Charlotte Annerl
Verlorene Illusionen
Zur logischen Struktur weiblicher Glückskonflikte
Zusammenfassung:
Aus philosophischer Sicht lassen sich weibliche Glücksprobleme mit einer "Dialektik der Aufklärung"
in Zusammenhang bringen, die zur Ausgestaltung der modernen Geschlechterrollen wesentlich beigetragen hat.
Enttäuscht wurde die Hoffnung der frühen Aufklärung, mit der Durchsetzung der persönlichen Freiheit, also mit der Möglichkeit, nicht mehr nach Traditionen, sondern nach selbstgesetzten Zwecken zu handeln, auch das Glück des Einzelnen und der Gesellschaft zu befördern.
Der erste Abschnitt fasst die wichtigsten skeptischen Argumente gegenüber diesem gescheiterten Glücksprogramm zusammen.
Der zweite Abschnitt skizziert die Herausbildung eines alternativen, weiblichen Glücks, das, aus dem Fundus der "alten Welt" entlehnt, im privaten Bereich die Desillusionierungen des männlichen "Subjekts" ausgleichen und reparieren sollte.
Der letzte Teil zeigt die ambivalente Situation, die sich für ein "weibliches Subjekt" ergibt, das sich von jener Vergangenheit zu lösen versucht.
Einleitung
Aus österreichischen Gesundheitsstudien geht hervor, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von berufstätigen Frauen seit einigen Jahren bereits unter jener der Männer liegt, Frauen häufiger psychologische und soziale Beratungsstellen kontaktieren und den größten Teil der Medikamentensüchtigen darstellen. (Gesundheitsbericht Wien1997)
Zu ähnlichen Resultaten kamen bereits 1985 die Autoren von ”Bittere Pillen”, einem kritischen Nachschlagewerk für gängige Medikamente:
"Die meisten psychischen Leiden werden bei Frauen häufiger diagnostiziert als bei Männern. Psychopharmaka sind schon fast 'weibliche' Pillen. 70% aller verkauften Beruhigungsmittel werden an Frauen verschrieben, lediglich 30% an Männer."
Eine Trendumkehr zeichnet sich auch bei den Herzerkrankungen ab: Die Informationskampagne "Frau 2000" warnt davor, den Herzinfarkt weiterhin als eine "typische Männer- und Managerkrankheit" anzusehen: Während seit 1980 bei den koronaren Herzkrankheiten die Sterblichkeit bei den Männern um etwa 8% zurückgegangen sei, habe sie bei Frauen um 13% zugenommen. "Die Situation wird sich in den kommenden Jahren zu Ungunsten der Frauen weiter massiv verschlechtern", befürchtet Professor Helmut Sinzinger am Wiener AKH.
Wie dringlich diese Problemlage ist, zeigt die Tatsache, dass erstmals eine internationale Tagung eigens zu diesem Thema veranstaltet wurde: Der "Erste Weltkongress zur psychischen Gesundheit der Frau" fand im Frühjahr in Berlin statt. (vgl. NZZ, 6.6.2001)
Woher kommt diese Entwicklung? Gibt es etwas in der Situation der modernen Frau, das sie zum Unglücklichsein disponiert? Bringen die bereits erzielten Erfolge der weiblichen Emanzipationsbestrebungen nicht die erhoffte Verbesserung auf der Ebene des persönlichen Glücks, der Sinnerfüllung des Lebens? Und welchen Beitrag kann die Philosophie zu einem Verständnis dieser Diskrepanz von Freiheit und Glück leisten?
Ich möchte hier die These vertreten, dass jene weibliche Anfälligkeit zu psychischem Leiden nicht in erster Linie medizinisch oder anthropologisch begründet ist, sondern damit zusammenhängt, dass in der Persönlichkeit der modernen Frau zwei Arten von Selbst miteinander im Streit liegen, nämlich ein "männliches" und ein "weibliches" Selbst, die zwei einander ausschließenden Logiken folgen.
