***************************************************************** * * Titel: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen Autor: Fritz Mauthner Bearbeiter: Djavid Salehi Dateiname: 11-1-97.TXT Dateilänge: 62 KB Erschienen in: Wittgenstein Studies 1/97, Datei: 11-1-97.TXT; hrsg. von K.-O. Apel, N. Garver, B. McGuinness, P. Hacker, R. Haller, W. Lütterfelds, G. Meggle, C. Nyíri, K. Puhl, R. Raatzsch, T. Rentsch, J.G.F. Rothhaupt, J. Schulte, U. Steinvorth, P. Stekeler-Weithofer, W. Vossenkuhl, (3 1/2'' Diskette) ISSN 0943-5727. * * ***************************************************************** * * * (c) 1997 Deutsche Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V. * * Alle Rechte vorbehalten / All Rights Reserved * * * * Kein Bestandteil dieser Datei darf ganz oder teilweise * * vervielfältigt, in einem Abfragesystem gespeichert, * * gesendet oder in irgendeine Sprache übersetzt werden in * * irgendeiner Form, sei es auf elektronische, mechanische, * * magnetische, optische, handschriftliche oder andere Art * * und Weise, ohne vorhergehende schriftliche Zustimmung * * der DEUTSCHEN LUDWIG WITTGENSTEIN GESELLSCHAFT e.V. * * Dateien und Auszüge, die der Benutzer für * * seine privaten wissenschaftlichen Zwecke benutzt, sind * * von dieser Regelung ausgenommen. * * * * No part of this file may be reproduced, stored * * in a retrieval system, transmitted or translated into * * any other language in whole or in part, in any form or * * by any means, whether it be in electronical, mechanical, * * magnetic, optical, manual or otherwise, without prior * * written consent of the DEUTSCHE LUDWIG WITTGENSTEIN * * GESELLSCHAFT e.V. Those articles and excerpts from * * articles which the subscriber wishes to use for his own * * private academic purposes are excluded from this * * restrictions. * * * ***************************************************************** Quelle: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Hrsg. von Dr. Raymund Schmidt, Leipzig, Verlag von Felix Meiner 1922, S. 120-143. _Seite_1 Fritz Mauthner. I. Ich bin mir der Ehre bewußt, die mir durch die Aufforderung widerfährt, neben akademischen Forschern auf den Teilgebieten der Philosophie das Wort zu ergreifen; aber es würde ein schlechtes Licht werfen auf meine Wahrheitsliebe, doch wohl die menschliche Vorbedingung alles wissenschaftlichen Denkens, wollte ich meiner Freude über diese Ehrung einen allzu bescheidenen Ausdruck geben. Über meinen Bildungsgang und auch über die mir bewußte Herkunft des sprachkritischen Gedankens habe ich bereits eingehend berichtet in meinen "Lebenserinnerungen" (Georg Müllers Verlag, München 1917); ich muß hier hervorheben oder hinzufügen, was sich etwa auf eine philosophische Schulung beziehen mag. Auf dem deutschen Gymnasium von Prag-Kleinseite trug uns ein geistlicher Herr in den Oberklassen die sogenannte philosophische Propädeutik vor: Logik, Psychologie und Ethik. Was wir da an psychologischen und gar an ethischen Banalitäten zu hören bekamen, ging freilich kaum hinaus über einige Allgemeinheiten des Religionsunterrichts; doch die Logik fesselte mich ungemein; vielleicht nur darum, weil kein einziger unserer Lehrer daran gedacht hatte, den hergebrachten deutschen Aufsatz zu einer Einführung in die Regeln des Denkens zu benützen. Für die Schülerzeit darf ich noch erwähnen, daß ich bei Lehrern und Mitschülern für einen vortrefflichen Griechen und Mathematiker galt; die Begabung für Mathematik ließ ich einrosten, bis ich, sehr viel später, in Freiburg, nach meinem 55. Jahre, bei den Professoren LÜROTH, LÖVY und KÖNIGSBERGER das Versäumte nachholte und eifrig höhere Analyse, Wahrscheinlichkeitsrechnung, nichteuklidische Geometrie und auch einige theoretische Physik studierte. Es war ausgemacht, ohne daß ich gefragt wurde: ich sollte mich als Jurist inskribieien lassen. Der Beruf eines Rechtsanwalts _Seite_2 für den ich bestimmt war, schien mir damals unwürdig als der eines studierten Geschäftsmanns; und die Rechtswissenschaft selbst widerstrebte mir oder ich widerstrebte ihr; als ich dann in einem spätern Semester durch den feinen Gelehrten MERKEL in die Rechtsphilosophie eingeführt wurde, da war es zu spät; bei mir war eben das Mißtrauen in alle abstrakten Begriffe wach geworden und besonders den schon vertraut gewordenen Rechtsbegriffen schien jede Beziehung zur Wirklichkeit zu fehlen. ADOLF MERKEL, der mir sehr wohlwollte und mich auch freundlichst (nach deutscher Sitte, gegen die Gewohnheit der Prager Professoren) in sein Haus zog, gab sich redliche aber fruchtlose Mühe, mich für die Rechtsphilosophie und für einen "akademischen" Lebensweg zu gewinnen, besonders aber mich zu heilen von der Neigung zu einer Sprachkritik, die er für jugendlichen Radikalismus hielt. Um mich zu bekehren, lieh er mir einmal HEGELs "Phänomenologie des Geistes"; ich war aber durch SCHOPENHAUER schon so sehr gegen HEGEL eingenommen, daß ich damals nicht einmal die ungeheure Begriffsarchitektur nach Gebühr bewunderte. Im Gegenteil: der Wortaberglaube HEGELs bestärkte mich in meiner Wortketzerei. Bevor ich noch MERKEL kennen und persönlich verehren lernte, hatte ich natürlich alle Vorlesungen belegt, die mir über das Brotstudium hinaus zu weisen schienen; mehr als einmal fiel so ein freies Kolleg auf die gleichen Stunden wie das, das ich als Jurist unweigerlich (trotz der akademischen Freiheit) zu besuchen hatte; ich brauche nicht erst zu versichern, daß ich lieber das Eherecht oder das Handelsrecht schwänzte als eine Vorlesung über die Ästhetik oder über einen philosophischen Gegenstand. Der Stunden bei dem Archäologen BENNDORF und dem Musikhistoriker AMBROS gedenke ich noch heute mit Dankbarkeit; doch in die Welt der Gedanken führten beide nicht ein. Und um die eigentliche Philosophie war es damals in Prag wunderlich bestellt. Ich will gleich bemerken, daß ich in acht Semestern (1869 bis 1873) von keinem einzigen Dozenten SCHOPENHAUER auch nur nennen hörte; ein Kamerad borgte mir einmal HARTMANNs "Philosophie des Unbewußten" und daraus, aus verblüffend überzeugenden Zitaten, erfuhr ich erst, daß der echteste Schüler von KANT, eben SCHOPENHAUER, gelebt hatte. Die Universität hatte ihn noch nicht entdeckt. Die Kirche, natürlich die katholische Kirche, teilte sich mit der Wiener Regierung in die Oberaufsicht über unsere Hochschule; jede dieser beiden Mächte hatte einen summus _Seite_3 philosophus hingestellt, an welchen man zu glauben hatte; für den Erzbischof von Prag, der der alleinige Herr der theologischen Fakultät war, doch auch auf die andern Fakultäten Einfluß hatte, war THOMAS VON AQUINO die oberste Instanz (wenn er ihn nämlich kannte, man sprach mit sehr wenig Achtung von seinen Geistesgaben), für das Unterrichtsministerium war diese Autorität HERBART, schon seit einigen Jahrzehnten. In ganz Österreich berief man sich auf HERBART, wenn man wissenschaftlich über philosophische, besonders über pädagogische Fragen reden wollte. Da traf es sich recht gut, daß sowohl der Vertreter der mittelalterlichen als der der modernen Richtung ein gründlicher Mann war, der zu geistiger Mitarbeit