Philosophie der Befreiung
Autor: Sabine Jesche
1. Einleitung
Die philosophischen Diskussionen um Postmoderne, Globalisierung und ähnliche aktuelle Schlüsselbegriffe bewegen sich üblicherweise im Rahmen der europäischen Denktradition. Diskussionsfelder, die außerhalb dieses Mainstreams liegen, werden zumeist ausgeblendet oder geraten erst verspätet ins Blickfeld der westlichen Philosophie. Dieses Schicksal trifft auch die lateinamerikanische Philosophie der Befreiung, die entgegen mancher Annahmen nicht als überholt gilt. So haben sich in den 90er Jahren zwei führende Vertreter der Befreiungsphilosophie - Leopoldo Zea und Enrique Dussel - wieder zu Wort gemeldet. (vgl. Schelkshorn, 1999, S.81) Um dieses für mich noch immer aktuelle Gedankengut der 60er und 70er Jahre nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, möchte ich in der folgenden Arbeit auf ein zentrales Werk der Befreiungsphilosophie genauer eingehen.
Mein Interesse an lateinamerikanischer Philosophie wurde durch das Wahlfach ‚Internationale Entwicklung’ im Rahmen meines Politikwissenschaftsstudiums geweckt. Mir geht es daher auch vor allem um die politischen Aspekte in Dussels Befreiungsphilosophie. Um den theoretischen Hintergrund zu veranschaulichen, werde ich zuerst kurz auf die Dependenztheorie eingehen und dann einige Aspekte der lateinamerikanischen Philosophie des 20. Jahrhunderts darstellen. Die Beschäftigung mit Dussels ‚Philosophie der Befreiung’ erfolgt dann in zwei Schritten: zuerst werde ich einen schnellen Überblick geben und in die wichtigsten Begriffe einführen und dann die politischen Aspekte seiner Arbeit beleuchten.
2. Dependenztheorie
In Lateinamerika wurde Mitte der 60er Jahre der Begriff ‚dependencia’ - also Abhängigkeit - in den Mittelpunkt von wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Analysen gestellt. Man versuchte damit zum einen auf theoretischer Ebene eine Erklärung für die Blockierung der Entwicklung in Lateinamerika zu finden und zum anderen Strategien auf politischer Ebene zur Überwindung dieser Unterentwicklung zu liefern. Gemeinsam ist den verschiedenen Ansätzen innerhalb der Dependenztheorie, dass sie den bisher üblichen Ansatz, Entwicklungsländer als geschlossenes System zu betrachten und damit Entwicklungshemmnisse endogen zu erklären, bestreiten. Damit stellten sie die gängigen Erklärungsansätze auf den Kopf. Aus ihrer Sicht ist nämlich die Unterentwicklung nicht eine Folge der mangelnden Integration der betroffenen Länder in die moderne Welt, sondern eben die effiziente Integration dieser peripheren Länder in den von kapitalistischen Industrieländern beherrschten Weltmarkt. (vgl. Boeckh, 2000, S.171)
3. Lateinamerikanische Philosophie in den 60er und 70er Jahren
In dieser Zeit nahm die Befreiungsphilosophie einen zentralen Stellenwert innerhalb der lateinamerikanischen Philosophie ein. Ihre ideengeschichtlichen Wurzeln liegen in der Aufklärungsphilosophie, die versuchte, in Anlehnung an die Dependenztheorien ein Programm geistiger Emanzipation zu formulieren. (vgl. Krumpel, 1992, S.241) Das Bemühen um eine eigene Form des kulturellen Ausdrucks der geistigen Autonomie Lateinamerikas lässt sich schon auf Bello (1781-1865) und Martis (1853-1895) zurückführen. Die Kontinuitätslinie dieser Gedanken bis ins 20. Jahrhundert bezieht sich vor allem auf den ‚praktischen’ Geist, der einen großen Teil des lateinamerikanischen Denkens beherrscht und den Rückgriff auf den Begriff ‚Volk’ als hermeneutische Kategorie. (vgl. Fournet-Betancourt, 1997, S.53-55)
