***************************************************************** * * Titel: Über den treffenden Ausdruck Autor: Olaf *Kistenmacher* Dateiname: 08-2-97.TXT Dateilänge: 45 KB Erschienen in: Wittgenstein Studies 2/97, Datei: 08-2-97.TXT; hrsg. von K.-O. Apel, N. Garver, B. McGuinness, P. Hacker, R. Haller, W. Lütterfelds, G. Meggle, C. Nyíri, K. Puhl, R. Raatzsch, T. Rentsch, J.G.F. Rothhaupt, J. Schulte, U. Steinvorth, P. Stekeler-Weithofer, W. Vossenkuhl, (3 1/2'' Diskette) ISSN 0943-5727. * * ***************************************************************** * * * (c) 1997 Deutsche Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V. * * Alle Rechte vorbehalten / All Rights Reserved * * * * Kein Bestandteil dieser Datei darf ganz oder teilweise * * vervielfältigt, in einem Abfragesystem gespeichert, * * gesendet oder in irgendeine Sprache übersetzt werden in * * irgendeiner Form, sei es auf elektronische, mechanische, * * magnetische, optische, handschriftliche oder andere Art * * und Weise, ohne vorhergehende schriftliche Zustimmung * * der DEUTSCHEN LUDWIG WITTGENSTEIN GESELLSCHAFT e.V. * * Dateien und Auszüge, die der Benutzer für * * seine privaten wissenschaftlichen Zwecke benutzt, sind * * von dieser Regelung ausgenommen. * * * * No part of this file may be reproduced, stored * * in a retrieval system, transmitted or translated into * * any other language in whole or in part, in any form or * * by any means, whether it be in electronical, mechanical, * * magnetic, optical, manual or otherwise, without prior * * written consent of the DEUTSCHE LUDWIG WITTGENSTEIN * * GESELLSCHAFT e.V. Those articles and excerpts from * * articles which the subscriber wishes to use for his own * * private academic purposes are excluded from this * * restrictions. * * * ***************************************************************** ÜBER DEN "TREFFENDEN AUSDRUCK" *1* Von Olaf Kistenmacher In seinem Buch WARUM ÜBERHAUPT ETWAS IST, KLEINE DEMIURGISCHE METAPHYSIK (Reinbek bei Hamburg 1994) kommt Ulrich Steinvorth erst über den "Umweg" (S. 9 *2*) einer Kritik am "Wittgensteinschen Ansatz" zu seinem eigentlichen Thema, der "demiurgischen Metaphysik". Was der "Wittgensteinsche Ansatz" als Bedingungen des Sprechens nenne, reiche nämlich nicht aus und müsse durch ein "Cartesisches Evidenzkriterium" ergänzt werden (S. 71 *3*). "Evidenz" bedeutet nach Steinvorth, "selbst Einsicht oder Bewußtsein davon" zu haben, "ob der Wortsinn dem Gegenstand angemessen ist, auf den er sich bezieht" (S. 61). In Kontrast zu PU 219 ("Ich folge der Regel BLIND") nennt Steinvorth den Gebrauch eines Wortes, der sich auf die eigene Evidenz beruft, den "sehenden" Gebrauch der Sprache (S. 73). Wer die Berufung auf diese je eigene Evidenz mißachte, halte "die Subjektivität der Sprecher und Hörer für irrelevant im Sprachgebrauch" (S. 61). Aus der "Subjektivität" entstammen nach Steinvorth aber gerade die von ihm verteidigten "metaphysischen" Fragen. Insofern steht der Name Wittgensteins in seinem Buch stellvertretend für die "Metaphysikverächter", während für Steinvorth "auch eine falsche Metaphysik besser als keine [ist]. Denn sie erkennt an, daß jene Fragen, also auch die Fragenden, eine Antwort verdienen, und achtet damit den Menschen höher, als es die Metaphysikverächter tun, die jene Fragen für sinnlos erklären." (S. 11f.). Stephen Mulhall vertritt in seiner Untersuchung ON BEING IN THE WORLD, WITTGENSTEIN AND HEIDEGGER ON SEEING ASPECTS (London 1993) die Ansicht, daß der spätere Wittgenstein mit seinen dem täglichen Sprachgebrauch entnommenen Beobachtungen über das "Aspektsehen" gerade den Ansichten des Metaphysikers Martin Heidegger näherstehe als denen des analytischen Philosophen Donald Davidson. Die Pointe bei Mulhall ist allerdings, daß es damit in dieser Frage nicht Heidegger, sondern Davidson ist, der metaphysische Voraussetzungen macht. Davidson nämlich vertrete eine Position, nach der, so Mulhall: "The world we really perceive is radically devoid of any human significance, until we use our interpretative theorizing to organize this primitive data into units of human meaning - words, actions, gestures" (p. 105). Davidson wäre damit in Mulhalls Worten ein Vertreter der "metaphysics of the given" (p. 106). Im Unterschied dazu bemerkt Wittgenstein, daß man die Bedeutung, den "Aspekt" von etwas, beispielsweise eines Bildes, sehr oft nicht erschließt, sondern "sieht" (PU II, S. 518ff.), und Heidegger verkündet in einer bezeichnenden Beispielaufzählung: "'Zunächst' hören wir nie und nimmer Geräusche und Lautkomplexe, sondern den knarrenden Wagen, das Motorrad. Man hört die Kolonne auf dem Marsch, den Nordwind, den klopfenden Specht, das knisternde Feür." (Martin Heidegger, SEIN UND ZEIT, „ 34, Tübingen 1986, S. 163 *4*) Indem Mulhall auf die Gemeinsamkeit zwischen dem späteren Wittgenstein und dem frühen Heidegger hinweist, zeigt er eine Möglichkeit auf, wie eine Philosophie, die sich wie die anglo-amerikanische analytische als 'unmetaphysisch' verstehen will, die "metaphysical systems of Continental philosophy" in ihre Überlegungen einbeziehen könnte (p. 4). Ich werde erst zum Schluß dieses Beitrags auf die Frage eingehen, ob sich nach dem späteren Wittgenstein noch metaphysische Fragen stellen lassen oder ob sie sich verbieten. Zunächst möchte ich diskutieren, ob der spätere Wittgenstein tatsächlich "die Subjektivität der Sprecher und Hörer" ignoriere, und zeigen, daß eine "cartesische Evidenz", die "unabhängig von irgendeiner Sprache" bestehen soll (S. 64), eben deshalb unser Sprachvermögen nicht bereichern könnte. Als Argumentationsbeispiel dient mir ein Ausschnitt aus dem berühmten Roman von Truman Capote, BREAKFAST AT TIFFANY'S, London (Seventh impression) 1972, in dem die Protagonistin Holly Golitely von ihren "mean reds" spricht (oder von ihrem "roten Grausen", wie es in der Übersetzung heißt). 