erziehen konnte. Was der Thomist uns bot, der Logikprofessor J. H. LÖWE, in einem Kolleg über Logik, war freilich zunächst abschreckend genug. Ich glaubte nicht recht zu hören, als das verhutzelte Männchen die Vorlesung über Denkgesetze so begann: "Es gibt dreierlei vernunftbegabte Wesen, nämlich Gott, Engel und Menschen". Nachher wurde die Sache aber nicht so schlimm; unser Philosoph beschränkte sich auf die vernunftbegabten Wesen der dritten Klasse und führte uns scharfsinnig zu den Haarspaltereien der scholastischen Logik. Ab und zu legte er sein Heft beiseite und überraschte uns in geistreichen Exkursen mit ganz unkirchlichen Begriffskonstruktionen. Ich wußte damals noch nicht, daß dieser vermeintliche Thomist, dessen Kolleg auf Anraten der Obern von sehr vielen Theologen besucht wurde, eigentlich ein Anhänger des unglücklichen GÜNTHER war und sich's nur nicht anmerken lassen durfte; GÜNTHER war von Rom wegen bescheidener Ketzereien verurteilt worden, hatte sich unterworfen und war elend zugrunde gegangen, weil er, von HEGEL nicht ganz unberührt, in einem duldsamen Theismus die Vereinigung von Geist und Natur suchte. Unser Logikprofessor nun war ein ängstlicher Jünger dieses GÜNTHER und blickte immer scheu nach den Bänken der Theologen, wenn er in einem seiner Exkurse die Begriffe Natur und Geist zusammenstellte. Erst viel später hat LÖWE mich ernsthaft gefördert: als ich schon gelernt hatte, meine sprachkritischen Bemühungen wären uralt, wären bereits von den mittelalterlichen Nominalisten gewagt worden, und als ich erfuhr, daß LÖWE eine sehr gute kleine Schrift über diese Nominalisten verfaßt hätte. Viel unmittelbarer wirkte auf mich der Herbartianer VOLKMANN, bei dem wir Juristen ein Zwangskolleg über praktische _Seite_4 Philosophie zu hören hatten; ich war wie bezaubert und belegte im nächsten Semester bei VOLKMANN das große Kolleg über Psychologie. Ein Lehrer, dem man zutraute, daß er ein Philosoph war; eigentlich gar kein Leib mehr, nur noch ein fragendes Auge und eine eindringende Stimme. VOLKMANNs Lehrbuch der Psychologie ist heute gewiß verdrängt durch die neuen physiologischen, psychophysischen und sonstigen Experimente; die Selbstbeobachtung hat viel von ihrem Kredit verloren; aber VOLKMANN hat uns Sauberkeit im Bilden und Gewissenhaftigkeit im Anwenden von psychologischen Begriffen gelehrt. Mitgeschrieben habe ich auch damals nicht, aber Aufgaben in Menge heimgebracht: die Aufforderung des Herbartianers, unter Aufbietung aller Kräfte mit den Widersprüchen zu ringen, die überall da verborgen waren, wo es sich um Zustände und Tätigkeiten der sogenannten Seele handelte: Ich, Bewußtsein, Gedächtnis, Vorstellungen, Gefühle. Wieder lernte ich erst sehr viel später den Nutzen schätzen, den mir die frühe Bekanntschaft mit HERBARTs "Realismus" gewährt hatte; als ich nämlich die Sprachphilosophie der Völkerpsychologie zu studieren begann und zu meiner Überraschung fand, daß nicht nur der betriebsame Lazarus, sondern auch der tapfere Steinthal und der starke Geiger mit dem Handwerkszeuge von HERBART arbeiteten. Als ich aber damals den edeln Geist VOLKMANNs bewundernd auf mich wirken ließ, war ich noch weit von einer Erkenntnis solcher Zusammenhänge; es paßte mir nicht, daß HERBART in der Skepsis nur den Ausgangspunkt des Philosophierens sah; meine sprachliche Skepsis war so stark, daß sie sogar meine liebevolle Achtung für VOLKMANN verringerte. Wir hatten in Prag noch einen dritten Philosophen, den Freiherrn von LEONHARDI, der Schüler und (wenn ich nicht irre) Schwiegersohn des Weltverbesserers und Sprachverhunzers KRAUSE war. Es ist vielleicht meine Schuld, vielleicht auch nicht, wenn ich von LEONHARDI nicht ernsthaft reden kann. Sein Meister KRAUSE muß trotz seiner närrischen Terminologie eine hinreißende Persönlichkeit gewesen sein, da er drei Menschenalter nach seinem Tode noch Apostel findet, besonders in Spanien, aber auch in Deutschland. Freiherr von LEONHARDI verband mit KRAUSEs Sprachungeheuern etwas mathematische Nüchternheit; was dabei herauskam, war unsäglich. Nein, nicht unsäglich, denn er sagte es; doch unerträglich. "Der Teufel ist als das Gegenstück zu Gott das or-om-wesenlebige Mälwesen mit einem negativen Vorzeichen." _Seite_5 Und was das Allerschrecklichste ist: ich könnte heute nicht mehr sagen, ob diese Ausgeburt wörtlich über LEONHARDIs Lippen kam, so wie sie fest in meinem Gedächtnisse haftet, oder ob sie Erzeugnis einer Parodie ist, in der ich mich an LEONHARDI zum ersten Male übte. II. Der Unterschied zwischen meinem Lebensgang und dem der meisten Herren, die in ihren Büchern philosophische Aufgaben behandelt haben, liegt aber doch nicht darin, daß ich ein rechtswissenschaftliches Staatsexamen abgelegt hatte, bevor ich "umsattelte"; wohl die meisten spätern Philosophen hatten vorher ein anderes Fach getrieben. Der wesentliche Unterschied dürfte vielmehr darin zu suchen sein, daß ich in meinem 22. Jahre, als ich das Rechtsstudium aufgab, schon zu alt und zu skeptisch war, vielleicht auch zu hochmütig, um den geordneten akademischen Weg zu einer andern Wissenschaft einzuschlagen. Ein lange andauernder Bluthusten hatte mir Todbereitschaft geschenkt und so ein Gefühl der Freiheit; als ein Mensch, der nur noch kurze Zeit zu leben hat, brauchte ich keine Rücksichten mehr zu nehmen, brauchte keinen bürgerlichen Beruf zu ergreifen. Die Tätigkeit, der ich mich jetzt zuwandte und die mir seit meiner frühesten Jugend als die schönste, als die für mich allein mögliche, vorgekommen war, schien mir gar kein Beruf, sondern eher eine Art von Berufung. Ich wollte ein freier Schriftsteller sein. Was ich schreiben würde, darüber machte ich mir gar keine Gedanken; für die wenigen Jahre, die ich noch zu leben hätte (Niemand aus meiner Umgebung hielt es für möglich, daß ich über 70 Jahre alt würde) waren die nächsten Aufgaben mehr als ausreichend: einige Dramen, eine Geschichte des Gottesbegriffs und eine Kritik der Sprache. Auf zwei Umstände glaube ich bei diesen Plänen besonders hinweisen zu dürfen. Erstens erschrak ich nicht im mindesten darüber, daß ich mir da zugleich dichterische, geschichtliche und erkenntniskritische Aufgaben gestellt hatte; und ich kann auch heute noch nicht einsehen, daß ein Schriftsteller, wenn er überhaupt etwas zu sagen hat, sich verpflichten müsse, sein Eigenes immer in einerlei Weise zu sagen. Auf die Kraft allein kommt es an; ist das Kraftgefühl stärker gewesen als die Kraft, so geht man eben zugrunde. Zweitens muß es jedem Mitstrebenden auffallen, daß mir der Gegenstand, ja sogar der Titel meines Lebenswerks _Seite_6 feststand, lange bevor ich mich in der Literatur über diesen Gegenstand umgesehen hatte, lange bevor ich wußte, ob es eine solche Literatur gab. Ich glaube inzwischen erfahren zu haben, daß die meisten philosophischen Schriftsteller sich ganz anders entwickelt haben: auf dem nächsten Wege oder auf einem Umwege haben sie einen Bezirk der Philosophie studiert, begrifflich oder historisch oder experimentell, haben dann erst die Entdeckung gemacht, an welcher Stelle der bisherigen Gesamtarbeit eine Lücke klafft, die durch die