Im unmittelbaren historischen Kontext spielen folgende Faktoren eine wichtige Rolle:
Ziel der neuen Strömung war die Demaskierung der in Lateinamerika vorherrschenden abendländischen Philosophiegeschichte als Geschichte einer Ideologie der Kolonialherrschaft also eine Abrechnung der lateinamerikanischen Philosophie mit ihrer eigenen Vergangenheit. (vgl. Fournet-Betancourt, 1997, S.63) Die Befreiungsphilosophen verstehen den Begriff Logos im Verhältnis der Gegensätze von Macht und Abhängigkeit, Zentrum und Peripherie und herrschen und beherrscht werden. Dabei wird auf den antiken Logos - Begriff im Sinne von Weltvernunft zurückgegriffen, der auf einen spezifischen Ausdruck von Kultur und auf eine spezielle Seinsweise des Menschen abzielt. Im herkömmlichen Wortsinn bedeutet Logos nämlich auch Zentrum, was dazu führte, dass der Logos zu einem Herrschaftsinstrument der Erkenntnis umfunktioniert wurde. Zea fordert daher die zweite Bedeutung von Logos - nämlich Wort - wieder stärker zu betonen, damit ein Dia - Logos entstehen kann. (vgl. Krumpel, 1992, S.244f)
Ein wesentliches Kennzeichen des befreiungsphilosophischen Diskurses ist darin zu sehen, dass der Humanitätsbegriff nicht im Sinne einer abstrakten Orientierung verstanden wird, sondern immer die Beziehung zur Konkretheit des Menschen hervorgehoben wird. (vgl. Krumpel, 1992, S.253f)
Innerhalb der befreiungsphilosophischen Strömung bildeten sich zwei grundlegende Tendenzen heraus. Die eine versuchte, theoretisch-symbolische Vermittlungen zu erarbeiten, indem sie auf die Weisheit der Volkskultur zurückgriff. Der Strömung des Volksethos sind u.a. Rodolfo Kusch und Carlos Cullen zuzurechnen. Die andere bemühte sich darum, die für die Analyse der sozialen Strukturen notwendigen Vermittlungen zu erreichen. Um das zu bewerkstelligen, griff sie auf Kategorien einer Sozialanalyse marxistischer Herkunft zurück. Als wichtiger Vertreter ist hier Enrique Dussel zu nennen. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Richtungen besteht darin, dass in der Letzteren die Geopolitik der entscheidende Faktor der philosophischen Reflexion ist. Der Einfluss der Dependenztheorie wird hier durch die Verwendung der These von der Aufteilung der Welt in ‚Zentrum’ und ‚Peripherie’ deutlich. (vgl. Fournet-Betancourt, 1997, S.66-74)
4. Enrique Dussels Philosophie der Befreiung
Dussel wurde 1934 in Argentinien geboren. Er studierte zuerst in Paris an der Sorbonne Geschichtswissenschaft und danach in Madrid Philosophie. Nach seiner Promotion begann er an der Universidad Metropolitana in Mexiko zu forschen und zu lehren. (vgl. Krumpel, 1992, S.254) Dussel ist sehr eng mit den Ursprüngen der Philosophie der Befreiung verbunden. Sein Referat vor dem II. Nationalen Kongress der Philosophie in Cordoba 1971 mit dem Titel ‚Metaphysik des Subjekts und Befreiung’ ist eines der ersten theoretischen Dokumente. (vgl. Fournet-Betancourt, 1989, S.6)
4.1 Zum Inhalt
Im ersten Kapitel gibt Dussel einen Überblick der historisch - ideologischen Entwicklung, bei der er die geopolitischen Veränderungen von der Antike bis zur Hochblüte des Kalten Krieges berücksichtigt. Seiner Meinung nach setzt sich die moderne europäische Philosophie über alles hinweg. Diese Ontologie situiert die Menschen als der Interpretation zugängliche Seiende. Sie geht vom räumlichen Zentrum aus und konstituiert das ego cogito der Peripherie als unterentwickelt. Die Frage ist, wie lange das Zentrum noch derart über der Peripherie steht. Die Philosophie denkt nämlich das Nicht - Philosophische: also die Wirklichkeit, daher entsteht sie immer an der Peripherie. An einigen historischen Beispielen zeigt er auf, dass es Hoffnung in diese Richtung gibt. Die Ontologie des Zentrums versteht er als Ideologie. Sie dient als Basis zur Unterdrückung der Völker der Peripherie. (vgl. Dussel, 1989, S.15-18)
