Ich habe darauf hingewiesen, daß Reflexion im gängigen philosophischen Gebrauch eine kreisförmige Vollendung impliziert, den Ausgangspunkt als Zielpunkt einer Reise. Für philosophische Zwecke reicht es aber nicht, einfach heim zu kommen. Das wäre ein Ereignis unter anderen. Der reflexive Rückbezug eines Denkaktes oder eines Lebensabschnittes wird unter einem ganz bestimmten Aspekt gesehen, nämlich der Inszenierung subjektiver Identität. Im traditionellen Versöhnungsbegriff liegt ein philosophisch zugerichtetes Ideal. Als prägende Instanz bleibt Philosophie extern zum Alltag, in dem sie allen Menschen Glück verspricht. Aus ihrer Sicht ist das nur scheinbar paradox. Wie soll sich die erhoffte universale Befriedigung sonst von Zufriedenheiten unterscheiden lassen, die hie und da eintreten. Mit anderen Worten: Heimkehr, die wirklich etwas wert ist, muß etwas Besonderes sein, das alle betrifft.
Davon setzt sich Wittgenstein ab, aber nicht durch die Beseitigung der
Aussicht. Er fügt der traditionellen Idealisierung nur eine Bemerkung
hinzu: das Ergebnis der Anstrengung ist nicht der Rede wert. ,,Beim
Philosophieren muß man in's alte Chaos hinabsteigen und sich dort
wohlfühlen.``
Aber wenn man wieder aufsteigt, ist dieses Wohlbefinden
argumentativ unvertretbar. ,,Die Lösungen philosophischer Probleme
verglichen mit dem Geschenk im Märchen, das im Zauberschloß zauberisch
erscheint und, wenn man es draußen beim Tag betrachtet, nichts ist, als
ein gewöhnliches Stück Eisen (oder dergleichen).``
Zwei kurzschlüssige
Beruhigungen bieten sich an. Die Lieblingstäuschung der Philosophen ist,
daß sie sich noch immer im Zauberschloß befinden. Der andere Kurzschluß
ist die vermeintlich aufgeklärte Abwehr: ,,Außer Spesen nichts gewesen.``
Der springende Punkt der märchenhaften Geschichte ist jedoch, daß doch
mehr da war, als sich nachträglich beweisen läßt. Die Ruhe, auf die es
Wittgenstein ankommt, beruht weder auf dem Zauber, noch auf der
Enttäuschung. ,,Die Schwierigkeit ist nicht, die Lösung zu finden, sondern,
etwas als die Lösung anzuerkennen, was aussieht, als wäre es erst eine
Vorstufe zu ihr. ,Wir haben schon alles gesagt. - Nicht etwas, was daraus
folgt, sondern eben das ist die Lösung.```
Auf unseren Zusammenhang
bezogen: die Klarheit, die nötig ist, damit die philosophischen Probleme
vollkommen verschwinden
,
muß im bereits Gesagten liegen, nirgends sonst.
In der Utopie eines Begriffs von Heimkehr, in dem zwei gegensätzliche
Motive unterkommen sollen, nämlich metaphysische Wunscherfüllung und die
Beseitigung des Ansatzpunktes für solche Wünsche.
Sie werden einwenden, solche Spekulationen hätten nichts mehr mit
Wittgenstein zu tun. Aber sie klingen nur dubios, weil sie noch nicht ins
Allgemeinverständliche zurückübersetzt sind. Glücklicherweise hat
Wittgenstein einen Versuch unternommen. Er lautet so: ,,Es ist als hätte
ich mich verirrt und fragte ich jemand nun den Weg nach Hause. Er sagt, er
wird mich ihn führen und geht mit mir einen schönen ebenen Weg. Der kommt
plötzlich zu einem Ende. Und nun sagt mein Freund: ,Alles, was Du zu tun
hast, ist jetzt noch von hier an den Weg nach Hause finden.```
Die erste Schicht des Gleichnisses ist die Verirrung und der Wunsch, heimzukommen. Die zweite Schicht ist die Enttäuschung darüber, daß der versprochene Weg nicht bis nach Hause führt. Dazwischen liegt, worauf es ankommt. Ein Ratgeber, der einen gangbaren, aber begrenzten Weg kennt und seine Verwandlung in einen Freund, der den Ratsuchenden mit einer doppeldeutigen Botschaft entläßt. Er kann sich gefoppt fühlen oder das Verhalten des Gefährten so verstehen, daß der ,,schöne, ebene Weg`` ein wesentliches Stück des Heimwegs war. Das Gleichnis entscheidet nicht, dennoch ist es unübertrefflich präzise. Geordnete Wege kommen zu einem Ende und Führerpersönlichkeiten, die einen an der Hand nehmen und bis vor die eigene Haustür führen, wären Schwindler. Alles, was jemand für dich tun kann, ist, einen Weg zu zeigen, der ein Heimweg Sein könnte. Der Fremde, der den Weg des Verirrten kreuzt, wird zum Freund, indem er sich seiner annimmt, aber nicht so tut, als wüßte er seine Lösung. Die Philosophischen Untersuchungen sind ein Reiseführer, der nicht fremde Länder beschreibt, sondern durch ihre Fremdheit hindurch Punkte, von denen aus die Reise angefangen hat.
Über Shakespeares allerdings hat Wittgenstein eine fixe Meinung. ,,Ich
könnte Shakespeare nur anstaunen; nie etwas mit ihm
anfangen.``
Was wird
dann aus dem Juden von Venedig?. Lassen Sie mich mit einer lokalen Pointe
schließen. Szenen aus Shakespeares Stück werden derzeit außer im
Burgtheater auf einer zweiten Bühne Wiens aufgeführt. Sie nennt sich ,,Der
Kreis`` und ist das Theater George Taboris, 1914 in Budapest geboren und
nach erzwungenem Aufenthalt in England, den USA und der BRD in die
ehemalige Metropole Österreich-Ungarns zurückgekehrt. Die vorletzte
Episode seiner Shakespeare-Kollage Verliebte und Verrückte ist die
Gerichtsszene aus dem Kaufmann von Venedig, die letzte das Gartengespräch
aus Romeo und Julia. Tabori fängt etwas mit Shakespeare an. Er löst
zwischen den beiden Ausschnitten das Problem der Heimkunft nach
Vertreibung. Der Jude und seine Richterin sind bei ihm ein Liebespaar und
spielen in Romeo und Julia gleich weiter. Man kann das einen Gag nennen,
aber er schließt die ganze widersprüchliche Glorie des Begriffes der
Heimkehr zwischen Vergessen, Trotz und Rache auf. Die Erfahrung der
Verbundenheit im Augenblick der Rückwendung auf die katastrophale
Geschichte der Gerechtigkeit. Ich weiß, Heimkehr ist ein gewagter Begriff.
Aber Jubiläumsveranstaltungen für Auslandsösterreicher sind nun einmal
nichts für schwache Nerven