Ich werde des weiteren zu zeigen versuchen, dass, so schwierig und aufreibend es für die Frau sein mag, zwischen jenen zwei Lebensorientierungen zu lavieren, sie diese Zerrissenheit auch nicht durch eine Entscheidung für eine dieser beiden Identitäten beenden kann, ohne in eine noch unhaltbarere, ja unlebbare Situation zu geraten.
Wie kam es zu dieser neurotisierenden Konstellation weiblichen Seins in der Moderne?
Um die existentielle Situation der modernen Frau zu verstehen, ist es notwendig, die enge Verknüpftheit des weiblichen Schicksals mit jenem Schicksal nachzuzeichnen, das die Aufklärung im Lauf der Geschichte nahm. Ich möchte daher im folgenden versuchen, diese ineinander verwobene Entwicklung des männlichen und des weiblichen Lebensraumes seit Beginn der Neuzeit kurz zu skizzieren.
Das gescheiterte Glücksprogramm der Aufklärung
Die Konstituierung der modernen männlichen Welt erfolgte im Zuge einer Rationalisierungsbewegung, die mit der Durchsetzung der Freiheit einhergeht, das eigene Handeln
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nach selbstbestimmten Zwecken auszurichten. Diese Freiheit impliziert das Recht, sich von allen vorgegebenen Traditionen und Konventionen, von den Bindungen an überkommene Mächte wie Kirche und Adel zu lösen, nach denen sich das Handeln in älteren Gesellschaften überwiegend gerichtet hatte. In Hegels Rechtsphilosophie heißt es daher:
"Das Recht der Besonderheit des Subjekts, sich befriedigt zu finden, oder, was dasselbe ist, das Recht der subjektiven Freiheit macht den Wende- und Mittelpunkt in dem Unterschiede des Altertums und der modernen Zeit." (§124)
In engem Zusammenhang mit der neuen Freiheit der Selbstbestimmung entstand ein ebenfalls zweckorientierter Glücksbegriff: Glück ist dann jenes Gefühl, das sich einstellt, wenn die eigenen Zwecke erreicht werden. Dieses subjektive Glück hatte etwa die amerikanische Unabhängigkeitserklärung im Auge, als sie 1776 ”the pursuit of happiness” zu einem der menschlichen Grundrechte erklärte. Es ist damit das Recht des Subjekts festgeschrieben, die Ziele und Mitteln seines Handelns nach eigener Entscheidung zu bestimmen und 'nach seiner Fasson' glücklich zu werden, .
Im ersten Triumphgefühl der neuen Freiheiten entstand eine Vielzahl von Glücksvorschlägen und Glücksutopien, die letztlich nur Variationen von Karrieren und Siegeszügen enthielten. Abseits davon mehrten sich jedoch auch skeptische Stimmen, die darauf hinwiesen, dass jene anfänglichen Hoffnungen der modernen Welt, dass sich mit der Erreichung der selbstgesteckten Ziele auch ein entsprechendes Glück einstellen würde, überzogen waren.
1. Bereits früh wurde konstatiert, dass die individuellen Glücksbestrebungen, konzentriert auf die Verwirklichung partikularer Zwecke, notwendig zu Handlungskollisionen führen müssen. Daraus, so lautet die Folgerung, erwächst ein die Glückserwartungen des Subjekts bedrohender Konkurrenz- und Machtkampf, in dem sich entscheidet, wem es gelingt, seine Zwecke durchzusetzen und sich die notwendigen Mittel für weitere Bedürfnisse zu sichern. Aus diesem Machtkampf gibt es kein Entkommen, es sei denn um den Preis der eigenen Ohnmacht. Denn wer auf seine Zwecke verzichtet oder in dem Wettlauf um die Mittel für mögliche zukünftige Unternehmen zögert, schafft nur Platz für ein anderes Subjekt.
Hobbes bestimmt daher die "Sorge" als Grundverfassung des Menschen, den ein latenter "Kriegszustand" am Innehalten, am Genuss seiner Güter hindert.
Die Stufen dieser Dynamik beschreibt auch Goethe in ”Des Epimenides Erwachen”:
Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten:
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehrt er die anderen streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig.
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem Jüngsten Tage.
