[Einleitung]  [Inhaltsverzeichnis]  [Kapitel 3]

2. Versuch einer Begriffsklärung

2.1. Der Begriff  künstlich     [Inhaltsverzeichnis]  [Kapitel 2.2]

 

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß sich viele Begriffe, die im Kontext des Diskurses um die Möglichkeit der Schaffung künstlichen Bewußtseins, künstlicher ”menschlicher” Intelligenz (wenn sie künstlich ist,wie soll sie dann noch menschlich sein; nb vielleicht gilt dies auch für künstl. Bewußtsein) o.ä. eine tragende Rolle spielen (und dazu gehören gerade die eben genannten Begriffe selbst), nicht eindeutig definieren lassen; mehr noch, ein Definitionsversuch wäre kontraproduktiv, weil er die Diskussion auf einen ”willkürlichen” Bedingungs- und Ereigniskomplex beschnitte, der die Lösungen oder Auflösungen implizierte.

 

Einer der  wenigen fundamentalen Begriffe der vorliegenden Thematik, dessen Klärung auf den ersten Blick unproblematisch erscheint, ist künstlich. Künstlich bedeutete zunächst ”klug, kenntnisreich, geschickt”; dann ”von Menschenhand geschaffen, nicht natürlich, gewollt” (Duden, Bd. 7, S. 378). Doch da tun sich bereits die Schwierigkeiten auf. Denn wenn künstlich synonym ist mit ”nicht natürlich”, dann fällt darunter im weitesten Sinne jeder Prozeß, in den wir mit künstlichen Mitteln eingreifen, so auch beispielsweise die gezielte Züchtung von Nutztieren, die künstliche Befruchtung und die In-vitro-Fertilisation bis hin zu einer vollständigen Ektogenese, bei der Schwangerschaft und Geburt vom Körper der Mutter gänzlich auf eine Maschine verlagert werden (vergl. Dieter Birnbacher in Thomas Metzinger (Hrsg.), 1995, S. 713). Und ganz sicher würden wir von künstlich sprechen, wenn es gelänge, aufgrund hirnorganischer Defekte bewußtseinsunfähige lebende Gehirne über den Einbau geeigneter Chips erneut oder gar zum ersten Mal bewußtseinsfähig zu machen (analog zur (Wieder-)Herstellung der Sehkraft bei Blinden). Denkbar sind auch künstliche Interventionen auf der Ebene der die Bewußtseinsfähigkeit determinierenden genetischen Strukturen, um aus bewußtseinsunfähigen bewußtseinsfähige transgene Tiere zu erzeugen (ebda., immer vorausgesetzt, daß wir den Begriff ”Bewußtsein” geklärt haben). In all diesen Fällen ist künstlich adverbial zu vestehen; der Mensch greift ”gewollt” und verändernd in natürliche Prozesse ein, die auf generische Weise anders verlaufen wären. Der Gebrauch des Adverbs künstlich in solchen und ähnlichen Fällen ist m.E. unproblematisch, wenn er auch mehr voraussetzt, als man zunächst vielleicht meinen möchte; z.B. die Tatsache, daß wir nicht bereit sind, unser Tun, unser ”Eingreifen” und somit uns selbst als Teil des natürlichen Prozesses zu beschreiben, daß wir uns möglicherweise implizit als etwas nicht (eindeutig) Determiniertes auffassen und vieles andere. Es gibt jedenfalls Rahmenbedingungen für diese wie für jede Form des Sprachgebrauchs, die wir nicht diskutieren können, ohne zu riskieren, daß der Begriff verblaßt. Wir hüten ein riesiges mentalistisches Vokabular, mit dem wir uns u.a. bestimmte Fähigkeiten wie Kreativität, Vorstellungskraft, Problembewußtsein etc. zuschreiben, und so ”erleben” wir uns als schöpferische Wesen, das in ”natürliche” Abläufe bewußt und gewollt eingreift. Vor diesem Hintergrund ist der adverbiale Gebrauch des Begriffs künstlich eben unproblematisch, Teil der Art und Weise wie wir derzeit das Spiel des Lebens verstehen wollen.

 

Nun verstehen wir unter etwas, das - ob teilweise oder ganz - künstlich, geschaffen wurde, d.h. nicht ”natürlich ”, sondern unter Eingreifen der Menschen entstand, nicht zwangsläufig etwas Künstliches im adjektivischen Sinn. Frankensteins Geschöpf in einer der vielen möglichen Welten der Modallogiker ist kein künstlicher Mensch; ebenso wenig ist ein künstlicher Mensch, wer – wie auch immer - künstlich am Leben erhalten wird. Ein künstlich hergestellter Aromastoff, dessen molekulare Struktur mit jener des natürlichen Stoffes vollständig übereinstimmt, wird als ”naturident” bezeichnet; er ist auch geschmacklich vollkommen ununterscheidbar. Mit Recht verweist Birnbacher daher darauf, daß wir in der Regel erst dann von einem künstlichen Produkt sprechen (und damit den Begriff als Eigenschaft verwenden), wenn dieses nicht nur künstlich, sondern auch aus künstlichen (chemischen) Stoffen hergestellt wurde. Künstlich geschaffene, aber ”naturidente” Gehirnstrukturen, die Bewußtsein evozierten, also Bewußtsein, in dessen Erzeugung lediglich künstlich eingegriffen würde, wärfen nicht die weitreichenden und interessanten Fragen auf, die das im eigentlichen Sinne künstliche, nämlich abiotische Gehirn hervorriefe, das weder natürlich entstanden wäre, noch aus Proteinen oder anderen aus der lebendigen Natur bekannten Bestandteilen bestünde.

Allerdings werden bereits seit einiger Zeit Proteine als Funktionselemente von Schaltkreisen diskutiert, denn Biomoleküle als Rechnerbausteine ermöglichten es grundsätzlich noch mehr Daten noch schneller auf noch engerem Raum zu speichern; damit würden sie sich besonders für parallele Datenverarbeitung, dreidimensionale Speichersysteme und für die Konstruktion neuronaler Netze eignen, welche nach heutigem Stand Voraussetzungen für die Schaffung künstlicher Intelligenz darstellen (vergl. Birge, Spektrum der Wissenschaft, 11/95, S. 30 f.). Komplette Computer aus Biomolekülen sind offenbar das Fernziel von Kognitionstechnikern. Würden wir einem Computer aus Proteinen die Künstlichkeit absprechen? Würden wir bestreiten, daß er etwas Künstliches sei? Wahrscheinlich nicht. Die Tatsache, daß er aus gleichen Molekülen bestünde, wie sie beim Menschen vorkommen, wäre für uns kein Anlaß, um von ”naturidentisch zu sprechen, solange die Biomoleküle dem Aufbau einer bestimmten Architektur dienten und wie beim konventionellen Halbleiter-Computer dazu benützt würden, zwei verschiedene Zustände zu erzeugen, die die Ziffern 0 und 1 repräsentierten.

 

Aber mittlerweile glauben immer weniger KI-Forscher (KI = Künstliche Intelligenz), daß eine klassische, Symbole nach struktursensitiven Regeln manipulierende Maschine mit funktioneller Architektur auch nur einen Großteil der Aufgaben zu lösen vermöchte, wie sie der Mensch bewältigen kann. Schon beim Erkennen von Gegenständen erwiesen sich die digitalen Maschinen trotz ständig wachsender Rechengeschwindigkeit und Speicherkapazität dem visuellen System des Menschen als weit unterlegen, obwohl sich beispielsweise die Signale in einem derartigen Computer etwa eine Million mal schneller ausbreiten als im menschlichen Gehirn und die Taktfrequenz für den Zentralprozessor um ähnliche Größenordnungen über jeder Frequenz liegt,die im Gehirn beobachtet werden kann (vergl. Paul & Patricia Churchland in ”Gehirn und Bewußtsein”, Spektrum, 1994, S.156). Offensichtlich hängen ”kognitive Fähigkeiten” nicht unmittelbar mit solchen quantitativen Faktoren zusammen.

 

Hinter der Vorstellung, daß alle Denkprozesse durch digitale Maschinen ausgeführt werden könnten, steckte zunächst einmal die Überzeugung, daß alle menschlichen Entscheidungsprozesse in effektive Verfahren, d.h. in präzise formulierte Verarbeitungsprozesse umgewandelt werden können. Nach Alonzo Church (1936) ist jede effektiv berechenbare Funktion auch rekursiv berechenbar.  Solche Algorithmen lassen sich nun aber durch Maschinen beschreiben, die den Algorithmus schrittweise nachvollziehen. Der britische Mathematiker Alan M. Turing hat bereits 1936 den entsprechenden Nachweis geführt, daß sich jede rekursiv berechenbare Funktion in endlicher Zeit durch eine einfache Symbole manipulierende Maschine berechnen läßt, die ihrerseits durch einen Satz rekursiv anwendbarer Regeln, also durch ein Programm gesteuert wird (eine Maschine als implementiertes Verfahren in einer Maschine).

 

Aus diesen Ergebnissen folgt, daß ein Digitalcomputer mit dem richtigen Programm jede regelgesteuerte Eingabe-Ausgabe-Funktion berechnen und damit jedes systematische Reaktionsmuster auf einen beliebigen Kontext generieren kann. Damit müßten solche Maschinen in der Lage sein, den sogenannten Turing-Test für bewußte Intelligenz zu bestehen. Dies ist ein verhaltensorientiertes, auf einer Art Konversation basierendes Prüfverfahren, bei dem der Computer auf schriftlich eingegebene Fragen oder Bemerkungen antwortet und anschließend verglichen wird, ob seine exportierten Reaktionen von denen eines Menschen noch zu unterscheiden sind. (Der Computer darf auch lügen, d.h. beispielweise verheimlichen, daß er eine Maschine  ist. Im übrigen ist die Restriktion der schriftlichen Kommunikation wohl heute schon überflüssig; allerdings hat Turing damit zu erkennen gegeben, daß er den Besitz von Sinnesorganen oder motorischen Organen für Bewußtsein oder einer der menschlichen vergleichbaren Intelligenz nicht als notwendig erachtet.) Damit schien nach Ansicht gewisser KI-Forscher das einzige Problem darin zu bestehen, jene komplexe Funktion zu bestimmen, die das Verhalten der Menschen als Reaktion auf ihre ”Lebenswelt” beschreibt und das Programm zu entwickeln, das diese Funktion berechnen kann.

 

Ich bin hier an einer Schnittstelle der Thematik angelangt, auf die ich auch später wieder eingehen werde müssen. Bereits 1972 hat Hubert L. Dreyfus in seinem Buch ”What Computers Can’t do”auf das riesige latente Hintergrundwissen verwiesen, auf dessen kontextrelevanten Teile ein Mensch bei seinen Interaktionen mit der Umwelt zurückgreifen können muß, damit er einer Situation und den damit verbundenen sozialen Kodifizierungen und Reflexionen entsprechend reagieren kann. Nicht allein die Einrichtung einer derart umfangreichen Wissensbasis dürfte ein Problem sein (es ist ja kaum abzusehen, was unter bestimmten Bedingungen relevant ist), erst recht der ”heurististische” Zugriff auf dieses Wissen.

 

Ein ganz anderes, aber mindestens so interessantes Problem taucht mit der Frage auf, ob den menschliches Verhalten, menschliches Denken immer algorithmisch, d.h. so geartet ist, daß es mit einem ”effektiven Verfahren”beschrieben werden kann. Ist unser Denken und damit unsere Sprache regelgeleitet? Handeln wir immer systematisch? Daß sich nicht alles, was wir tun möchten, in einem ”effektiven Verfahren” ausdrücken läßt, hat u.a. Gödel gezeigt. Es gibt ”unentscheidbare” Fragen. Hilft uns das weiter? Nach Ansicht von Experten ist die ganze Klasse unentscheidbarer Fragen unter praktischen Gesichtspunkten scheinbar nicht besonders interessant, weil es sich um Fragen von ziemlich hohem Allgemeinheitsgrad handelt. Nichtsdestoweniger sind die Gödelschen Unvollständigkeitssätze der Ausgangspunkt einer Argumentation des Physikers Roger Penrose, derzufolge bewußtes menschliches Denken zumindest manchmal nicht algorithmisch, das bedeutet nicht computational, ist, und zwar ohne dabei die Fähigkeit einzubüßen, ”richtig” und damit konsistent zu funktionieren. Die Tatsache, daß wir z.B. Gödels Argumente verstehen können, daß wir also verstehen, worüber uns das entsprechende formale System etwas sagt, ist nach Ansicht von Penrose nur möglich,weil wir in der Lage sind, dieses System zu verlassen, über formale Regeln hinauszugehen und die Bedeutung von Symbolen zu verstehen”. Durch unser Verständnis der ”Bedeutung” der Symbole emanzipieren wir uns von den formalen Regeln und sind in der Lage neue Regeln auf diese Dinge aunzuwenden (vergl. Rick Grush & Patricia Smith Churchland in Thomas Metzinger (Hrsg.), 1995, S 227). Hinzuzufügen wäre, daß innerhalb des formalen Systems der Begriff der ”Unentscheid-barkeit”gar keinen ”Sinn hat.

 

Nach Penrose gibt es also ein ”tieferes Verstehen”, bei dem explizite Regelbefolgung keine Rolle spielt. (Und er formuliert einen Beweis, der auf folgendes hinausläuft: Wenn wir ausschließlich mit einem konsistenten formalen System ”arbeiteten”, könnten wir nicht um unsere eigene Konsistenz wissen (sie beweisen); analog zu Gödels Argument.)

 

Zum Begriff des Regelfolgens hat Wittgenstein sich sehr oft und in unterschiedlichsten Zusammenhängen geäußert. Ausgangspunkt seiner sich zwischen den Paragraphen 138 bis 242 entwickelnden sogenannten Grundthese der Philosophischen Untersuchung ist die Fragestellung, worin denn das Faktum besteht, daß ich einer bestimmten Regel folge und nicht etwa einer anderen. ”Unser Paradox war dies: Eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da ja jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die Antwort war: Ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, dann auch zum Widerspruch. Daher gäbe es weder Übereinstimmung noch Widerspruch” (L. Wittgenstein, PU, § 201). Einer Interpretation Wittgensteins zufolge gibt es demnach kein Faktum an einer Regel, das meine Auffassung davon, wie diese Regel weiter zu befolgen ist, eindeutig zu bestimmen vermöchte. Regeln sind unselbständige Sprachbestandteile, die nur im Kontext von z.B. ”eine Regel beherrschen” zu sinnvollen sprachlichen Gebilden erstehen. Unser Leben stützt sich auf Wechselwirkungen sprachlicher und nichtsprachlicher Art zwischen beteiligten Personen, dabei auch auf Sprachspiele wie jenes, anderen die Beherrschung von Regeln zuzuschreiben oder abzustreiten. Wir sagen von jemand anderem, daß er einer bestimmten Regel folgt, wenn seine Antworten mit unseren eigenen übereinstimmen, und wir leugnen es, wenn keine Übereinstimmung besteht. Dieser Begriff der ”Übereinstimmung” spielt in Wittgensteins Philosophie eine andere Rolle als im herkömmlichen Sinn: Nicht weil wir eine Regel auf die gleiche Weise verstehen, stimmen wir in unseren Resultaten überein, sondern weil wir durch unser Verhalten, insbesondere auch durch unser Sprachverhalten, in Äußerungen und Zustimmungen zu denselben Ergebnissen gelangen, können wir behaupten, daß wir dasselbe meinen. Nur von einem Glied einer Gemeinschaft kann man überhaupt sagen, daß es bestimmte Intentionen hat, daß es Regeln folgt. Regeln und damit natürlich auch Algorithmen stehen notwendig in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. Für einen einzelnen macht es keinen Unterschied, ob er nun einer Regel folgt oder nur glaubt einer zu folgen. Wenn jemand – um einem Beispiel Wittgensteins zu folgen – etwa die Zweierreihe lernen soll, dann geht es nicht nur darum, das nachzuvollziehen, was der Lehrende vorgezeigt hat, nämlich eine begrenzte Menge von Zahlen in einer bestimmten Reihenfolge abzuschreiben; er soll ja auch lernen dort fortzufahren, wo der Unterrichtende aufgehört hat. Auf eine gewisse Weise soll er etwas ”Neues” tun, dies aber auf die ”gleiche” Weise wie zuvor. Und hier taucht eben das entscheidende Problem auf. Was heißt denn das: ”auf die gleiche Weise”? Wittgenstein macht im Paragraph 225 der Philosophischen Untersuchungen die Bemerkung: ”Die Verwendung des Wortes ‘Regel’ ist mit der Verwendung des Wortes ”gleich” verwoben.” Was ist, wenn nun jemand mit völliger Sicherheit, aber eben auf eine andere als die uns geläufige ”gleiche Weise” die Zweierreihe an jenem Punkt fortführte, wo er sich selbst überlassen wurde? Er schriebe beispielsweise 1004, 1008, 1012, 1016....., und auf entsprechende Vorbehalte würde er einwenden, er sei doch auch auf die gleiche Weise fortgefahren. Tatsächlich geht es um die Frage, welcher Gebrauch von +2 korrekt ist, d.h. in Einklang steht mit dem ”vergangenen” Gebrauch. Und hier ist die Ordnung der Bestimmung genau umgekehrt, als man vielleicht glaubt. Das, was jemand als korrekte Antwort akzeptiert, die Fortsetzung, für die er sich ”entscheidet”, bestimmt, was er ”in der gleichen Weise fortfahren” nennt, und nicht umgekehrt. Jede Handlungsweise läßt sich mit der Regel in Übereinstimmung bringen, d.h. jede Regel läßt sich auf unzählige Weisen ”deuten”. Das zu unterbinden wäre nur möglich mit einer weiteren Regel, die alle ”inakzeptablen” Auslegungen zurückwiese. Mit dieser Regel 2.Ordnung stünden wir erneut vor demselben Problem, und es drohte uns die Verstrickung in einen unendlichen Regreß.Wittgenstein sagte, daß alle Rechtfertigungen irgendwo an ein Ende gelangten; und damit meinte er nicht etwa, daß wir irgendwann auf letzte Einsichten stoßen würden. Vielmehr wollte er damit andeuten, daß sich in einem gegebenen Fall nicht zwingend klären läßt, warum man der Regel so und nicht anders folgt. Man könnte es auch so sagen: Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Regel und Regelfolgen; genauer: Eine Regel (ein effektives Verfahren und somit eine Handlungsanleitung) wird erst durch unser ”Tun” innerhalb einer Sprachgemeinschaft, in der wir unsere Überlegungen und Handlungen rechtfertigen und in der sie ”beurteilt” werden, zu dem, was sie ist. Kein metaphysisches Faktum außerhalb dieser Gemeinschaft macht eine Abfolge von Zeichen zu einer eindeutigen Handlungsanleitung. Regeln sind nichts Beobachterunabhängiges oder besser: nichts von einer Sprach- bzw. Handlungsgemeinschaft von Beobachtern Unabhängiges. (Es geht im vorliegenden Beispiel nicht um mathematische Korrektheit; denn wenn man die +2-Funktion zugrundelegte, dann wäre die Fortsetzung zuvor natürlich falsch; es geht darum, daß uns nichts an der +2-Funktions sagt, daß diese und keine andere Funktion ”gemeint” ist; und ein Regreß auf bereits geübte Handlungsweisen bzw. Regelbefolgungen hilft auch nichts, weil dort die gleiche Problematik auftritt.) Regeln können nicht die Art und Weise unserer Auffassungen oder Handlungen ”begründen”; sondern unsere gemeinsamen Auffassungen oder Handlungen geben Regeln einen ”Sinn”. Die Praxis geht der Regel voraus

 

Der Begriff des Befolgens einer Regel ist mit dem des Fehlermachens logisch verknüpft, und der Fehler muß erkennbar sein (und bemerkt werden). Außerhalb einer Sprach- und Handlungsgemeinschaft, die sich in einem ”logischen Raum der Gründe, des Rechtfertigens und Rechtfertigenkönnens des Gesagten” (Sellars, Science, Perception and Realitiy, S. 160), aber auch der beschriebenen Handlungen bewegt, für einen einzelnen isoliert betrachtet, machen derartige Kriterien keinen Sinn. Metaphorisch gesprochen könnte man sagen: Eine Regel kann nicht für sich allein sorgen; sie braucht mehr als ein isoliertes Trägermedium, mehr als einen einzelnen Menschen oder eine einzelne Maschine. Wie aber soll ein digitaler Computer zu einem Mitglied einer solchen Gemeinschaft werden, wenn er doch Regeln verkörpert,nicht jedoch sie befolgt; wenn er die Manifestation eines formalen Systems, unserer Auffassungen, wie Regeln zu befolgen sind, darstellt? Eines scheint er jedenfalls mit uns Menschen gemein zu haben: Wenn er einen Fehler macht, ist die letzte Korrekturinstanz die Gemeinschaft bzw. ein legitimiertes (integriertes) Mitglied dieser Gemeinschaft. Da er jedoch Algorithmen ”verkörpert”, liegt seinem Fehler eine eindeutige materielle Fehlfunktion zugrunde (z.B. eine Verschleißerscheinung oder das Auftreten eines Staubkörnchens etc.), die bei entsprechendem Aufwand identifiziert werden kann. Diese Fehlfunktion kann eben nur unter Bezug auf eine bestimmte Auffassung von Regeln, die er implementiert, gefunden und ”korrigiert” werden.