In Kapitel zwei stellt er die sechs Kategorien der Reflexion (Proximität, Totalität, Vermittlung, Exteriorität, Entfremdung und Befreiung) vor. Die vier metaphysischen Situationen (Politik, Sexualität, Pädagogik und Antifetischismus) erläutert er im dritten Kapitel. Zusammengeführt werden diese beiden Teile in Kapitel vier, wo sie auf die Ebenen der Natur, der Semiotik, der Poietik und der Ökonomie übertragen werden. (vgl. Dussel, 1989, S.123)
Um die Struktur von Dussels Philosophie der Befreiung verständlicher zu machen, werde ich im Folgenden einige Begriffe genauer darstellen:
Im letzten Kapitel beschreibt er die Methode und die Struktur der Befreiungsphilosophie. Grundlegend für die Struktur ist, dass die wesentlichen Kategorien die notwendigen Elemente des Diskurses enthalten und die Ebene der Realität nie verlassen. Die theoretische Struktur ist trotz ihrer Abstraktheit selbst ein Diskurs. (vgl. Dussel, 1989, S.187) "Die Philosophie der Befreiung gehört zu den kritischen Methoden. Ihre Methode ist nicht operativ oder produktiv, sondern theoretisch, spekulativ. Im Gegensatz zu den Real- oder Idealwissenschaften beschäftigt sie sich selbst nicht nur mit dem ontischen, sondern auch mit dem ontologischen Bereich; im Gegensatz zur negativen dialektischen Methode beschäftigt sie sich mit dem metaphysischen Bereich der Exteriorität. Ihr Thema ist daher die omnitudo realitas: alles. Ihr Ausgangspunkt ist eine ethisch-politische Option zugunsten der Unterdrückten in der Peripherie." (Dussel, 1989, S.189)
Die Philosophie des Zentrums gibt nach Dussels Meinung einen Überblick über die falschen Probleme. Ihre Themen sind Sprachphilosophie und Wortspiele, die nur dazu dienen, den Schrei der Unterdrückten zu einem Schweigen zu reduzieren. Ist erst eine Hypothese über ein reales Thema aufgestellt, entfaltet sich das wesentliche Moment der philosophischen Methode. Zu Beginn wird das Thema in seiner Totalität situiert, dann wird es als Vermittlung gedacht. Im nächsten Schritt wird es von der Exteriorität aus in Frage gestellt. Danach wird es in negativer Absicht als Entfremdung beurteilt. Schließlich werden die realen Bedingungen der Befreiung - dessen worüber nachgedacht wurde - beschrieben. Die philosophische Schlussfolgerung befruchtet und verändert dann die Realität. (vgl. Dussel, 1989, S.190f)
Die Aufgabe der Philosophen ist es schließlich, der Bevölkerung die Themen der Befreiungsphilosophie zu erklären, so dass sie ihre Situation und ihre Probleme besser versteht. Diese Aufklärung führt zur Mobilisierung, die in weiterer Folge den Weg der Befreiung einschlagen kann und soll. (vgl. Dussel, 1989, S.194)
4.2 Politische Aspekte
"Die Philosophie der Befreiung [...] beansprucht einen Diskurs zu verfolgen, der die oben erörterten Diskurse einschließt, ohne ihre Natur zu zerstören, der ihnen aber ihren authentischen Sinn zurückgibt. Sie beanspruchet weiterhin, das griechische Naturverständnis, die mittelalterliche Theologie und die moderne wissenschaftliche Mentalität des Zentrums historisch-philosophisch zu überwinden, indem sie an einer Anthropologie arbeitet, einer Philosophie, die als ihr Zentrum die freie Personen als Exteriorität, die Person des Unterdrückten hat. Aus diesem Grunde ist die Politik im ethisch-metaphysischen Sinn ihr ureigener Kern, selbstverständlich als die Politik des Volkes, der ausgebeuteten Klassen." (Dussel, 1989, S.186)