Freilich hofften die sogenannten "Vertragstheorien" von Hobbes, Locke und Rousseau auf eine Eindämmung dieses Konkurrenzkampfes dank der Durchsetzung allgemeiner Regeln durch eine legitime Regierung. Die klassische Nationalökonomie vertraute zudem auf die Gesetze des Marktes, die auch in regelfreien Zonen gemäß dem bekannten Diktum Mandevilles "private vices", also blanken Eigennutz, in "public virtue", allgemeinen Wohlstand, verwandeln sollten.
Bekannt sind die Zweifel Marxens und seiner Nachfolger an dieser optimistischen Sichtweise, die ausführlichen Analysen, in denen dieser die Notwendigkeit von Entfremdung und Zerstörung, von gesellschaftlichen Spannungen und ökonomischen Krisen darlegte. Deren letzte Ursache ist die Diskrepanz, dass die gesellschaftliche Kooperation individueller Subjekte einerseits ein funktionales Zweck-Mittel-Gefüge ergeben soll, jedoch nicht alle Handlungen und Handlungsergebnisse miteinander reibungslos verbunden sind, wie dies zunächst erhofft wurde.
2. Neben den ständig drohenden Vereitlungen der eigenen Zwecke durch die anderen ihre subjektiven Ziele verfolgenden Einzelnen ist es aber auch das Erreichen der Ziele selbst, das zu Enttäuschungen führen muss.
Es erwies sich nämlich im Zuge der Entwicklung des modernen Glücksstrebens bald als rationalistische Fiktion, es gebe natürliche Schranken des subjektiven Wollens, etwa in Form eines begrenzten Sets an natürlichen Bedürfnissen. Stattdessen zeigt sich eine unendliche Steigerungsfähigkeit und Verbesserbarkeit der vermeintlich angeborenen menschlichen Wünsche, die etwa Hegel (1820) zu bedenken gab:
Die Besonderheit für sich ist das Ausschweifende und Maßlose, und die Formen dieser Ausschweifung selbst sind maßlos. Der Mensch erweitert durch seine Vorstellungen und Reflexionen seine Begierden, die kein beschlossener Kreis wie der Instinkt des Tieres sind, und führt sie in das schlecht Unendliche. (§185)
Zusatz. Das, was die Engländer comfortable nennen, ist etwas durchaus Unerschöpfliches und ins Unendliche Fortgehendes, denn jede Bequemlichkeit zeigt wieder ihre Unbequemlichkeit, und diese Erfindungen nehmen kein Ende. (§191)
Diese prinzipielle Unbegrenztheit des menschlichen Begehrens verschärft den Machtkampf der Subjekte und erzeugt in der Folge nicht nur eine neue Form von Not und Armut bei jenen, die im Konkurrenzkampf um die vorhandenen Handlungsmittel unterliegen. Sie vereitelt auch die ursprüngliche Hoffnung des Subjekts, mit der Erreichung gerade des nächsten Zieles sein Glück zu machen, seine Kette der Bedürfnisse endlich zu schließen und glücklich genießend sich am Ziel aller Wünsche zu finden.