 

Es kann nun vorkommen, daß ein Mensch eine bestimmte Regel nicht ”versteht”, und zwar derart, daß er - trotz wiederholter Erklärungen und Anleitungen - überhaupt nicht weiß, was er tun soll. Niemand würde im Ernst behaupten, daß dieser Mensch nicht richtig ”funktioniere”; denn nach welcher Fehlfunktion müßte man da suchen? Es gibt keine Fehlfunktion oder eine Menge von Fehlfunktionen des ”Nicht-Verstehens”. Bestenfalls gibt es Funktionen des ”Nicht-Verstehens”.

Es gibt Zustände der Ratlosigkeit, des Unverständnisses, Zustände für Mißverständnisse etc., die wahrscheinlich auf einer Disjunktion von Gehirnzuständen, nicht aber auf einem einzigen spezifizierten neurophysiologischen Ereignis basieren, innerhalb dessen eine „Fehlfunktion“ zu identifizieren wäre; denn es ist bekannt, daß man jedes beliebige einzelne Neuron entfernen kann, ohne daß sich an einem Empfindungszustand etwas ändert (vgl. H. Putnam, dtsch. 1990, S. 122; abgesehen davon haben wir ja nicht einmal den Hauch einer Vorstellung davon, welchen spezifischen neuronalen Vorgängen wir eine entsprechende Syntax bzw. den Algorithmus zuordnen sollten).

Nehmen wir an, wir verstehen eine Regel falsch (wie man so sagt); wir fahren – um an unser Beispiel anzuknüpfen – mit einer bestimmten Reihe, anders als erwünscht oder erwartet, fort. In so einem Fall haben wir offensichtlich etwas verstanden. Wüßten wir unsere „falsche“ Auffassung auch zu rechtfertigen – und wir haben ja gesehen, daß dies möglich ist -, dann macht der Begriff der „Fehlfunktion“ erst recht keinen Sinn. Da ein digitaler Computer einen Algorithmus nicht „folgt“, sonder ihn verkörpert, kann er das formale System nicht verlassen. Er könnte eine „falsche Verhaltensweise nicht rechtfertigen, da er keine „Auffassung“ der Regel, die er implementiert, hat. Das setzt allerdings voraus, daß manche „Auffassungen“ zu Verhaltensweisen gehören, die sich nicht in Form „effektiver Verfahren“ beschreiben lassen (und daß es solche „Verhaltensweisen“ auch gibt oder daß Auffassungen etwas anderes sind als Verhaltensweisen). Ich habe bereits erwähnt, daß namhafte Leute wie Penrose, aber auch Weizenbaum der Ansicht sind, daß sich nicht alle menschlichen Entscheidungsprozesse (auch aus der Sicht einer realistischen Semantik) auf effektive Verfahren reduzieren und also einer maschinellen Berechnung zugänglich machen lassen. Da effektive Verfahren untrennbar mit Sprache verbunden sind, müßte die gegenteilige Auffassung von einer „realistischen“ Semantik ausgehen. Mit der pragmatistischen Idee von der Beteiligung der Sprache an der Konstituierung konkreter und abstrakter Gegenstände läßt sich das nicht vereinbaren (was Entscheidungsprozesse sind, ist sicher bei weitem nicht immer klar oder gar zu definieren). Abgesehen davon ist bekannt, daß man in der natürlichen Sprache im Gegensatz zur formalen Sprache z.B. nicht mit rein syntaktischen Transformationsregeln auskommt (siehe Weizenbaum, dtsch., 1978, S. 101).

Marvin Minsky hat 1968 folgende Aussage gemacht (und eine solche Aussage ist so unverhohlen nur möglich auf Grundlage des Glaubens an eine realistische Semantik, an eine konventionalistische Abbildtheorie): „Damit Computer wirklich gute Musik schreiben oder sehr ausdrucksstarke Bilder malen können, werden natürlich auf diesen Gebieten bessere semantische Modelle erforderlich sein. Daß es diese bislang nicht gibt, ist nicht so sehr ein Niederschlag der bestehenden Möglichkeiten heuristischer Programme (für Computer) als des traditionell miserablen Zustandes einer analytischen Kritik ... (M. Minski in J. Weizenbaum , 1976, dtsch. 1978, S. 211). Für Minski wie für viele Kognitivisten bedeutet „etwas verstehen“ in der Lage sein, ein Computerprogramm zu schreiben, das die fragliche Entität realisiert (=abbildet). Demnach ist der einzige Grund dafür, daß etwas von einem Computer nicht getan werden kann, der, daß wir es nicht verstehen. Wir sind ebenfalls ein implementierter Algorithmus. Populäre und angesehene Physiker wie Hawking sind implizit der Meinung, daß die ganze Welt eine Art implementierter Algorithmus darstellt. Daß auch die Psychologie auf diesen Zug aufgesprungen ist, überrascht kaum noch. Es herrscht die Überzeugung, daß Mensch und Computer zwei verschiedene Arten informationsverarbeitender Systeme sind (vergl. Weizenbaum dtsch 1978, S. 212), die sich in einer gemeinsamen Sprache beschreiben lassen, und daß sich „geistige Ereignisse“ wie z.B. Farbempfindungen in diskrete Teile aufgliedern lassen (ganz genau bei dieser Frequenzkommastelle beginnt die Rotempfindung und bei jener endet sie), die natürlich sprachunabhängig sind. Doch auf der Grundlage des scheinbar so natürlichen semantischen Realismus wird übersehen, wie eng Sprechen und Begreifen, Beschreiben, Begründen etc. miteinander verbunden sind. Es wird übersehen, daß wir erst mit der Sprache bestimmte Tätigkeiten wie die des Erkennens als Sprechhand-lungen lernen. Eine Erkenntnis ist mehr als ein Reizdiskriminationsverfahren. Was „Rot“ ist, wird in einer bestimmten Weise nicht auf sensorischer Ebene in einem Reiz-Reaktions-Geflecht „entschieden“. Man muß – so wie Sellars es tat – unterscheiden zwischen „Bewußtsein als diskriminatives Verhalten“ und „Bewußtsein als im logischen  Raum der Gründe, des Rechtfertigens und des Rechtfertigenkönnens des Gesagten“ (Sellars Wilfried in Richard Rorty, 1979, dtsch. 1987, S. 204). Auch Einzeller und fotoelektrische Zellen, also Computerteile, diskriminieren rote Gegenstände; doch erst beim Bewußtsein im zweiten Sinne hat man einen Begriff von „Rot“ und zeigt ein Verhalten, das wir als Äußern von Sätzen beschreiben. Etwas als etwas ganz Bestimmtes wahrnehmen, erfolgt immer unter einer Beschreibung und ist kein nur diskriminatives Reagieren. Ein Bewußtsein von Sorten, Ähnlichkeiten, Tatsachen, von einzelnem wird erst zusammen mit der Sprache erworben (ebda.). Daß wir auf Gleiches gleich zu reagieren vermögen, ist zwar eine kausale Vorbedingung für die Möglichkeit des Erwerbs von Wissen, begründet es jedoch nicht. „Unsere Wirklichkeit“ fällt immer mit der Ontologie unserer Sprache zusammen. Die Welt ist sprachlich vermittelt; eine wohlbestimmte Welt entsteht erst durch sprachliche Interpretation. Die Sprache definiert überhaupt erst Eigenschaften, Unterschiede, Sachverhalte (vergl. Kutschera, 1975, S. 336). Die Konsequenz daraus ist die Relativitätsthese, nach der es grundlegend verschiedene, prinzipiell aber gleichberechtigte Formen der Erfahrungserkenntnis gibt. Die eine wirkliche Welt gibt es nicht; es gibt nicht das eine richtige Weltbild, das durch die eine richtige (bereinigte) physikalistische Sprache (der Mathematik, der formalen Logik) ersteht und damit kongruent ist. Stattdessen existieren gleichberechtigte Weltbilder verschiedener Sprachen. Die „Welt“ ist eine Metapher, ebenso der Begriff der „Erkenntnis“. Die Vorstellung, daß uns geistesunabhängige oder sprachunabhängige Sachverhalte die Wahrheit diktieren, ist das, was Hilary Putnam metaphysischen Realismus nennt, der so etwas wie eine magische Theorie der vorsprachlichen Bezugnahme auf Gegenstände voraussetzt. Wir nehmen aber – wie E. Tugendhat zeigt, und ich werde das später diskutieren – sprachlich Bezug auf Gegenstände (E. Tugendhat, 1976, S. 341). Und der abstrakte oder psychologische Gegenstand ist überhaupt ein verbales Konstrukt, denn er läßt sich nicht ostensiv spezifizieren und damit identifizieren. Will man ihn operationalisieren, muß man ihn definieren. Im Kunstbereich z.B. ist das einfach absurd. Man stelle sich vor, wir definieren, was „gute Musik“ ist, und schreiben dann, darauf bauend, ein Programm für einen Computer, damit er „gute Musik“ kreiert (oder wir versorgen neuronale Netze mit passenden Inputs). Das wäre auf eine ähnliche Weise grotesk, wie das Beispiel, Intelligenztests auf der Basis einer Definition von Intelligenz zu entwickeln, die Ergebnisse dann zur Zuweisung für niveaumäßig unterschiedliche Ausbildungswege zu verwenden und schließlich den späteren Erfolg der Proponenten als Beweis für die Gültigkeit der Ausgangskriterien heranzuziehen (dies geschieht z.B. in den USA tatsächlich). Damit sind wir beim Begriff der Intelligenz angelangt.

 

2.2. Der Begriff der Intelligenz bzw. des intelligenten Verhaltens      [Kapitel 2.1]  [Inhaltsverzeichnis]  [Kapitel 2.3]

 

Nach J. Weizenbaum sieht die Mehrzahl der Wissenschaftler, die im Bereich der künstlichen Intelligenz tätig ist, ihr Hauptziel darin, Maschinen zu bauen, die sich intelligent verhalten, gleichgültig, ob die Resultate zur Erkenntnis der menschlichen Intelligenz etwas beitragen oder nicht. (J. Weizenbaum, 1976, dtsch. 1978, S. 219ff). Sie arbeiten – wie er es nennt – im Performanzmodus, d.h., sie wollen Maschinen bauen, die wie Menschen sprechen, die Sprache verstehen, Augen, Arme und Hände haben wie Menschen, mobil sind, um all das tun zu können, was Menschen beherrschen: Übersetzen, Komponieren, Programme erstellen, chemische Verbindungen analysieren etc.

 

Daneben gibt es aber auch Wissenschaftler, die an sogenannten Simulationsprogram-men arbeiten. Dabei geht es um die Simulierung der Art und Weise wie Menschen bestimmte Aufgaben erfüllen, um das Verständnis der Vorgänge; weniger darum, wie ein Computer menschliche Probleme am bestmöglichen löst. In der AI ist in den letzten Jahren ein Weg eingeschlagen worden, der es denkbar macht, daß Computer eines Tages ein im umfassenden Sinne menschenähnliches intelligentes Verhalten zeigen, ohne daß endgültige Klarheit darüber gewonnen würde, wie dies zustandekäme. Die meisten AI-Forscher und Kognitivisten haben die Überzeugung gewonnen, daß nur dreidimensionale neuronale Netze, die eine parallele Datenverarbeitung erlauben, so etwas wie intelligentes Verhalten auf der Stufe der Menschen generieren können. Und nicht wenige sind der Ansicht, die Maschine müßte, um dies zu schaffen, eine phylogenetische Entwicklung ähnlich jener, die der Mensch von Geburt an durchmacht, nachvollziehen. Es ist ja bekannt, daß unzählige Neuronen und neuronale Verschaltungen bei Mensch und Tier sich erst nach der Geburt im Kontakt und in der Wechselwirkung mit der Umwelt bilden oder gruppieren. In elektronischen neuronalen Netzen können natürlich keine neuen „Neuronen“ entstehen, aber ein solches Netz ist in gewissen Weise lernfähig, d.h., es ist in der Lage, im bestehenden Netz mit bestimmten Anfangsgewichten, eigene, den bestimmten Anforderungen entsprechende Verschaltungen zu schaffen. Es entwickelt damit eine Eigendynamik, die sich dem Einfluß des Informatikers entzieht und bei zunehmend komplexerem Geschehen immer undurchschaubarer wird. Ein solches System könnte vielleicht Prädispositionen für bestimmte Verhaltensweisen und Dispositionen für bestimmte Reize und damit so etwas wie Erwartungshaltungen entwickeln.

Wann werden wir solchen Systemen Erwartungshaltungen oder Wünsche zuschreiben, und wann werden wir bei ihnen von intelligenten Verhaltensweisen im menschlichen Sinne sprechen? (Es gibt ja längst Maschinen, die viele unserer Fähigkeiten simulieren und uns darin teilweise auch weit übertreffen; doch der Punkt ist: Wir können nicht nur Spiele (z.B. Schach) erfolgreich spielen und Aufgaben lösen, wir erfinden Spiele, und wir stellen Fragen, die Probleme aufwerfen, wir schaffen Problemstellungen und definieren Probleme.)

 

Es wäre wahrscheinlich nicht unmöglich, sicher aber sehr mühsam, eine komplexe Definition „intelligenten menschlichen Verhaltens“ abzugeben. Vielleicht mündete dies in den Versuch einer vollständigen Verhaltensbeschreibung des Menschen. Könnten wir dabei bei beobachtbarem Verhalten oder neurologischen Untersuchungen stehenbleiben, weil die Zusammenhänge zwischen psychischen Zuständen und Verhaltensweisen analytischer Natur oder aber psychologische Eigenschaften mit funktionalen Eigenheiten des Gehirns identisch sind? Ist Denken eine Voraussetzung intelligenten Verhaltens oder eine Folge davon; nämlich eine Zuschreibung oder eine Metapher für Relationen zwischen syntaktischen Elementen?

 

Zunächst aber, was ist eigentlich Intelligenz? Was ist intelligentes Verhalten. Welches sind typisch menschliche Intelligenzleistungen, die wir mit keinem anderen Lebewesen teilen? Welches sind die Kriterien menschlicher Intelligenz? Die Etymologie hilft uns beim Wort „intelligent“ nicht viel weiter. „Intelligenz“ von „inter-legere“ ist das lateinische Ursprungswort, und es bedeutet so viel wie „mit Sinn und Verstand wahrnehmen, erkennen, verstehen, Einsicht gewinnen“; eigentlich: „dazwischen wählen“, d.h. durch kritische Auswahl charakteristischer Merkmale eine Sache erkennen“ (Duden 7, Herkunftswörterbuch, 1963, S. 289). So definiert, spielt die Sprache natürlich eine zentrale Rolle bei intelligentem Verhalten. Intelligenztestwerte korrelieren hoch mit akademischen Graden, daher kann man Intelligenz operational definieren als „das, was Intelligenztests messen“ (Zimbardo, 1983,  S.449). Das klingt fast sarkastisch. Aber was messen denn Intelligenztests? Ein in der Psychologie häufig verwendetes Modell umfaßt folgende als Primärfähigkeiten bezeichnete Intelligenzfaktoren: Sprachliches Verständnis; Assoziationsflüssigkeit, Rechengewandtheit, räumliches Denken, Gedächtnis, Auffassungsgeschwindigkeit und schlußfolgerndes Denken. Diese Spezialintelligenzen sind – wie die Forschung zeigte – relativ unabhängig voneinander. Intelligenztests messen also einfach eine definierte Leistungsfähigkeit auf bestimmten definierten Gebieten. Trotzdem gilt die Grundannahme, daß sich in diesen intellektuellen Leistungen die intellektuelle Kapazität widerspiegelt. Das entscheidende bei Intelligenztests ist das Sprachverständnis, also die verbalen Fähigkeiten in einem umfassenden Sinn. Es würde schon angesprochen: Einen Begriff von etwas haben besteht nach Wittgensteins Auffassung darin, ein bestimmtes Wort oder auch mehrere Wörter in verschiedenen Kontexten richtig anwenden zu können. Das Wahrnehmen und die Konstituierung konkreter (und erst recht abstrakter) Gegenstände, der gedankliche Umgang mit ihnen, erfolgt immer unter einer Beschreibung. Wie Searle es ausdrückte: „Die Syntax der Physik ist nicht intrinsisch“ (Searle J. R., 1992, dtsch. 1996, S. 236). Wir Menschen sind es, die Systemen und Gegenständen bestimmte Rollen, Funktionen, Interpreta-tionen etc. zuordnen. Um es zu wiederholen: Einen Gegenstand als einen bestimmten wahrnehmen (erst recht einen abstrakten konstituieren) ist mehr als eine Diskrimina-tionsleistung; es ist wenigstens die Zuordnung beobachterrelativer Merkmale; es ist die Fähigkeit der Bezugnahme auf „Gegenstände“ im Rahmen der Verwendung sprachli-cher Zeichen, die Fähigkeit der Argumentation und Rechtfertigung, d.h. Dialogvermö-gen. Sprachverständnis ist damit ein entscheidender Faktor intelligenten Verhaltens bei Menschen, weil völlig unklar ist, wie der Begriff des komplexen Sachverhaltes (z.B. bei einem psychologischen oder soziologischen Problem) unabhängig davon aufgefaßt werden soll. Dazu ist zu bedenken, daß auch die übrigen spezifisch menschlichen Verhaltensweisen nicht nur zum Großteil in diesem verbalen Weltbezug wurzeln, sondern auch unter Beschreibungen überhaupt als Verhaltensweisen aufgefaßt und beurteilt, besprochen und eben gerechtfertigt werden können.

 

In einem der einflußreichsten Psychologielehrbücher der Gegenwart ist zu lesen: „Intelligenz ist die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen und über das Gegebene hinaus zum Möglichen fortzuschreiten“ (Zimbardo P. G:, 1983, S. 442). Das ist nun sicher keine operationale Definition. Sie zeigt aber deutlich, wie Sprache überall dort, wo es um Intelligenz geht, mit hineinspielt. Die meisten, insbesondere abstrakte Gegenstände lassen sich nicht besprechen (oder beschreiben), ohne daß der Sprachgebrauch, somit die Bedeutung der verwendeten Wörter diskutiert wird. Das ist der Umkehrschluß dessen, was Peter Winch sagt:“...indem wir die Sprache erörtern, erörtern wir faktisch die Frage, was als zur Welt gehörig angesehen werden soll“ (Winch P., 1958, dtsch. 1966, S. 25) Man darf nicht außer acht lassen, daß wir, wenn wir von bestimmten Gegenständen im weiten philosophischen Sinne sprechen, von dem sprechen, was wir mit der Bezeichnung dieses Gegenstandes (die ihn überhaupt erst zu „diesem Gegenstand“ im Kontext der Beschreibungen macht) meinen. Was z.B. meinen wir mit dem Begriff der „Erfahrung“? Ohne Kontextangabe, ohne einen Handlungsrahmen abzustecken, ist es unmöglich sich darauf zu einigen, was denn die spezifischen Momente „menschlicher Erfahrung“ darstellen. Ein Einzeller stößt an ein Hindernis, weicht ein wenig zurück, wechselt die Richtung und passiert den Gegenstand. Wer käme auf die Idee, hier davon zu sprechen, daß er aufgrund einere Erfahrung sich neu orientierte. Bei Hunden sprechen wir von Konditionierung, wenn sie „gelernt“ haben, denn Griff zur Leine mit „Rausgehen“ zu „verbinden“. Manchmal allerdings sagen wir auch in solchen Fällen: Er hat die Erfahrung gemacht, daß......; und dann folgt eine Sachverhaltsdarstellung, eine Beschreibung. Da sind wir nun der Sache schon etwas näher. Der Begriff der „Erfahrung“ ist offenbar untrennbar  verknüpft mit dem des Sachverhaltes. Wir sagen von uns ja immer z.B.: „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß...... (oder: ich habe etwas erfahren. Dieses „Etwas“ ist aber nie ein singulärer Terminus, der für einen konkreten Gegenstand stünde). Dennoch sind natürlich viele der Ansicht, es gäbe so etwas wie vor- oder außersprachliche „Erfahrungen“. Doch man muß klar sehen, daß es sich dabei immer um Zuschreibungen propositionaler Inhalte handelt. Wer das nicht nachvollziehen will, muß erklären, wie er sich denn eine vorsprachliche Bezugnahme auf einen Sachverhalt vorstellt (von der andere erfahren können müssen)?

