next up previous
Next: Weg nach Hause Up: Wittgenstein als Ruhestifter Previous: Messen

Kehrtwendung

Um das Dilemma zu beleuchten, dient noch einmal die Leiter. ,,Ich könnte sagen: Wenn der Ort, zu dem ich gelangen will, nur auf einer Leiter zu ersteigen wäre, gäbe ich es auf, dahin zu gelangen. Denn dort, wo ich wirklich hin muß, dort muß ich eigentlich schon sein. Was auf einer Leiter erreichbar ist, interessiert mich nicht.``gif Hier wird das Gerät nicht erst am Ende, sondern schon von allem Anfang an weggeworfen, dennoch ist es die bekannte Geste. Wittgenstein läßt nicht vom Anspruch ab, ,,die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben``gif Er ändert bloß die Bewegungsrichtung, um zum alten Ziel zu kommen.

Das Zitat über die Leiter entstammt den Notizen für ein Vorwort zu den ,,Philosophischen Bemerkungen``, einem Buch, das Wittgenstein vom ,,großen Strom der europäischen und amerikanischen Zivilisation, in dem wir alle stehen``gif absetzen wollte. In dieser Skizze sagt er deutlich, worin sich sein Bestreben nach Klarheit von jenem der ,,typischen westlichen Wissenschaftler`` unterscheidet: ,,Ihre Tätigkeit ist es, ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch nur wieder diesem Zweck und ist nicht Selbstzweck. Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck...Mein Ziel ist also ein anderes als das der Wissenschaftler, und meine Denkbewegung von der ihrigen verschieden.``gif Und worin besteht seine besondere Vorgangsweise? Wittgensteins Angaben sind eindeutig: ,,Die erste Bewegung reiht einen Gedanken an den anderen, die andere (sc. seine eigene) zielt immer wieder nach demselben Ort.``gif Erinnern Sie sich: ,,Dort, wo ich wirklich hin muß, dort muß ich eigentlich schon sein.`` Der Ausspruch ist keine vereinzelte Pointe. Ich möchte darstellen, daß er Wittgensteins Antwort auf die Schwierigkeiten des logisch-empiristischen Programms enthält. Um es gleich mit christlichem Unterton zu sagen: Wer sich nicht von der Aussicht auf Versöhnung verlocken läßt, verliert sich schnell in Tüfteleien ohne Ziel.

Der Reflexionsbegriff, den die idealistische Tradition uns überliefert hat, ist Ausdruck hochgesteckter Ambitionen. Seine Überzeugungskraft liegt darin, daß in ihm ein Herkunftsort als Ziel gedacht wird, im Jargon ausgedrückt, daß der Verlust von Unmittelbarkeit auf höherer Stufe durch Vermittlung wieder gut zu machen ist. Offensichtlich steht Wittgenstein den klassischen Konstruktionen, die diese Inspiration auswalzen, fern. Und dennoch ist eine Familienähnlichkeit seiner Bewegung mit dem Versöhnungsdenken nicht zu übersehen. Häufig ist er so verstanden worden, als wollte er nicht mehr als Ruhe vor künstlichen Aufregungen. Aber das paßt nicht zu seiner Selbstdarstellung: ,,Du mußt es zulassen, in den Sumpf gezogen zu werden und dann herauskommen. Philosophie kann man aus drei Aktivitäten aufgebaut sehen: die Alltagsantwort sehen, sich so tief in das Problem einlassen, daß die Alltagsantwort unerträglich ist und aus dieser Situation zurück zur Alltagsantwort kommen.``gif

Wittgenstein kritisiert an der überlieferten Philosophie nicht ihre mangelnde Wissenschaftlichkeit. An den durch sie vermittelten Fortschritt hat er schon im Tractatus nicht geglaubt. Sein Vorwurf richtet sich gegen die Art, wie klassische Philosophie zum Alltag steht. Anstößig ist ihre Unfähigkeit, von ihren Problemen aus einen Weg zum Ausgangspunkt, der alltäglichen Problemlosigkeit, zurückzufinden. Die überlieferte Philosophie stilisiert diese Unfähigkeit zu ganz speziellen Resultaten. Dumm ist nicht, daß sie in den Sumpf führt, sondern daß sie Sumpfblüten offeriert, statt einen Weg ins Trockene. Sie hat es fertiggebracht, aus dem allgemein-menschlichen Wunsch nach Sorglosigkeit eine Sache für Spezialisten zu machen. Das kann für Wittgenstein nicht der Sinn ihrer Tätigkeit sein. Seine Position liegt zwischen dem Glauben an die progressive Entwicklung der wissenschaftlichen Weltanschauung und der Zuversicht, auf Reflexion eine eigene Wissenschaft gründen zu können. Die darin beschlossene Zerrissenheit hat er verschieden abgefangen: zuerst durch die dramatische Geste der Selbstaufgabe, später durch eine hintersinnige Besänftigungsstrategie. Auf der Suche nach jener Genauigkeit, die ihn zufriedenstellen könnte, beschwört er das Chaos des unüberschaubaren Denkens. Billiger ist sein Ziel nicht zu erreichen. Die Auflösung der Verwirrung kann dann aber nicht nach fixen Regeln, für die es Spezialisten gibt, vor sich gehen. Der Ruhestifter verteilt keine Rezepte, sondern folgt den einzelnen Verwicklungen so lange, bis sie sich entwirren. Diese Auffassung ist eher das Gegenteil von Beruhigung. Sie ist massiv utopisch.


next up previous
Next: Weg nach Hause Up: Wittgenstein als Ruhestifter Previous: Messen

hh
Sat Oct 5 20:09:34 MET DST 1996