besondere Begabung eines neuen Arbeiters auszufüllen wäre. Es ist wie eine große Organisation, die Teilung der Arbeit fordert. Mit dem Mute der Unwissenheit setzte ich mich hinweg über dieses Gesetz der Organisation, mit dem Mute der Unwissenheit wollte ich so etwas wie eine Kritik der Sprache schreiben. Wie ein Toller ging ich daran. Im Herbste des Jahres 1872, kurz nach dem Erscheinen meines ersten Büchleins, einer Sammlung von Sonetten, in denen trotzig die Gestalten und die Ideen der großen französischen Revolution verherrlicht waren. Noch schlechter vorbereitet als für diese geschichtsphilosophischen Gedichte, unreif und ungeduldig, begann ich die Niederschrift eines neuen Büchleins, von dem ich nicht einmal hätte sagen können, daß es philosophischer, erkenntniskritischer Art wäre. Überschrift: "Die Kritik der Sprache". Einige Wochen lang verbrachte ich die halben Nächte damit, meine Flüche hinzuwühlen darüber, daß wir so gar nichts wissen können, daß die menschliche Vernunft gar kein anderes Auskunftsmittel hat als die elende Sprache, daß die Sprache ein Handwerkszeug ist, mit dem wir an nichts Wirkliches herankommen können, weder an die Natur noch an unsere eigenen Empfindungen. Ich werde eine Handschrift von beiläufig 200 Seiten beisammen gehabt haben, als mich die Begriffe "Zweck" und "Ursache" plötzlich zu zwingen schienen, nach ihrer genauen Bedeutung zu fragen. Ich weiß noch, wie die Arbeit liegen blieb, weil ich zu SCHOPENHAUER griff und die "Vierfache Wurzel" zum zweiten Male las, weil ich nun endlich die Notwendigkeit erkannte, auf KANT zurückzugehen, von da auf HUME, von HUME auf LOCKE, und weil ich hier die verblüffende Entdeckung machte: ich kann mein Gebäude nicht aufrichten, ohne vorher ein Gerüst gezimmert zu haben; von dem, was ich neu gesehen zu haben glaubte, steht viel und besser, als ich es ausdrücken könnte, in der Sprachphilosophie des alten LOCKE; ich muß Philosophiegeschichte _Seite_7 treiben, ernstlich, nicht nach Handbüchern, ich muß auch nachholen, was mir an Sprachwissenschaft fehlt, bevor ich das erste Wort meiner "Kritik der Sprache" niederschreibe. Es wird Januar oder Februar 1873 geworden sein, da ich ganz allein zu dieser Erkenntnis kam. Als ich meine Handschrift wieder vornahm, ließ ich mich von einer eiteln Vorliebe für einige starke Stellen nicht täuschen. Das war ja noch viel unreifer als mein Gedichtbuch. Zornig und verzweifelt warf ich das Ganze ins Feuer, entschlossen, die Vorarbeit neu zu beginnen, obgleich ich sicher zu sein glaubte, die Beendigung der Arbeit selbst nicht zu erleben. Die Vorarbeit, das Studium der Philosophiegeschichte und der Sprachwissenschaft, beschäftigte mich 27 Jahre lang, dreimal so lang als die Frist von 9 Jahren, die HORATIUS vorgeschrieben hat. Seines Fleißes darf sich Jedermann rühmen. In dem reichlich übermütigen Vorworte zur zweiten Auflage meiner "Kritik der Sprache" (1906) habe ich auf den Vorwurf, ich sei kein Fachmann, lachend geantwortet: ich hätte für meinem selbstgestellte Aufgabe 50-6o Disziplinen nötig gehabt und nur zu deren oberflächlicher Aneignung mindestens 300 Jahre. "Ich bin nicht arbeitsscheu. Ich hätte gern die 300 Jahre daran gesetzt, aber ich sagte mir: es ist das Schicksal wissenschaftlicher Disziplinen - einige wenige ausgenommen-, daß ihre Sätze und Wahrheiten selbst nicht 300 Jahre alt werden, daß ich also nach 300 jähriger Arbeit immer nur in der zuletzt studierten Disziplin Fachmann gewesen wäre, ein Dilettant in den Disziplinen, deren Studium auch nur 10 oder 20 Jahre zurücklag, ein Ignorant in allen übrigen." III. Über die Herkunft des sprachkritischen Gedankens, über seine äußere Abstammung gewissermaßen, habe ich Rechenschaft abgelegt, zuerst in einem offenen Briefe, der (am 2. April 1904) in der "Zukunft" abgedruckt wurde, dann in meinen "Erinnerungen" (S. 2o4ff.). Kein Philosophieprofessor war in der Hauptsache mein Lehrer gewesen, nur etwa der philosophierende Dichter NIETZSCHE und der Positivist ERNST MACH, der damals noch ein Physiker war, noch nicht zu den Philosophen gerechnet wurde. Die beiden andern Männer, denen ich mich verpflichtet fühlte, standen einem akademischen Lehrauftrage noch ferner. OTTO LUDWIG, der in seinen "Shakespeare-Studien" SCHILLER in Grund und Boden _Seite_8 kritisiert hatte, lehrte Verachtung der sogenannten schönen Sprache und Fürst BISMARK, der handelnde Mensch, lehrte Verachtung des redenden Menschen überhaupt. In dem bezeichneten Stücke meiner "Erinnerungen" mag man nachlesen, wie ich mir ein Menschenalter später bewußt war, durch diese vier Männer vom Wortaberglauben befreit worden zu sein, vom metaphysischen Wortaberglauben durch MACH, vom wortabergläubischen Historismus durch NIETZSCHE, von dem Wortaberglauben an die "schöne Sprache" des Dichters durch OTTO LUDWIG, vom politischen und juristischen Wortaberglauben durch den Fürsten BISMARK. Dieser Einflüsse bin ich mir später mit Sicherheit bewußt geworden. Es ist aber offenbar, daß der Physiker, der Dichterphilosoph, der Kritiker und der Staatsmann mich nicht so stark hätten beeinflussen können, daß vor allem die Einflüsse sich nicht hätten auf einen Punkt vereinigen können, wenn in mir nicht das vorhanden gewesen wäre, was die Ärzte als Bedingung einer Infektion ansehen: die Disposition. Besäße ich noch jene unbändige erste Fassung meiner Sprachkritik, so wäre es wahrscheinlich möglich herauszuschälen, in welchen Ideen etwa diese Disposition bestanden haben möchte. So bin ich aber auf mein Gedächtnis angewiesen; ich weiß noch genau, daß mein Zorn gegen den Sprachgebrauch am wildesten an zwei Stellen emporschlug: beim Kampfe gegen die Scheinbegriffe und bei der Entdeckung der Ursache der Erfahrung, daß jede Zeit es am herrlichsten weit gebracht zu haben glaubt. Beide Vorstellungen waren mir seit früher Jugend so geläufig, daß ich geneigt sein könnte, sie im Scherze meine persönlich angeborenen Ideen zu nennen. Über meinen angeborenen Abscheu vor allen Scheinbegriffen darf ich mich kurz fassen, weil es eigentlich gar nicht erst Aufgabe sprachlicher Erkenntniskritik sein sollte, solche Begriffe zu untersuchen; es hätte Sache der werdenden Gemeinsprachen sein müssen, Begriffe nicht zu dulden, die sich nicht legitimieren konnten. Mich plagten diese Skrupel und Zweifel schon beim ersten Religionsunterricht. Die Mutter hatte mir anvertraut, es gäbe keinen Teufel und keine Hexen. Was hatte Gott ontologisch vor dem Teufel und vor den Hexen voraus? Die Beweise für das Dasein Gottes erschienen mir so sehr als Betrügereien, daß ich von da aus Sprachkritik üben lernte an Psychologie und Logik. Der Ausgangspunkt war immer die sprachliche Kritik des Gottesbegriffs; ich weiß bestimmt, daß noch viel später die Zweifel an substantivischen _Seite_9 Begriffen wie Seele, Wille usw. damit begannen, daß ich eine Vergleichung mit dem Gottesbegriffe vornahm. Immerhin hatte mich die Frage ungefähr 6o Jahre lang beschäftigt, bevor ich meine Ansichten (1920) in meinem Buche "Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande" niederzulegen begann. Ich glaube aber, daß ich erst viele Jahrzehnte nach den