 

Bevor ich weiter darauf eingehe, noch kurz etwas anderes. Gerade Zuschreibungen verlangen einen Rahmen, innerhalb dessen sie Aussagekraft haben, und dieser Rahmen ist implizit Teil der Zuschreibung. Eine einzelne Beobachtung z.B. ist kein befriedigender Rahmen für eine Zuschreibung (der Einzeller verhielt sich wiederholt so). Auf der anderen Seite ist es denkbar, daß uns ein komplexer Rahmen zunächst zwingt von „Erfahrung“ zu sprechen; doch wenn wir dann die Zusammenhänge durchschaut haben und wir imstande sind ein treffendes, aussagekräftiges Reiz-Reaktionsmuster zu beschreiben, können wir auf diesen „mentalen“ Begriff verzichten. Quine würde daher den Begriff der „Erfahrung“ zu den Dispositionsredeweisen zählen, von denen er meint, sie hätten einen berechtigten Platz in unserem theoretischen Wortschatz, bis sie sich eines Tages aufgrund naturwissenschaftlicher Einsichten erübrigten.Viele mentale Begriffe, wie z.B. auch „Intelligenz“, lassen sich allerdings möglicherweise nie im Rahmen einer physikalistischen Theorie klären, meint er (vergl. Quine W.V.O., 1974, dtsch. 1989, S. 26ff), und geht dabei implizit davon aus, daß dem Begriff der „Intelligenz“ ein konkreter Gegenstand, nämlich ein „fortdauernder physikalischer Zustand, möglicherweise ein sehr komplizierter“, gegenübersteht. Aber ist dem so? Ist der Sprachgebrauch gerade solcher Wörter nicht auch eine Frage des sozialen oder kulturellen Kontextes? Und ist der Sprachgebrauch nicht beteiligt an der Konstituierung bestimmter Gegenstände – wie wiederholt angedeutet wurde? So wenig wie der Sprachgebrauch des Begriffs der „Erfahrung“ kontextunabhängig ist, so wenig ist es der der „Intelligenz“. Welche Verhaltensweisen oder besser Verhaltensbeschrei-bungen wir als Rahmen für den Begriff der „Intelligenz“ aufspannen, ist sicher nicht zeit- und kulturunabhängig und wohl auch stark verknüpft mit der Zustandsbeschrei-bung der jeweiligen Sozietät. Auch das Wort „Intelligenz“ ist, wie das der „Erfahrung“, Bestandteil oder Träger propositionaler Redeweisen. Damit präjudiziere ich allerdings, daß es keine vorsprachliche Bezugnahme auf einen Sachverhalt geben kann. Und das kann man so nicht stehenlassen.

 

Nehmen wir an, es gebe vor- oder außersprachliche „Erfahrungen“, also so etwas wie ein nichtsprachliches „Wissen“ um Sachverhalte. Beispielsweise: Es wird finster, weil ein Sturm aufkommt. Wie soll man sich diesen Sachverhalt als Gegenstand vorstellen? Wie soll man sich einen vorsprachlichen Bezug darauf vorstellen? Für den frühen Wittgenstein im „Tractatus“ ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen: „Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander wie die Glieder einer Kette“ (2.03). Der Sachverhalt: „Das Schloß ist rot“, ist also eine Zusammensetzung von Schloß und Röte. Später hat Wittgenstein diesen gegenstandstheoretischen Ansatz verworfen. Husserl jedoch hat diese Idee in seiner „kategorialen Synthesis“ viel weiter geführt: Für ihn sind Sachverhalte Gegenstände anderer Ordnung als die Gegenstände, aus denen sie zusammengesetzt sind (im Gegensatz zu Wittgenstein) (vergl. E. Tugendhat, 1976, S. 164ff). Tugendhat führt zur Verdeutlichung der Husserl’schen „kategorialen Synthesis“ folgendes Beispiel an: Der Aussage: „Dieser Hammer ist aus Stil und Kopf zusammengesetzt“, entspricht der Sachverhalt, daß dieser Hammer aus Stil und Kopf zusammengesetzt ist. Für Husserl ist der Sachverhalt seinerseits ein (idealer) zusammengesetzter Gegenstand, wobei die realen Gegenstände Hammer, Stil und Kopf als Bestandteile des Sachverhaltes fungieren, während das reale Zusammengesetztsein (die Relation der Teile zum Ganzen) die Art und Weise repräsentiert, wie diese Gegenstände sich im Sachverhalt (ideal) zusammensetzen. Die Zusammensetzung des Hammers ist eine andere als die des Sachverhaltes, denn der Hammer ist wohl Bestandteil des Sachverhaltes (ideal), nicht aber Bestandteil der eigenen (realen) Zusammensetzung. Damit aber die „kategoriale Synthesis“ z.B. auf der Basis eines einfachen prädikativen Satzes funktioniert („Das Heidelberger Schloß ist rot“) muß Husserl davon ausgehen, daß auch das Prädikat „rot“ für einen Gegenstand steht (denn ohne zwei Gegenstände gibt es keine Synthesis). Husserl vergegenständlicht also Prädikate, hält sie aber für unselbständige Teile von Gegenständen; und er macht eine Angleichung des Subjekt-Prädikat-Satzes an den Ganzes-Teil-Satz. Gegenüber: „Das Schloß ist rot“ sieht er in: „Das Schloß hat Röte“ die Form, in der die synthetische Struktur ausdrücklich wird. Aber wie stellt man fest, daß die Röte am Schloß ist oder mit dem Schloß zusammengesetzt ist? Die Röte ist ja kein realer Gegenstand, sondern ein Attribut, das nicht als realer Gegenstand an das Schloß geheftet sein kann. Und doch brauchen wir auch bei einer idealen Zusammensetzung einen Anhalt dafür, ob sie gegeben ist oder nicht. Dafür gibt es nach Tugendhat nur ein positives Kriterium: Wir können uns die Relation zwischen Attribut und Gegenstand nur im Rekurs auf einen schlichten prädikativen Satz verständlich machen, in dem gar keine Relation zum Ausdruck kommt. Die sich an eine reale Relation anlehnende Formulierung: „Das Schloß hat Röte“ läßt sich nur im Rekurs auf den Satz: „Das Schloß ist rot“ verstehen. Die Relation zwischen Attribut und Gegenstand kann nur durch den ursprünglichen prädikaiven Satz definiert werden. Das gegenstandstheoretische Modell von der Zusammensetzung der Sachverhalte scheitert zuerst daran, daß die gegenständliche Auffassung von Prädikaten versagt (vergl. Tugendhat E., 1976, S. 170ff). Man kann sich einen Sachverhalt also weder als konkreten Gegenstand noch als Zusammensetzung von Gegenständen vorstellen. Er läßt sich außer- oder vorsprachlich gar nicht identifizieren. Das Kriterium für die Wirklichkeit eines Sachverhaltes, für eine Tatsache also, ist eine wahre Aussage, ein wahrer prädikativer Satz. Einen Sachverhalt zu konstatieren erfordert mehr als die sinnliche Wahrnehmung und schließlich Vorstellung eines oder mehrerer zusammengesetzter Gegenstände. Einen Gegenstand wahrnehmen, ist etwas anderes, als festzustellen, daß es sich um einen „Stuhl“ handelt. Ein Sachverhalt ist kein konkreter Gegenstand in Raum und Zeit, sondern etwas „Gedachtes“, aber eben nichts Sprachunabhängiges; außerhalb einer Sprache (eines Zeichensystems) läßt er sich gar nicht identifizieren. Damit bricht die Idee zusammen, die Verwendung eines Satzes könnte sich auf die Vorstellung eines Sachverhaltes beziehen (ebd. S 246).

 

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: „Erfahrungen“ machen heißt also, „Sachverhalte zu konstatieren“. In diesem Sinne gibt es ohne Sprache kein Erfahrungswissen, kein „wissen, daß.... Wenn wir sagen: „Der Hund hat die Erfahrung gemacht, daß....“, dann ist das eine Analogie, die uns aber bei der Vorhersage seiner Verhaltensweisen recht nützlich ist. In manchen Fällen können wir ja davon ausgehen, daß er sich „ähnlich“ verhält wie wir; z.B. aufgrund der gemachten „Erfahrungen“ einen elektrischen Zaun meidet. Wir gehen aber nicht davon aus, daß der Hund sich gedacht hat, daß..... Wenngleich wir auch bei einer bestimmten Gelegenheit vielleicht formulieren: „Der Hund hat viele böse Erfahrungen gemacht“, so sind wir i.a. doch der Ansicht, daß wir seine Verhaltensweisen über Reiz-Reaktionsmuster bzw. instrumentelle Konditionierung o.ä. und somit „physikalistisch“ beschreiben könnten. Nicht viele Menschen werden glauben, daß Tiere ein Wissen über bestehende Sachverhalte haben (auch wenn ihr Verhalten manchmal ganz den Anschein macht und so komplex ist, daß eine entsprechende Zuschreibung verlockend, vor allem aber bequem ist). Jene, die das glauben, müßten eben erklären, wie man einen Sachverhalt außersprachlich „begreifen“ kann. Um auf Ahnliches ähnlich reagieren zu können, muß man kein Bewußtsein von Ähnlichkeiten, d.h. ein Wissen von dieser Ähnlichkeit annehmen, denn ein solches Bewußtsein wäre wie das von Sorten und Tatsachen bereits eine sprachliche Angelegenheit. Hier geben wir uns stattdessen vielleicht mit der Rede von „diskriminativen Fähigkeiten“, wie sie eine photoelektrische Zelle auch haben kann, zufrieden. Oder wir bemühen die Evolutionstheorie und sprechen von einer phylogenetisch erworbenen Disposition, auf bestimmte Reize auf ganz bestimmte Weise reagieren zu können. Wir Menschen sind allerdings in der Lage, bestimmte Verhaltensweisen zu begründen, zu rechtfertigen, indem wir Sachverhalte sprachlich explizit machen; und es ist kaum anzunehmen, daß wir jemandem oder etwas das gleiche Verständnis zuschreiben, der oder das nicht in eine entsprechende Kommunikation mit uns einzutreten vermag (diese ist allerdings auch wiederum nicht unabhängig von unserer Beschreibung bzw. Interpretation).

 

Was müßte geschehen, damit ein Computer das, was er zu diskriminieren imstande ist, auch zu rechtfertigen vermag? Zuerst einmal muß er Kommunikationspartner in einem sehr engen Sinne werden. Um Sachverhalte so aufzufassen, wie wir sie auffassen, muß man nicht nur eine Sprache beherrschen, sondern wahrscheinlich auch eine ganz bestimmte ontogenetische Entwicklung innerhalb umschriebener komplexer Rahmenbedingungen durchmachen. Hier geht es auch um Hintergrundwissen. Wir machen unsere Erfahrungen ja nicht vor dem Hintergrund einer geistigen „tabula rasa“, sondern vor dem Hintergrund eines Körpers mit all seinen sensorischen Möglichkeiten, seiner Mobilität und seinen „Erinnerungen“. In der KI gibt es eine Richtung, die davon ausgeht, daß unser Alltagsverstand sich aus einer riesigen Datenbasis propositionalen Wissens ableitet. Aber bereits die Einrichtung einer Datenbank zum Verständnis einfachster Sätze ist ein großes Problem, denn auch dies erfordert ein gewaltiges Hintergrundwissen. Nehmen wir einmal den Satz: „Ich sah ein Kätzchen in einem Fenster, ging hin und berührte es.“ Um diesen Satz zu verstehen, bedarf es eines semantischen Verständnisses; der syntaktische Zusammenhang genügt nicht. Woher weiß ich, worauf „es“ sich bezieht. Was ist, wenn ich gesagt hätte: „Ich ging hin und zerstörte es“. Hier kommt natürlich auch noch das Miteinbeziehen anderer Sätze hinzu, eines verbalen Kontextes und eines Wissens darüber, was uns in solchen Situationen berührt und verleitet, etwas zu tun (Was tut man, wenn man ein Kätzchen sieht? Warum tut man das? Wie fühlt sich das an?).

 

Dreyfus schreibt: „....... um das Wissen zu organisieren, das zum Verstehen typischer Sätze notwendig ist, müssen wir uns das Fühlen und Tun von Dingen vorstellen können. Dazu kommen noch die Probleme der „Deixies“, d.h. der Art und Weise, wie wir Dinge mit Rücksicht auf unsere eigenen Standorte lokalisieren, wie: „dort drüben“, „in der Nähe“ etc. Jedes dieser Probleme verweist auf die Bedeutung des Körpers. Es stellt sich daher die Frage, wie man diesen unseren Körpersinn in propositionalen Termini zu erfassen gedenkt (Dreyfus, in Dtsch. Zeitschrift für Pholosophie, 1993, S. 657). Wenn es Ausdrücke gibt, die nur vor dem Hintergrund unserer Körperlichkeit (also im Kontext bestimmter Verhaltens- und Sinnesmöglichkeiten) einen Sinn gewinnen, wie Charles Taylor meint (vergl. Taylor in „Der Löwe spricht...“, 1991, S. 96), dann gibt es Ausdrücke, für die wir kein propositionales Hintergrundwissen bereitzustellen vermögen. Nun ist aber natürlich der Hintergrund mehr als nur unsere Körperlichkeit. Er ist das, was ich zur Sprache bringen kann, und er ist das, wodurch uns bestimmte Erfahrungen verständlich werden (ebda. S. 107). Der Hintergrund läßt sich nicht vollständig explizit machen, denn dies setzte seinerseits schon einen Hintergrund voraus. Für Wittgenstein ist ein ganz entscheidender Hintergrundbereich, der mit der Sprachbeherrschung verwoben ist, das soziale Tätigkeitsfeld als Lebensform. Was bei einem Sprechakt von bestimmter Dauer geäußert wird, hängt mit vielen anderen Faktoren zusammen; beispielsweise damit, was der Sprecher selbst vorher schon sagte und nachher sagen wird, mit den außersprachlichen Handlungen, die er gleichzeitig oder vorher vollzogen hat und noch ausüben wird; mit den sprachlichen Äußerungen, die ein anderer dazu macht oder machen wird (oder vielleicht gemacht hätte), also mit der konkreten Dialogsituation; mit den außersprachlichen Handlungen anderer; mit den Umständen einer gegenwärtigen oder einer früheren Situation (vergl. Stegmüller W., Bd. I, 1987, S. 591).

 

„..... eine Sprache vorstellen, heißt, sich eine Lebensform vorstellen“ (PU, § 19), sagt Wittgenstein; und in einem seiner vielen Bilder bemerkt er, daß selbst wenn der Löwe spräche, wir ihn nicht verstehen könnten. Das ist ein starken Hinweis darauf, wie die Sprache in unsere gesamte Lebensweise, unser Verhalten, unsere Empfindungen, unsere Kultur, kurz, in das, was unsere „beschriebene“ Welt ist, eingebunden ist. Wir könnten den Löwen nicht verstehen, weil wir sein Verhalten nicht mit seinen Worten in Einklang zu bringen vermöchten. Natürliche Sprachen sind für Wittgenstein Lebensformen. Was wir mit bestimmten Ausdrücken meinen, hängt ganz stark davon ab, wann, wo, unter welchen Umständen (in welchem Handlungskontext) wir sie verwenden. Solche Überlegungen widersprechen natürlich der Vorstellung vom Menschen als ein rationalistisches, informationsverarbeitendes System. Sie widersprechen dem Bild vom Menschen als „einem Handelnden, der durch die Wahrnehmung der Welt Stückchen (bits) von Informationen aus seiner Umgebung aufnimmt und sie in bestimmter Weise verarbeitet, um dann mit seinem „Bild“ der Welt hervorzutreten, und der anschließend auf der Basis dieses Bildes handelt, um seine durch „Berechnung“ von Mitteln und Zwecken aufgestellten Ziele zu verwirklichen“ (Taylor in „Der Löwe spricht...“, 1989, S. 98). Die Bemerkung des Sachverhaltes, daß die Sonne scheint, und die dabei empfundene Stimmungsaufhellung (oder auch aufkommende Lustlosigkeit zur Arbeit) geht offensichtlich über einen sensoneuronalen Verrechnungsprozeß hinaus und ist Teil einer sprachlichen Angelegenheit, einer Interpretation vor dem Hintergrund bestimmter Umstände, vergangenen Sprachgebrauchs und vergangener Sachverhalte (d.h. propositionalen Wissens oder auch semantischen Netzes). Aber nicht nur das! Was wir die Bedeutung von Ausdrücken nennen, ist – und das läßt sich kaum bestreiten – nicht unabhängig von seinem Gebrauch; am richtigen Gebrauch zeigt sich auch zuerst das richtige Verständnis. Der Gebrauch ist in einem sehr umfassenden Sinn kontextabhängig. Wittgensteins Überlegungen, vor allem in den PU, kreisen immer wieder um diesen Punkt, nämlich daß es keine kontextunabhängige „fixe Bedeutung“ von Ausdrücken gibt, da die Bedeutung vom Gebrauch mitbestimmt wird, und es unterschiedliche Situationen des Gebrauchs gibt. Für ihn ist absolute Exaktheit (auch für die genaue Wortbedeutung) ein logischer Mythos. Wörter haben eine Funktion, und in dieser Funktion liegt auch das, was wir Bedeutung nennen. Die Verwendungssituation ist Bestandteil dieser Funktion. „Wie ein Wort funktioniert kann man nicht erraten. Man muß seine Anwendung ansehen und daraus lernen“ (PU, § 340).

 

Die Züge in dem, was Wittgenstein „Sprachspiel“ nennt, sind nicht nur nicht kontextinvariant, sondern ebensowenig geschichtsinvariant. „Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: ein Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und diese umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern“ (PU, § 18). Unsere Begriffe können sich wandeln. F. Waisman spricht von „open texture“. Wenn die Bedeutung eines Ausdruckes mit dem korrekten Gebrauch zusammenhängt und wenn das, was wir Begriffe nennen, Bedeutungen von Ausdrücken sind, dann kann man Anwendungsregeln für bestimmte Situationen aufstellen. Es ist aber unmöglich, für alle denkbaren Arten von Situationen (z.B. alle zukünftigen) Regeln festzulegen (vergl. Stegmüller W, Bd. I, 1987, S. 620). In gewissem Sinne bleiben die Begriffe etwas Offenes. Und wenn nun die Welt für uns das ist, was sich uns durch diese Begriffe hindurch darbietet, wie P. Winch meint (siehe o. S. 4), dann sind eben auch die Welt und ihre Teile etwas Offenes. Wenn sich unsere Begriffe wandeln, dann wandelt sich auch unser Begriff der Welt. Es ist also keineswegs im vornhinein klar, was es heißt, „Erfahrungen“ zu machen. Klar scheint nur, daß wir dabei Sachverhalte konstatieren, die im Hinblick auf andere, insbesondere ähnliche Sachverhalte verhaltensrelevant sind, wobei das Erwägen von Verhaltensweisen in Gedanken wiederum Sachverhalte sind, nämlich mögliche Sachverhalte. Beim Aspekt des Konstatierens von Sachverhalten kommt auch schon der Begriff des Bewußtseins ins Spiel, denn ich bin dabei ja „mental“ auf etwas ausgerichtet; ich habe – wie man sagt – ein Bewußtsein von etwas. Husserl hat in diesem Fall von „intentionalen Erlebnissen“ gesprochen . Die Intentionalität ist eine Relation. Das erkennt man daran, daß sie sprachlich an den Gebrauch transitiver Verben wie „erfahren“, „glauben“, „wissen“, „aussagen“, „zweifeln“ etc. gebunden ist, zu denen ein grammatisches Objekt gehört. Dieses grammatische Objekt ist aber in den gewählten Beispielen kein singulärer Terminus, der für konkrete Gegenstände steht, sondern ein nominalisierter Satz, also ein Ausdruck von der Form „daß p“, der für Sachverhalte steht. Somit ist in diesen Fällen die Intentionalität eine Relation zwischen einer Person und einem Sachverhalt (vergl. Tugendhat E., 1976, S. 98). Und ein Sachverhalt kann – wie diskutiert – nur sprachlich identifiziert werden. Das ist zwar eine schwächere Behauptung als die, daß ein Sachverhalt etwas Sprachliches sei, läßt aber kaum Spielraum für die Überzeugung, ein Sachverhalt und damit eine Erfahrung könnte außersprachlich eindeutig erfaßt und bewußt gemacht werden.