1) Laut Steinvorth kennt der "Wittgensteinsche Ansatz" keine Berufung auf Evidenz, denn: "Über die Richtigkeit der Anwendung eines Worts entscheiden letzten Endes nur Kriterien der Konvention. Daß letzten Endes nur sie entscheiden, heißt, daß ihr Gebrauch den aller anderen ersetzen kann." (S. 61) In PU 43 sagt Wittgenstein jedoch, daß die Bedeutung nur "für eine GROSSE Klasse von Fällen" - und er betont: "wenn auch nicht für ALLE Fälle" - durch den konventionellen "Gebrauch in der Sprache" erklärt werden kann. Wonach sich in den anderen Fällen die 'Richtigkeit' eines Wortgebrauchs bestimmen kann, ist Thema des "Aspektsehen"-Kapitels der PU II, denn die "Wichtigkeit" der Untersuchungen über das "Aspektsehen" und "Aspektblindheit" besteht für Wittgenstein "in dem Zusammenhang der Begriffe 'Sehen des Aspekts' und 'Erleben der Bedeutung eines Wortes'" (PU II, S. 553). Er antwortet hier auf die Frage, wie man das 'richtige' Wort fände: "Aber ich muß nicht immer beurteilen, erklären; ich könnte oft nur sagen: 'Es stimmt einfach noch nicht.' Ich bin unbefriedigt, suche weiter. Endlich kommt ein Wort: 'Das ist es!' MANCHMAL kann ich sagen, warum." (PU II, S. 560f.; vgl. PU, S. 308f.) Der "Evidenz", die Steinvorth verteidigen will und die neben dem "Konventionskriterium" als "zweite Qülle" (S. 71) unseres Sprachvermögens dienen soll, gibt er unglücklicherweise den Namen "cartesisch", womit der Anspruch auf Letztbegründung evoziert wird, den Steinvorth gar nicht erhebt (S. 95). "Eine Evidenz ist die subjektive Erfahrung oder Intuition, daß etwas so ist, wie es verstanden, gedacht oder behauptet wird"; sie "ist der Eindruck der Angemessenheit, des Passens oder auch der Identität zweier Gegebenheiten, seien diese Gegenstände oder Eigenschaften, Physisches oder Psychisches." (S. 60) In dem, was "evident" sein kann, macht Steinvorth tatsächlich keine Unterschiede: In seiner Argumentation verwendet er wahllos als Beispiele für "Evidenzerfahrungen": sehen, daß ein Ball die Farbe rot hat (S. 56 ff.); wissen, daß man den "privaten" visüllen Eindruck eines Balls hat (S. 67 f.); aber auch: sagen, ob Schmerzen "stechend, dumpf oder nagend" sind (S. 77). Obwohl die "Evidenz" in seinem Sinne ein Vermögen sein soll, das ein einsichtigeres, verständigeres, "sehendes" Sprechen ermöglichen würde, soll es "unabhängig von irgendeiner Sprache oder unabhängig von der öffentlichen Sprache" bestehen (S. 64). Nach Steinvorth erkennen wir durch eine "sprachunabhängige Identifikation" (S. 67) unsere bloßsubjektiv zugänglichen Empfindungen und sind deswegen in der Lage, über sie zu sprechen und zu beurteilen, ob Schmerzen "stechend, dumpf oder nagend" (S. 77) sind. 2) Es ist für eine Auseinandersetzung mit Wittgenstein notwendig, zwei Beispielfälle zu unterscheiden: die Evidenz sogenannter 'äusserer' Gegenstände und die "Evidenz" der eigenen Empfindungen *5*. Wenn Steinvorth gegen den "Wittgensteinschen Ansatz" meint betonen zu müssen, daß man auch, ohne über eine Sprache zu verfügen, Gegenstände wie z. B. rote Bälle sehen und nach ihnen greifen kann, tut er so, als würde Wittgenstein die Existenz der 'äusseren' Welt leugnen. Aber Wittgenstein leugnet sie gar nicht. Die philosophische Position des späteren Wittgenstein versteht sich, wie er in PU 402 ausführt, als JENSEITS von erkenntnistheoretischen Diskussionen (in ÜG 37 schreibt Wittgenstein, daß er George E. Moore NUR nachweisen könne, daß dieser die Sprache missbrauche, was ein Idealist im übrigen ebenfalls tü; "damit ist aber ihre Sache [also das eigentlich erkenntnistheoretische Problem - OK] noch nicht erledigt"). Über die Realität oder Idealität der sinnlich erfahrbaren Welt behauptet Wittgenstein gar nichts. Das hängt damit zusammen, daß Philosophie im Sinne des späteren Wittgenstein keine "THESEN" (PU 128) aufstellen darf, weil sie nichts begründen, sondern bloß"Erinnerungen" (PU 127) zusammentragen kann (die sein Gegenüber haben muss), um mit Hilfe dieser allgemeinen "Aspekte der Dinge" philosophische Probleme aufzulösen. Daß Wittgenstein Idealist sei - wie Steinvorth nahelegt -, ist absurd in Anbetracht der Methode Wittgensteins, die darin besteht, Beobachtungen zusammenzutragen und auf der Basis dieser "Evidenzen" zu argumentieren (vgl. PU 66: "Wie gesagt: denk nicht, sondern schau!"). Auch sein berühmtes Privatsprachenargument funktioniert nur unter der Voraussetzung, daß es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen Gegenständen, die man sehen kann und die man deswegen benennen