ersten inneren Kämpfen imstande war, meine religiösen Zweifel als eine bloße Abzweigung meiner Sprachkritik zu begreifen. Ein sprachkritisches Erlebnis aber war es schon ganz sicherlich, als mich - etwa in meinem 20. Jahre - auf einem anstrengenden Marsche plötzlich der Sprachschreck überfiel, ein Schrecken über das absurde Ungeheuer der Sprache. Wahrscheinlich ist es mir, daß Verse aus GOETHEs Faust - dessen ersten Teil ich auswendig konnte - meinem Gedankengange zwingend die Richtung gegeben hatten. "Es ist ein groß Ergetzen, zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht, und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht." Der Erzphilister WAGNER, in Schlafrock und Nachtmütze das Gegenstück zu Faust, glaubt an Wortfetische wie Herz und Geist, glaubt an die Möglichkeit der Erkenntnis ("Ja, was man so Erkennen heißt!" wirft ihm Faust ein), glaubt an einen Fortschritt der Menschheit. Hier setzte mein Sprachschreck ein. Dieser Dünkel des Philisters WAGNER, sich auf dem Gipfel der Entwicklung zu fühlen, ist ja der ewige Dünkel der Menschheit, besonders der denkenden Menschheit. Immer haben wir es herrlich weit gebracht, nicht nur in den Jahrzehnten, in denen eine nützliche Erfindung oder Entdeckung die Lage eines Volkes oder einer Gruppe ein wenig verbessert hat, nein, auch in solchen Zeiten, die der prüfenden Nachwelt elend rückständig erscheinen müssen. Wie wenn es ein Gipfel der Entwicklung scheinen müßte, so oft Harmonie bestünde zwischen der Kultur eines Volkes und seiner Gemeinsprache? Wie wenn eine solche Harmonie zwischen Kultur und Sprache - von einigen Rebellen abgesehen - in jedem Augenblicke bestehen MÜßTE? Wie wenn die Sprache zu jeder Zeit gar nichts anderes wäre als das Repetieren des philisterhaften satten Magens? Wie wenn die Aufgabe, die Natur wirklich zu erkennen mit den Mitteln der Sprache, so unlösbar wäre - und aus den gleichen Gründen unlösbar - wie die Quadratur des Zirkels oder wie die Einrichtung eines Perpetuum mobile? Wie wenn die Menschensprache es immer nur mit der Vergangenheit zu tun hätte, niemals mit der Zukunft, _Seite_10 wie wenn also eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sprache nur Sprachgeschichte ermöglichte, niemals aber eine logische Vorhersage? Die Antworten auf alle diese noch unzusammenhängenden Fragen verbanden sich in dem Sprachschreck jenes abendlichen Marsches und dann in der ersten hingewühlten Niederschrift meiner "Kritik der Sprache" zu einem haßerfüllten Todesurteil gegen den Wert aller Sprache. Materialistisch, sensualistisch war jede Empfindung, aus welcher Sprache allein entstehen konnte; diese wesentlich materialistische Sprache konnte als Philosophie niemals über den Materialismus hinausführen zu einer adäquaten Erkenntnis der Natur. Vorhersagen - das einzige Ziel materialistischer Wissenschaft - war nur eine instinktive Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie wenn der Schäfer, der die Sonne tausendmal hat aufgehen sehen, die Erwartung hegt, sie werde morgen abermals aufgehen; Vorhersage ist nur wahrscheinliche Erwartung, nicht logische Wahrheit aus sprachlichen Sätzen. Logik in Menschensprache ist immer nur Tautologie, kündet niemals Neues, niemals Künftiges. Mit den Mitteln seiner Sprache kann sich kein einzelner Mensch über das Sprechen oder das Denken seiner eigenen Zeit erheben, es wäre denn eben zu der Vorstellung, daß Sprechen und Denken eines und dasselbe sei, daß Denken nicht mehr wert sei als Sprechen, daß jede einzelne Zeit sich darum mit Recht, mit dem Rechte der Dummheit, auf dem Gipfel aller Zeiten fühle. Ich möchte so frei sein, die Worte GOETHEs in Anspruch zu nehmen, die er gebraucht, da er am Ende der "Geschichte der Farbenlehre" seine ersten Versuche beschreibt und seine Entdeckung der vermeinten Wahrheit, dann aber bedächtig hinzufügt: "Doch stand Alles dieses mir ohne Zusammenhang vor der Seele und keineswegs so entschieden, wie ich es hier ausspreche." Die Überzeugung von der erkenntniskritischen Wichtigkeit meines Aperçu muß ebenso stark gewesen sein wie die ganz andere Überzeugung von meiner geistigen Hilflosigkeit, von meiner unbegrenzten Unwissenheit; denn als ich, nur 2 Jahre später, in der Erwartung eines nahen Todes jedes Fachstudium hinwarf und für den vermeintlich kurzen Rest meiner Tage ein freier Schriftsteller wurde, da verstand es sich für mich von selbst, daß meine erste und meine letzte Kraft der Aufspürung und Vertiefung meiner bisher nur geahnten sprachkritischen Ideen gelten sollte. Es hätte eines solchen Vorsatzes nicht bedurft; auch in den beiden Jahren, von meiner Erkrankung bis zu der Verbrennung meiner Niederschrift, widmete _Seite_11 ich dem drohend vor mir stehenden Staatsexamen niemals auch nur den dritten Teil der Zeit, die meinen philosophischen und meinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten gehörte. In der langen Zeit eines Bücherwurmlebens, das jetzt für mich begann, war ich sicherlich einer doppelten Gefahr ausgesetzt, durch meine innere Einsamkeit und durch meine äußere Umwelt. Ich darf behaupten, daß ich in dieser doppelten Gefahr nicht umgekommen bin; ich kann aber nicht wissen, wie weit die Einsamkeit meines Autodidaktentums dort, die Umwelt der Journalistik da schädigend meinen Charakter und meine Leistung beeinflußt haben. Weil ich das nicht wissen kann - man hat keine Distanz zu sich selber - darum will ich um so offener darüber sprechen, wie ich diese beiden Gefahren kennen lernte. Eine wirkliche Gefahr scheint mir heute noch darin zu liegen, und gar nicht versteckt, wenn ein selbstbewußter junger Mensch ein freier Schriftsteller werden will und darum den Beruf eines Journalisten wählt. In gutem Glauben: er meint ja getrost, der Journalist sei ein freier Schriftsteller. Jedenfalls war das meine Meinung, als ich - von meiner Familie nicht eben gedrängt, aber doch moralisch verpflichtet, mir mein Brot selbst zu verdienen - etwa seit meinem 25. Jahre langsam dazu überging, von den Zeitungsaufsätzen zu leben, die ich bis dahin einzig und allein zu meiner Expektorierung und zur Belehrung der Prager geschrieben hatte. Bald wurde ich - wieder von außen - überredet, nach Berlin zu übersiedeln, weil die deutschen Zeitungen in Prag nicht sehr viele Abonnenten, also nicht viele Leser hätten. Ich muß nun erwähnen, daß ich in Berlin eben 29 Jahre alt wurde, als ich durch meine Parodieen "Nach berühmten Mustern" (1878) plötzlich einen journalistisch überaus geschätzten Namen erhielt und dadurch beinahe das bürgerliche Ziel erreichte, mit Frau und Kind von dem Ertrage meiner Feder leben zu können, wie ein besser gestellter Handarbeiter in unsäglicher Arbeit. Denn ich machte es mir nicht leicht, am wenigsten mit der Vorarbeit zu meinen kleinen kritischen Aufsätzen; und der stürmische Erfolg meines Parodieen-Büchleins hatte den Ehrgeiz in mir erweckt: ich wollte den Ruf eines guten Feuilletonisten, der mir zugefallen war, nachträglich auch verdienen. Und dazu den Ruf eines guten Novellisten; als die Verleger mich zu suchen begonnen hatten, wurden auch einige Böhmische Novellen, die noch in Prag unfertig geworden