 

Die Problemlösung bei Tieren besteht in der Modifikation von Verhaltensweisen in Relation zu bestimmten Ereignissen oder Zuständen; dafür bestehen bei ihnen Dispositionen im Sinne angelegter Reaktions- und Imitationsmuster (und i.a. kommen wir mit einer evolutionstheoretisch abgesteckten Begrifflichkeit hier aus). Natürlich gibt es auch beim Menschen solche Anlagen, die unmittelbare Reaktionen auf bestimmte „einfache“ Reize, welche man als Probleme definieren könnte, zulassen. Tatsächlich impliziert das Wort „Problem“ einen Sachverhalt. Es besteht eben das Problem, daß.....

 

Ein Marder hat das Problem, daß er ein Ei fressen möchte, das aber für sein Maul zu groß ist und das er daher nicht aufbeißen kann. Nun spielt er solange damit herum, bis das Ei „zufällig“ an einem Stein bricht, und er es ausschlürfen kann. Beim nächsten Mal zeigt er dann das gleiche Verhalten. Das sind Bilder, die aus der Beschreibung des Beobachters erstehen. Der Marder weiß nichts von seinem Problem, obwohl er gemäß unserer Sachverhaltsdarstellung eines hat. Aber was ein Problem ist, hängt von unserer Beschreibung der Dinge, von der Sachverhaltsdarstellung und von Vorstellungen (Ziele, Erwartungen) ab. Was heißt, „klare Vorstellungen haben“? Das heißt eben in der Lage zu sein, anderen etwas klar auseinandersetzen zu können.

 

Es ist in diesem Zusammenhang zwar nicht unmittelbar relevant, aber sicherlich interessant, daß Tugendhat noch weiter geht und behauptet, daß alle nichtpropositionalen intentionalen Bewußtseinsweisen propositionale implizierten (ebda. S. 100). Es gibt ja transitive Verben, deren Objekte nur singuläre Termini sein können (z.B. „lieben“, „hassen“, „loben“, „kaufen“), und es gibt welche, die sowohl durch nominalisierte Sätze als auch durch singuläre Termini ergänzt werden können (z.B. „sehen“, „begreifen“). Nun hat schon Brentano darauf hingewiesen, daß es die Besonderheit intentionaler Relationen und somit Bewußtseinsweisen ist, daß der intendierte Gegenstand nicht zu existieren braucht. Dies wiederum ist aber nach Tugendhat eine Folge des Umstandes, daß man sich auf einen Gegenstand nur in der Weise intentional (bewußt) beziehen kann, daß man ihn für existent hält (ebda.). Seinem Beispiel folgend, kann ich den Teufel fürchten, ohne daß er existiert, nicht aber ohne zu meinen, daß er existiert; und das ist das Bewußtsein eines Sachverhaltes. Selbst das (bewußte) Sehen impliziert beim Menschen nach der Beweisführung Tugendhats propositionales Bewußtsein. Das sieht man daran, daß wenn jemand sagt, er habe N gesehen, man es auf dreifache Weise bestreiten kann: 1. Es gibt kein N: 2: Hier gibt es überhaupt nichts. 3. Das war (ist) nicht N. Selbst bei Fantasievorstellungen können wir nicht anders, als uns etwas als existierend zu denken, im Sinne von: „Es ist nicht so, aber ich denke mir, es wäre so“. Das Besondere der intentionalen Relation besteht also darin, daß es eine Relation zwischen einem konkreten Gegenstand (Person) und einem Sachverhalt ist; und d.h., daß sie in einem Satzverständnis gründet.

 

Hier deutet Tugendhat schon an, daß sich die Bezugnahme auf Gegenstände als unvollständige Komponente des Satzverstehens erweist. „Wir stellen fest, daß es ein Bewußtsein von etwas, das nicht in einem Fürwahrhalten eines Existenzsatzes fundiert ist, gar nicht gibt“ (Tugendhat E., 1976, S. 102). „Wo ein Subjekt sich bewußt auf ein Objekt bezieht, ist dies nie eine schlichte Beziehung, sondern ist immer fundiert in einem Satzverständnis“ (ebda.). Indem Tugendhat nachweist, daß alles intentionale Bewußtsein propositional ist, impliziert er, daß auch die Frage nach dem Bewußtsein im Sinne der Intentionalität in eine Frage nach dem Satzverständnis mündet. Allerdings ist Bewußtsein nicht immer nur Bewußtsein von Gegenständen; es gibt ja auch so etwas wie Handlungsbewußtsein. Und für absichtliche Handlungen dürfte das Erkenntniskriterium die Absicht sein. Die Absicht aber ist nur erkennbar, wenn der Handelnde bereit ist, seine Absicht zu verbalisieren (vergl. S. 109) (Natürlich gibt es unzählige Handlungen im Alltag, von denen wir aus ureigenster Erfahrung wissen, daß man sie absichtlich setzt, wo das Gegenteil und daher die Frage nach der Absicht nachgerade unsinnig erschiene; wo die Erkennbarkeit der Absicht sozusagen implizit ist: bei bestimmten Einkäufen zum Beispiel, bei der Lösung von Problemen etwa etc. Aber eine solche implizite Handlungsabsicht kann genauso hinterfragt werden, und Gewißheit verschafft uns eben nur eine Äußerung.) So gesehen kann man von absichtlichem Handeln wohl nur bei Wesen sprechen, die sich zu verbalisieren vermögen. Verhaltensweisen und somit Handlungen stehen vor dem Hintergrund der Absicht in engem Zusammenhang mit den Begriffen Motiv und Grund. Die Begründung für eine Handlung kann nur jemand liefern, der die dazu nötigen Begriffe versteht und zu artikulieren vermag. P. Winch macht es noch strikter: Wenn ich jemandem einen Grund für sein Verhalten zuschreibe, dann kann ich das nur sinnvollerweise tun, wenn nicht nur die Zuhörer, sondern auch der so Beschriebene mit den Begriffen, mit denen er beschrieben wird, etwas anfangen kann, d.h. eine Vorstellung davon hat (vergl. Winch P., 1958, dtsch. 1966, S. 64). Das Problem wird allerdings nach meiner Ansicht dadurch erschwert, daß wir oft für Motive und Verhaltensweisen die gleichen Begriffe verwenden und noch dazu nicht zwischen Zuschreibung und Beschreibung unterscheiden. Mit dem Bewußtsein einer absichtlichen Handlung ist im übrigen immer auch das Bewußtsein der Möglichkeit ihrer Unterlassung mitgegeben, weil eben die Handlung durch eine in einem Satz artikulierbare Absicht bestimmt ist und Sätze (und nur Sätze) negierbar sind. Auch daran erweist sich die Sprachverstrickung als evident, und es eröffnet sich uns das, was wir als menschliche Freiheit bezeichnen (vergl. Tugendhat, 1976, S. 110).

 

Als Kant schrieb: Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung, da war für ihn vermutlich klar, daß wir in der Lage sind, uns nichtsprachlich auf Gegenstände zu beziehen und sie zu reflektieren. Die Idee aber, daß es eine vorsprachliche Bezugnahme auf Gegenstände gibt, daß sich das Bewußtsein auf Gegenstände bezieht, indem es sie vorstellt, ist für Tugendhat ein Phantom; und in weiten Teilen seines Buches ist er bestrebt, dies zu verdeutlichen. Seiner Ansicht nach dachten sich die Transzendentalphilosophen das Bewußtsein von Gegenständen zu einfach und ohne zu berücksichtigen, daß wir auf Gegenstände mit Ausdrücken Bezug nehmen, die als singuläre Termini in eine bestimmte logische Satzstruktur gehören. Die Idee einer vorsprachlichen Subjekt-Objekt-Beziehung erweist sich bei genauerer Analyse als sinnleer. Ein Gegenstand ist zunächst einmal etwas, über das etwas ausgesagt werden kann. Schon Aristoteles hat vom Gegenstand als dem Subjekt von Prädikationen gesprochen. Indem über den Gegenstand etwas ausgesagt werden kann (ja muß), wird er erst zu „diesem“ oder „jenem“ Gegenstand. Erst in einer Aussage wird er identifiziert bzw. spezifiziert wie Tugendhat meint. Erst in der Beschreibung, in der Prädikation, die auf andere Beschreibungen und somit Spezifikationen verweisen können muß, wird er zum (bewußt) unterscheidbaren, begreifbaren Gegenstand bestimmter Art. D.h. die Gegenstände erhalten ihre „Bedeutung“ über die Bedeutung der Wörter, der singulären Termini, die ihrerseits unselbständige, durch Prädikate ergänzungsbedürftige Ausdrücke sind. (Diese Ergänzungsbedürftigkeit der singulären Termini beruht darauf, daß sie die Funktion haben  anzugeben, welcher Gegenstand (von allen), nämlich welcher Gegenstand in bezug auf eine implizite oder explizite Charakterisierung mittels Prädikate gemeint ist.) Der sprachlich nicht erfaßte Gegenstand sagt uns nichts. „Die Welt spricht nicht. Nur wir sprechen“ (Rorty R, 1989, dtsch. 1993, S. 25). Gegenstände sind somit etwas wesensmäßig Klassifizierbares (die primäre semantische Einheit ist daher nicht der Name, sondern der Satz (vergl. Tugendhat E. , 1976, S. 338 u. 367). Seit Freges Beispiel mit dem „Abendstern“ bzw. „Morgenstern“ ist geklärt, daß der Gegenstand nicht die Bedeutung eines Wortes sein kann. Andererseits sind nur zwei Möglichkeiten denkbar, wie man sich situationsunabhängig auf einen Gegenstand beziehen kann: Entweder über eine Art Vorstellung oder über eine Beschreibung. Aber eine Vorstellung kann nicht klären, was in der Kommunikation mit einem bestimmten Ausdruck, speziell was für ein Gegenstand mit einem singulären Terminus gemeint ist. Die vorstellungs- bzw. gegenstandstheoretische Position, wonach unser Gegenstandsbezug als solcher primär kein sprachlicher ist, kann nicht begreiflich machen, wie wir uns mit Wörtern auf Gegenstände beziehen können. Nach dieserr Theorie besteht z.B. die Funktion der Namen in einer Art Etikettierung, darin, im Geist diejenigen Gegenstandsvorstellungen latent aufzurufen, mit denen sie assoziiert sind (die Beziehung zwischen Zeichen und Gegenstand wird als einfache Zuordnung gedacht). Der Vorstellungstheorie folgend müßten wir, wenn wir erklären wollten, für welchen Gegenstand ein Name steht, prüfen, was wir uns bei der Verwendung des Namens vorstellen. Doch für eine intersubjektive Rede wäre das unbrauchbar (vergl. Tugendhat E. , 1976, S. 356). Auf die Frage beispielsweise: „Was meinst du mit.....?“, wäre ich immer noch gezwungen, die Vorstellung verbal zu charakterisieren, d.h. zu beschreiben. Das „Bild“ soll sagen, was ich mit einem Wort meine. Aber wie meint man mit einem Bild etwas? Warum versteht uns der Zuhörer? Erweckt das Wort bei ihm genau die gleichen Vorstellungen? (Und selbst wenn: Wer garantiert, daß wir mit gleichen Vorstellungen das Gleiche meinen?) Tatsächlich haben wir doch, wenn wir aufgefordert werden, uns auf einen Begriff hin etwas vorzustellen, die unterschiedlichsten Bilder vor Augen, seien sie nun anschaulich oder nicht. Wie vergleicht man  Vorstellungen? Indem man sie beschreibt. Und wie kommt man darauf, daß man mit dem gleichen Wort Unterschiedliches meint? Doch erst in der Anwendung, im Gebrauch. Somit werden Vorstellungen, wenn nötig, pragmatisch geklärt. Nicht die Vorstellungen „sagen“, was mit einem Wort gemeint ist. Es ist umgekehrt. Der gemeinsame (intersubjektive) Sprachgebrauch macht es uns möglich, Vorstellungen auszutauschen und aufeinander abzustimmen (wobei wir schon geklärt haben müssen, was wir im jeweiligen Zusammenhang unter Vorstellungen verstehen; denn auch der Begriff der Vorstellung ist kein kontextunabhängiger). Die Beschreibung klärt die Vorstellung. Wie soll man von daher einen Gegenstand vor allem Sprachgebrauch (oder Zeichengebrauch) meinen? Das Meinen wäre ja nun offensichtlich etwas, was meiner Vorstellung eine Richtung geben müßte. Aber wie erfahren die anderen von dieser Richtung? Doch nur über den Sprachgebrauch. Vorstellungen können unseren Sprachgebrauch begleiten. Aber es ist nicht so, daß ich weiß, was ich mit einem bestimmten Wort meine, weil ich ein bestimmtes Bild oder so etwas vor mir habe. „ Es ist so wenig für das Verständnis eines Satzes wesentlich, daß man sich bei ihm etwas vorstellt, als daß man nach ihm eine Zeichnung entwerfe“ (Wittgenstein, PU, § 396). Das Meinen ist kein geistiger Akt, der willkürlichen Zeichen Leben einhaucht. Nach Wittgenstein gaukelt uns die Sprache etwas vor, wenn wir Wendungen gebrauchen wie: „Das habe ich anders gemeint“ (hier drückt das Wort „meinen“ vielleicht so etwas aus wie: „Ich wollte auf etwas anderes hinaus). Wäre das Meinen eine geistige Tätigkeit, so müßte es mir gelingen, mit dem Satz: „Ich philosophiere nur ungern“, den gleichen Sinn zu verknüpfen wie mit:“Ich trinke gern einen guten Wein. Es zeigt sich aber, daß wir mit solchen Versuchen völlig überfordert sind. Wir blinzelten dabei mit den Augen vor Anstrengung, meint Wittgenstein sarkastisch. Worauf sich eine Verständigung stützte, wenn es von der Sprache vollkommen unabhängige Akte des Meinens gäbe, bleibt  dazu – wie erwähnt – völlig offen. Wie könnte etwas Geschriebenes mir das „sagen“, was der Schreiber meinte? Nur schon diese wenigen Beispiele verdeutlichen folgendes: Einen Gegenstand „zu meinen“, heißt eben nun auch, zu wissen, worauf ein Ausdruck abzielt, wenn er in einem bestimmten Sprach- und Handlungskontext steht. Außerhalb eines Sprach- bzw. Zeichengebrauchs kann man keinen Gegenstand meinen. Man frägt ja auch, wenn jemand einen unbekannten singulären Terminus verwendet: Was meint er damit? Und nicht: Was stellt er sich vor? (vergl. TugendhatE , 1976, S. 356).

 

Es ist also die Funktion des singulären Terminus, anzugeben, nicht nur welcher, sondern welcher von allen Gegenständen, die in Frage kommen könnten, gemeint ist; d.h. aus einer Vielzahl ein Gemeintes, worauf Prädikate zutreffen sollen, herauszustellen, zu spezifizieren (ebda. S. 369). Der Zusatz ist entscheidend, denn erst durch das Prädikat wird ein Gegenstand als so und so gemeinter verstanden und begriffen. Eine Badewanne wahrzunehmen beispielsweise, heißt eben auch zu wissen, was eine Badewanne ist, wozu sie in erster Linie verwendet wird; d.h. in welchem Kontext man ihr begegnet, woraus sie bestehen kann, wie sie geformt sein kann etc. Und das alles wiederum bedeutet, daß man sich bestimmter Sachverhalte bewußt ist, über ein Vokabular verfügt, über einen Begriffsrahmen, und daß wir in der Lage sind, jemandem zu erklären, was eine Badewanne ist. Wir sind also in der Lage so zu handeln und uns zu artikulieren, daß wir jemandem den Begriff Badewanne erklären können.

 

Aber eine Handlung allein genügt nie, um jemandem einen Begriff zu erklären. Wenn der Betreffende nicht weiß, was es heißt, sich zu baden, zu waschen, zu pflegen, zu entspannen etc., dann kann man ihm die Bedeutung von „Badewanne“ nicht erklären. Voraussetzung ist, daß er an unserer Lebensart irgendwie teilnimmt und wir mit ihm das machen könnten, was wir mit uns machen: nämlich ihn reinsetzen, schrubben etc. Dabei verwendeten wir immer wieder das gleiche Vokabular, und das setzt sogar voraus, daß wir irgendwo bei seinen Handlungsweisen, bei seinem Vokabular anknüpfen könnten.

 

Ein Kind hat sicher noch nicht den komplexen Begriff von einer Badewanne, den ein Erwachsener hat. Ein Begriff kann sich –wie Wittgenstein sagt – zusehends mit mehr Leben füllen. Je mehr ich von etwas erfahre, je mehr ich davon weiß, umso umfassender wird mein Begriff im Sinne meiner Beschreibungs- und Vorstellungsmöglichkeiten.

 

So wie Tugendhat mit Bezug auf verschiedene analytische Philosophen (z.B. Quine, Strawson) die Funktion eines  singulären Terminus beschreibt, handelt es sich nicht um eine Relation, denn sie läuft über eine Beziehung auf alle Gegenstände (deshalb muß ja der gemeinte Gegenstand überhaupt erst spezifiziert werden). Aber nicht nur das Verständnis von „alle“ ist im Hinblick auf etwas einzelnes Gemeintes gleichursprünglich mit dem Verstehen eines singulären Terminus, sondern auch das Verständnis von Identität im Sinne von „ist (nicht) identisch mit....“ (vergl. Tugendhat, 1976, S. 371) und somit das Verfügen über Identitätskriterien. Und daß dies über bloß diskriminatives Verhalten hinauszielt, habe ich schon diskutiert. Das Bewußtsein abstrakter Entitäten wie „Einzelnes“, „Ähnlichkeiten“ ist eine sprachliche Angelegenheit. (Daß wir in der Lage sind auf „Gleiches“ gleichartig zu reagieren, hat mit unserer Fähigkeit, um Ähnlichkeiten zu wissen, insofern zu tun, als dies eine Voraussetzung für die Entwicklung unserer Sprache war).

 

Zwei Dinge sind in diesem Zusammenhang für mich wichtig. Der sorglose Umgang mit einem mentalistischen Vokabular bei Beschreibungen und Zuschreibungen im Alltag verführt uns immer wieder zur Überzeugung, bestimmten Ausdrücken müsse „etwas“ entsprechen, das auch ohne Sprache erkennbar sei. Wenn wir z.B. sagen: „Der Hund hat seinen Herrn erkannt“, dann verführt uns das zur Vorstellung, daß der Hund „etwas“ als seinen „Herrn“ „erkannt“ hat (daß es eine nichtsprachliche mentale Erkenntnisleistung gibt). Eine ähnliche Aussage verführt uns auch beim Menschen zu solchen Vorstellungen; doch mir scheint, beim Tier wird das Problem deutlicher. „Seinen Herrn erkennen“, impliziert, zu wissen, wer mein Herr ist, was ein Herr ist etc., und „erkennen“ selbst impliziert, rechtfertigen zu können, woran ich ihn erkannte. Es geht um Beschreibungsmöglichkeiten. Und es geht um das „Begreifen“ von Sachverhalten. Es gibt keinen Ansatz, der verständlich macht, wie dies außersprachlich möglich sein soll. Wenn ich fragen würde: „Woran hat der Hund seinen Herrn erkannt? Würde irgend jemand (sicher aber nicht der Hund) antworten: „An der Gestalt“. Aber wer würde ernsthaft behaupten: „An den Augen, an seiner Gestik“? Wie soll eine Individuation nonverbal möglich sein? Ich stelle mir eine Zuschreibung vor, die lautet: „Dem Hund kam die Gestalt irgendwie bekannt vor“. Doch offenbar beenden wir dieses Sprachspiel irgendwo. Wir haben Zweifel, daß sich ein Hund etwas Derartiges überlegt; denn in welcher Form sollte dies geschehen? (Oder wir haben das undeutliche Gefühl, daß die Sprechweise nicht mehr adäquat ist). Um es nochmals zu betonen: Irgend etwas als etwas Bestimmtes zu erkennen, ist nicht das Gleiche, wie darauf diskriminativ zu reagieren.

 

Hier muß ich auch die Frage anschließen, ob man da, wo beispielsweise ein Kind durch Imitation bzw. instrumentelle Konditionierung lernt, einen einfachen Ausdruck auf ein Objekt so anzuwenden, daß es ihn nur dann äußert, wenn es das Objekt wahrnimmt, bereits vom Verstehen und von der Bedeutung des Wortes und davon sprechen kann, daß es den Gegenstand im Sinne des Wissens, worum es sich handelt, erkannt hat. Wittgenstein meint: „Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklären, sondern ein Abrichten“ (PU, § 5). Das Wort „Verstehen“ gehört sicher zum Handlungsspielraum und zum verbalen Kontext des Wortes „Erklären“ (oder etwas als so und so Verstandenes erkennen). Bei Wahrnehmungen, die nicht unter Beschreibungen erfolgen, ist es von da her unverfänglicher, von diskriminativer Reaktion zu sprechen, statt von Erkennen (doch bei einem Kind werden wir uns im Wissen um seine potentiellen Möglichkeiten wahrscheinlich hüten, so „physikalistisch“ zu sprechen).