3. Noch ein weiteres, ja womöglich das tiefste Problem, das sich den neuen Glücksbestrebungen in den Weg stellt, hat seinen Ursprung in der zunehmenden zeitlichen und räumlichen Loslösung des Handlungszwecks von der unmittelbaren Tätigkeit, der sogenannten "Basishandlung": Je stärker entfernte Zwecke in den Vordergrund treten, desto mittelhafter, leerer, unbefriedigender wird der Handlungsvollzug selbst. Marx hat diesen Umstand im Begriff der "entfremdeten Arbeit" zusammengefasst. Liegt also, wie Moritz Schlick (1985) ausführt, der Sinn des Handelns nicht in der spielerischen ”Hingegebenheit an die Tätigkeit”, sondern steht dieses ”unter der Herrschaft der Zwecke”, dann kommt es zu dem sonderbaren Widerspruch, ”dass Vollbringen und Genießen sich nicht zu einem rechten Sinn zusammenschließen wollen" (S. 178). Schlick verweist dabei auf Schopenhauer, der besonders krass die Sinnkrise eines Glücks beschrieben hat, das ganz im Bereich der Zweckrationalität angesiedelt ist. Schopenhauer vergleicht ein Leben, das nur entfernten
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Zwecken nachjagd, mit einer Pendelbewegung zwischen ”Schmerz” und ”Langeweile”. Diese qualvolle Dialektik entsteht dadurch, dass den unter immer größeren Anstrengungen angestrebten Zielen bei deren Erreichen keine Tätigkeit, kein wirkliches Leben, sondern ein tätigkeitsloses und dadurch leeres Genießen folgt. Schopenhauers These des schimärenhaften Charakters des Glücks und der Unausweichlichkeit des ”Leidens” als Grundzug menschlichen Seins lautet daher:
Versucht man, die Gesamtheit der Menschenwelt in einen Blick zusammenzufassen; so erblickt man überall einen rastlosen Kampf, ein gewaltiges Ringen, mit Anstrengung aller Körper- und Geisteskräfte, um Leben und Dasein, drohenden und jeden Augenblick treffenden Gefahren und Uebeln aller Art gegenüber. Und betrachtet man dann den Preis, dem alles Dieses gilt, das Dasein und Leben selbst; so findet man einige Zwischenräume schmerzloser Existenz, auf welche sogleich die Langeweile Angriff macht, und welche neue Noth schnell beendigt. (1851, Kap.XI)
Diese nicht mehr mit dem Vollzug der Handlung selbst, sondern mit der Erreichung von entfernten, mit immer aufwendigeren Mitteln angestrebten Zwecken verknüpfte Glückshoffnungen implizieren einen Rückzug des Glücks aus der Gegenwart, der allein lebendigen Zeitstufe, und seine Verlagerung in eine euphorische Zukunft oder in eine nostalgische Vergangenheit:
Alles im Leben gibt kund, dass das irdische Glück bestimmt ist, vereitelt oder als eine Illusion erkannt zu werden....Der Zauber der Entfernung zeigt uns Paradiese, welche wie optische Täuschungen verschwinden, wann wir uns haben hinäffen lassen. Das Glück liegt demgemäß stets in der Zukunft, oder auch in der Vergangenheit, und die Gegenwart ist einer kleinen dunklen Wolke zu vergleichen, welche der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr und hinter ihr ist Alles hell, nur sie selbst wirft stets einen Schatten. Sie ist demnach allezeit ungenügend, die Zukunft aber ungewiß, die Vergangenheit unwiederbringlich. (1844, Kap.46)
4. Zu diesen drei angeführten Desillusionierungen des von der Aufklärung verheißenen zweckorientierten Glücks fügt sich eine weitere Verzichtsanforderung: Adorno und Horkheimer zeigen in ihrer Interpretation der Odyssee, dass das entstehende Subjekt bei seiner Loslösung von der alten Welt auch jener Glücksmomenten entsagen muss, die mit der Einbindung in eine vorwiegend "traditionale Gesellschaft" (Max Weber) verbunden sind. Mit der Vermeidung eines Aufgehens in der unmittelbaren Gegenwart und des Vergessens der weitgesteckten Zwecke entsteht jene psychische Konstellation, die Adorno und Horkheimer den ”männlichen Charakter” nennen:
Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart. (1984, S 33)
Freilich, dieser Verzicht vollzieht sich nicht als einfacher, glatter Bruch mit der Vergangenheit. Adorno zufolge "überlistet" Odysseus vielmehr all jene mythischen Mächte, die seinen Heimweg, der als Metapher der Entwicklung zum bürgerlichen Individuum interpretiert wird, mit Verlockungen und Ansprüchen bedrohen. Durch diese Überlistung gibt er ihnen einen ungefährlichen Platz am Rande der hellenistischen Welt, mit Niklas Luhmann könnte man sagen, er modernisiert jene Kräfte zu Subsystemen der Gesellschaft.
Der Gesang der Sirenen, dem sich Odysseus gefesselt aussetzt, wird so zum gezähmten Lied, das eine Sehnsucht weckt, die keine zerstörerische Macht mehr über ihren Zuhörer besitzt:
Adorno bezeichnet diesen Prozess als "Dialektik der Aufklärung" und thematisiert damit eine Dynamik, die, wie gleich zu sehen ist, auch zu unserer Fragestellung Verbindungen aufweist.