und beschreiben kann, weil man sich auf die Benennung des gemeinsam Sichtbaren einigen kann, und 'privaten' Empfindungen, die nur ein einzelner Mensch hat. Allerdings ist nach Wittgenstein die Evidenz 'äusserer' Gegenstände nicht etwas, das nicht regelgeleitet oder konventionell bestimmt wäre - während Steinvorth in seiner Kritik den Eindruck erweckt, als schlössen die Berufung auf die eigene Evidenz und die Berufung auf eine Konvention einander aus. Wenn jemand sichergehen will, ob er seinen Haustürschlüssel auch nicht vergessen hat, durchsucht er seine Taschen; wenn man sichergehen will, daß man seinen Herd ausgeschaltet hat, geht man noch einmal zurück in die Wohnungsküche und sieht nach. Wittgenstein nennt dies "Regel[n] der Evidenz" (BPP II, 682; vgl. Z 555). Solche Regeln der Evidenz hat man sich allerdings nicht so starr vorzustellen, als ob sie bei allen Menschen identisch wären (BPP II, 685), sondern auch diese "Regeln" sind, wie viele "Regeln" in der Sprache, gewissermassen an den Rändern ausgefranst (PU 84). "Die zureichende Evidenz geht ohne eine Grenze in die unzureichende über." (BPP II, 614.) Ausserdem weist Wittgenstein in dem xi. Abschnitt der PU II darauf hin, daß wir mindestens zwei 'Objekte' des Sehens kennen: Als Beispiele nennt er zum einen ein menschliches Gesicht, zum anderen die Ähnlichkeit zweier Gesichter (PU II, S. 518). Das zweite nennt er den "Aspekt", in anderen Zusammenhängen auch die "Bedeutung" oder die "Gestalt" (BPP I, 170 und 175). Da man die Ähnlichkeit zweier Gesichter oder auch den Ausdruck eines Gesichts "sehen" kann (PU II, S. 546), ist hier Evidenz ebenfalls möglich; Wittgenstein benutzt den Begriff "unwägbare Evidenz" besonders im Zusammenhang mit dem Urteil über den ausgedrückten Gemütszustand eines anderen (vgl. PU II, S. 575). Allerdings ist das "Sehen eines Aspekts" im Gegensatz zur "cartesischen Evidenz" Steinvorths keine Gewähr für eine Erkenntnis über einen Gegenstand; der "Aspekt" ist die Weise, wie der Betrachter das Gesehene zuordnet, in welchen Zusammenhang er es bringt; ob damit eine Eigenschaft von dem Gegenstand erkannt ist, muß sich erst erweisen. Nach meiner Erfahrung kommt es am ehesten über den "Aspekt" von etwas, die "Bedeutung", zu solchen Streitigkeiten, wie sie Steinvorth beschreibt: bei denen "Evidenz" "gegen Evidenz" steht (S. 57). Es ist doch selten strittig, ob man gerade z. B. einen roten Ball oder ein Menschengesicht vor sich hat, sondern vielmehr, ob z. B. derjenige, der sich kurz zuvor überraschend verabschiedet hat, eher traurig oder verärgert ausgesehen hat. Für solche Fälle wäre es natürlich gut, wir wüssten, was die "Berufung auf eine Evidenz" (S. 57) leisten kann, wann man sich auf seine "cartesische Evidenz" verlassen darf etc. Steinvorth gibt dafür leider kein Kriterium an. Die "cartesische Evidenz" bleibt insofern ein nutzloses Vermögen; es sei denn, eine weitere 'Evidenz', gewissermassen zweiter Ordnung, beurteilte die Gültigkeit der "cartesischen Evidenzen" (und eine 'Evidenz dritter Ordnung' die Gültigkeit der 'zweiter Ordnung' usw. ad infinitum). Einen erkenntnistheoretischen Idealismus könnte die "cartesische Evidenz" jedoch ohnehin nicht widerlegen, weil sie selbst ganz auf der phänomenalen Ebene bleibt. "Ich kann mich des Balls und seiner Farbe vergewissern; aber das heißt nicht, daß ich weiss, daß der Ball existiert und seine Farbe rot ist. Ich könnte träumen; doch auch das würde nichts daran ändern, daß das, was ich sehe und wovon ich zugleich weiss, daß ich es sehe, etwas ist, was mir in bestimmter Weise präsent ist [...]." (S. 67) Die Evidenz 'äusserer' Gegenstände möchte ich in diesem Beitrag nicht weiter behandeln. Mir ging es nur um den Unterschied zu der 'Evidenz' 'innerer' Erfahrungen. Im folgenden möchte ich klären, ob die Fähigkeit, von den je eigenen Gefühlen zu sprechen, auf einem "sprachunabhängigen Identifikationsvermögen" beruht und ob nur so unkonventionelle Äusserungen über das eigene Seelenleben zu verstehen sind. 3) Steinvorths "Evidenz" soll also lediglich beweisen, daß es 'innere Erfahrungen' gibt - was Wittgenstein so wenig leugnet wie eine 'äussere' Realität (PU 307). Wenn Steinvorth mit seiner These einer "cartesischen Evidenz" lediglich demonstrieren wollte, daß Menschen Gefühle haben, so bräuchte er das nicht gegen Wittgenstein geltend zu machen; da eine Schmerzäusserung das Schmerzbenehmen "ersetzt", aber "nicht beschreibt" (PU 244), werden im Regelfall, beim Weinen und Schreien eines Babys z. B., Schmerzen vorausgesetzt. Diese Voraussetzung ist allerdings kein Beweis für die Existenz von Gefühlen - Schmerzen -, und dies ist auch nicht Wittgensteins Anliegen. Worauf Wittgenstein hinweist, ist, daß ein schreiendes Baby, wenn es Schmerzen hat, nicht deshalb eine Intuition davon hat, was Schmerzen sind. Das Privatsprachenargument zeigt, daß die Annahme, Gefühlsäusserungen benennten und beschrieben diese Gefühle und diese Gefühlsbezeichnungen würden durch die je eigene Introspektion gelernt, sich in das "Käfer"-in-der-Schachtel-Dilemma verwickelt (PU 293 *6*). Das Sprechen von Gefühlen kann nicht auf die gleiche Weise funktionieren wie das Sprechen über rote Bälle, die jeder sehen