindung, ist nicht möglich. *53* L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 521. *54* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 436. *55* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 412. *56* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 415. *57* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 166. *58* Vgl. L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 431. *59* D. W. Hamlyn:The Psychology of Perception, London 1957, S. 110f. Hamlyn beschäftigt sich in diesem Zusammenhang nicht direkt mit Wittgenstein, sondern mit psychologischen Wahrnehmungstheorien. *60* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 171; vgl. dort § 491. *61* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 549. *62* Vgl. L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 437. *63* Vgl. L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 565. *64* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 495f. *65* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie II, S. 13. Vgl. Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 486; Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 473; Philosophische Untersuchungen II, S. 524. *66* Vgl. L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 521. *67* Vgl. L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 869. *68* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 297. *69* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 637. Vgl. Philosophische Untersuchungen II, S. 537. *70* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie II, § 390. *71* L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 549. *72* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 506. *73* L.Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, 4.123. *74* A.a.O. 4.122. *75* Im Rahmen dieses Artikels waren mir folgende Arbeiten besonders hilfreich: M.Budd: WITTGENSTEIN'S PHILOSOPHY OF PSYCHOLOGY, London 1989, Kap. V, wobei das Problem der internen Relation nicht diskutiert wird und Ter Hark: BEYOND THE INNER AND THE OUTER, Dortrecht 1990,Kap. 6, der die von mir vorgeschlagene Variante zur Verdeutlichung der internen Relation am Sehen-als in betracht zieht:"(i) One object is the geometrical constellation, the other is either the duck or the rabbit." (S. 182), sie zugunsten der Variante "(iii)One object is the change of aspect, the other is either the duck or the rabbit." (S. 183) aus folgenden Gründen verwirft: 1. Die beiden Teile der internen Relation können nicht unabhängig voneinander identifiziert werden, sonst bestünde eine externe Relation. 2. Die geometrische Konstellation gehört nicht zur Beschreibung des Aspektes. Freilich ist 1. richtig, aber das führt nicht notwendig zur Konsequenz, die Ter Hark im Auge hat, denn die begriffliche Beziehung besteht ja nur dann, wenn wir die Konstellation als Ente oder Hase sehen. Außerdem besteht die begriffliche Beziehung ja auch beim stetigen Sehen von Aspekten, der Unterschied zum Sehen-als ist nur, daß sie uns im Erlebnis des Umschlagens bewußt wird, deswegen spricht Wittgenstein auch vom Wahr- nehmen einer internen Relation. 2. stimmt nur bedingt, denn die Konstellation kann Teil der Beschreibung des Aspektes sein, sie ist nur keine vollständige Be- schreibung. *76* L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 549. *77* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 534, Hervorhebungen teilweise von mir, T.J., ebenso in der folgenden Anmerkung. *78* a.a.O. *79* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 495. *80* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 396. *81* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 520. *82* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 538 und Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 640. *83* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen I, § 304. *84* L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 1; die in den Schrägstrichen notierte Variante befindet sich in dem der Textfassung zugrunde gelegten Ts 229, wurde aber nicht abgedruckt. *85* Vgl. L.Wittgenstein: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie I, § 545f. *86* Vgl. z.B. L.Wittgenstein: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Religion und Psychologie, S. 26ff. *87* Vgl. I. Kant:Kritik der Urteilkraft, Hamburg 61924, S. 49. *88* a.a.O. §§ 20f. *89* Das Verhältnis von Sehen-als zur Sprache wird bei S. Mullhall: ON BEEING IN THE WORLD, London 1990, sehr klar und viel ausführlicher diskutiert. *90* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen II, S. 557. *91* L.Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie I, § 797. *92* L.Wittgenstein: Ms. 130, ca. 8/1946, Cornell Bd. 32, S. 28. *93* Vgl. L.Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen I, § 79.