waren, gedruckt und brachten, wie ich mir einbildete, _Seite_12 Ehre und leichten Gewinn. Mit der Leichtigkeit des Schaffens hat es beim Journalisten und bei jedem Unterhaltungsschriftsteller meist seine Richtigkeit; mit der Ehre schon darum nicht, weil so ziemlich jeder Beruf seine eigene Standesehre besitzt und diese sich mit der lebhaftesten Verachtung gegen den benachbarten Beruf zu wenden pflegt. So läßt der Fachgelehrte den Bauer, den Tagelöhner, kurz jeden Handarbeiter eher gelten als den Journalisten. Ich bin noch heute überzeugt von der Berechtigung der Satire, die ich selbst einmal - unter dem Titel "Schmock" - gegen die Laster der Journalisten geschrieben habe; um so freier darf ich es aussprechen, daß diese Stellungnahme der Gelehrten zuviel Selbstgerechtigkeit enthält. Es gibt auch unter den Journalisten (wenn auch seltener als unter den Forschern) Bekenner, Märtyrer ihrer Überzeugung; es gibt auch unter den Wissenschaftlern (wenn auch seltener als unter den Journalisten) gefällige Worthändler, die durch Nachgiebigkeit gegen übergeordnete Mächte rascher emporzukommen suchen. Die meisten Menschen sind eben Menschen. Auch der Vorwurf, der besonders den feuilletonistischen Schriftstellern gemacht wird, daß es sich ihnen nämlich nur um die heitere Form handle und nicht um die ernste Sache, auch dieser Vorwurf sollte nicht verallgemeinert werden; wir kennen immerhin einige tiefsinnige Feuilletonisten und vielzuviele nur geistreiche Professoren. Zwischen den wilden Worthändlern der Zeitungsbörse und den gelehrten Worthändlern der Fachzeitschriften scheint mir die Kluft nicht unüberbrückbar. Und doch steckt - scheinbar ganz abseits von allen Fragen der Moral und der Gelahrtheit - in dem alltäglichen journalistischen Getriebe eine Nötigung, die den Abscheu der Gelehrten berechtigt sein läßt: die Nötigung zur Fixigkeit. In der Welt der Wirklichkeiten arbeitet mitunter auch der Professor zu schnell, der Journalist zu langsam. Seinem Ideale aber nähert sich der Forscher, wenn er, unbekümmert um die Zeit, seine Ansicht erst niederschreibt, nachdem er die Untersuchung zu Ende geführt hat, nach wochenlanger, monatelanger, jahrelanger Anstrengung, je nach der Größe der Aufgabe; seinem Ideale nähert sich der Journalist, wenn er wenige Minuten nach dem Empfang einer politischen Nachricht, eines Kunsteindrucks oder einer Mordsensation seine Ansicht in Worte fassen kann. Die Voraussetzung, daß eine eigene Ansicht immer auch vorhanden sei, mag für den Forscher wie für den Journalisten gleich optimistisch sein; wie für den Richter; _Seite_13 immerhin haben die Journalisten, die sich der Kunstkritik widmeten, lange Zeit Kunstrichter geheißen. Hier scheidet sich jedoch die Arbeitspsychologie des Forschers und die des Journalisten. Der Forscher darf annehmen, daß ganze Geschlechter von Schülern und Nachfolgern sich auf die Gründlichkeit seiner Untersuchungen verlassen werden, daß der Dauer und der Gewissenhaftigkeit seiner Vorarbeit die Dauerbarkeit des Ergebnisses entsprechen werde; der Journalist wird durch die Technik seines Berufs gezwungen, seine Untersuchung auf wenige Minuten oder Stunden zu beschränken, und mag sich damit trösten, daß eine falsche Ansicht gewöhnlich 24 Stunden später korrigiert wird. Daher kommt es auch, daß einem Tagesschriftsteller ein Schnitzer nicht so übel vermerkt wird wie einem Gelehrten; als einem Professor die entsetzliche Behauptung passierte, es würde immer heißer, je weiter man nach Süden käme, immer heißer bis an den Südpol, da wurde er unmöglich; als ein Berliner Schmock die liebliche Wortfolge niederschrieb "vor coram publico", da waren nur wenige seiner Leser in der Lage zu lachen und er verlor seine Stelle nicht. Also: so hoch der Mut des seltenen Journalisten anzuschlagen ist, der sich allein den Vorurteilen einer Welt entgegenstellt, journalistische Tätigkeit bleibt dennoch eine ungünstige Vorschule wissenschaftlicher Lebensarbeit. Ich darf aber sagen: bei mir hat philosophische und philologische Bemühung eher den Zeitungsaufsätzen geschadet, als daß ich durch die Leichtigkeit des Berufs mich in der gewissenhaftesten Grundlegung meines Hauptgeschäfts hätte stören lassen. Bedenklicher erscheint dem Rückschauenden die andere Tatsache, daß ich mir nämlich die nötigen Kenntnisse für die Aufrichtung einer Kritik der Sprache als ein Autodidakt erwerben mußte. Damals, namentlich in den zwei ersten Jahrzehnten der zeugenlosen Mühen, war ich nicht dieser Meinung, damals jubelte ich mitunter bei dem allzu jugendlichem Gefühle: ich schwöre auf keines Meisters Worte, ich biete den Menschen nur ganz Eigenes. Als ob das möglich wäre. Jetzt glaube ich zu wissen, wieviele Marter meinem Kopfe und meinen Augen hätte erspart werden können, wenn ich beizeiten einen wissenschaftlichen Berater gefunden hätte. Ganz fruchtlos waren sie freilich nicht, meine Umwege und meine Irrwege; wie es ja nicht der dümmste Plan ist, sich im Gebirge ohne Führer zu versteigen. Ich hatte so ungefähr ein Dutzend Disziplinen _Seite_14 zu studieren mir vorgenommen, aus den Quellen, die ich aber zuerst aus Handbüchern genannt bekommen sollte. Für die Geschichte der Philosophie lag die Sache einfach genug; ich hatte bald heraus, wer sich schon die Fragen gestellt hatte, denen ich eine Antwort suchte: die Nominalisten des Mittelalters und die großen englischen Philosophen von BACON bis HUME. Daß meine Sprachkenntnisse anfangs nicht ausreichten, machte mir wenig Kummer; ich schaffte mir gute lateinische und englische Wörterbücher an und es ging. Doch in Psychologie, in Logik, in Sprachwissenschaft habe ich tüchtig Lehrgeld bezahlen müssen, weil ich allzu gläubig nach den grundlegenden Werken griff und nicht wußte, nicht einmal begreifen wollte, daß JACOB GRIMM und WILHELM V. HUMBOLDT, daß SIGWART und FECHNER vielfach schon wieder überholt waren. Als mir das endlich zum Bewußtsein kam, stürzte ich mich mit Feuereifer in einen neuen Fehler: jahrelang beschränkte ich meine Sammelwut auf die neuesten Fachzeitschriften für Sprachwissenschaft, für Logik und für Psychologie, bis ich zu dem traurigen Gefühle kam, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen. Nun erst entschloß ich mich, Sprachwissenschaft, Logik und Psychologie (dazu noch einige naturwissenschaftliche Hilfen) so zu treiben, wie ich bisher schon Philosophie im engeren Sinne getrieben hatte: in geschichtlicher Folge. Das will sagen: ich entschied mich (wohl erst nach einer ungeordneten Arbeit von zehn Jahren) für eine radikale Skepsis gegenüber den letzten oder gegenwärtigen Ergebnissen meiner vielen Disziplinen, begann aber einige Einsicht zu gewinnen in die sprachlichen Brücken und Wege, über die hinweg man im Laufe von Jahrhunderten zu den vermeintlich letzten Ergebnissen gekommen war. Diese Richtung, die der Skepsis - wenn man nur den Begriff Skepsis richtig verstehen will, im Sinne HUMEs, nicht im Sinne der unkritischen Griechen - habe ich seitdem festgehalten und darf darum nichts dagegen haben, daß RAOUL RICHTER mich in seinem "Skeptizismus in der Philosophie" (Band II, S. 453), den Skeptikern und sogar den partiellen