kann; denn da niemand wissen kann, was der andere in seiner Schachtel hat und zu welchem Gegenstand alle "Käfer" sagen, kann auch niemand wissen, was mit dem Namen "Käfer" bezeichnet wird. "Das Paradox verschwindet nur dann, wenn wir radikal mit der Idee brechen, die Sprache funktioniere immer nur auf EINE Weise, diene immer dem gleichen Zweck: Gedanken zu übertragen - seien diese nun Gedanken über Häuser, Schmerzen, Gut und Böse, oder was immer." (PU 304) Die Reichweite dieses zweiten Teils von Wittgensteins Privatsprachenargument *7* verkennt Steinvorth: Selbst wenn es jemandem möglich wäre, seine Empfindungen in der Weise zu identifizieren, daß er eine Empfindung, die er schon einmal hatte, wiedererkennen würde, so wäre er damit noch nicht fähig, diese Gefühle zu benennen und zu beschreiben. Genau das soll aber Steinvorths "cartesische Evidenz" leisten: Nach seiner Ansicht können wir aufgrund einer "sprachunabhängigen" Empfindung beurteilen, ob Schmerzen "stechend, stumpf oder nagend" wären (S. 77). Schmerzen als "stechend", "dumpf" oder "nagend" zu bezeichnen, ist vergleichsweise konventionell; es ist anzunehmen, daß sich hier die 'Richtigkeit' ebenfalls nach "Kriterien der Konvention" bemisst. Ein wirklicher Beweis für ein "sprachunabhängiges" Urteilsvermögen wäre dagegen eine originellere Weise, sich 'über' die eigenen Gefühle zu äussern. In dem Roman BREAKFAST AT TIFFANY'S von Truman Capote fragt das Mädchen Holiday Golitely ihren Nachbarn und neugewonnenen Freund, den sie nach ihrem Bruder "Fred" nennt: "'You know those days when you've got the mean reds?' 'Same as the blüs?' 'No,' she said slowly. 'No, the blüs are because you're getting fat or maybe it's been raining too long. You're sad, that's all. But the mean reds are horrible. You're afraid and you sweat like hell, but you don't know what you're afraid of. Except something bad is going to happen, only if you don't know what it is. You've had that feeling?' 'Quite often. Some people call it ANGST.' 'All right. ANGST. But what do you do about it?'" (Capote, BREAKFAST, p. 40.) Es geht mir bei diesem Dialog nicht um die Verwendung des deutschen Wortes "Angst", für das Holly Golitely die traditionell-existenzialistische Definition vorgegeben hat ("You're afraid [...], but you don't know what you're afraid of"; vgl. Heidegger, „ 40, S. 186). Sondern mir geht es um ihre Bezeichnung "mean reds", die in der deutschen Ausgabe als "das rote Grausen" übersetzt wird (Truman Capote, FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY, EIN KURZROMAN UND DREI ERZÄHLUNGEN, übersetzt von Hansi Bochow-Blüthgen u. a., Reinbek bei Hamburg 1962, S. 36). Nach Steinvorth wäre eine solche originelle Bezeichnung der Beweis, daß wir die uns je "allein zufliessende Qülle der Introspektion" (S. 71) ausschöpften, so daß wir subjektiv wissen, was wir fühlen, und deswegen beurteilen können, ob der "Wortsinn" dem Gefühl "angemessen" ist. Aber 'weiss' Holly Golitely, daß "mean reds" der richtige Ausdruck für ihre Angstgefühle ist? Zumindest redet sie so: "You know [...]?", fragt sie ihren Freund. Wollte man aber überprüfen, ob sie weiss, was "reds" heißt, würde man sie bitten, auf rote Gegenstände zu zeigen; es würde nichts bringen, wenn sie darauf antwortete, daß ihre Gemütsverfassung "eine schreckliche Rote" wäre. Wittgenstein spricht deshalb bei einer solchen Verwendung eines Wortes von seiner "sekundären Bedeutung" (PU II, S. 557). Die "sekundäre Bedeutung" ist etwas anderes als ein bildhafter Gebrauch, denn das, was eine bildhafte Metapher sagen soll, lässt sich häufig in anderen, nichtmetaphorischen Worten sagen (vgl. LSP 799). Wer dagegen geneigt ist, "Wednesday" "fat" zu nennen und "Tüsday" "lean", könnte "fat" und "lean" nicht durch andere Ausdrücke ersetzen (Mulhall, p. 49). Daß sich ein Wort in seiner "sekundären Bedeutung" nicht durch andere Ausdrücke ersetzen lässt - sowenig wie Holly Golitely wahrscheinlich begründen könnte, warum ihre Gemütsverfassungen nun gerade 'Rote' sind -, könnte ein Hinweis darauf sein, weshalb man wie Steinvorth geneigt ist, in einem solchem Fall von einem "wissenden" Gebrauch zu sprechen. Selbst wenn man eine Erklärung dafür fände: "[I]t may be that I am inclined to call Wednesday fat rather than lean because in the past I was taught by a fat teacher on Wednesdays (LW, I, 795), but this dös not explain away the inclination; it still constitutes the basis of a very specific sort of language-game" (p. 49; vgl. PU II, S. 556). 