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Messen

Zwischen dem ,,Kaufmann von Venedig`` und den ,,Philosophischen Untersuchungen`` besteht, was die Exaktheit des Messens angeht, ein direkter Bezug. Portia, die als Richter auftritt, urteilt, daß Shylock ein Pfund Fleisch zusteht, nur darf er, um es zu bekommen, kein Blut vergießen, davon steht nichts in dem Vertrag. Man hat Shakespeare vorgeworfen, er hätte sich damit über den Grundsatz hinweggesetzt, das Recht auf eine Sache schließe die Mittel ein, sie anzueignen. Möglicherweise fügt Portia darum eine weniger bekannte Auflage hinzu: es muß genau ein Pfund sein, nicht der Bruchteil eines Gramms weniger oder mehr

ja wenn sich die Wagschal
Nur um die Breite eines Haares neigt
So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat.gif

Sie können sich denken, welche Passagen aus den ,,Philosophischen Untersuchungen`` ich in Beziehung dazu sehe. Die Abgrenzung eines Bezirkes durch einen Kreidestrich oder die Zeitangabe mit der Taschenuhr sind - an besonders anspruchsvollen Standards gemessen - nicht exakt. ,,Da kommt es also auf das an, was wir ,das Ziel` nennen. Ist es unexakt, wenn ich den Abstand der Sonne von uns nicht auf 1 m genau angebe; und dem Tischler die Breite des Tisches nicht auf 0,001 mm?``gif In Portias Spitzfindigkeit und Wittgensteins Reflexion sind einerseits die Macht, andererseits die Ohnmacht der Präzisionsmentalität greifbar. Diese allgemeine Aussage hat freilich einen speziellen Hintergrund. ,,Der Jude wird in der westlichen Zivilisation immer mit Maßen gemessen, die auf ihn nicht passen ...``.gif Es nützt nichts, daß Shylock sich auf genaue Abmachungen berufen kann, eben diese Strategie kehrt sich gegen ihn. Ihre heimtückische Pointe besteht darin, daß die vorgebliche Buchstabengerechtigkeit des Juden de facto von Christen als Herrschaftsmittel verwendet wird.

Von dieser Erkenntnis führt ein direkter Weg zur Konsequenz, die Wittgenstein aus dem Leerlauf des bloßen Appells an wissenschaftliche Exaktheit gezogen hat. ,,Ein Ideal der Genauigkeit ist nicht vorgesehen; wir wissen nicht, was wir uns darunter vorstellen sollen - es sei denn, du selbst setzt fest, was so genannt werden soll. Aber es wird dir schwer werden, so eine Festsetzung zu treffen; eine, die dich befriedigt.``gif Um das Problem einer Genauigkeit, die nicht im Dienst der Unterdrückung des unerwünschten Fremden steht, kreist Wittgensteins Philosophie ab dem Traktat. Sie möchte ihre Präzision nicht aufgeben und dennoch zu erkennen geben, daß es sich unmöglich um die Standards der Frege-Russellschen Logik handeln kann. Im Vorwort zum Traktat schien es, als könnte man in der Sprache eine Grenze ziehen ,,und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.`` An dieser Stelle muß die Leiter weggeworfen werden, Unsinn kann man nicht hinaufsteigen. Voraussetzung für diese Überzeugung ist ein absolutes Maß an Klarheit, das zu erreichen ist und damit Schluß. Pointiert gesagt folgt die weitere Entwicklung Wittgensteins aus der Entdeckung, daß die Behauptung, jenseits der Grenze liege einfach Unsinn vorlaut war.

In Wirklichkeit liegen hinter jeder Grenze, die wir mit sprachlichen Mitteln zu ziehen vermögen, gleichermaßen Unsinn und Unbekanntes. Daraus ließe sich schließen, daß die Leiter doch noch weiterhelfen kann, aber das ist nicht Wittgensteins Reaktion. Er hält daran fest, sie loszuwerden. Der Anspruch höchster Genauigkeit wird nicht durch ein Versuchs- und Irrtums- Verfahren abgelöst - ,,Aber es wird dir schwer werden, so eine Festsetzung zu treffen; eine, die dich befriedigt.`` Wie ist Exaktheit möglich, die nicht voreilig ist?


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hh
Sat Oct 5 20:09:34 MET DST 1996