Skeptikern zurechnet. Über zwei Fragen, die mich oft beschäftigt haben, will ich mich an anderer Stelle zu äußern versuchen: ob wirklich die Skepsis nur eine negative, also untergeordnete oder schädliche Tendenz wissenschaftlicher Arbeit ist? - und ob Hinneigung zur Skepsis wirklich, wie auch mir vorgewurfen wurde, charakteristisch ist für Denker jüdischen Stammes? _Seite_15 IV. Sicherlich muß ich in dieser Niederschrift auch das Wagnis unternehmen, die Grundgedanken meiner "Kritik der Sprache" in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Ein Wagnis wird es darum sein, weil ich doch vorher nicht fähig war, meine Ideen kürzer darzulegen als in den drei starken Bänden meiner "Beiträge zu einer Kritik der Sprache" und in den zwei noch stärkeren Bänden meines "Wörterbuch der Philosophie". Es wäre vielleicht besser, die Anfertigung dieses Auszugs einem Fremden zu überlassen, denn ich bin so veranlagt, daß ich mich nicht einmal selbst abschreiben kann ohne den Wunsch, die Vorlage zu überwinden. Ich muß es aber doch wohl selber tun, unbekümmert darum, daß ich in dem knappen Raume nur Behauptungen aufstellen darf, auf Beweise und Begründungen verzichten muß. Es gibt einen Parallelismus, der einen besseren Sinn hat, als der zwischen Seele und Leib: der Parallelismus von Denken und Sprechen. Eins und das andere eine Ordnung von Bewegungen oder Handlungen, von zwei verschiedenen Standpunkten aus gesehen. Wie wenn ich das eine Mal sage "der Hund jagt", das andere Mal "der Hund läuft"; nicht die kleinste der Bewegungsänderungen des Hundes, der einen Hasen verfolgt, wird dadurch anders, daß ich es bald so bald so bezeichne.1) Die Sprache wie die Vernunft ist niemals wirklich als in den einzelnen Sprechakten und Denkakten; Sprache und Vernunft sind ZWISCHEN den Menschen, sind soziale Erscheinungen, sind eine und dieselbe soziale Erscheinung als wie die Sitte. Vielleicht auch nur: als wie eine Spielregel. So wenig wir eine übermenschliche philosophische Sprache kennen, so wenig wissen wir - wenn wir nur die Sehnsüchte der Mystik ausscheiden - von einer reinen Vernunft. Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle kritische Philosophie ist Kritik der Sprache. Diese Kritik muß vom Sensualismus ausgehen. Denn nichts ist in den Begriffen unserer Sprache, was nicht zuvor in unseren Sinnen war. Doch ebensowenig wie die sogenannten Dinge der Wirklichkeitswelt 1) Mit den Grübeleien über die Identität von Sprechen und Denken bin ich immer noch zu keinem Abschlusse gelangt. Aber der geistreicbe Einwurf von Professor HAUSDORFF, meine Gleichstellung schließe mathematisches Denken aus, hat mich nicht überzeugt; mathematische Zeichen sind eben auch Begriffe, nur die Zahlen nicht. _Seite_16 sind unsere Sinne unveränderlich; der sensualistische Materialismus hebt sich selber auf. Unsere Sinne sind geworden, sind ZUFALLSSINNE; die Entwicklung hätte Sinne für ganz andere Energieen entstehen lassen können. Was uns die Sinne durch die Sprache kennen lehren, das ist also beschränkter HOMINISMUS. LOCKE, der die Sinne zuerst kritisierte, lehrte den Hominismus der sekundären Eigenschaften, wie der Farben, der Töne; KANT der die reine Vernunft zu kritisieren glaubte, lehrte kühn und groß den Hominismus einiger primären Eigenschaften, des Raums, der Zeit, der Kausalität; die Kritik der Sprache lehrt völlige Resignation: die menschliche Sprache, von den Zufallssinnen abhängig, kann zur Natur, die sie zu erforschen vorgibt, überhaupt niemals einen andern Standpunkt gewinnen als den beschränkt hoministischen. Wir können mit Hilfe der Sprache immer nur erfahren, was die sogenannten Dinge FÜR DEN MENSCHEN sind; wir besitzen gar keine sprachlichen Mittel, um das zu bezeichnen, was diese Dinge etwa an sich sein mögen. Ist Sprache das einzige Erkenntniswerkzeug, so können wir über den Hominismus nicht hinausgelangen, den man auch Psychologismus nennen könnte. Aber wir treiben schon lange eine Psychologie ohne Psyche; wir haben für unsere innern Vorgänge kein Organ. Es ist Mythologie, wenn wir Abstraktionen (Empfindung, Wille) zu Ursachen unserer Seelenzustände machen. Als ob wir das Flußbett, das der Fluß sich doch erst gegraben hat, die Ursache des Flusses nennen wollten. Auch das Ich ist eine Selbsttäuschung, ist, wie andere Substantive auch, nur der Träger von Veränderungen. Die Kritik der Sprache durchschaut das Spielerische in den Regeln, die von der Grammatik und von der Logik für die Sprache und für das Denken aufgestellt worden sind; und weil Sprechen und Denken nur Eins sind, so muß die Grammatik in ihrem Sturze die Logik mit sich reißen. Die Redeteile lassen sich nicht definieren, ihnen entsprechen keine Wirklichkeiten. Auch die Zahlen (die Einheit ist keine Zahl) sind nicht außerhalb der Menschenköpfe, nicht außerhalb der Sprache. In der Syntax wandelt sich das grammatische Subjekt unaufhörlich zum psychologischen Subjekte; und in jeder Erzählung das Prädikat des Vorausgehenden zum Subjekte des Folgenden. Und in der Logik steckt der Schluß bereits hinter der Prämisse, das Urteil hinter dem Begriff. Daher die Tautologien der Logik. Die menschliche Ordnungsliebe, nicht _Seite_17 eine Ordnung in der Natur, wandelt die Begriffe, die in der Logik zu Urteilen auseinandergelegt werden, für die Naturwissenschaft in Gesetze um. Abstrakte Wörter werden uns zu Gespenstern, zu Göttern. Das gilt nicht nur für die Begriffe der Theologie sondern auch für die der Teleologie. Der Zweckbegriff in der Natur ist ein Bild, geformt nach dem Vorbilde der menschlichen Absicht. Der Zweck ist nur die inwendig mythologische Bezeichnung für den auswendig mythologischen Begriff Ursache. Ursache ist uns ebenso unbekannt wie Wirkung; wir wissen nur etwa Einiges über die Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung und das nennen wir Energie. HUME und KANT haben sehr viel zur Kritik des Begriffspaares Ursache-Wirkung beigetragen und zur Aufhebung des Zweckbegriffs; DARWIN hat ihn, wider Willen, in die Lehre von der Evolution wieder hineingetragen. Auch die menschliche Absicht, von der der Zweckbegriff ein nachgeschaffenes Bild ist, enthält das Rätsel, daß alle unsere Vorstellungen, sensualistisch erzeugt, sich nur auf die Vergangenheit beziehen und doch als Ziele der Zukunft dienen können. Dieses Rätsel wird nicht gelöst, aber vereinfacht durch das Rätsel des Gedächtnisses, das als Gedächtnis des Volkes die Gemeinsprache ist, das jedoch auch im Individuum, sogar im tierischen und im pflanzlichen Individuum, sprachähnlich wirkt, indem es die Weltvibrationen ordnet und gewissermaßen in die Sprache der einzelnen Sinnesorgane übersetzt: Schwingungen z. B. als Töne und Farben wahrnimmt und erinnert; nicht viel anders muß die Pflanze Wärme wahrnehmen und erinnern. Die NORMALEN TÄUSCHUNGEN der Sprache, die wir in naivem Realismus für ein richtiges Bild der Welt halten, verdanken wir dem Gedächtnisse. Wir müssen zurück zu HUME, um von da aus weiter zu schreiten in der erkenntniskritischen Skepsis, die wohl zu unterscheiden ist von der dogmatischen Skepsis der antiken Welt. Auch Wahrheit ist nur ein Wortfetisch. Fürwahrhalten ist