 

Der Unterschied, um den es geht, ist der, daß auch Tiere (oder neuronale Netze) „trainiert“ werden können, diskriminativ auf (z.B.) Veränderungen eines Kreises hin zu einer Ellipse zu reagieren. Aber eine Ellipse als eine Ellipse zu erkennen, das ist eine Wahrnehmungsebene, auf der die Welt „beschrieben“ wird; d.h. , zu wissen, was eine Ellipse ist. Wenn wir sagen: „Der Hund hat eine Ellipse wahrgenommen“, dann machen wir in der Regel keinen Unterschied zwischen „Beschreibung“ und „Zuschreibung“ und lassen uns paradoxerweise gerade vom Sprachgebrauch zur Vorstellung eines Begriffs, auf den die Zeichen (nur) verweisen, verführen. Quine unterscheidet in seinem Buch „Die Wurzeln der Referenz“ zwischen Rezeption und Wahrnehmung. Auf der ersten Ebene arbeiten die Sinnesrezeptoren, auf der zweiten kommt die Gestalt ins Spiel. Er bringt das Beispiel eines Tieres vor einem Bildschirm und einem Hebel, das „herausfindet“, daß das Drücken des Hebels einen Futterbissen bringt, wenn auf dem Schirm ein Kreis erscheint, jedoch einen elektrischen Schlag, wenn vier halbkreisförmig angeordnete Punkte zu sehen sind. Zeigt man ihm die gleichen vier Punkte, angeordnet wie zuvor, nun aber ergänzt um drei weitere, die den anderen Halbkreis andeuten, und das Tier drückt neuerlich den Hebel, dann – so Quine – könne man sagen, es habe die Kreisgestalt und nicht die einzelnen Punkte wahrgenommen (vergl. Quine, 1974, dtsch. 1989, S. 20). Damit stellt Quine die Gestaltwahrnehmung in den Kontext des Verhaltens; genau genommen natürlich in den Kontext der Beschreibung von Verhalten; und der Begriff des „Kreises“ (oder besser „der Kreiswahrnehmung“) gehört hier zur Beschreibung. Zweierlei ist hier von Bedeutung: Das Tier zeigt unterschiedliche Verhaltensweisen, und es gibt einen Beobachter, der das Verhalten im Sinne einer „mentalistischen“Zuschreibung interpretiert. Quine geht die Sache entsprechend vorsichtig an, denn er formuliert: „ Wenn..........., dann kann man sagen; und in der Folge spricht er denn auch von einer durch Konditionierung entstandenen Gewohnheit, auf einen Reiz auf eine bestimmte Weise zu reagieren. Diese Vorsicht scheint in Anbetracht des Vokabulars, das er verwendet, angebracht. Aber nicht wegen des naheliegenden Einwandes, wir wüßten ja nicht, was das Tier tatsächlich „sehe“, sondern weil es nicht Mitglied einer Sprachgemeinschaft ist, deren Sprache mitbestimmend ist für die Art ihrer Erfahrungsweisen. Was andere tatsächlich wahrnehmen oder empfinden, kann im übrigen auch kein Kriterium für die Gewißheit hinsichtlich der Übereinstimmung von Menschen bei Wahrnehmungen oder Empfindungen sein. Das Kriterium ist vielmehr die Übereinstimmung im Sprachgebrauch. Wittgenstein hat dies an einem scheinbar sehr privaten Erlebnis, nämlich an körpereigenen Empfindungen wie Schmerzen verdeutlicht. Sein Argument gegen die Möglichkeit privater Ausdrücke für private Empfindungen mag teilweise umstritten sein, doch in bezug auf die Notwendigkeit der Intersubjektivität der Sprache bei der Beschreibung von Gegenständen läßt sich die Gültigkeit seiner Aphorismen kaum bezweifeln.

 

Wenn jemand behauptet: „Nur ich weiß, was ich für Schmerzen habe“, dann tut er so, als nehme er gegenüber den anderen hinsichtlich dieses Erlebnisses (und weiterer ähnlicher Erlebnisse) einen privilegierten Beobachterstatus ein. Doch dies ist ein Trugschluß: Das Gewißheitskriterium für „Erlebnisse“ kann nicht auf innerer Anschauung beruhen. Das Charakteristikum der Erlebnisworte ist für Wittgenstein, daß die dritte Person durch Beobachtung verifiziert werden kann, nicht aber die erste. Wenn ich sage: „Ich bin gut gelaunt“, dann sage ich das nicht auf die Beobachtung meines Benehmens hin, aber es hat nur Sinn, weil ich mich so benehme (vergl. PU, § 357). Das heißt, weil ein anderer es auf die Beobachtung meines Benehmens und meiner Äußerung hin sagen kann – sonst könnten wir einen solchen Sprachgebrauch gar nicht lernen (und wir wüßten nicht, was „gute Laune“ ist). Es geht hier nicht darum, daß ich – nachdem ich eine Sprache und somit bestimmte Ausdrücke gelernt habe – in der Lage bin, mir „gute Laune“ ode „Schmerzen“ etc. überhaupt und damit in gewisser Weise auch bei anderen vorzustellen. Empathisches Vermögen wird von Wittgenstein ja nicht bestritten. Bestritten wird jedoch die Vorstellung, individuelle private Erlebnis- oder Wahrnehmungsqualitäten könnten unser Wissen um Zustände, vor allem aber um Gegenstände begründen. Wenn ich nicht an „objektiven“ Beispielen, eingebettet in Handlungen und einen zunehmenden verbalen Kontext gelernt hätte, was z.B. ein Baum ist, wäre ich nicht einmal in der Lage, meine Wahrnehmungsqualität zu bezweifeln, weil ich nicht wüßte, was ich wahrnehme. Die Behauptung: „Niemand weiß, was ich wirklich wahrnehme, wenn ich einen Baum sehe“ (oder: „Wir können nicht wissen, was der andere wirklich wahrnimmt“) ist einfach deswegen widersinnig, weil diese Behauptung allein schon voraussetzt, daß wir uns verstehen (d.h. einen intersubjektiv geregelten Sprachgebrauch beherrschen) und wissen, was ein Baum ist. Zu wissen aber, was ein Baum ist, heißt natürlich, dieses Wissen rechtfertigen bzw. einen Sachverhalt verstehen und vertreten zu können. Um nochmals zum Ausgangspunkt dieser letzten Erörterung zurückzukehren: Einen Gegenstand zu erkennen, heißt genau genommen immer, etwas als das und das (unter einer Beschreibung Stehendes) zu erkennen. „Erkennen“ ist demnach, wie W. Sellars betont, kein zweistelliger, sondern ein dreistelliger Relationsausdruck.

 

Die Gewißheit, daß das, was ein anderer (Mensch) wahrnimmt, dem entspricht, was ich wahrnehme, gewinnen wir daraus, daß wir in der Verwendung von Ausdrücken innerhalb bestimmter Kontexte und in den dazugehörigen Handlungsweisen übereinstimmen. In der Sprach- und Handlungsgemeinschaft habe ich gelernt, was dieser oder jener Gegenstand ist. Unsere Erkenntniskriterien sind Übereinstimmungen im Sprachgebrauch und in den Handlungen. „So sagst du also, daß die Übereinstimmung der Menschen entscheide, was richtig oder falsch ist? – Richtig und falsch ist, was Menschen sagen; und in der Sprache stimmen die Menschen überein. Dies ist keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensform“. (L. Wittgenstein, PU, § 241).

 

Der zweite Punkt ist der, daß die Fähigkeit etwas als „etwas“ zu erkennen zwar in der Sprache verankert ist, daß das aber nicht heißt, damit breche eine besondere Kluft zwischen Mensch und gegenständlicher Welt auf. Im Gegenteil: Es wird eine besondere Beziehung gestiftet.

 

„Ich kann im Dreieck jetzt das als Spitze, das als Grundlinie sehen – jetzt das als Spitze und das als Grundlinie. – Es ist klar, daß dem Schüler, der nur eben erst mit dem Begriff Spitze, Grundlinie etc. Bekanntschaft gemacht hat, die Worte“ich sehe jetzt das als Spitze“ noch nichts sagen können. – Aber das meine ich nicht als Erfahrungssatz.

Nur von dem wird man sagen können, er sähe es jetzt so, jetzt so, der imstande ist, mit Geläufigkeit gewisse Anwendungen von der Figur zu machen.

Das Substrat dieses Erlebnisses ist das Beherrschen einer Technik. Wie seltsam aber, daß dies die logische Bedingung dessen sein soll, daß einer das und das erlebt!. Du sagst doch nicht, nur der habe Zahnschmerzen, der das und das zu tun imstande sei. – Woraus folgt, daß wir´s hier nicht mit demselben Erlebnisbegriff zu tun haben können. Es ist ein anderer, wenn auch ein verwandter.

Nur von einem, der das und das kann, gelernt hat, beherrscht, hat es Sinn zu sagen, er habe das erlebt..........

Wir sprechen, machen Äußerungen, und erst später erhalten wir ein Bild von ihrem Leben“ (PU, § ).

Wittgenstein will damit auch sagen, daß unsere Begriffe die Form unserer Welterfahrung regeln. Die Ontologie unserer Welt ist nichts Sprachunabhängiges; das zeigt sich z.B. in der alten physikalischen Redeweise von der „vis viva“, der lebendigen Kraft, oder in der Deutung biologischer Vorgänge durch die Annahme einer Entelechie (vergl. Kutschera, S. 323).

 

Ich bin nun also bei der Diskussion des Begriffs der Erfahrung bei der Ontologie gelandet, aber das war letztlich nicht anders zu erwarten. Ich habe versucht zu zeigen, daß wir uns auf eine spezifische Weise, nämlich über Sachverhalte in der Welt orientieren. (so viele Weisen der Beschreibung der Welt, so viele Weisen der Zerlegung in einzelne Sachverhalte, meint Nelson Goodman) und daß wir im erweiterten Kontext des Sprachverständnisses spezifische (manche würden sagen „intentionale“) Bezie-hungen mit den Gegenständen der Welt eingehen, d.h. Erfahrungen machen. Ich habe auch versucht, anhand des „Meinens“ zu verdeutlichen, daß sprachunabhängige„geistige Akte“ sich bei sprachanalytischen Betrachtungen verflüchtigen und daß ein mentali-stisches Vokabular nur dort Sinn zu machen scheint, wo es ein Echo in einem Sprachverständnis findet. Begriffe wie „erfahren“, „erkennen“, „wahrnehmen“, gehören hier ebenso dazu, wie „verstehen“ und „erklären“, „lernen“ oder gar „begreifen“.

 

Wenn nun aber der Begriff der „Intelligenz“ offenbar sehr viel mit „Lernen“ zu tun hat, stellt sich wiederum die Frage, wovon wir da eigentlich reden. Kognitivisten und Neurobiologen verstehen unter „Lernen“ zunächst einfach den Erwerb neuen Wissens. Man kann Handlungsabläufe lernen, Bewegungsabläufe, komplexe Bewegungsabläufe, Reaktionen, Informationen, Rechnen, Sprachen, Techniken (wie das Lernen selbst) etc.  Es gibt Unzähliges, was unter den Begriff des „Lernens“ fällt, und in vielen Fällen geht es um das Erlernen von Fähigkeiten, Verhaltensweisen oder Problemlösungsverfahren. Die Psychologen unterscheiden zwischen bewußtem und unbewußtem Lernen, und im ersten Fall spielt das verbale Lernen eine große Rolle. Wir lernen aber auch durch Imitation (am Modell), durch Konditionierungen, durch aversive Reize und allgemein durch Verhaltenskonsequenzen. Das Problem bei einem aufzählenden Verfahren dieser Art ist, daß nicht klar wird, welcher Teil des Vokabulars auf die besonderen Fähigkeiten des Menschen zugeschnitten ist. Wir sagen von Tieren, daß sie lernen, wir sagen es von Menschen erst recht, und neuerdings spricht man auch  von der Lernfähigkeit neuronaler Netze, also von parallel verarbeitenden Computern. Lernen zählt im allgemeinen zu den „mentalen Funktionen“. Neurobiologen und Kognitivisten indessen sind sich einig, daß Lernen – physikalistisch beschrieben – auf zellinhärenten Mechanismen beruht, die die Särken von Nervenverbindungen verändern. Solche Mechanismen sind also die Voraussetzung dafür, daß wir „Wissen“ erwerben und verallgemeinern, d.h. eben lernen können bzw. konditionierbar sind. Der Begriff des „Gedächtnisses“ ist daher unauflösbar verstrickt mit dem des „Lernens“, und Lernen ist bei Lebewesen unerläßlich für flexible Verhaltensanpassungen. In der Wissenschaft wird – wie angedeutet – zwischen explizitem und implizitem Lernen unterschieden. Unter ersterem versteht man das bewußte Registrieren von Sachverhalten, wobei auf frühere Erfahrungen und Allgemeinwissen zurückgegriffen wird. Implizites Lernen zeigt sich darin, daß jemand etwas besser beherrscht als zuvor, ohne angeben zu können, was er gelernt hat (wenn es sich um einen Menschen handelt). Diese Fähigkeiten werden ohne Einschränkung in entsprechenden Lehrbüchern auch Tieren zugeschrieben, und was z.B. ein Sachverhalt ist, wird nicht einmal ansatzweise diskutiert. Aus empirischer Sicht werden beim Lernen gleichzeitig auftretende oder zeitlich aufeinanderfolgende Reize assoziiert, wobei es - vereinfacht ausgedrückt - durch gleichzeitige oder zeitlich abgestimmte neuronale Aktivitätsmuster zu unterschiedlichen Gewichtungen synaptischer Verbindungen kommt.

 

Das ist nun genau die Art von Beschreibung, die der Vorstellung von der Lernfähigkeit künstlicher neuronaler Netze entgegenkommt. Ich habe es schon angesprochen, daß künstliche neuronale Netze aus untereinander verbundenen Einheiten bestehen, deren jede ein natürliches Neuron vertritt. Diesen sogenannten Knoten ist ein Gewicht (eine Zahl) zugeordnet, das mit der modifizierbaren synaptischen Effizienz verglichen werden kann. Jede eingehende Aktivität (das ist wiederum ein Zahlenwert, stellvertretend für die Signale in der echten Nervezelle) wird gewichtet, also mit einem weiteren Zahlenwert multipliziert. Der Knoten als Pendant zum Zellkörper addiert die gewichteten Eingaben auf und berechnet daraus seine Ausgabeaktivität mittels einer Transferfunktion. Die üblichen neuronalen Netze bestehen (gegenwärtig) aus drei Schichten von Knoten, wobei die Schicht der Eingabeknoten mit einer Schicht interner Knoten und diese wiederum mit einer Schicht von Ausgabeknoten verbunden sind. Es handelt sich um ein äußerst vereinfachtes Modell eines Wahrnehmungssystems mit den Aktivitäten der Eingabeknoten als Sinneseindrücke, und die Aktivitäten der Ausgabeknoten entsprechen den Begriffen für die wahrgenommenen Gegenstände. Was diesen einfachen Netztyp für Kognitivisten so interessant macht, ist, daß die internen Knoten nicht darauf festgelegt sind, wie sie die Information aus der Außenwelt  repräsentieren. Für jeden internen Knoten bestimmen die von der Eingabeschicht eintreffenden Verbindungen, in welchem Maße er aktiviert wird.; und da der interne Knoten seine Verbindungsgewichte zu modifizieren vermag (und damit sozusagen „lernfähig“ ist) kann er (nach einer schlechten Analogie) selbst „bestimmen“, was er repräsentiert (vergl. Gehirn und Bewußtsein, Wolf Singer, 1994, S. 138). Solche Netze lassen sich nun auf bestimmte Aufgaben hin trainieren; d.h. in technischem Vokabular, sie approximieren unbekannte Funktionen aus vorgegebenen Daten. Zur Zeit wird unterschieden zwischen überwachtem Lernen (wie Lernen mit Lehrer) und nicht überwachtem..

 

Zu Beginn einer typischen Lernaufgabe (beispielsweise das Erkennen handgeschrie-bener Ziffern) sind die Gewichte eines neuronalen Netzes zufällig eingestellt. Das Netz erhält nun einen Input, d.h. die Eingabeknoten erhalten ein Aktivitätsmuster (Bild einer Ziffer), und die zugehörigen Aktivitätsmuster für die Ausgabeknoten. Durch den Vergleich der von ihnen erzeugten mit der gewünschten Ausgabe wird das Maß der Abweichung (d.i. das Quadrat der Differenz zwischen tatsächlicher und gewünschter Aktivität der Ausgabeknoten) ermittelt. In der Folge werden die Gewichte der Verbin-dungen so verändert, daß der Fehler reduziert wird. Das „Erkennen“ des Fehlers und die Änderung des eigenen inneren Zustandes zu dessen Minimierung sind in dieser „Lehrer-Schüler-Interaktion“ Aufgabe des Netzes, das so programmiert wird, daß jeder Knoten, ausgestattet mit einigen elementaren Rechenfähigkeiten, die dazu erforderlichen Schritte selbst ausführt. Der bekannteste Lernalgorithmus für neuronale Netze ist der Backpropagation-Algorithmus (ebda. S. 140), ein Gradientenverfahren zur Minimierung des Ausgabefehlers. Dabei wird der quantitative Fehler, den das Netz macht, gewissermaßen von der Ausgabeschicht an die vorhergehenden Schichten zurückgereicht, bis die Eingabeschicht erreicht ist; gleichzeitig werden die Gewichte angepaßt.

 

Der stärkste empirische Einwand gegen dieses Modell des Lernens ist der, daß ein damit arbeitendes System einen Lehrer braucht, der das gewünschte Ergebnis  für jedes Lernbeispiel bereitstellt. Menschen lernen aber zumeist ohne solche Hilfestellungen, denn niemand gibt ihnen detailliert die internen Repräsentationen der Umgebung vor, die sie aus den Sinnesdaten herleiten sollen.

 

Daher wurden Verfahren  für nicht überwachtes Lernen entwickelt, die alle zweierlei gemeinsam haben: Ihnen liegt der Begriff der Qualität einer Repräsentation zugrunde, und sie verändern die Gewichte so, daß die Qualität der von den internen  Knoten extrahierten Repräsentationen  ansteigt. Die Repräsentationsqualität gilt dann als gut, wenn ihre Beschreibung nur geringen Aufwand erfordert und die in ihr enthaltenen Informationen zur Rekonstruktion der Rohdaten in guter Näherung ausreichen (vergl. ebda. S 141). Dieses nicht überwachte Lernen verlangt keine vorgegebene Ausgabe mehr. Das Netz reagiert lediglich auf ähnliche Eingaben mit ähnlichen Ausgaben, wobei die Daten wie bei einer Clusteranalyse in möglichst homogene Gruppen eingeteilt werden. Alles, was ein neuronales Netz (egal welchen Typs) gelernt hat, ist in den Gewichten codiert, und daraus lassen sich kaum strukturelle Informationen gewinnen. D.h., wenn ein Netz eine Aufgabe vollständig löst, weiß man nicht, wie es das gemacht hat.; es stellt sich uns als „black box“ dar .

 

Algorithmen für lehrerloses Lernen werden nach den von ihnen erzeugten Repräsentationsformen klassifiziert. Beim sogenannten Haupt-Komponenten-Lernen kooperieren die internen Knoten miteinander, und die Repräsentation des Eingabemusters ist über alle Knoten verteilt. Bei kompetitiven Methoden wetteifern die Knoten miteinander, und die Repräsentation eines Eingabemusters ist schließlich in einem ausgewählten Knoten lokalisiert. Fällt der Knoten aus, so ist die zugehörige Information verloren und die Netzfunktion gestört. Da das menschliche Gehirn durch den Verlust einiger Neuronen nicht beeinträchtigt wird, kann man davon ausgehen, daß es sogenannten Populationscodes verwendet, d.h., daß beispielsweise die Bewegung der Augen durch die Aktivität einer ganzen Population  von Neuronen codiert wird, wie sich experimentell gezeigt hat (ebda. S. 143). Populationscodes haben also den Vorteil , daß sie gegen den Ausfall einiger Neuronen unempfindlich sind, und sie kommen daher bei lehrerlosen Netzen zum Einsatz.

 

Ein weiterer Ansatz stellen Netze dar, in denen Aktivierungen über geschlossene Schleifen fließen können; solche rekurrenten Netze können zu stabilen Zuständen gelangen.