4) Da diese 'Stimmigkeit' auch Gedichte auszeichnet, könnte man Holly Golitelys Gebrauch von "reds" in einer "sekundären Bedeutung" auch als 'dichtenden' Gebrauch bezeichnen. In gelungenen Gedichten sind die einzelnen Wörter nicht allein durch ihren "Gebrauch in der Sprache" (PU 43) definiert, sondern sie nehmen einen eigenen Platz ein, an dem sie nicht ausgetauscht werden können (PU 513). Eine Zeile oder ein einzelnes Wort scheint seine Bedeutung gewissermassen in sich zu tragen. Für diese Dimension der Sprache ist Steinvorths Metaphysik aussergewöhnlich unempfindlich; nach seinem Sprachmodell kann auch das 'dichtende' Reden von Gefühlen nichts ausser ihrer Beschreibung sein, von der man "selbst Einsicht oder Bewusstsein davon hat, ob der Wortsinn dem Gegenstand angemessen ist" (S. 61). Mulhall vergleicht die pötische Verwendung von Wörtern mit dem Verhältnis, das wir zu Fotos von verehrten Personen haben (p. 51; vgl. PU II, S. 554). "[J]ust like the case of a portrait living for me ('Her picture smiles down on me from the wall!' - PI, 205h), words can sometimes seem to be a MANIFESTATION of their meaning, to be a living embodiment of the sentiment or thought they express." (p. 39; vgl. PU II, S. 539) Eine 'manifeste' Äusserung ist damit jedoch noch nicht wahr in dem gleichen Sinne, in dem die Aussage 'Dort liegt ein roter Ball' wahr sein kann. Es wäre nicht falsch gewesen, wenn Holly Golitely von 'mean yellows' oder '- violets' gesprochen hätte; ebenso liessen sich 'stechende', 'dumpfe' oder 'nagende' Schmerzen als 'schreiend', 'gelb' oder 'schwer' bezeichnen, ohne daß die Beschreibung deshalb falsch wäre. Ob wir Holly Golitelys Bezeichnung "mean reds" für passend oder angemessen halten, hängt nicht davon ab, ob wir ihrer Introspektion traün, weil eine 'stimmige' Paraphrase ihren besonderen Wert nicht durch eine besonders intensive Empfindung erhält, sondern durch einen originellen Umgang mit der Sprache. Deshalb macht ein solch origineller Sprachgebrauch nicht nur in der ersten Person Sinn, und eine so bezeichnete Empfindung kann ebenso bei anderen erkannt werden. Holly Golitely schreibt wenig später ihrer Freundin Mag Wildwood 'mean reds' zu; der besondere Ausdruck geht also zurück auf Holly Golitelys individuelle Beziehung zu bestimmten Wörtern ("die Anhänglichkeit an ihre Worte" nennt Wittgenstein diese in PU II, S. 560), nicht zu ihrer besonderen Wahrnehmung eigener Gefühle. *8* Das Beispiel aus BREAKFAST AT TIFFANY'S macht ausserdem deutlich, wie unnötig eine "cartesische Evidenz" für eine solche Weise, von den eigenen Gefühlen zu sprechen, wäre. Ihr Freund Fred hört Holly Golitely nicht deswegen zu, weil er glaubt, daß "mean reds" der richtige Name für ihre 'inneren' Zustände ist, sondern weil er Sympathie für sie empfindet. Sein Verständnis gilt eher ihr als ihrer Äusserung. Das zeigt sich so ebenfalls im weiteren Verlauf der Geschichte von Truman Capote, die ich in diesem Punkt für realistisch halte: Die 'Bezeichnung' "mean reds" hat die Funktion eines "Signals" (PU 180); als Holly Golitely zu Fred über ihre Freundin Mag Wildwood sagt: "There she is, on the verge of pneumonia. A hangover on there. And the mean reds on the top of it" (Capote, BREAKFAST, p. 46), reicht es, daß Fred damit weiss, daß er dieser Freundin wie einer Kranken entgegenzutreten hat. Es ist nicht wichtig, daß er den Inhalt dieser Diagnose versteht. Vereinfachend gesagt, ist es eine Geschmacksfrage, ob man den Ausdruck "mean reds" für 'passend' hält oder ob man es nicht tut. Geschmäcker sind aber individuell verschieden, und die Individualität der "Subjektivität" ist etwas, das Steinvorth in seiner Verteidigung der "Subjektivität der Sprecher und Hörer" ganz aus den Augen verloren hat. Er betont, wie wichtig es ist, daß jemand SELBST den Eindruck hat, den richtigen Ausdruck für etwas gefunden zu haben, und vernachlässigt dabei, daß dieser Eindruck individuell verschieden sein kann. Für Mulhall, der nicht nur die "Verwandtschaft" zwischen dem "Sehen" eines "Aspekts" bei einem Bild und dem "Sehen" eines "Wortaspekts" verdeutlicht, sondern der das Erkennen von fremdpsychischen Zuständen ebenfalls unter den Begriff "Aspektsehen" fasst (vgl. auch PU II, S. 546: "Man könnte von Einem sagen, er sei für den AUSDRUCK in einem Gesicht blind"), ist die Fähigkeit, "Aspekte" zu "sehen", in einem solchen Fall Ausdruck der Fähigkeit, andere Menschen in ihrer "Invidualität" wahrzunehmen. "Human behaviour dös not consist in machine-tooled, precise repetitions of a limited repertoire of movements that is invariant between cultures or persons, but rather in irregularities and variations of texture which INFLECT culturally-relative paradigms of expressive behaviour in specific ways and which together produce a weave behaviour with a particular PHYSIOGNOMY - an individual style or character" (p. 86) - der sich ebenfalls in der je eigenen Wortwahl, Sprechweise und Vorliebe für bestimmte Ausdrücke äussert. Ich denke, man sollte, wenn man wie Steinvorth die "Subjektivität" gegen die "Konventionen" bewahren möchte, die je eigene Individualität nicht vernachlässigen; in Steinvorths Sprache würde das bedeuten, anzunehmen, daß das "Evidenzkriterium" jedes einzelnen verschieden sein könnte. Dann aber könnte die "cartesische Evidenz" nicht mehr verbürgen als die Äusserung 'Ich habe Schmerzen'. 