auch etymologisch so viel wie "glauben". Die Sprache ist kein geeignetes Werkzeug zum Erfassen der Natur, weil weder die Sprache noch die Natur stillehalten; ewig jagt das kreisende Wort hinter der kreisenden Wirklichkeit her und kann sie nicht einholen. Aber diese Skepsis ist nur Resignation an den Grenzen der Menschheit, ist nicht Verzweiflung über den Widerspruch des Weltganzen. Widersprüche gibt es nur in der Sprache, nur durch die _Seite_18 Sprache. Die Natur, wie sie nur einmal da ist, ist auch einheitlich. Diese Einheit können wir nicht entdecken, wenn wir denken oder sprechen, diese Einheit können wir fühlen, wenn wir leben, ungetrennt von der Natur, wie Kinder im Mutterleibe der Natur. Man kann das auch Mystik nennen, erkenntniskritische, sprachkritische Mystik, zum Unterschiede von der dem abgründigen Meister ECKHART nachgestammelten Schablone der vielzuvielen gottseligen Mystiker. Das sind ungefähr die Leitgedanken, die ich in meiner "Kritik der Sprache" auf Sprachwissenschaft, Grammatik, Logik, Metaphysik angewandt und in meinem "Wörterbuch der Philosophie" auf einige ethische Probleme ausgedehnt habe. Mein erster Plan war, Sprachkritik zu üben an den Grundbegriffen aller Natur- und Geisteswissenschaften. Das ging über meine Kraft. Andere haben angefangen mich abzulösen. Ich könnte bereits einige Naturwissenschaftler, auch Juristen und Ärzte nennen, sogar Dichter (CHRISTIAN MORGENSTERN), die meine Leitgedanken weitergeführt haben. Über die Langsamkeit der Wirkung will ich nicht klagen; die schnellen Erfolge sind nicht die dauerhaften. Und ich gedenke dankbar des gütigen Wortes, das ERNST MACH mir schrieb, als er den zweiten Band meiner "Kritik der Sprache" gelesen hatte (24. Dezember 1902): "Ihr Werk wird langsam aber sicher seine Wirkung tun. Die Zunftgelehrten sind etwas schwerfällige Gewohnheitsmenschen. Auf 10-20 Jahre Überlegung kommt es ihnen nicht gerade an. Manches, was ein Mensch von lebhaftem Temperament für Bosheit halten möchte, ist großenteils auf Rechnung dieser Schwerfälligkeit zu setzen." Gerade jetzt, da ich in diesem Kreise von "Zunftgelehrten" zu Worte kommen darf, sind die von MACH vorausgesagten 20 Jahre um. V. Ich habe schon angedeutet, daß der Gottesbegriff es zuerst war, und in früher Jugend, was meine sprachliche Skepsis weckte, daß also meine geschichtliche Darstellung, von welcher unter dem Titel "Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande" die beiden ersten Bände bereits erschienen sind und der dritte sich im Drucke befindet, nur wieder ein weit ausholender Beitrag zu einer Kritik der Sprache war, genau so wie der Artikel "Christentum" in meinem "Wörterbuch der Philosophie". Dieser selbe Begriff, der Gottesbegriff, regte mich wieder zuerst weiter auf, den _Seite_19 letzten Rätseln der Sprachkritik nachzuspüren und, was ich zu ihrer Lösung etwa noch beitragen könnte, in einer Schrift "Die drei Bilder der Einen Welt" niederzulegen, die sich in Fragmenten unter meinem Nachlasse vorfinden wird, falls ich ihre Herausgabe nicht erleben sollte. Ich bin so alt geworden, daß ich vielleicht doch von dieser meiner letzten Arbeit an dieser Stelle reden darf. Ich habe meine Vorstellung von den drei sprachlichen Bildern der Einen Welt vorläufig, d. h. sehr verbesserungsfähig, für mich und einige Freunde darzustellen gesucht in den drei Stücken meines "Wörterbuchs", die in alphabetischer Folge eingefügt sind unter den Überschriften: adjektivische, substantivische, verbale Welt. Ich besitze auch heute noch für die Analyse meiner Vorstellung kein besseres Übungsbeispiel als den Gottesbegriff. Auf die Gefahr hin, eines Rückzugs verdächtigt zu werden, möchte ich an diesem Beispiele faßbarer machen, was ich unter den drei Bildern der Welt und unter der gottlosen Mystik verstehe, in welche meine Religionskritik ausläuft. Für die SUBSTANTIVISCHE Welt ist es weniger eine Leugnung als eine Rettung, wenn ich den Gegenstand hinter dem Worte Gott zu den Erscheinungen rechne, die nicht wirklich sind. Wie das Feuer, wie das Eisen. Wir leugnen ja auch das Feuer nicht, weil es nicht wirklich ist, nicht außer und neben den Sinneseindrücken ist, deren Gesamtheit wir Feuer nennen; wir werden das Dasein des Eisens nicht leugnen, wenn wir dereinst dazu gelangen sollten, alle Sinneseindrücke eines Eisenstücks als Bewegungen, Verhältnisse, Wirkungen u. dgl., von Atomen, Energien u. dgl. zu begreifen. Aber nicht nur Götter und Geister sind Mythen, auch die scheinbar wohlbekannten Kräfte der Physik und der Biologie, ja auch die Dinge selbst sind nur Symbole, unter denen wir die mythologischen Ursachen adjektivischer Wirkungen sprachlich zusammenfassen. Die substantivische Welt ist die unwirkliche Welt des Raums, die Welt des Seins, bei welcher wir von dem Werden in der Zeit willkürlich absehen. Die Lehre von der Unwirklichkeit des Seins ist ja uralt. "Alles fließt". Der Wirklichkeit scheint nur das ADJEKTIVISCHE Bild der Welt zu entsprechen, die sensualistische Weltanschauung. Alle unsere Sinneseindrücke, aber auch alle unsere seelischen Empfindungen und unsere ursprünglichen Werturteile sind adjektivischer Art. Nur daß das Adjektiv, in der Geschichte der Vernunft der älteste Redeteil, in der Geschichte der Grammatik einer der jüngsten _Seite_20 ist. Was die Sinnesorgane uns von der Welt bieten, das ist - wenn ich den Ausdruck vom Gesichtssinn weiter ausdehnen darf - pointilliert. Nicht einmal einen Apfel nehmen wir wahr, neben und außer seinen Eigenschaften. Ein unwiderstehlicher Instinkt zwingt uns aber, an das mythische, das mystische Symbol adjektivischer Wirkungen als an einen Gegenstand zu glauben, einen Apfel zu sehen, - was man so Sehen nennt. Man vergesse jedoch nicht, daß auch die adjektivische Welt nicht in den Niederungen des materialistischen Sensualismus stecken zu bleiben braucht; der Idealismus, zu dem der mystische Instinkt, der substantivische, sich in außerordentlichen Menschen steigern kann, wandelt die normalen Täuschungen der adjektivischen Welt in die schönen Täuschungen der Kunst. Nun sind aber auch unsere Sinne geworden, durch den Zufall der Entwicklung geworden; wie also die scheinbaren Dinge draußen nur Symbole von Sinneswirkungen sind, so sind auch diese Sinneswirkungen wieder nur Symbole von einer unbekannten Wirklichkeit, von irgendwelchen Bewegungen, die in der Zeit stattfinden. Begreifen können wir die Welt weder in dem, was wir von ihr durch die Sinne erfahren, noch in ihrem vermeintlichen Sein, sondern allein in ihrem Werden. Im Geschehen. Nur daß es um das "Begreifen" eine eigene Sache ist. Die VERBALE Welt ist ja die Welt unserer wissenschaftlichen Erklärungen; wir wissen aber (seit KIRCHHOFF), daß sogar die Naturwissenschaften die Erscheinungen nur beschreiben, nicht erklären können, wir wissen durch die Kritik der Sprache, daß der Redeteil der Verben, der Zeitwörter ursprünglich eine menschliche Absicht voraussetzte, daß die Zeitwörter des Zustandes - das substantivische "Sein" etwa ausgenommen - nach der Analogie der Zweckverben gebildet worden sind, daß die Zeit nur eine Bedingung des Werdens ist, nicht eine Ursache. Meine