Weiblichkeit als alternative Glücksverheißung
Dass diese Abschwächungen und Relativierungen der von der Aufklärung geweckten Glückserwartungen tiefe Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter nach sich ziehen sollten, war einige Zeit kaum zu erkennen: Die Forderungen nach einer vernünftigeren, glücklicheren, gerechteren Gesellschaft richteten sich weiterhin an "alle Menschen", weiterhin wurde an die Freiheit des Menschen, die Menschenrechte und die menschliche Vernunft appelliert. Doch allmählich tauchte zunächst an den Rändern der Diskurse und philosophischen Systeme, in Erziehungsschriften und in anthropologischen Texten, die Mahnung auf, "es ist hier nicht genug sich vorzustellen, dass man Menschen vor sich habe, man muß zugleich nicht aus der Acht lassen, dass diese Menschen nicht von einerlei Art sind" (Kant 1764, A 50,51). In der gesellschaftlichen Realität und immer offener auch in den Theorieentwürfen spaltete sich vor dem Hintergrund der angeführten Glücksenttäuschungen das "Projekt der Moderne" auf: Bei dieser Spaltung wurden den beiden Geschlechtern zwei aufeinander bezogene, aber grundlegend unterschiedliche Lebenslinien vorgezeichnet:
Im Handlungsbereich des Mannes findet der Durchsetzungskampf gegen die Einschränkungen durch Traditionen und feudale Privilegien statt. In der Arena des Konkurrenzkampfes männlicher Subjekte wird Glück als Krönung der hochgesteckten Ziele entweder nicht erreicht oder erweist sich als illusionär und fällt, wie von Schopenhauer beschrieben, der Langeweile zum Opfer.
Als Gegengewicht zu dieser von verschiedensten Desillusionierungen erschütterten männlichen Welt wird das Programm eines alternativen, weiblichen Glücks entwickelt, das sich in der Sphäre der Familie und der privaten Geselligkeit zu erfüllen verspricht. Dort hofft der Mann einen Ausgleich für jene enttäuschten Hoffnungen wiederzufinden, die in der gesellschaftlichen Wirklichkeit gescheitert sind, dort fühlt er sich in Beziehungsformen geborgen, die sich in der Welt rational-kalkulierender Subjekte zunehmend verflüchtigen. Durch dieses Verlangen nach Ausgleich, nach Befriedung entfernt sich der weibliche Bereich immer weiter und entschiedener vom männlichen.
Von der vom einst gemeinsamen, tätigen Leben getrennten Frau fordert der aufgeklärte Mann bald all das Verlorene explizit und en detail ein, etwa eine persönliche Zuwendung und Anteilnahme, die nicht an Leistungen gebunden
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ist, eine Loyalität, die nicht von Vorteilsüberlegungen abhängt, eine Unmittelbarkeit, die im Privatbereich ein Aufgehen in der Gegenwart erlaubt, verfeinerte Umgangsformen, um auch "ungesellige" bürgerliche Individuen zu einer geselligen Gruppe zu verbinden, eine "Fürsorglichkeit", die nicht nur auf abstrakte Regeln und gleiche Gegenleistung pocht, und eine "schöne Seele", die nicht von "erhabenen" Anstrengungen belastet ist.
Liegen diese Forderungen, diese Wünsche nach idyllischer Ergänzung aufgrund des männlichen Weges auch nahe, so ist doch nicht klar, warum die Frau darauf einging. Muss etwa doch eine "Natur der Frau" als letzter Grund der Trennung männlicher und weiblicher Lebenswege fixiert werden? Oder genügt zum Verständnis dieser Entwicklung der klassisch-feministische Rekurs auf den Terminus "Unterdrückung"?
Ich möchte zur Belebung dieser festgefahrenen Debatte eine "systemtheoretische" Betrachtung vorschlagen.