5) Zu bezweifeln, daß wir über eine solche "sprachunabhängige Evidenz" verfügen, heißt nicht, zu bezweifeln, daß wir Gefühle und Empfindungen haben. Doch anstelle einer Evidenz-von-der-Erfahrung setzt Mulhall eine "Reaktion" mit einem sprachlichen Ausdruck auf eine bestimmte Erfahrung, ein "linguistic and non-linguistic behaviour" (p. 69; vgl. PU II, S. 559), und auf dieses Verhalten verlässt man sich insoweit, als sie aus dem "Beherrschen einer Technik" resultiert (PU II, S. 544). Man geht davon aus, daß Holly Golitely weiss, was "red" ist. Aber ihre Beweggründe, ihre Gemütszustände so zu bezeichnen, muß sie deswegen nicht nennen können. Sie muß nicht WISSEN, was sie dazu bewogen hat; sie äussert sich einfach in dieser Weise (vgl. BPP I, 851). Daß sie es "ohne Rechtfertigung" sagt, bedeutet aber nicht, daß sie "zu Unrecht" so spricht (PU 289). Es ist die Sicherheit der alltäglichen Praxis, die der originellen Redeweise von den "mean reds" Sinn und Berechtigung verleiht. Insofern, weil es sich um eine internalisierte Praxis handelt, folgt man den sprachlichen Regeln "BLIND", wie Wittgenstein in PU 219 schreibt. Das heißt nicht, daß man sie unwissend benutzt, sondern, daß man sie findet, ohne sich ihre Verwendungsweisen in Erinnerung rufen zu müssen - so wie man, ohne zu überlegen, den richtigen Weg findet, wenn man sagt: 'Von hier aus finde ich blind nach Hause'. Das heißt in beiden Fällen nicht, daß man zu einem theoretisierbaren Wissen fähig sein muss: Jemand, der korrekt spricht, muß nicht dudengemässe Definitionen formulieren können, und jemand, der sicher seinen Nachhauseweg findet, muß nicht unbedingt in der Lage sein, diesen Weg in einem Stadtplan anzugeben. Beides - das 'blinde Finden' des richtigen Wegs einerseits wie andererseits die Fähigkeit, ihn anderen zu beschreiben - kann man als 'Wissen' bezeichnen. Aber darüber sollte man nicht die Unterschiedlichkeit der so bezeichneten Fähigkeiten vergessen. Steinvorth nennt es "Wittgensteins grosses Verdienst", gezeigt zu haben, daß man, um sprechen zu lernen, "nichts benennen", sondern bloß "natürliche Äußerungen" wie Schreien "durch konventionelle Äußerungen" wie 'Ich habe Schmerzen' "ersetzen" können muß (S. 68). Wenn er dann aber die UNGEWÖHNLICHE Schmerzbeschreibung aus einer "sprachunabhängigen" Schmerzkenntnis erklärt, macht er das Wissen-von zur Bedingung des Sprechenkönnens, als würde jemand, der einen ungewöhnlichen Nachhauseweg geht, deswegen in der Lage sein, eine genaüre Wegbeschreibung zu geben, anstatt zu sehen, daß das eine ganz andere Fähigkeit ist, die mit jener nichts zu tun haben muß (BPP I, 556). 6) Stephen Mulhall sucht nach einem Anknüpfungspunkt für die Philosophie in der Tradition des späten Wittgenstein an 'Metaphysiker' wie Martin Heidegger. Dabei stellt Mulhall einige Überlegungen zum Status der metaphysischen Philosophie an; diese 'metaphilosophische' Wendung *9* macht ON BEING IN THE WORLD besonders reizvoll, und hier liegen auch die Gemeinsamkeiten mit Steinvorths Apologie einer "demiurgischen Metaphysik". Während Steinvorth allgemeingültige Antworten auf metaphysische Warumfragen für möglich hält, kann für Mulhall eine Metaphysik wie die Heideggers, die auf Fragen wie 'Warum überhaupt etwas ist' zu antworten versucht, nur Aspekte der Welt aufzeigen, aber nicht beanspruchen, etwas über das Wesen der Welt auszusagen. Die Metaphysik Heideggers ist damit aber nicht etwas Subjektives; denn damit der Aspekt von etwas sich als etwas Subjektives zeige, muß es möglich sein, dieses Etwas auch ohne den Aspekt zu beschreiben. Über Heideggers "Daseins"-Analyse sagt Mulhall: "We are not discovering a metaphysical truth about human essence: we are reminding ourselves of an aspect of the grammar of the concepts with which we describe human life." (p. 150) Der Unterschied zwischen dem frühen Heidegger und dem späten Wittgenstein wird auch daran deutlich, welchen Stellenwert sie selbst ihren Aussagen über das "Aspektsehen" einräumen. Während Wittgenstein Beobachtungen zusammenträgt (siehe oben), die über den alltäglichen Sprachgebrauch nicht hinausgehen (PU II, S. 529f.), sucht Heidegger hinter dem alltäglichen "Gerede" nach den grundsätzlichen Eigenschaften des menschlichen "Daseins" (vgl. Heidegger, „ 44b, S. 220). "All of the features of our relation to the world which Heidegger aims to capture under the label of 'readiness-to-hand' might be summed up by saying that the ways in which objects are woven into our practical activity manifest precisely the smoothness (the seamlessness an absence of stumbling or hesitation) that is also evident in our purely linguistic behaviour (RPP, I, 295). [...] The seamlessness of the human relation to the world is exceedingly difficult to characterize, whether in terms of linguistic or of non-linguistic behaviour, because it is not a specific feature or property of that behaviour but rather an ASPECT of it." (p. 148f.) Diese Aspekte müssen keine Erkenntnis bedingen; es kann sich erweisen, daß jemand in dem Zimmer, in dem er sich wie selbstverständlich bewegt, ganz fremd ist und sich bloß immer so benimmt; genauso wie die "Ähnlichkeit" zweier Gesichter (PU II, S. 518) bedeutungslos ist, wenn die beiden Personen weder miteinander verwandt noch einander in ihrem Charakter ähnlich sind. Aus der Subjektperspektive gibt es zwischen dem "Sehen" eines "Aspekts" und dem Sehen eines Gegenstands eben erst dann einen Unterschied, wenn ein anderer Aspekt 'aufleuchtet' (PU II, S. 520), wenn andere Betrachter einen auf einen anderen Aspekt aufmerksam machen. Erst dann macht es Sinn, zu sagen, man habe etwas ALS ETWAS gesehen. "Zu sagen 'Ich sehe das jetzt als...', hätte für mich so wenig Sinn gehabt, als beim Anblick von Messer und Gabel zu sagen: 'Ich sehe das jetzt als Messer und Gabel.' [...] Man 'HÄLT' auch nicht, was man bei Tisch als Eßbesteck erkennt, FÜR ein Eßbesteck [...]