drei Bilder der Welt sind nur sprachkritisch zu verstehen und sollen nicht erinnern: weder an den Dreitakt HEGELs, der die Bewegung der Ideen in Thesis, Antithesis und Synthesis ontologisch, metaphysisch verstand, noch an die Dreistufigkeit COMTEs, der allerdings in der theologischen, metaphysischen und positivistischen Weltbetrachtung ungefähr wenigstens die substantivischen und verbalen Bilder meinte, seine drei Stufen jedoch für eine notwendige historische Folge ansah, nicht für drei Gesichtspunkte, die einander zu Hilfe kommen müssen, wie ein Punkt _Seite_21 im Raume durch drei gleichzeitige Koordinaten bestimmt wird. Wäre es möglich oder doch mitteilbar, für jedes der drei Bilder der Welt eine besondere künstliche Sprache zu erfinden, eine rein substantivische, eine rein adjektivische und eine rein verbale Sprache, dann würde ganz deutlich werden, daß wir die drei Gesichtspunkte zu einem ähnlichen Bilde der Wirklichkeit nur vereinigen könnten, wenn wir in einer vierten Sprache den gesamten Wortschatz der drei künstlichen Sprachen beisammen hätten; aber eine solche Übersprache ist ebensowenig vorstellbar wie die mathematisch denkbare und formelhaft benutzbare, niemals aber vorstellbare vierte Koordinate, die der Zeit. Die Natur ist uns stumm, weil wir die Übersprache nicht verstehen können, die die Natur allein besitzt. Wir haben von TRENDELENBURG gelernt, daß die Kategorienlehre des Aristoteles - wie ich es ausdrücken möchte - nur eine Analyse des einfachen griechischen Satzes ist; er hat eine werdende Grammatik logisch gedeutet und seine Hauptkategorien entsprechen den Redeteilen Substantiv, Adjektiv und Verbum. So durfte ich die drei Bilder der Einen Welt mit dem uralten Worte Kategorien bezeichnen, auf deutsch: Aussage-Möglichkeiten, kürzer: Aussäglichkeiten. Meine Sprachkritik unterscheidet sich darin von den meisten andern Weltbetrachtungen, daß diese insofern immer rationalistisch, vernünftelnd waren, als sie gewissermaßen die sittliche Forderung aufstellten, menschliches Denken oder Sprechen MÜSSE der Natur entsprechen, MÜSSE ein ähnliches Bild der Natur zeichnen können. Die Resignation der Sprachkritik ist in diesem Sinne nicht rationalistisch. Übrigens hat KANT schon einmal gesagt, Aristoteles habe seine zehn Kategorien "zusammengerafft"; und Laurentius Valla hat im 15. Jahrhundert die Zahl der Kategorien auf die drei beschränkt, die genau mit meinen drei Bildern zusammenfallen: substantia, qualitas, actio. Valla hat sehr gut gesehen, daß Aristoteles bereits den logischen Fehler begangen hatte, die erste seiner Kategorien, die des Seins, höher zu bewerten als die andern; alle spätern Aufsteller neuer Kategorientafeln sind in den gleichen Fehler verfallen und Valla selbst hat ihn nicht ganz vermieden. Da darf ich mich wenigstens rühmen, daß meine drei Aussäglichkeiten es gar nicht gestatten, einen solchen Fehler zu begehen; es hängt von der Richtung der Aufmerksamkeit ab, es ist relativ, ob man die Welt oder auch nur einen Ausschnitt aus der Welt als adjektivisch, als substantivisch oder als verbal betrachten _Seite_22 will, ob man z. B. den Wärmebegriff als Bezeichnung für eine Empfindung, für eine geheimnisvolle Energieart oder für eine Ursache-Wirkung auffassen will. Freilich sind die drei Gesichtspunkte der Weltbetrachtung schon vorher ausgezeichnet worden, doch nicht von einer einzelnen Philosophie, vielmehr von Denkrichtungen sehr verschiedener Art. Die adjektivische Welt ist die Welt der menschlichen Gemeinsprachen, die Welt des naiven Materialismus, der die Einseitigkeit lehrt, es sei nichts im Denken, was nicht vorher in den Sinnen gewesen sei. Die Gemeinsprachen sind darum wesentlich materialistisch und wären unerträglich, wenn sie nicht, eigentlich inkonsequent, auch substantivische (mystische) und verbale (wissenschaftliche) Begriffe aufgenommen hätten. In einem gewissen Sinne könnte man diese nichtadjektivischen Begriffe, weil sie über die Sinnesdaten hinausgehen, doch übersinnlich nennen. Die substantivische Welt ist, so angesehen, die Welt der Metaphysik. Das metaphysische Bedürfnis der Menschen hat diese Welt eben schon in die Alltagssprache eingeführt, durch die unzähligen Dingwörter; aber der philosophische Bearbeiter dieser substantivischen Welt war erst Platon, mit seiner Ideenlehre, die ursprünglich gewiß nicht nur hohe Ideen annahm, sondern alle Einzeldinge als (adjektivische) Erscheinungen aus ihren Ideen hervorgehen ließ. Die Verwirrung, mit welcher KANT mehr als 2000 Jahre später eine Idee (das Ding an sich) zur Ursache der Erscheinung machte, also die verbale Welt zu Hilfe rief, findet sich schon bei Platon vorgebildet; nur hätte man diese Verwirrung nicht einen Fehler nennen sollen. Die verbale Welt ist die Welt der Wissenschaft, als Ahnung schon bei den Griechen vorhanden (Herakleitos), seit der Renaissance in überzeugender Annäherung an das begriffen, was man Naturerkenntnis nennt. Eine Annäherung an die Wahrheit, die selbst unerreichbar bleibt, weil sie ja - das Wort sagt es - der mythologischen oder metaphysischen Welt angehört. Da gibt es kein Sein, da gibt es nur ein Werden. Niemand kann zweimal in denselben Fluß hinabsteigen; denn es gibt weder einen bleibenden Fluß noch einen bleibenden Menschen. Erkenntnis besäßen wir etwa, wenn wir die drei Gesichtspunkte vereinigen könnten; was wir ausdenken aber nicht ausführen können. Immer erblicken wir nur das Feuer entweder als eine Empfindung oder als die Summe von Empfindungen oder als eine Ursache von _Seite_23 Wirkungen. Die Vereinigung der drei Bilder, die Deckung ihrer drei Bildsprachen, ist nur eine Sehnsucht. Wie bei der sogenannten Photographie in natürlichen Farben drei Bilder, die durch Lichtfilter hergestellt worden sind, zur Deckung gebracht werden und annähernd die natürlichen Farben treffen. Doch sowohl die Lichtfilter als die chemischen Farben für das Druckverfahren werden nach dem zufälligen Farbensinne einzelner Menschen ausgewählt. So sind auch die Filter des menschlichen Verstandes und die Sphären der gebrauchten Sprachworte nicht übermenschlich genug, um jemals eine Deckung der drei Bildersprachen zu ermöglichen. Die drei Bilder der Welt sind, alle drei, hoministisch; für das Bild der Welt, das eine ähnliche, ist unser Gesicht, ist unsere Sprache nicht geeignet. Der Übermensch ist eine Sehnsucht, kann also nie wirklich sein. Einige Literatur. Fritz Mauthner , Beiträge zu einer Kritik der Sprache. 3 Bände. (Cotta, Stuttgart 1901-3). 2. u. 3. Band in zweiter, 1. Band in dritter Auflage. - Wörterbuch der Philosophie. 2 Bände. (Georg Müller, München 1910). - Die Sprache. 9. Band der Sammlung "Die Gesellschaft", von M. Buber. (Rütten und Loening, Frankfurt a. M. - Spinoza, eine Monographie. (Carl Reissner, Dresden 1921). - Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1921). Gustav Landauer, Skepsis und Mystik, aus Anlaß von Mauthners Sprachkritik. (Fontane u. Cie. Berlin 1903). Dr. Alfred Kühtmann, Zur Geschichte des Terminismus. (Quelle u. Meyer. Leipzig 1911). Max Krieg, Fritz Mauthners Kritik der Sprache. Eine Revolution der Philosophie. (Georg Müller, München 1914).