 

Die Möglichkeiten, die sich hier auftun, werden seit einigen Jahren auch bei einem besonders ehrgeizigen Projekt des Massachusetts Institute of Technology (Cambridge, Massachusetts, USA) unter Beteiligung des Philosophen Daniel C. Dennett genützt. Es geht um den Bau eines menschenähnlichen Roboters, genannt COG, der nach Dennetts Beschreibung die Früchte der Kognitionswissenschaft bespielhaft darstellen soll, als eine Maschine, die in der realen nicht-virtuellen Welt situiert ist (vergl.  Daniel C. Dennett, in Metzinger Th., Hrsg., 1995).Dieser Roboter besitzt beispielsweise Arme mit dreifingerigen Händen an beweglichen Handgelenken, Beweglichkeit der Taille, des Kopfes, der Augen (Videokameras mit fovealer hochauflösender und parafovealer niedrigauflösender weitwinkeliger Sehkraft. Teile COGs sind ein festverdrahtetes System (das Schutzfunktionen vergleichbar unserer Schmerzempfindung erfüllt). Der Roboter ist so konstruiert, daß er eine längere künstliche „Kleinkindphase“ durchläuft, in der er durch „Erfahrung“ an der Umwelt lernt. An neuralgischen Stellen ist er mit druckelektrischen Membranhäuten ausgestattet (die bei Beührung Alarm auslösen), wobei er lernen soll, diese Stellen vor Stößen zu bewahren. Ähnlich wie bei menschlichen taktilen Nerven wird die Bedeutung der Signale (die durch Drähte geschickt werden) eher davon abhängen, was das zentrale Steuersystem daraus macht als von ihren intrinsischen Merkmalen. COG besitzt ein Programm zur visuellen Gesichtserkennung und viele andere fest verdrahtete (sozusagen „angeborene“) Eigenschaften. Die Schöpfer sind sich im klaren, daß alles, was fähig ist zu lernen, von Beginn an mit einer großen Menge nicht erlernter funktionaler Strukturen ausgerüstet sein muß. COG wird letzten Endes eine viele Generationen umfassende Folge stetig verbesserter Modelle darstellen. Was dann z..B. nicht fest verdrahtet, sondern durch Lernen in das Steuersystem von COG eingebaut wurde, kann als Ganzes in COG II hineinverpflanzt werden. COGs Nervensystem ist eine massiv parallele Architektur, die gleichzeitig und unter Leitung verschiedener Systeme eine unbegrenzte Zahl von speziellen Netzwerken und Schaltkreisen für besondere Zwecke zu trainieren vermag. COG wird keinen fest verdrahteten Spracherwerbsmechanismus haben, sondern soll mit Hilfe von Ohren und Software zur Signalanalyse sowie Hard- und Software zur Sprachsynthese Sprache erwerben. (Ein Unterfangen, das in dieser Form nach Chomsky – wie ich noch diskutieren werde – zum Scheitern verurteilt ist.). Der Roboter wird so gut wie möglich für eine vielschichtige Interaktion mit Menschen ausgerüstet. Er soll außerdem über Zielerfassungen und Präferenzfunktionen (analog zu Wünschen und Bedürfnissen bei Menschen) verfügen. COGs künstliches Nervensystem besteht grob gesprochen aus 64 Me-II-Computern (vierundsechzig!), die in eine parallele Architektur eingespannt sind. Dennett betont, daß die Konstrukteure von COG hoffen, im Zuge der Auseinandersetzung mit den auftretenden realen Problemen (z.B. bei der Interaktion mit  mit anderen lebenden Wesen) in Echtzeit die hinreichenden Bedingungen für höhere kognitive Funktionen generell auszumachen

 

Marvin Minsky ist der Ansicht, daß alle Prinzipien der Organisation, die die Kognition ermöglichen, auch im abstrakten Bereich der reinen Simulation entdeckt werden können. Dreyfus dagegen hält – wie ich bereits andeutete – die echte Verkörperung in der realen Welt im Hinblick auf die Generierung von Bewußtsein für entscheidend. Für Dennett wie für Dreyfus ist es unumstritten, daß jedes Geschöpf, das mit Menschen auf im menschlichen Verständnis intelligente Weise interagieren will, Zugriff auf ungeheure Mengen an Hintergrundwissen haben muß. Und das ist einer der Gründe, warum er für den Bau von Robotern plädiert. Entweder muß dieses Weltwissen von Programmierern codiert werden, oder es muß eine Lösung gefunden werden, wie die Maschine ihr Weltwissen durch  reale Interaktionen mit der realen Welt erwerben kann. Letzteres erschien den Fachleuten des angesprochenen Projektes erfolgsversprechender und erlaubt überdies die Hoffnung – wie Dennett sich ausdrückt -, daß COG fähig sein wird, sich in weiten Teilen selbst zu konstruieren, indem er von „Kindheit“ an lernt und seine eigenen Repräsentationen seiner Welt in Begriffen aufbaut, die er angeborener-weise versteht. (Die ganze Ausdrucksweise ist hier meiner Meinung nach undurch-sichtig, denn COG soll ja eine Sprache erst erwerben, und man frägt sich, was „angeborenerweise verstandene Begriffe“ sein sollen.

 

Des weiteren hofft man vermutlich, daß sich Fragen der folgenden Art erübrigen:

1.      Wie muß Alltagswissen organisiert sein, daß man daraus Schlüsse ziehen kann?

2.      . Wie kann eine Fertigkeit oder ein „Wissen , wie“ als ein „Wissen, daß“ dargestellt werden

3.      Wie kann relevantes Wissen für besondere Situationen zu Bewußtsein gebracht werden (vergl. Dreyfus S. 656).

 

Zu Punkt 3 kann man sich die konkrete Frage vorstellen, wie ein Computer mit Millionen Fakten, die für keinen besonderen Zweck organisiert sind (und auch nicht dürfen, denn das wäre eine Form restriktiver Präferenz) genau die relevanten Informationen wiederauffinden kann, die z.B. für das Verstehen eines in einer spezifischen Situation geäußerten Satzes nötig ist. Angenommen, man liest folgende zwei Sätze in einer Zeitung:

„Eine brennende Zigarette wurde achtlos weggworfen“. „Das Feuer zerstörte zwei Drittel des Waldes“.

Der dritte unausgesprochene Satz nun: „Die weggeworfene Zigarette löste das Feuer aus“, ist keine logische Schlußfolgerung aus den ersten beiden Sätzen, aber jeder Leser wird sie ohne Schwierigkeiten ziehen. Unter anderem auch deswegen, weil wir wissen, daß über achtlos weggeworfene Zigaretten nur unter ganz bestimmten Umständen in der Zeitung berichtet wird, z.B. bei Schadensfällen, daß es Gründe für zeitlich und örtlich koinzidente Äußerungen gibt (obwohl wir – wie Untersuchungen zeigen – in der Regel sehr abgehackt, sprunghaft und unzusammenhängend miteinander kommunizieren, sodaß man sich nur in gewissen Kontexten auf diese Gründe verlassen kann). Ein anderes Beispiel bezieht sich darauf, daß Antworten auf Fragen wie: „Wo steht der Stefansdom?“ stark kontextabhängig sind. Wenn die Frage in der Schweiz gestellt wird, könnte die angemessene Antwort lauten: „In Österreich“. In Wien selbst wäre eine Antwort: „In der Innenstadt“. Würde die Frage in Wien in der U-Bahn gestellt, wäre die passende Antwort kein Standort, sondern eine Beschreibung, wie man dorthin kommt.

 

Dreyfus verweist darauf, daß ein Computer, um in einer Situation die relevanten Fakten abrufen zu können, die Situationen kategorisieren muß, dann all ihre Fakten (unter Befolgung von Regeln zur Auffindung allein der relevanten) durchsuchen und schließlich die für die Situation bedeutsamen abzuleiten hat. Eine solche Suche wird umso schwieriger, je mehr Fakten und Suchregeln hinzukommen.. In der KI-Forschung ist bekannt, daß mit dem Wachsen des Suchraumes (Zunahme an Infos) sich die Suche eines Programmes extrem verlangsamt. Beim Menschen dagegen ist es umgekehrt. Je mehr er über etwas weiß, umso leichter fällt es ihm, weitere relevante Informationen aufzurufen. Dreyfus schließt daraus, daß Menschen Speicher und Zugriffsformen verwenden, die völlig verschieden sind von den symbolischen Formen, die Repräsentationslisten voraussetzen (vergl. Dreyfus, S. 659 ff).

 

Dann gibt es da noch das Problem der Analogie der Ähnlichkeiten. Die Fähigkeit, unser Wissen zu erweitern, hängt zum Teil von unserem Vermögen ab, Analogieschlüsse zu ziehen. Nun ist fast jeder Satz voll von Metaphern und Analogien. Zur Verdeutlichung dessen, wohin es führt, wenn man Metaphern über Ähnlichkeit bzw. Proportionen zu verstehen sucht, wählte J. Searle ein explizites Beispiel: „Sally ist ein Eisklotz“. Dabei stellt er fest, daß dieser Satz nicht durch Auflistung der Eigenschaften analysierbar ist, die Sally und ein großer kalter Würfel gemeinsam haben. „Wenn wir ganz wörtlich die vielfältigen kennzeichnenden Eigenschaften eines Eisklotzes aufzählen sollten, dann träfe keine auf Sally zu. Selbst wenn wir die vielfältigen Überzeugungen einbeziehen sollten, die Menschen über Eisklötze haben, träfen diese nicht wörtlich auf Sally zu......Teilnahmslos zu sein, ist kein Merkmal von Eisklötzen, Eisklötze gehören gar nicht in die Sphäre dieses Begriffes. Und wenn jemand darauf bestehen will, Eisklötze seien doch im wörtlichen Sinn unsensibel, so brauchen wir nur darauf hinzuweisen, daß dieses Merkmal immer noch unzureichend ist, um die metaphorische Äußerungsbe-deutung..........zu erläutern, denn in diesem Sinn sind ja auch Freudenfeuer unsensibel“ (John  R. Searle, Ausdruck und Bedeutung, Untersuchungen zur Sprechakttheorie, 1990, S. 117). Searle schließt daraus, daß es ganze Klassen von Metaphern gibt, die ohne zugrundeliegende Ähnlichkeitsbeziehungen, einfach aufgrund unserer Fähigkeiten, Assoziationen zu bilden, funktionieren (das bedeutete, daß man sie nicht repräsen-tational, also in propositionalem Wissen einfangen könnte).

 

Nun hat sich ja bereits gezeigt, daß es KI-Forschungsgruppen gibt, die sich sowieso nicht mehr dem Repräsentationalismus, also der Überzeugung verpflichtet fühlen, alles Wissen müsse in formalen Regeln und Merkmalen darstellbar sein. Dazu gehören die sogenannten Interaktionisten, die versuchen, phänomenologische Ansätze nach Heidegger in Programmen zu implementieren.. „Ergebnis ist ein System, das die Welt nicht als eine Menge von Objekten mit Eigenschaften darstellt, sondern als aktuelle Funktionen“ (Dreyfus, S. 667). Nach Heidegger erfährt man einen benutzten Hammer nicht als Objekt mit Eigenschaften, sondern als „Etwas-um-den-Nagel-einzuschlagen“ (nur bei einer Störung bemerkt man Aspekte der Situation, z.B. daß der Hammer schwer ist.). Das Zuhandene bzw. Unzuhandene muß von dem unterschieden werden, was Heidegger die Seinsweise der Vorhandenheit nannte. Nach Dreyfus streben die Interaktionisten danach, diese Seinsmodi darzustellen. Einer von ihnen, Chapman, nennt dies “deiktische Repräsentationen“, wobei Dinge nicht unabhängig von Handelnden (objektiv), sondern in ihrer Beziehung zum Akteur als Entitäten dargestellt werden. Eine solche Entität wäre beispielsweise das „Aus-der-Tasse-trinken“, ein Aspekt davon „die-Tasse-aus-der-ich-trinke-ist-fast-leer“. Eine derartige Darstellung ist funktional definiert, durch den Zweck zu trinken zum Beispiel (vergl. Dreyfus, S. 668).

 

Der Begriff der „Hintergrundvertrautheit“ spielt bei Heidegger eine wichtige Rolle, denn sie läßt uns bestimmtes Zeug als relevant erkennen und ermöglicht es uns, auf bestimmte Ereignisse zu reagieren. Zur Erstellung dieser Fähigkeit, in einem bestimmten Bereich unserer Lebenswelt Unterschiede auszumachen und aus Erfahrungen neue Unterschiede kennenlernen zu können, verlassen sich immer mehr Forscher auf simulierte neuronale Netzwerke (ebda. S. 669). „Es scheint, daß sie die fundamental rationalistische Annahme untergraben, wonach man von einem Bereich eine Theorie abstrahieren muß, um sich in diesem intelligent zu verhalten“ (ebda.). Es ist bis heute nicht gelungen, bei entsprechend trainierten Netzwerken, situationsinvariante Merkmale höherer Ordnung  zu finden, die sozusagen den Beweis geliefert hätten, daß die System so etwas wie eine Theorie des situationsübergreifenden Handelns aufgebaut hätten (ebda.). Ein weiteres Problem besteht nach Dreyfus darin, daß ein intelligentes Netzwerk generalisieren können muß, d.h., daß es gelernte Input-Output-Assoziationen auf weitere Beispiele des gleichen Typs anzuwenden lernt. Doch hier taucht eine vertraute Fragestellung auf: Was zählt als derselbe Typ? Und Wittgenstein würde wie bei der Fortsetzung einer Reihe antworten: Das hängt vom Ergebnis ab. Was wir als denselben Typ bezeichnen, bestimmt, was derselbe Typ ist – und nicht umgekehrt.

 

Kinder übergeneralisieren in einer gewissen Spracherwerbsphase bekanntlich Begriffe bzw. Wörter,d.h. der Gebrauch eines Wortes wird verallgemeinert, indem es auf Situationen übertragen wird, die einige Merkmale mit der ursprünglichen Situation gemeinsam haben, für die dieses Wort aber unangemessen ist. Klassisches Beispiel ist der „Wau-wau“,womit das Kleinkind in der Regel nicht nur Hunde, Spielzeughunde, Pelzstücke mit Tierkopf, ja sogar andere Pelzstücke,sondern evtl. auch ein wolliges Schaf, manche Katzen u.a. bezeichnet. Es ist schwer zu glauben, daß das Kleinkind in dieser Phase schon einen klaren Begriff davon , was ein Hund ist. Dazu ist der mit den Handlungen (auch des Sprachgebrauchs) verknüpfte „verbale Kontext“, sind die Begriffs- und somit Beschreibungsmöglichkeiten noch zu eingeschränkt. Doch das Kind wird immer wieder korrigiert, die Sprachgebrauchssituationen werden vielfältiger, ebenso die Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten, insbesondere die Prädikationen, die das Wechselspiel von Sprachgebrauch und Definitionen überhaupts erst ermöglichen. So wird ein Begriff wie der des Hundes nach und nach klarer. Man muß sich hier vor Augen halten, daß Charakterisierungsausdrücke, die Kinder im ersten Stadium  der Sprachaneignung lernen, noch keine „vollwertigen“ Prädikate sind. Das Kind sagt „Wau-wau“, wenn es einen Hund sieht, also ausschließlich in der Wahrnehmungssituation. Es lernt die „korrekte“ situationsgebundene Verwendung anhand positiver und negativer Beispiele, und dies entspricht einem Verhaltensschema von gleichartigen Reaktionen auf gleichartige Reize. Der Begriff des „Verstehens“ bleibt hier solange zweitrangig, solange das Kind nicht einen  situations-unabhängigen und verstehbaren Gebrauch des Prädikats macht. (sich also – wie Sellars sagt – im logischen Raum der Rechtfertigung des Geäußerten bewegt). Auch ein Hund kann lernen, auf die Anwesenheit eines weiteren Hundes mit „Wau-wau“ (das so klingt) zu reagieren. Zu Beginn eines Konditionierungsprozesses können viele Signale, die dem ursprünglichen Signal gleichen, die Reaktion hervorrufen. In solchen Fällen spricht man von Reizgeneralisation. Die Fähigkeit mit Verhaltensweisen auf Reize zu reagieren, ist sicherlich eine kausale Vorbedingung des Spracherwerbs, kann aber nicht zur logischen Rechtfertigung unseres Sprachgebrauchs, unserer Klassifikationen, Charakterisierungen und unserer Ontologie herangezogen werden (Messer sind nicht Messer, weil sie gleichartige Reize darstellen, sondern weil sie u.a. in einem bestimmten Handlungskontext stehen). „Die Welt spricht nicht“, sagt Rorty. Die Dinge haben auch kein zu abstrahierendes gemeinsames Wesen, irgend etwas Essentielles, das wir zu fassen imstande wären und das uns beim Sprachgebrauch, speziell z.B. bei der Erstellung von Klassen sozusagen leitete. Es waren die Konzeptualisten, die glaubten, die Charakterisierungsfunktion eines Prädikates lasse sich verstehen, wenn die Prädikatsverwendung mit der Vorstellung von etwas verbunden sei, für das das Prädikat steht.. Worauf sonst – so die Überlegung – sollte sich unser Prädikatsgebrauch stützen (insbesondere der situationsungebundene)? Wenn wir einen Ausdruck auf eine Klasse bestimmter Gegenstände (Gegenstände im philosophischen Sinn) anwenden, dann müssen diese Entitäten doch etwas Gemeinsames haben. Wie wären wir in der Lage, ein Prädikat (z.B. „ist ein Pferd“) auf weitere, auf neue Beispiele richtig anzuwenden.

 

Es geht nun hier nicht darum zu behaupten, daß erst durch die Sprache sich unsere Erfahrungen in Gleichartiges gliedern. Wie schon erwähnt, wird unsere Fähigkeit, gleichartig auf Gleichartiges zu reagieren, als eine besondere funktionale Voraussetzung für den Erwerb einer Sprache angesehen. (Es bleibt dabei allerdings ungeklärt, was „gleichartiger Reiz“ vor aller Sprachlichkeit sein soll; man gerät dabei offensichtlich in einen Zirkel.) Aus der behavioristischen Betrachtung der Wahrnehmung als etwas Gleichartiges nun abzuleiten, daß es beim Sprachgebrauch die Gemeinsamkeiten bzw. allgemeine Wesenszüge einer Klasse von Entitäten sind, die uns bei der richtigen Zeichenverwendung leiten, wäre falsch. Die Wahrnehmung ist weder auf Einzelnes noch auf Allgemeines, sondern – wie eben angesprochen – auf Gleichartiges bezogen. Es ist daher – so Tugendhat – nicht nötig im Sinne der Konzeptualisten einen geistigen Prozeß zu postulieren, der den einzelnen Phänomenen etwas Gemeinsames extrahiert, etwas Essentielles, aufgrund dessen wir in der Lage sind, eine einheitliche Bezeichnung übe die gelernten Beispiele hinaus fortzuführen. Auf der anderen Seite kann man mit der Gleichartigkeit unserer Wahrnehmung als kausale Vorbedingung für den Spracherwerb den Sprachgebrauch als solchen weder erklären noch rechtfertigen, weil von der Richtigkeit der Verwendung eines Wortes und von seinem Verständnis nur in einem erweiterten verbalen Kontext, bei der Fähigkeit, das Wort situationsungebunden (und d.h. eben gerade in unterschiedlichsten Situationen) richtig zu verwenden, die Rede sein kann. Gleichartiges auf der einen Seite sowie Einzelnes und Allgemeines auf der anderen stehen sich gegenüber. „Das Allgemeine unterscheidet sich vom Gleichartigen dadurch, daß wir erst das allgemein nennen, was vielen Einzelnen gemeinsam ist (ein Attribut) bzw. sich auf viele Einzelne anwenden läßt (ein Prädikat).......Von der Sprachanalyse her gesehen ist das Bewußtsein von Einzelnem ein ebenso wenig sinnliches, sondern ein logisches Phänomen, wie das Bewußtsein von Allgemeinem (Tugendhat E., 1976, s. 203).