Diese soll die Wandlung des Verhältnisses von Mann und Frau von einem ursprünglichen Arbeitssystem, einem gemeinsamen Lebenszusammenhang, in dem jeder seinen Kreis von Tätigkeiten hatte, zu einem modernen Erwartungssystem nachvollziehbar machen. Erwartet, verlangt, gefordert wird dabei vom jeweils anderen, die bei der Rationalisierung entstandenen je eigenen Defizite auszugleichen,
Der auslösende Impuls zu dieser Wandlung geht von der forcierten Subjektsentwicklung des Mannes aus, die einen doppelten Veränderungsdruck auf den weiblichen Part ausübt: Je stärker der Mann die alte Arbeitsteilung aufkündigt und in den Bereich der neuen, rationaleren, effizienzorientierten Produktion überwechselt, desto rascher verlieren auch die einstigen Arbeitsleistungen der Frau ihren ökonomischen Sinn. Und desto vehementer verlangen die sich verschärfenden männlichen Glücksprobleme nach einer Lösung.
Um das Gesamtsystem, die Arbeitsteilung beider Geschlechter zu erhalten, zieht sich die bürgerliche Frau aus der Welt der Arbeit, der Produktion, des Kampfes zurück. Frühere weibliche, aber auch männliche kulturelle Praktiken und alltägliche Tätigkeiten werden jetzt auf den privaten Bereich verkürzt. Aus dem einstigen Handlungskontext entfernte Empfindungsweisen und Haltungen werden zu inneren Attributen vor allem eines Geschlechts, des weiblichen, uminterpretiert. Subsysteme wie männliche Moral und weibliche Umgangsformen ergänzen die polarisierten, anthropologisierten Geschlechtseigenschaften.
Diese Attribute des Weiblichen, obwohl sie als männliche Forderungen auftreten, wurden also nicht einfach am Reißbrett, im leeren Raum der Phantasie entworfen. Sie sind, nochmals gesagt, Resultat einer Herauslösung aus ihrer einstigen Verbindung mit bestimmten gesellschaftlichen Tätigkeiten, einer Entbettung" (Giddens 1995, S.33) aus ihren traditionellen Interaktionszusammenhängen. In die private Sphäre auslagert, wurden sie als Eigenschaften des "weiblichen Gemüts" in die Innenwelt der Frau verschoben. Ihre einstige Bedeutung auch für das männliche Geschlecht wurde damit ausgeblendet.
Kurz, umso mehr sich am männlichen Part alle rationalen Momente anlagerten, desto mehr absorbierte die weibliche Seite alle traditionalen.
Die Paradoxie in dieser komplementären Ordnung der Geschlechter liegt darin, dass das weibliche Glück aus eben jener verpönten "alten Welt" entlehnt ist, gegen deren Einschränkungen die Aufklärung angetreten ist.
Konsequent wurde dem weiblichen Geschlecht daher genau das nicht zugestanden, das bereits die auf traditionaler Sitte beruhenden geschichtlichen Lebensformen zum Untergang verurteilt hat: Subjektive Freiheit.
So heißt es in Hegels Rechtsphilosophie (1821):
Der Mann hat daher sein wirkliches substantielles Leben im Staate, der Wissenschaft und dergleichen, und sonst im Kampfe und der Arbeit mit der Außenwelt und mit sich selbst, so dass er nur aus seiner Entzweiung die selbständige Einigkeit mit sich erkämpft, deren ruhige Anschauung und die empfindende subjektive Sittlichkeit er in der Familie hat, in welcher die Frau ihre substantielle Bestimmung und in dieser Pietät ihre sittliche Gesinnung hat. (§166)
Es geht auch kürzer und einfacher: "Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte" (Goethe)
Durch diese enge Verwobenheit mit den Problemen der Modernisierungsbewegung geht die komplementär konzipierte Mann-Frau-Beziehung über ein bloßes "anthropologisches" Phänomen, als das sie zunächst angesehen wurde, weit hinaus. Nicht einfach zwei Geschlechtscharaktere ergänzen einander als "reizender Unterschied, den die Natur zwischen zwei Menschengattungen hat treffen wollen" (Kant 1764, A50). Die Veränderungen in diesem Verhältnis werden hier vielmehr als Abfolge von Umgestaltungen kultureller Traditionen unter dem wachsenden Einfluss der Durchsetzung moderner Rationalität beschrieben. Dabei erweist es sich als Fiktion, eine hinter diesen Ausdifferenzierungsprozessen liegende biologische weibliche oder männliche Natur angeben zu können.