." (PU II, S. 521) In der Weigerung, über das alltäglich Sagbare hinauszugehen, liegt eben der entscheidende Unterschied von Wittgensteins Beobachtungen und Heideggers Fundamentalontologie, nach der die "Struktur des ETWAS ALS ETWAS" generell jedem "Verstehen" zu eigen ist (Heidegger, „ 32, S. 149f.; vgl. Steinvorth, S. 27). 7) "Aspekte" zu "sehen", ist deswegen, anders als die "cartesische Evidenz", kein besonderes Erkenntnisvermögen, sondern Ausdruck eines speziell menschlichen Verhältnisses zur Welt. "Wittgenstein's investigation of aspect perception [...] highlights what is distinctively HUMAN about human behaviour" (Mulhall, p. 4). Danach sollten wir den Wert von Gefühlsäußerungen bemessen: Nicht weil sie das Produkt eines "sprachunabhängigen Identifikationsvermögens" wären, sondern weil sie ein menschliches Verhältnis zur Sprache zum Ausdruck bringen ("die Anhänglichkeit an ihre Worte", wie Wittgenstein sie in PU II, S. 560, nennt), das uns von Maschinen und Robotern unterscheidet, deswegen sollten wir die "Subjektivität von Sprecher und Hörer" nicht ignorieren. Der Wert solcher Äußerungen ist so wenig ein epistemischer, wie es beim 'von-der-Seele-Reden' um die Mitteilung 'innerer' Daten geht (vgl. PU 546). Die Fähigkeit, einen Wortaspekt zu sehen, und die Fähigkeit, den psychischen Ausdruck in eines anderen Menschen Gesicht zu sehen, sind nach Wittgenstein verwandte Phänomene (vgl. BPP II, 170), aber nicht identische. Denn es wäre denkbar, daß jemand mit großer Leidenschaft und Verständnis Gedichte liest, aber für die Gefühle anderer, wie man auch umgangssprachlich sagt, 'blind ist'. Wo aber beide Vermögen fehlen, ist ihr Zusammenhang m. E. bedeutend. Als Hannah Arendt in ihrem Prozeßbericht versucht, die Besonderheit des Leiters der Reichssicherheitshauptamts-Abteilung zur 'Lösung der Judenfrage', des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann, zu verstehen, kommt sie auf einen Zusammenhang einer weitgehenden Aspektblindheit; sie schreibt: "[...] - what he said was always the same, expressed in the same words. The longer ohne listened to him, the more obvious it became that his inability to speak was closely connected with an inability to THINK, namely, to think from the standpoint of somebody else." (Hannah Arendt, EICHMANN IN JERUSALEM, A REPORT ON THE BANALITY OF EVIL, New York 1963, p. 44). Auch wenn Arendt an der intellektüllen Begabung Eichmanns ihre Zweifel äußert (Arendt, p. 25); die fehlende Intelligenz macht nach ihrer Einschätzung nicht diese Bösartigkeit aus, sondern es war, wie sie im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt, "gewissermaßen schiere Gedankenlosigkeit - etwas, was mit Dummheit keineswegs identisch ist -, die ihn dafür prädisponierte, zu einem der größten Verbrecher jener Zeit zu werden" (Hannah Arendt, EICHMANN IN JERUSALEM, EIN BERICHT VON DER BANALITÄT DES BÖSEN, autorisierte Übersetzung von Brigitte Granzow, München 1986, S. 16) *10*. Ein weniger extremes Beispiel, als es Adolf Eichmann ist, hätte für meine Zwecke gereicht; denn mit dem Bezug auf Hannah Arendts phänomenologische Beobachtungen möchte ich gar nichts beweisen, sondern lediglich illustrieren, was ich mit meiner Kritik an Steinvorths "cartesischer Evidenz" bezwecke, in wechem "Licht" (PU 109) ich sie sehe. Kurz gesagt, ist das Problem nicht, daß sich diejenigen, die die "Subjektivität der Sprecher und Hörer" ignorieren, um INFORMATIONEN über das Seelenleben anderer brächten, sondern daß sie sich und ihre Mitmenschen um ihre Anteilnahme und Mitgefühl bringen. "The aspect-blind", schreibt Mulhall, "view others as if they were robots, and their own behaviour has the stiffness, the absence of fine shades and flexibility, the stumbling and hesitation, of a robot." (p. 149) Die Unfähigkeit, andere in ihrer individuellen, feinschattierten Ausdrucksweise wahrzunehmen und verstehen zu können, ist zunächst einmal kein kognitives Problem, sondern ein ethisches Versagen. *11* *1* Vom "treffenden Ausdruck" spricht Wittgenstein nur in BPP I, 580, sonst vom "treffenden Wort" (siehe z. B. PU, S. 309). Ich habe den umfassenderen Begriff "Ausdruck" als Überschrift gewählt, weil es in meinem Beispiel um einen treffenden Ausdruck geht, der aus zwei Worten besteht. *2* Alle deutschsprachigen Zitate allein mit Seitenangabe (S. ) sind von Ulrich Steinvorth, WARUM ÜBERHAUPT ETWAS IST, KLEINE DEMIURGISCHE METAPHYSIK, Reinbek bei Hamburg 1994; alle englischsprachigen nur mit Angabe der page (p. ) von Stephen Mulhall, ON BEING IN THE WORLD. WITTGENSTEIN AND HEIDEGGER ON SEEING ASPECTS, London 1993. Ich kann leider nicht sagen, ob von Mulhalls höchst lesenswerter Untersuchung eine Übersetzung ins Deutsche in Vorbereitung ist. Wittgenstein zitiere ich mit den geläufigen Abkürzungen: TLP (Tractatus logico-philosophicus), PU (Philosophische Untersuchungen), BPP (Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie), LSP (Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie), ÜG (Über Gewißheit) etc. und mit Angabe der Paragraphen. Wo eine Paragraphennummer