 

Soweit ich das beurteilen kann, gibt es auch unter empirischen Psychologen Vertreter des psychologischen Nominalismus. So unterscheidet das Kind nach Piaget zunächst nicht zwischen Handlungen und Gegenständen, und die Anfänge der Sprachentwicklung sind durch Bezeichnungen für Handlungen gekennzeichnet; d.h. Ereignisse werden noch nicht von Gegenständen getrennt. „Es besteht Grund zur Annahme, daß in den ersten Worten des Kindes die Handlungen und Ereignisse  nicht vom Begriff des Gegenstandes selbst getrennt werden“ (Lindsay, Norman, 1979, S. 394). Der Gegenstand wird erst als Subjekt möglicher Prädikationen, als Träger bestimmter Merkmale und d.h. eben von Attribuierungen zu einem spezifischen Begriff, den man z.B. gedanklich zu jonglieren vermag. Wie unsinnig es ist, zu glauben, wir hätten bei einer Klasse von Gegenständen etwas Essentielles erfaßt, das es uns ermöglicht, diese auf richtige Weise gleich zu benennen, sieht man allein schon daran, daß wir uns bei der Bezeichnung von Gegenständen immer wieder irren und unsere Begriffe und Vorstellungen mit zunehmenden Erfahrungen und mit zunehmendem Wissen komplexer und damit je nach Gegenstand enger oder weiter werden. Was z.B. ein „Spiel“ ist, um ein Beispiel von Wittgenstein zu nehmen, hängt nicht von irgendwie zu erfassenden Wesensmerkmalen ab, sondern davon, was wir aufgrund erweiterter soziokultureller Übereinstimmung, institutionalisierter vor allem auch sprachlicher Verhaltensweisen, Konventionen innerhalb und vor dem Hintergrund verschiedener beschreibbarer Kontexte und schließlich aufgrund von überkreuzenden und übergreifenden Eigenschaften, nicht aber aufgrund einer gemeinsamen Eigenschaft, als „Spiel“ zu bezeichnen gewillt sind. Wittgenstein spricht in diesem Zusammenhang von der Familienähnlichkeit von Begriffen.

 

Um nun auf den Ausgangspunkt der Überlegungen zur Verallgemeinerung zurückzukehren, wenn also ein Netz „gelernt“ hat, ähnliche Inputs an einen bestimmten Output zu assoziieren, dann kann man in einer Analogie von der Fähigkeit zur Generalisierung sprechen oder konkreter von der Fähigkeit zur Reizgeneralisierung. Was dabei allerdings als vernünftige Verallgemeinerung betrachtet wird, entscheidet der Mensch.Es hat sich nämlich gezeigt, daß, solange die Klasse möglicher Verallge-meinerungen nicht im vornhinein auf eine passende Weise beschränkt wird, von neuronalen Netzen keine den menschlichen gleichenden Verallgemeinerungen erwartet werden können (Dreyfus, S. 672). „Um auf menschliche Weise zu verallgemeinern, müßte die Architektur eines Netzwerkes so gestaltet sein, daß das Netz auf Situationen mit Merkmalen reagierte, die für Menschen relevant sind. Diese Merkmale müßten auf dem beruhen, was die vorangegangene Erfahrung als wichtig ausgewiesen hat, und auch auf den jüngsten Erfahrungen, die die Perspektive auf eine Situation bestimmen.“ (ebda. S. 673).

 

Nun sind Situationen mit Merkmalen für uns Menschen bestehende Sachverhalte, und ich habe bereits zu zeigen versucht, daß Sachverhalte etwas sind, das nicht nonverbal begriffen bzw. verstanden werden kann. Die Art und Weise wie wir Menschen Situationen begrifflich strukturieren und d.h. eben auch charakterisieren und folglich beschreiben,ist für spätere Verallgemeinerungen mitentscheidend. (Konzeptgesteuerte Verallgemeinerungen sind sicherlich gegenüber den Reizgeneralisierungen höherstufig; das dürfte unbestritten sein. Aufgrund aller bisher angestellten Überlegungen zur Theorienbeladenheit der menschlichen Wahrnehmung, d.h. der Wahrnehmung unter einer Beschreibung, ist es schwer vorstellbar, wie ein Computer oder ein anderes künstliches System angemessene (menschliche) Verallgemeinerungen liefern soll (die nicht mehr interpretiert werden müssen), bevor sie den Sprachgebrauch in allen denkbaren Handlungskontexten so beherrschen, wie wir es tun (und explizites oder implizites Hintergrundwissen besitzen). Situationen so zu erkennen, wie wir es tun, heißt, unsere Erfahrungen und unser damit verstricktes Vokabular bis zu einem gewissen Grad zu teilen. Ein Beispiel für das, was man als Theoriendurchtränktheit aller unserer Beobachtungen bezeichnet, liefert R. Hanson mit dem Bild eines erfahrenen Physikers, der auf ein Gerät schaut und eine „Röntgenröhre“ erblickt. Ein Laie dagegen würde höchstens ein „Instrument aus Glas, Metall, mit Drähten, Reflektoren, Schrauben, Glühbirnen und Knöpfen“ erkennen. Dennoch sind beide beim Erkennen auf Attribuierungen, auf die Fähigkeit zur (zeichenverbundenen) Charakterisierung dessen, was sie sehen, angewiesen. (Man kann ja schwerlich sagen: Das ist ein Ding mit Reflektoren, wenn man z.B. nicht gelernt hat, was Reflektoren sind, wann dieser Ausdruck verwendet wird, in welchen verbalen Kontexten und beschreibbaren, charakterisierbaren Handlungskontexten er seinen Platz hat.). Was für jemanden eine Beobachtung ist, ist für einen anderen ein Buch mit sieben Siegeln (vergl. Stegmüller W., Bd. II, S. 264).

 

Unsere Fähigkeit zur Merkmalsanalyse, zur Zerlegung der Ereignisse in Sachverhalte und zur Verallgemeinerung von Begriffen ist durch unsere Sprachgebrauchsfähigkeit bestimmt. Höherstufige Generalisierungen wie Klassifikationen oder Kategorisierungen sind Bestandteil eines Sprachspiels, das weit über Reiz-Reaktions-Mechanismen hinauszielt, ja deren Ergebnissse  sogar oft modifiziert (Beispiel Farbwörter); zu schweigen von Verallgemeinerungen in abstrakten Bereichen.

 

Daß die Fähigkeit zum Erwerb einer Sprache wiederum mehr erfordert als das Vermögen zur Reiz- und Reaktionsgeneralisation ist indessen keineswegs unumstritten. Nach der behavioristischen Sprachtheorie besteht die Funktion der (Sprach-) Zeichen darin, zwischen Reiz und Reaktion zu vermitteln; d.h., das Zeichen erlaubt es, daß einer für den anderen handeln oder auch wahrnehmen kann (Warnsignale). Demnach soll unsere Sprache eine Signalsprache sein, die – wenn auch komplizierter - nach dem Muster konditionierter  Reaktionen zu verstehen ist (vergl. Tugendhat E., 1976, S. 216).

 

Die erste Schwierigkeit, die sich bei dieser Theorie auftut, ist, daß die Bedeutung eines Signalzeichens für Sprecher und Hörer nicht die gleiche sein kann, denn sie besteht nach Leonard Bloomfield in der Situation, in der der Sprecher das Zeichen äußert und in der Reaktion, die es im Hörer hervorruft. Daher würde jemand einen Ausdruck erst verstehen, wenn er sowohl die Rolle des Sprechers als auch des Hörers annehmen kann, d.h. beide Konditionalregeln kennt. Sprecher- und Hörerbedeutung eines Satzes fallen also auseinander, obwohl wir uns doch auf eine identische Bedeutung verlassen können müssen. Nach Mead wird dies dadurch möglich , daß der Sprecher die Reaktion des Hörers virtuell nachvollzieht und ebenso der Hörer die Aktion des Sprechers (diese Internalisierung macht denn auch das Selbstgespräch möglich).

 

Doch eine zweite entscheidende Schwierigkeit besteht nach Tugendhat darin, daß eine Signalsprache für Aussagesätze gar keinen Raum bietet; denn wenn man die für unsere Sprache charakteristische Untersuchung zwischen indikativischen und imperativischen Sätzen auf ein Signalzeichen anzuwenden versucht, so kann man das Signal sowohl als Aussage deuten, daß etwas der Fall ist, als auch als Imperativ, daß etwas zu tun ist. Aber eben weil beide Deutungen möglich sind, sind beide auch fehl am Platz (ebda. S. 218). Was hier fehlt, ist die Möglichkeit der Stellungnahme des Rezipienten. „Wenn wir einen Satz aussprechen, ob assertorisch oder imperativisch, so meinen wir ihn als einen solchen, der verneint werden kann. Die zu einem Satz passende Reaktion des Partners ist im Unterschied zu der auf ein Signal nicht mehr die Ausführung einer Handlung, sondern die Bejahung oder Verneinung des Satzes“ (ebda. S. 219). Da überdies –wie Tugendhat zeigt – von einem geregelten Zusammenhang zwischen dem Hören eines Satzes und bestimmten Handlungen keine Rede sein kann, haben behavioristische Theoretiker den Begriff der Handlungsdisposition eingeführt. Demnach besteht die Bedeutung einer Aussage nicht in einer bestimmten konkreten Handlung, sondern in einer Handlungsdisposition. Aber welche soll das sein? Keine Äußerung, und wäre sie nur in einer einzigen Situation relevant, könnte mich auf eine einzige Disposition festlegen. Meine Optionen sind vielfältig: heute z.B. stelle ich mich einer Aufforderung, morgen laufe ich weg.

 

Auch die modifizierte Auffassung, daß die Bedeutung eines assertorischen Satzes in den Umständen besteht, unter denen er verwendet wird, scheitert, denn man kann viele Sätze gegenüber einem beliebigen Partner zu einer beliebigen Zeit an einem beliebigen Ort äußern, ohne daß sich ihre Bedeutungen ändern würden (vergl. S. 224). Das ist etwas anderes als ein erweiterter Situationsbezug, wie er auch in der Signalsprache denkbar ist. Die Situation braucht hier sekundär gar kein Rolle zu spielen. Die Bedeutung von Aussagen kann also nicht in den Umständen der Verwendung liegen, d.h. die Bedeutung kann nicht in einer Konditionalregel enthalten sein. Damit scheint klar, daß die „Fähigkeit“ zur Reizgeneralisierung- bzw. diskriminierung nicht weit genug reicht, um unsere Fähigkeit zum Erwerb einer Sprache und zum Sprachgebrauch zu teilen.

 

Noam Chomsky ist überhaupt der Ansicht, daß es prinzipiell ausgeschlossen ist, daß die für die Beherrschung einer Sprache erforderlichen Fähigkeiten auf rein empirischem Weg (beispielsweise durch Verstärkungslernen komplexer Art) erworben werden könnten.. Das Erlernen einer Umgangssprache ist nach Chomsky durchaus vergleichbar mit der Aneignung und begrifflichen Durchdringung einer höchst komplizierten The-orie, daher ist es müßig, behavioristische Spekulationen darüber anzustellen, wie auf dem Weg bedingter Reflexe, Assoziationen, intuitiver und instinktiver Generalisierun-gen und induktiver Analogien aufgrund empirisch vorgegebener Daten (Wörter, Sätze) allmählich das Verständnis und die Beherrschung der Umgangssprache zustandekom-men kann (vergl. Stegmüller W., Bd. II, S. 4). Nach Chomsky besitzen wir Menschen eine mit artspezifischen Fähigkeiten ausgestattete Spracherlernungsvorrichtung, bei der angeborene Komponenten stark überwiegen und ohne die das Erlernen einer Sprache undenkbar ist. D.h., das menschliche Gehirn ist von Geburt an auf bestimmte strukturelle Merkmale natürlicher Sprachen programmiert. Diese strukturellen Merkmale sind die linguistischen Universalien. In der Theorie Chomskys spielen die empirischen Daten (der Input, Sprachäußerungen der Umgebung), nicht jene positive Rolle, die ihnen behavioristische Theorien zuschreiben. Sie haben  vielmehr eine negative Funktion, insofern solche Grammatiken durch die Spracherlernungsvor-richtung eliminiert werden, die relativ zum Input nicht in Frage kommen

(ebda. S. 13).

 

Behavioristische Sprach- und Lerntheoretiker haben sich gegenüber Chomsky damit gerechtfertigt, daß auch sie durchaus von angeborenen Lernkapazitäten und Dispositionen ausgehen. Wo also liegt der Unterschied? Nach Stegmüller würde Chomsky die Differenz etwa so formulieren: „Es genügt nicht, irgendwelche angeborenen Fähigkeiten zu postulieren. Vielmehr kommt es darauf an, eine ganz spezifische Menge von sprachlichen Mechanismen, über die das Kind verfügen muß, zu erklären.  Und gegenüber diesen spezifischen Mechanismen versagen alle behavioristischen Theorien, welche versuchen, die vollkommene Erlernung einer Sprache unter Heranziehung gewisser angeborener Neigungen nach dem Muster von Stimulus – Response zu erklären und insbesondere die dabei benötigten Lernstrategien auf bekannte Mechanismen der Informationsverarbeitung, der unbewußten Analogieschlüsse, der negativen Rückkoppelung und dergleichen zurückzuführen.“ (Stegmüller, Bd II, S. 29). Searle, so Stegmüller, hat einmal behauptet, Chomskys Arbeiten enthielten einen Großangriff auf das verhaltenswissenschaftliche Konzept vom Menschen. Und Stegmüller selbst meint, man könnte sagen, daß Chomsky versuche, am Beispiel der Sprache exemplarisch nachzuweisen, daß und wie die behavioristischen Versuche, den menschlichen Geist durch Stimulus – Response-Entsprechungen zu beschreiben, nur entweder zu Falschheiten oder Trivialitäten führen. Chomsky selbst hat einmal gemeint, die Psychologie eine Verhaltenswissenschaft zu nennen, sei ungefähr so, als würde man die Physik als die Wisseschaft von der Skalenablesung bezeichnen.

 

Die angeborene Spracherlernungsvorrichtung Chomskys  (wie Stegmüller sie bezeichnet) hat also die Funktion, aus empirischen Daten (den Äußerungen der Umgebung)  eine formalisierte Grammatik zu erzeugen.. Und es ist diese Funktion, in die man Einsicht gewinnen und die man letztlich fest verdrahten müßte, wenn man einen Computer schaffen möchte, der in der Lage wäre, die menschliche Sprache zu erwerben. Dies jedenfalls impliziert die Theorie Chomskys. Wie ungeheuer komplex ein derartiges Unterfangen wäre, kann man nach dem bisher Besprochenen erahnen. Ob wir nun tatsächlich eine „angeborene Sprachtheorie“ besitzen oder nicht, auch die anderen Überlegungen verdeutlichen, daß der Spracherwerb nach Reiz – Reaktions-Mustern – wenn auch komplexer Art – so gut wie ausgeschlossen ist. (Da Behavioristen beim Spracherwerb immerhin so etwas wie Analogien zugestehen, stellt sich auch die Frage, wie ein künstliches System zu dieser Fähigkeit kommen soll. Eine feste Verdrahtung dürfte nicht undenkbar sein, obwohl es einen  spezifischen formalisierbaren Analogieschluß ebensowenig gibt wie einen entsprechenden Induktionsschluß. Dieses Problem könnte nach einem Modell heuristischer Prinzipien z.B. mit Hilfe genetischer Algorithmen evtl. lösbar sein (Stegmüller, ebda.)

 

Weit schwerer dürfte im Hinblick auf den Spracherwerb eines Roboters wie COG die Tatsache wiegen, daß wir Menschen – wie die Wahrnehmungspsychologie belegt – zu bestimmten Wahrnehmungsformen dergestalt disponiert sind, daß sich uns unser Wahrnehmungsfeld dadurch zum vornhinein als auf eine bestimmte Weise gegliedert eröffnet, und diese Dispositionen können bisher nur in Ansätzen neurophysiologisch verstanden werden. Auch da dürften auf die Schöpfer von Robotern mit menschlichen Fähigkeiten große Schwierigkeiten zukommen.

 

Die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit eines Sprachverständnisses darf aber nicht mit der Vorstellung verknüpft werden, daß es in der Welt wohlbestimmte Objekte und Attribute gibt, die als exakte Bedeutung sprachlicher Ausdrücke in Frage kommen. (Ich habe schon erwähnt, daß Kinder zunächst wahrscheinlich Gegenstand und Handlung nicht differenzieren. Die vorsprachlichen Bestimmungen haben sicher noch einen sehr breiten Vagheitsspielraum, den das Kind erst mit zunehmenden Erfahrungen und mit wachsender Sprachbeherrschung einzuengen lernt (vergl. Kutschera, S. 129ff). Sind wir erst einmal in die Sprache eingetreten, ist uns die Welt immer nur in sprachlichen Interpretationen gegeben. „Ich erkenne es erst als das; und ich erinnere mich daran, wie das genannt wird. – Bedenke: In welchen Fällen kann man das mit Recht sagen?“ (Wittgenstein, PU, § 379).

 

Wie auch immer, ein künstliches System, das nicht in der Lage wäre, Sprachgebrauch und Sprachverständnis auf eine solche Art und Weise zu erlernen, wie sie bei uns Menschen beobachtet werden kann, und das uns im entsprechenden Verhalten nicht zu den gleichen Zuschreibungen nötigte, wie wir sie bei unseren Kindern anwenden, dem würden wir wohl bezüglich dessen, was wir menschliche Lernfähigkeit (und Intelligenz) nennen, mißtrauen.

 

Man kann den Begriff des „Lernens“ pragmatisch und leidenschaftslos betrachten. Wenn ein Wesen oder ein System auf bestimmte Inputs mit entsprechenden Outputs reagiert, auf eine Weise, zu der es vor einer Trainingsphase nicht in der Lage war, dann mag es etwas gelernt haben (eine Form der Assoziation; vorausgesetzt natürlich, es ist darin eine gewisse Regelhaftigkeit für jemanden erkennbar). Das Problem ist halt, daß man sich rasch an Analogien, Metaphern und anthropomorphe Beschreibungen gewöhnt, und es wäre leichtsinnig, anzunehmen, daß unser weiteres Denken und Handeln davon unberührt bliebe (was in der Regel auch moralische Konsequenzen nach sich zieht).

 

Peter Winch bringt das Beispiel eines Hundebesitzers, der sein Tier lehrt, ein Stück Zucker auf der Schnauze zu balancieren und es vor einem bestimmten Kommando nicht zu fressen: eine Form der Konditionierung. Der Hundebesitzer allerdings spricht davon, daß der Hund ein Kunststück gelernt habe. Damit wird das Verhalten des Tieres in Begriffen „bewertet“, die nicht dem Reiz – Reaktions-Schema angehören. Der Hundehalter kann nun davon reden, sein Hund habe das Kunststück „richtig“ oder „falsch“ ausgeführt. Aber – so Winch – diese Redeweise sei ein Anthropomorphismus, die einen Bezug auf menschliches Verhalten erfordere und Normen voraussetze, die dabei analog auf das Tier angewendet würden. Ohne diesen Bezug bliebe sie unverständlich (P. Winch, 1976, S. 79). Mir scheint, daß die Redeweise von der Lernfähigkeit eines neuronalen Netzes einen ganz spezifischen Anthropomorphismus darstellt. Normalerweise ist man ja in der Wissenschaft gerade bemüht, Dispositions-begriffe zu eliminieren und durch ein physikalistisches Vokabular zu ersetzen. Doch im Bereich der KI-Forschung ist das Gegenteil der Fall, und ich glaube nicht, daß diese Redeweisen so unschuldig sind, wie sie sich geben. Im Bereich der Werbeforschung gibt es den Begriff des „Imagetransfers“. Es ist dies eine Strategie, die darauf abzielt, beispielsweise das Image einer Person auf ein Produkt abfärben zu lassen. Man hofft, daß eine bestimmte Charakterisierung, ein Sprachgebrauch positive analoge Assoziationen hervorruft. Etwas Ähnliches scheint von KI-Forschern betrieben zu werden. Dahinter steckt vielleicht der verständlich Wunsch , auf ganz bestimmte Weise am Schöpfungsmythos teilzuhaben.

 

Um neuronale Netze beim „Training“ von einem Supervisor unabhängig zu machen, hat sich die jüngste Forschung dem „Verstärkungslernen“ zugewandt. Während beim überwachten „Lernen“ dem System zu jeder Situation die richtigen Aktionen eingegeben werden müssen, setzt das Verstärkungslernen nur voraus, daß das Umfeld ein Verstärkungssignal abgibt. Das System strebt dann danach, die Gesamtverstärkung, die es während einer Problemlösung erfährt, zu minimieren oder zu maximieren. So „lernt“ es aus „Erfahrung“ in verschiedenen Situationen die optimale Aktion zu „wählen“ und damit strategische Ziel zu erreichen (Dreyfus, S. 674). Das System funktioniert also auf der Basis von „Feedback“, wobei neue Bedingungen automatisch Änderungen in der Verstärkung herbeiführen, die es zur „Anpassung“ veranlassen. Das Ganze stellt so etwas dar wie ein Programmoptimierungsverfahren, und „das Erlernte“ sind eine optimale Taktik und optimale Wertefunktionen.

 

„Ein Programm das hunderttausend (!) Partien Backgammon gegen sich selbst spielte, ohne über von Experten spezifizierte Spielregeln  oder von diesen zur Verfügung gestellte Werte bzw. korrekte Züge zu verfügen, „erlernte“ die erwarteten Positionswerte gut genug, um auf dem Niveau eines guten Turnierspielers zu spielen“ (Dreyfus, S. 676).