Ausblick: Der Sonderweg des weiblichen Subjekts
An der Stilisierung des Weiblichen zu einem idyllischen und schmückenden Rahmen und der damit einhergehenden Ausschließung der Frau aus der Arbeitswelt der bürgerlichen Gesellschaft, aus Kunst und Wissenschaft setzt seit jeher die Kritik der Frauenbewegung an. So heißt es etwa bei Silvia Bovenschen (1980):
Die Sehnsucht nach der Versöhnung mit der Natur, nach einem nichtentfremdeten Dasein wird, ideologisch verzerrt, auf das Weibliche projiziert. (...) Diese Botschaft läuft in einer industrialisiert arbeitsteiligen Gesellschaft notwendig auf die Forderung nach dem Verzicht der Frauen auf alle ökonomischen und politischen Ansprüche, auf die Brachlegung ihrer kreativen Fähigkeiten, auf ein fremdgesteuertes passives Dasein hinaus. (S32f)
Diese weit verbreitete, die Subjektsperspektive einnehmende Kritik scheint eine verspätete weibliche Wiederholung jener Entwicklung einzufordern, die bereits der aufgeklärte männliche Bürger hinter sich gebracht hat. Allerdings lässt sich zeigen, dass die Synchronie von weiblicher und männlicher Befreiung nur eine kurze Strecke weit reicht. Doch zumindest der Beginn der weiblichen Emanzipationsbestrebungen erinnert an das Hervortreten des männlichen Subjekts: Gegen Konventionen, Sitte und traditionelle Lebensweisen
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macht die Frau die für die Aufklärung konstitutive subjektive Freiheit, eigenständig die Ziele ihres Handelns selbst zu bestimmen und zu verfolgen, geltend.
Dieser Entschluss beunruhigt die Männer, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Doch der Schritt der Frau in die Öffentlichkeit hat auch eine zunächst unerwartete Konsequenz für sie selbst: Ist nämlich Weiblichkeit in der modernen Welt ein alternativer Ort des Glücks geworden, dann bedeutet dessen Auflösung, dass jenes Glück keine Repräsentation, keine Chance auf weitere Verwirklichung mehr besitzt: Denn das weibliche Subjekt hat kein ergänzendes, ausgleichendes Wesen neben sich, das nun jene leere Stelle neu besetzen könnte, die es selbst mit seiner Emanzipation verlässt. Es kann daher nicht zu dem Ausweg des männlichen Subjekts greifen, das an seiner Seite eine loyale, lebensweltliche Züge repräsentierende Frau hatte, die zu der indifferenten, sachlichen, von Machtkämpfen durchzogenen Welt des Subjekts eine sinnstiftende Idylle inszenierte.
Wie einleitend bereits angedeutet, kann sich die Frau diesem Dilemma, dass mit ihrer Subjektwerdung ihr früherer Ort verwaist bleibt, nicht dadurch entziehen, ihr Leben wieder in der traditionellen weiblichen Sphäre anzusiedeln. Denn mit einer solchen Rückwendung würde die für den eigenen Subjektsstatus konstitutive Freiheit aufgegeben. Paradoxerweise wäre selbst eine derartige Rückwendung bereits eine "rationale", auf revidierbaren Vorteilsüberlegungen basierende Tat, denn es ist, wie Max Weber feststellt, unmöglich, die Modernisierungsbewegung rückgängig zu machen, ohne sich dabei bereits in deren Logik zu bewegen. Es würde sich bei diesem Schritt also zumindest teilweise um eine "nostalgische Wiedereinführung" (Luhmann) handeln.
Das weibliche Subjekt kann daher mit seiner Vergangenheit nicht einfach brechen und ist so gezwungen, jene beiden einst getrennten Lebensbereiche zu verbinden, "männliche" und "weibliche" Orientierungen in sich auszubalancieren.
