Herbert Hrachovec
Bestimmte Theaterstücke werden im Lauf der Zeit immer aktueller.
Shakespeares ,,Der Kaufmann von Venedig`` ist ein trauriges Beispiel.
Shylock, der auf dem Rechtsstandpunkt beharrt und das vertraglich
vereinbarte Pfund Christenfleisch als Zahlung für seinen geplatzen Wechsel
fordert, ist nur mit Schrecken zu betrachten. Jede Inszenierung setzt sich
der Beklemmung aus, die das Klischee des gnadelosen Juden nolens volens
auslöst. Peter Zadek hat am Wiener Burgtheater eine Reaktion gefunden, die
Philosophen direkt angeht: Shylock ist ein positivistischer Held. Er
könnte sich die Worte des Manifests des Wiener Kreises zu eigen machen:
,,Sauberkeit und Klarheit werden angestrebt, dunkle Fernen und
unergründliche Tiefen abgelehnt. In der Wissenschaft gibt es keine
,Tiefen`, überall ist Oberfläche: alles Erlebte bildet ein kompliziertes,
nicht immer überschaubares, oft nur im einzelnen faßbares
Netz.``
Für den
Sozialbereich heißt das: auf Hintergründe, Traditionen und vor allem auf
Nächstenliebe ist kein Verlaß. Die Devise, die Boltzmann seiner Mechanik
voranstellte und die Hans Hahn am Ende seiner Vortragsreihe über Logik,
Mathematik und Naturerkennen zitiert, lautet:
Bring vor, was wahr ist; schreib so, daß es klar ist und verficht's, bis es mit dir gar ist.![]()
Und sie kennen Wittgensteins Diktum: ,,Alles was überhaupt gedacht werden
kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen läßt, läßt
sich klar aussprechen.``
So gesehen scheitert Shylock daran, daß er sich ausschließlich auf
Protokollsätze beruft. Der Rechtsstaat, den er im Sinn hat, dient dazu,
Vertragspartnern unabhängig von Freundschaft, Glaubensbekenntnis oder
Machtposition Sicherheit zu bieten. Doch der Jude unterliegt einem Irrtum.
Was auf einem Blatt Papier steht, ist keine ausreichende Garantie. Das
Drama Shylocks liegt zunächst in seiner Exterritorialität, prinzipieller
gesehen aber in seinem Rechtsbegriff. Je nötiger legale Absicherung für
Minderheiten wäre, desto weniger können sie sich darauf verlassen. Über
die Korruption des Rechtsstaates habe ich nicht zu reden, aber der andere
Punkt, das schwierige Verhältnis zwischen verbürgten Fakten und ihrer
Einbettung in verdächtig unklare soziale Verhältnisse, liegt im Zentrum
dessen, was ich hier vortragen möchte, nämlich Wittgensteins Konsequenzen
aus dem Schauspiel des positivistischen Heldentums. 1929 notiert er: ,,Die
Tragödie besteht darin, daß sich der Baum nicht biegt, sondern bricht. Die
Tragödie ist etwas unjüdisches.``
Das stimmt damit zusammen, daß Shylock
nicht tragisch endet, sondern ,,bloß`` seines Vermögens beraubt und
christianisiert wird.
Beim späten Wittgenstein gibt es so etwas, wie die Christianisierung der philosophischen Methode. Ich möchte ihre Grundzüge skizzieren und gleichzeitig verständlich machen, daß sie vom Ideal der Trennung von Genauigkeit und Gemüt nicht abrückt. Die Überlegungen sind um drei Themen zentriert: Messen, Kehrtwendung und Weg nach Hause.