fehlt, zitiere ich mit Seitenangabe nach der bei Suhrkamp herausgegebenen Gesamtausgabe: Ludwig Wittgenstein, WERKAUSGABE, Frankfurt am Main 1984. Alle andere Literatur zitiere ich mit vollständiger Angabe im Text, beim wiederholten Male mit dem Namen des Verfassers. *3* Steinvorths Buch versteht sich nicht als Sekundärliteratur; es geht ihm nicht unbedingt darum, "einem Autor gerecht zu werden", sondern er möchte bestimmte Argumente prüfen, "wie man sie bei Wittgenstein findet oder finden kann" (S. 52). *4* Mulhall verweist auf eine Textstelle in SEIN UND ZEIT, in der Heidegger selbst seine Position anhand des Begriffs 'Aspekt', den er allerdings nur zitierend benutzt, festmacht: "Die Seinsart des Seienden ist die Zuhandenheit. Sie darf jedoch nicht als bloßer Auffassungscharakter verstanden werden, als würden dem zunächst begegnenden 'Seienden' solche 'Aspekte' aufgeredet, als würde ein zunächst an sich vorhandener Weltstoff in dieser 'subjektiv gefärbt'. Eine so gerichtete Interpretation übersieht, daß hierfür das Seiende als pures Vorhandenes verstanden und entdeckt sein und in der Folge des entdeckenden und aneignenden Umgangs mit der 'Welt' Vorrang und Führung haben müßte." (Heidegger, „ 15, S. 71; vgl. Mulhall, p. 111) *5* Meine Kritik an Steinvorths Ansatz mache ich hier nur deswegen an dem Ausdruck 'Evidenz' fest, weil Steinvorth damit die logisch vollkommen verschiedenen Vorgänge der Evidenz 'äußerer' Gegenstände und der 'Evidenz' 'innerer' Zustände als identische behandelt. Wittgenstein spricht selbst in LSP 893 von der "Evidenz", mit der "ich meine Handlungen im allgemeinen sicherer voraussehe als der Andre" (allerdings fehlt genau der Begriff 'Evidenz' in einer sehr ähnlichen Formulierung in PU II, S. 569), aber er weist darauf hin, daß diese "Evidenz" eben von ganz "andrer Art" ist (LSP 894). *6* Die Analogie von Gefühlen, die man nur durch Introspektion kennenlernt, mit den "Käfern" in der Schachtel, in die nur ihr Besitzer einen Blick werfen darf, geht natürlich nur auf, wenn es sonst keine Käfer in der Welt der Schachtel-Träger gibt. Wittgensteins Darstellung ist insofern irreführend, als seine Leser wissen, was Käfer sind und worum es sich bei den Tieren in den Schachteln handelt. Ich lese deswegen den Satz in PU 293 - "Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt [...]" - mit der Betonung auf diesem letzten "sagt". Was ein "Käfer" sei, BEHAUPTEN diese Menschen von der Einsicht in ihre Schachtel zu "wissen". Es könnte also in ihrer Schachtel auch eine Banane sein, eine Schildkröte oder etwas, für das wir keinen Namen haben. *7* Mit Mulhall teile ich das Privatsprachenargument in zwei Teile (Mulhall, p. 54ff.; vgl. BPP I, 397): Mulhall nennt den ersten Teil den 'indirekten' und meint die Beispielgeschichte, in der jemand für ein wiederkehrendes Gefühl, für das er keinen Namen hat, ein 'E' in ein Tagebuch einträgt (PU 243ff.). Das 'direkte' Argument ist die Analogie mit den 'Käfern' in den Schachteln, von denen jeder ein Exemplar bei sich trägt (PU 293). *8* Auch der Ich-Erzähler spricht etwas später von "my own case of the mean reds" (Capote, BREAKFAST, p. 70), was nicht bedeutet, daß er genaüstens WEISS, was Holly Golitely damit gemeint hat, sondern daß er aus seiner Liebe zu ihr ihre Sprache versucht, in seine eigene zu integrieren. Die "mean reds" bilden ein Leitthema der Erzählung, doch mit der Häufigkeit wird das, was damit bezeichnet werden soll, nicht präziser. Daß es nicht nur schlicht das bedeuten soll, was Philosophen mit "Angst" bezeichnet haben, zeigt Holly Golitelys Äußerung am Ende der Geschichte: "'But what about me?' she said, whisperde, and shivered again. 'I'm very scared, Buster. Yes, at last. Because it could go on for ever. Not knowing what's yours until you've thrown it away. The mean reds, they're nothing. The fat woman, she nothing. This, though: my mouth's so dry, if my life depended on it I couldn't spit.' She stepped in the car, sank in the seat. 'Sorry, driver. Let's go.'" (Capote, BREAKFAST, p. 99) Im übrigen kommt der oben zitierte Dialog zwischen Holly Golitely und "Fred" auch in der rührenden Verfilmung von Blake Edwards mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle vor. *9* 'Metaphilosophisch' soll hier lediglich besagen, daß es Überlegungen ÜBER den Sinn und den Status der Philosophie sind. Es ist damit keine THEORIE über die Philosophie gemeint, keine allumfassende These dazu. *10* Der von Arendt beobachtete Zusammenhang zwischen Eichmanns fehlendem Sprachgefühl und seiner fehlenden Anteilnahme am Leben anderer Menschen ist für meine Zwecke auch dann bedeutend, wenn man entgegen Hannah Arendts Einschätzung den Charakter Eichmanns für nicht so "banal" hält und wenn man bezweifelt, daß sich seine Unmenschlichkeit allein aus dieser "schiere[n] Gedankenlosigkeit" ergibt. Wenn man bezweifelt, daß "the trouble with Eichmann was precisely that so many were like him, and that the many were neither perverted nor sadistic, that they were, and still are, terribly and terrifying normal" (Arendt, p. 253). *11* Ich danke Ernst Michäl Lange, Stine Oldörp, Felix Reidenbach, Reinold Schmücker und Ulrich Steinvorth für Anregungen und Kritik.