Diese Perspektive weckt freilich auch hochfliegende Hoffnungen. Kann sich die Frau nach ihrer Emanzipation nicht in beiden Glücksräumen gleichzeitig bewegen? Vermag sie nicht vielleicht gar als besseres, menschlicheres Subjekt die Spaltungen und Brechungen der Moderne wieder aufzuheben? Ergäbe ihre neue Situation nicht so die Chance auf einen Zuwachs an Glück?
Doch diese Utopien erweisen sich als Illusion. Denn logische Differenzen lassen sich nicht einfach empirisch überbrücken, sie brechen immer wieder auf und erzeugen grundlegende Spannungen, die sich in sozialen, aber auch in psychischen Problemen äußern.
Die schwierige Situation der modernen Frau mit ihrer notwendigen Tendenz zu einem weiblichen Subjekt ergibt sich aus der komplizierten Genese des Geschlechterarrangements, das, wie hier ausgeführt, logisch-historische Wurzeln hat. Weiblichkeit repräsentiert dabei, so meine These, umgestaltete Momente von Handlungsweisen, die das männliche Subjekt aufgeben musste, aber in modernisierter Form in der bürgerlichen Frau wiederfindet. So betrachtet ist es einsehbar, dass jene Unvereinbarkeiten, die ja einst zur Abspaltung jener Traditionen in eine weibliche "Wesensart" führten, beim Versuch der neuerlichen Zusammenführung dieser getrennten Lebensorientierungen in ähnlicher Form wiedererstehen.
Aus diesen Widersprüchlichkeiten entspringen die besonderen Probleme weiblicher Freiheits- und Glücksbestrebungen, wie sie etwa von Carol Gilligan (1999) beschrieben werden.
Ich möchte bewusst darauf verzichten, eine Prognose zu erstellen über die zukünftigen männlichen und weiblichen Haltungen und Lebensweisen, die in diesem auch schmerzhaften weiblichen Befreiungsprozess entstehen. Denn es gibt, wie gesagt, nicht jene Substanz des Weiblichen und Männlichen, die eine Voraussage des weiteren Ablaufs der Rationalisierungsbewegung einschließlich der dabei erfolgenden Einarbeitungen der aufgelösten Traditionen erlauben würde.
Vielmehr bildet sich der moderne Mensch nicht dadurch aus, dass er sich definiert, nach seinem eigentlichen Wesen oder seinen biologischen Wurzeln sucht, sondern dadurch, dass das betreffende Subjekt eine Kette von Handlungssituationen für sich entscheidet und damit neue Muster der Existenz prägt:
"Er (Odysseus) windet sich durch, das ist sein Überleben, und aller Ruhm, den er selbst und die andern ihm dabei gewähren, bestätigt bloß, dass die Heroenwürde nur gewonnen wird, indem der Drang zum ganzen, allgemeinen, ungeteilten Glück sich demütigt." (Horkheimer/Adorno 1984, S.34)
Literatur:
Bovenschen, Silvia (1980): Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Ffm..
Gesundheitsbericht der Stadt Wien. Wien 1997.
Giddens, Anthony (1995): Konsequenzen der Moderne. Ffm.
Gilligan, Carol (1999): Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau.
Hegel, G.W.F. (1820): Grundlinien der Philosophie des Rechts
Horkheimer, Max, Adorno, Theodor W. (1984): Dialektik der Aufklärung. Ffm.
Kant, Immanuel (1764): Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen.
Kuntz, Ruth: Frauen, das verrückte Geschlecht? In: Neue Zürcher Zeitung, 6.6.2001
Langbein, Kurt (u.a.) (1985): Bittere Pillen. Köln. S. 99.
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Ffm.
Schlick, Moritz (1975): Vom Sinn des Lebens. In: Schleichert, Hubert (Hrsg.), Logischer Empirismus der Wiener Kreis. München
Schopenhauer, Arthur (1844): Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiter Band Kapitel 46.
Schopenhauer, Arthur (1851): Parerga und Paralipomena. Kapitel XI: Nachträge zur Lehre von der Nichtigkeit des Daseins.