Politik schließt für ihn nicht nur die Handlungen, eines Politikers ein, sondern bezieht sich auf jede menschliche Handlung die nicht ausschließlich erotisch, pädagogisch oder antifetischistisch ist. Das praktische politische Verhältnis manifestiert sich in einer institutionell strukturierten Totalität als einer historischen Gesellschaftsform, und damit letztlich auch in der Macht des Staates. Das politische System als institutionelles System sieht er wie Teile, die organisch mit einander verbunden sind und unter sich ein funktional organisches Ganzes bilden. Die politischen Verhältnisse sind aber auch abhängig von den gesellschaftlichen Produktivkräften. (vgl. Dussel, 1989, S.84f)
Die peripheren Nationen werden durch die politische Totalität unterdrückt. Sie besitzen aber weiterhin kulturelle Exteriorität. Diese stellte die Basis für eine reale Alternative zum bestehenden System dar. Im Zentrum des politischen Systems steht momentan die USA. Relativ unabhängig davon sind Europa, Japan und Kanada. Der Rest der Welt ist unterdrückte Peripherie. Innerhalb der Peripherie sind wiederum die kleinbäuerlichen und Arbeiterklassen die am stärksten Unterdrückten. Die Entfremdung der Peripherie erfolgte politisch durch den Imperialismus und philosophisch durch die Ontologie des Nordens. Diese sieht in den Einwohnern der Peripherie keine Menschen, sondern Objekte, die sich ausbeuten lassen. In der Peripherie wächst zunehmend das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Befreiung. Helden eines solchen historischen Prozesses sind weltweit bekannt. Unter den Dependenztheoretiker dieser Phase wie Enrique Faletto oder Samir Amin sind aber keine Philosophen im strikten Sinne zu finden. Diese Lücke gilt es aus Dussels Perspektive aufzufüllen. In der Praxis müssen bei diesem Prozess aber die unterdrückten Klassen an der Spitze stehen, da er sonst scheitert. Dussel kommt zum Schluss, dass es keine authentischere Alternative für die Zukunft gibt. (vgl. Dussel, 1989, S.86-92)
5. Resümee
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der konkrete Inhalt der Befreiungsprojekte nicht von der Philosophie oder der Befreiungsethik kommen kann. Er kann nur von den Opfern selbst im Prozess ihrer eigenen kulturellen Selbstbestimmung formuliert werden. Hierbei kommt den Befreiungsphilosophen eine wichtige Funktion zu. Auf der konkreten Ebene argumentiert Dussel auf Basis der Dependenztheorie. Es geht ihm um die Möglichkeit einer autonomen gesellschaftlichen Entwicklung, die einen Prozess politischer Befreiung voraussetzt. Dazu notwendig sind wiederum eine Demokratisierung im Inneren (also eine breite Partizipation aller Volksgruppen) und die Erlangung politischer Handlungsfähigkeit im Bereich der internationalen Politik. Erst auf dieser Basis kann ein eigener Entwicklungsweg festgelegt werden, der nicht durch die Interessen des Machtzentrums bestimmt ist. (vgl. Schelkshorn, 1999, S.84)
In dieser Intention wird für mich nicht nur die enge Verflechtung von Philosophie und Politik besonders deutlich, sondern auch die Aktualität von Dussels Gedanken angesichts der politischen und ökonomischen Situation Lateinamerikas zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
6. Literatur