 

Bisher ist es allerdings nicht ansatzweise gelungen, das „Verstärkungslernen“ auf Probleme anzuwenden, in denen die Anzahl der möglichen Situationen die Zahl der während des „Trainings“ tatsächlich aufgetretenen weit übertrifft. Dazu bedarf es nach Dreyfus einer Methode, die die Aktionen und Werte ziemlich genau auf die neuen Situationen überträgt. Außerdem – so Dreyfus - , wenn das „Verstärkungslernen“ etwas der menschlichen Intelligenz Ähnliches hervorbringen solle, müsse das entsprechende Lerngerät allgemeine Sensibilität beweisen, indem es Situationen perspektivisch angehe und aktiv nach relevanten Inputs suche (und das ist etwas anderes als aus tausenden Wiederholungen etwas zu optimieren).

 

„Gegenwärtig hat niemand auch nur eine Ahnung, wie man ein Netzwerk oder irgendeinen anderen Mechansimus dazu bringen kann, so zu verallgemeinern, wie es von menschlicher Intelligenz gefordert würde“ (ebda. S. 677).

 

Donald Davidson meint, wir schrieben einem Lebewesen immer dann Gedanken zu, wenn wir Sätze verwendeten, deren Hauptverb ein psychologisches ist (glauben, wissen, hoffen, denken, fürchten etc), dem ein Satz folgt und dem der Name bzw. die Kennzeichnung des betreffenden Wesens vorangestellt ist (vergl. Davidson, 1990, S. 225). Nun gehört der Begriff des „Lernens“ sicherlich auch zum psychologischen Vokabular, und das bedeutet, daß sein immer wiederkehrender Einsatz im hier diskutierten Kontext (auch wenn es sich nicht um Lebewesen handelt) einen ganz bestimmten verbalen Kontext und somit Beschreibungsoptionen bereitstellt, mit deren Gebrauch man sich für gewisse Überzeugungen entscheidet. Wenn man bei einem System, das mit algorithmischen Verfahren elektronische Verbindungen in bezug auf Ein- und Ausgabewerte gewichtet, von „Lernen“ spricht, dann hat das eben Konsequenzen in Hinsicht auf unser Weltbild, vor allem bei jener Generation, die mit einer solchen Form des Sprachgebrauchs aufwächst. Das Metaphorische und Analoge an einer solchen Sprechweise kann sich nicht halten, weil nichts „hinter“ den Wörtern auf ihren „richtigen“ Gebrauch zurückweist, weil sich im Gebrauch, in der Realisierung des Vokabulars seine Bedeutung erst voll erschließt. Was wir als „lernfähig“ beschreiben, wird lernfähig. Entscheidungen für einen bestimmten Sprachgebrauch (und geschähe dies noch so beiläufig oder sogar – wie wir sagen – gedankenlos) beeinflussen unsere Handlungen, unser Leben, unsere Welt. Eine Metapher ist nicht eine Metapher, weil sie zusätzlich zu ihrem buchstäblichen Sinn oder ihrer buchstäblichen Bedeutung einen weiteren Sinn bzw. eine weitere Bedeutung hätte (vergl. Davidson, 1990, S. 344). Wäre es so – denke ich - , könnte man sich die Sinnbildlichkeit immer wieder – auch bei gewohnheitsmäßigem Gebrauch – neu vor Augen führen. Aber da die Bedeutung eines Wortes durch seinen Gebrauch mitbestimmt wird, verblaßt das Metaphorische (besser das Bewußtsein vom Wort als Metapher) bei gewohnheitsmäßigem Gebrauch in einem bestimmten Kontext. Wenn die Metapher zu einem (festen) Bestandteil der Sprache wird, stirbt sie (vergl. Davidson, S. 366).

 

Daß das Gehirn so etwas wie eine Verrechnungsapparatur darstellt ist (war) eine Metapher, die aber u.a. den Rahmen aufspannt, in dem in einem bestimmten Sinne von „künstlicher Intelligenz“, „Lernfähigkeit“, „Verhalten“ usf. die Rede ist. Die Theorie vom Menschen als informationsverarbeitendes System ist längst zum Dogma der AI geworden. Die Beschreibung, die ich mit Hilfe entsprechender Autoren dem gegenüberstellen möchte, ist die des Menschen als eines informationserzeugenden Systems; denn unter dem bereits mehrfach diskutierten Aspekt der „Begrifflichkeit“ und somit Sprachlichkeit des Menschen „teilen“ uns die Dingen nur insofern etwas „mit“, als sie auf eine bestimmte Weise Eingang in unser Vokabular finden. Indem wir die Dinge beschreiben, werden sie gewichtet; aber nicht im Sinne einer Verzerrung (es gibt nicht das wahre Gewicht der Dinge). Wir gewichten alles (und auch das ist eine Metapher): Erleben heißt „Gewichten“ (Schwerpunkte setzen). Die Gewichtung löst die Dinge aus ihrem für uns ansonsten unspezifischen Zustand. Nelson Goodman meinte, man betone keine Silbe, indem man alles betone, und er schreibt in seinem Buch „Weisen der Welterzeugung“, Welten würden erzeugt, indem man mittels Wörter, Zahlen , Bildern und Klängen Versionen (von Welten) erzeuge. Und so wie Bedeutungen  zugunsten bestimmter Beziehungen zwischen Termini verschwänden, so würden Tatsachen zugunsten bestimmter Beziehungen zwischen Versionen verschwinden. (S. 117). Damit muß wohl auch die Wahrheit anders gedacht werden denn als Korrespondenz mit einer fertigen Welt (bzw. zwischen unserer Beschreibung und „der Sprache der Welt“, die als implementierter Algorithmus gedacht wird). Indem wir die Welt bzw. die Dinge und anderes in der Welt beschreiben, bestimmen wir, was die Aspekte unserer Welt sind.

 

„Wir sind bei allem, was beschrieben wird, auf Beschreibungsweisen beschränkt: Unser Universum besteht sozusagen aus diesen Weisen und nicht aus einer Welt oder Welten.....Diejenigen Versionen,  die Abbildungen und nicht Beschreibungen sind, haben keinen Wahrheitswert.....und lassen sich nicht durch Konjunktionen verrknüpfen“ (ebda. S. 15).Daraus folgert Goodman, daß die Richtgkeit einer Abbildungs- oder Beschreibungsversion der Welt nicht von der Welt abhängen kann,denn wir können sie ja nicht dadurch prüfen, daß wir sie mit einer unbeschriebenen, nicht abgebildeten, nicht wahrgenommenen Welt vergleichen (vergl. S. 16).

 

So betrachtet ist ein „lernfähiger“ Computer, wie ihn die KI versteht, meiner Ansicht nach „nur“ eine weitere Weise der „Welterzeugung“. Wo immer wir auch von „Lernen“ reden wollen, wir können ziemlich sicher sein, daß der Spracherwerb einem engen Bereich spezifisch menschlicher Lernfähigkeit zugeordnet werden kann und teilweise mit nicht nur evolutionstheoretisch, sondern auch innerhalb des Sozialen zu beschreibenden Dispositionen einhergeht, über deren physikalistische Wirkungsweise man nicht die geringste Vermutung anzustellen vermag. Beim Erlernen von Farbwörtern zeigt sich z.B. wie in sprachlichen und handlungsbesetzten sozialen Interaktionen nicht nur der Gebrauch eines Wortes, sondern damit einhergehend auch die Ontologie eines Bereiches, in diesem Fall des Farbspektrums festgelegt wird. „Nach den angeborenen Maßstäben des Kindes variiert die Ähnlichkeit kontinuierlich auf dem ganzen Spektrum, und das Rot hört nur wegen des allmählichen Abnehmens der sozialen Bestärkung auf...... es gibt keine natürlichen Abschnitte, wie die verschiedene Einteilung der Farbwörter in verschiedenen Gesellschaften beweist“ (Quine, 1974, dtsch. 1989, nach Lennberg und Roberts, S. 70).

 

Auch hier wiederum darf man die für den Spracherwerb kausale Fähigkeit zur Diskrimination (von Farben in diesem Fall) nicht mit der Fähigkeit zum Erwerb von Farbbegriffen verwechseln (eine Fähigkeit, die eng mit der Tatsache verknüpft ist, daß wir Mitglieder (Elemente) einer Sozietät sind, die sich Wahrnehmungen „lehren“ und systematische (im logischen Raum stehende) Unterscheidungen vornehmen kann. „..... zwischen den sprachlichen Unterscheidungsmitteln und den Erfahrungsinhalten besteht ein enger Zusammenhang. Es ist also im Beispiel der Farben nicht so, daß wir die gleichen Farbwahrnehmungen nur sprachlich verschieden klassifizieren und ausdrücken, sondern verschiedenen sprachlichen Gliederungen des Sinnbezirks der Farben in Wortfeldern entsprechen verschiedene Formen der Farbwahrnehmung“ (Kutschera, S. 306). Wahrnehmungen können ebenso wie Bilder nicht kommuniziert werden, sondern nur Beschreibungen von Wahrnehmungen (und Bildern), und darauf (auf einer sozialen Interaktion) beruht das differenzierende Verständnis einer Wahrnehmung.

 

Wie Auffassungen von der „Welt“ verbal verankert sind, wird insbesondere im seelischen (psychischen) oder intellektuellen Bereich deutlich, wo wir Unterschei-dungen auf der Grundlage von Begriffen treffen, ohne die wir diese gar nicht machen könnten und die sich ihrerseits ohne einen entsprechenden Sprachgebrauch (die Verwendung eines Wortes in bestimmten Kontexten) vollständig verflüchtigen würden. Beispiele wären Begriffe wie „Seele“, „Psyche“, „Melancholie“, „Vernunft etc. oder die entsprechenden Adjektive.

 

Wenn wir Menschen sprechen lernen, lernen wir nicht nur die Bedeutung der Wörter, indem wir (implizit) u.a. Verwendungs- und Verifikationsregeln oder –muster lernen, sondern wir lernen auch, daß man mit Äußerungen unterschiedlichste Handlungen vollzieht bzw. vollziehen kann, die den expliziten semantischen Gehalt überschreiten und kontextabhängige kausale Effekte haben können. So entsteht zugleich ein immenses Hintergrundwissen, das aus der umfassenden Verstrickung des Zeichengebrauchs mit der alltäglichen Problematik unserer Lebenswelt und unserer Körperlichkeit erwächst. Die kausalen Effekte sind (mentalistisch formuliert) zunächst einfach so zu verstehen, daß eine bestimmte Äußerung wie „es regnet“ über ihren deskriptiven Charakter hinaus z.B. als Handlungsaufforderung verstanden werden kann („nimm einen Schirm“) und aus diesem Verständnis heraus zu einer Handlung führt (in der Sprechakttheorie spricht man dabei von lokutionären, illokutionären und perlokutionären Akten). Die Tatsache, daß Äußerungen, und zwar nicht nur in einer bestimmten Intention, in einem halbwegs „definierbaren“ Kontext geäußerte Sätze oder gar explizite Aufforderungen, sondern auch zwanglose Gespräche, ein Plaudern etc. Handlungsoptionen eröffnen und Handlungen bewirken, bietet im übrigen Anhaltspunkte für eine Argumentation gegen die rationalistische Vorstellung, „implizite“ Information lasse sich immer explizit machen. Implizite Information in Äußerungen ist nach meiner Ansicht nicht einfach die Menge aller möglichen (intersubjektiven) Interpretationen (obwohl selbst das alles andere als einfach zu bestimmen ist), sondern dazu gehören gerade auch (verdeckte) Aspekte (Befindlichkeiten, physiologische Zustände, Erinnerungen, innere Störelemente etc), die bei Hörer oder Sprecher mitschwingen (z.B. in Tonlage und Interpretation von Tonlage, Gestik und Mimik), unbemerkte (d.h. nicht reflektierte) flüchtige Assoziationen ebenso wie kleine Mißverständnisse, Emotionen etc auslösen können, deren Wirkungen, könnten sie explizit gemacht und bedacht werden, eine andere wäre.

 

Die Tatsache, daß wir –frei nach Heidegger – mit jedem Sagen auch Ungesagtes, nämlich einen illokutionären Akt vollziehen, verdeutlicht – glaube ich – die Verstrickung unseres Sprachverstehens mit unserer Sozietät und Lebenswelt. Da die Art des illokutionären Aktes (z.B. warnen, einschüchtern, drohen etc) vom Sprecher selbst meist nicht explizit gemacht wird, kann oft nur den Umständen entnommen werden, was für eine illokutionäre Absicht vollzogen worden ist. Es ist dies ein Bereich der Sprache, wo sich nicht deskriptive, sondern sogenannte performative Mehrdeutigkeiten auftun (nicht was jemand sagt, sondern warum, steht dabei meist im Vordergrund). Da man illokutionäre Akte nur vollziehen kann, wenn geeignete Konventionen existieren, muß man von einer Äußerungs- und einer Auffassungskomponente ausgehen. Während erstere festlegt, was in einer Situation von bestimmter Art für eine sprachliche Äußerung zu wählen ist, bstimmt die zweite, wie sie vom Hörer illokutionär zu deuten ist. Dazu ist es unumgänglich, daß Sprecher und Hörer Glieder derselben Sprachgemeinschaft sind (vergl. Stegmüller W. Bd II. S. 67ff). (Das ist eine verschärfte Bedingung, denn es geht ja auch um Idiome und um spezifische soziale Spielregeln, die noch dazu nicht zeitlich invariant sind.). Wittgenstein spricht von der „natürlichen Umgebung“ eines Wortes, die für ihn die Gesamtheit gewohnheitsmäßig oder konventionell geregelter Verhaltensweisen darstellt, wobei uns das Funktionieren sprachlicher Wendungen meist erst dann verständlich wird, wenn wir den ihnen zugehörigen institutionalisierten Verhaltensrahmen kennen (ebda.).

 

Was ich mit diesen Erörterungen abstecke, ist ein Teil der Rahmenbedingungen einer Existenz, der das Erlernen einer bestimmten Sprache durch Menschen mitbestimmt. Außerhalb der Teilhabe an solchen existentiellen Voraussetzungen (die als Bedingungen der Möglichkeit des Spracherwerbs ebenfalls erlernt werden) ist nach meiner Meinung nicht einmal mehr klar,was mit dem Erlernen eine Sprache gemeint ist.

 

Die Sprachkompetenz, um einen Ausdruck Chomskys zu verwenden, die wir besitzen oder an der wir als Mitglieder einer Sprachgemeinschaft und Sozietät teilhaben und die uns befähigt, Bedeutungsgleichheiten von Wörtern und Sätzen oder lexikalische, strukturelle und performative Mehrdeutigkeiten zu erkennen, ist eben mehr als ein Bündel von Dispositionen, wie ich bereits anhand einiger sprachanalytischer Argumente verdeutlichte. Die Vorstellung, daß man – vereinfacht ausgedrückt – ein neuronales Netz (wie komplex auch immer) mit einem menschlichen Umfeld in Kontakt treten läßt (über letztlich doch einfach verschaltete rezeptive Mechanismen) und darauf hofft, daß es Sprache und damit Begriffe und Vorstellungen von der Welt erwerbe, wie wir sie haben, halte ich aus den bis hierher diskutierten Gründen für sehr unwahrscheinlich. Die Sprache in dem hier verstandenen Sinne ist nichts, was ein fertiger Mensch quasi als Zusatzfähigkeit gewinnt. Indem der Mensch sich eine Sprache aneignet, wird er zu dem, was den Menschen als Geschöpf mit bestimmten, nur in einem mentalistischen Vokabular angemessen zu beschreibenden Fähigkeiten ausmacht, und schafft sich spezifische existentielle Bedingungen und Kontaktformen. Das Mentale und das Physikalische werden kategorial verschiedenartig, sodaß eine Identitätstheorie, die nicht bestreitet, daß es für die Verknüpfung des Mentalen und des Physikalischen strenge Gesetze geben kann, nicht mehr formulierbar ist. Mentalistische und physikalistische Prädikate sind – wie Davidson es formulierte – nicht füreinander bestimmt. So gesehen kann man nicht einfach sagen, der menschliche Geist sei nichts anderes als ein Computerprogramm.

 

2.2.1. Induktion

 

Man kann nicht den Begriff des „Lernens“ ohne den der Induktion erörtern. Putnam meint, die Induktion – wie überhaupt jedes kognitive Vermögen – setze die Fähigkeit voraus, die zwischen verschiedenen Dingen bestehende Ähnlichkeit als solche zu erkennen (H. Putnam, Reclam, 1997, S. 22). Nun sind aber – wie ebenfalls schon angedeutet – Ähnlichkeiten nicht nur Konstanten physikalischer Reize oder von Mustern des Inputs der Sinnesorgane. Der Erfolg, den bestimmte Computerprogramme bei der Ermittlung von Mustern (z.B. der Gestalt handgeschriebener Buchstaben) aufweisen können, reicht daher nach Ansicht Putnams nicht aus, um das Ähnlich-keitsproblem in der Form zu lösen, in der es sich jemandem stellt, der eine natürliche Sprache lernt. Tatsächlich sind sich ja Messer nicht deswegen „ähnlich“, weil sie alle gleich aussehen, sondern weil sie zum Schneiden oder Stechen bestimmt sind. „Jedes System, das Messer als in relevanter Hinsicht ähnlich zu erkennen vermag, muß imstande sein, Akteuren Handlungszwecke zuzuschreiben“ (H. Putnam, Reclam, 1997, S. 22). Damit haben Menschen keine Schwierigkeiten, doch ist offenbar nicht klar,ob sie das ausschließlich mit Hilfe von Induktion  schaffen oder ob sie über fest verdrahtete Fähigkeiten verfügen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, so daß sie ihnen alle Absichten zuschreiben können, die sie auch von sich selbst auszusagen vermögen. Putnam bringt das Beispiel vom Rottweiler und vom Zwergpinscher , die sich insofern ähnlich sind, als sie der gleichen Spezies angehören, und um das zu erkennen, bedarf es der Fähigkeit, allem Anschein zuwider festzustellen, daß Pinscher und Rottweiler zur Paarung und Erzeugung fruchtbarer Nachkommen in der Lage sind. Uns – so meint er – erscheine es naheliegend, daß Paarungs- und Fortpflanzungspotential in Rechnung zu ziehen; aber einer künstlichen Intelligenz bräuchte das gar nicht natürlich vorzukommen.

 

Werden Ähnlichkeiten nicht durch Substantive, sondern durch Adjektive und Verben ausgedrückt, verhält es sich nach Ansicht Putnams sogar noch komplizierter. Hier ist der Übergang zur Metapher nach meinem Dafürhalten oft fließend. Wie Wittgenstein ausführte, gibt es viele Wörter, die sich auf Entitäten beziehen, welche bestenfalls eine Familienähnlichkeit zueinander, aber nichts gemeinsam haben. Sein Paradebeispiel waren bekanntlich die Spiele, denen nicht etwa eine Eigenschaft gemeinsam ist, die sie von allen Tätigkeiten, die keine Spiele sind, unterscheidet..

 

Ein weiteres Beispiel sind die widerstreitenden induktiven Schlüsse, die Nelson Goodman in seinem Buch „Tatsachen, Fiktion und Vorhersage“ diskutiert. Er gibt folgendes Beispiel: Soweit bekannt ist, hat es noch niemals jemand, unter denen, die die Emerson Hall der Harvard Universitiy betreten haben, gegeben, der Inuit spricht. Rein formal würde nun dies den induktiven Schluß zulassen, daß eine Person, wenn sie die Emerson Hall betritt, außerstande ist, Inuit zu sprechen; das beträfe natürlich auch einen Eskimo, der Inuit spricht. Wir wissen, daß dem nicht so ist. Aber warum ist dieser induktive Schluß falsch? Goodman meint, weil er dem „tiefer verwurzelten“ induktiv gestützten  Gesetz widerstreitet, wonach man seine Sprachfähigkeiten nicht verliere, nur weil man einen anderen Ort betrete (vergl. N. Goodman in Putnam, 1997). Woher aber, so kontert Putnam, soll man wissen, daß dieses Gesetz wirklich durch mehr Beispiele bestätigt ist als die Regel, daß niemand, der die Emerson Hall betritt, Inuit spricht. Kommt hier wieder  Hintergrundwissen ins Spiel? Selbst ein Kind würde bei dieser Problemstellung den richtigen Schluß ziehen, aber es ist nach Putnam nicht klar, ob das dabei eingesetzte Wissen wirklich auf einen induktiven Schluß zurückgeht. Vielleicht, so meint er, handelt es sich um etwas, was wir aufgrund einer angeborenen Tendenz schon anhand weniger Erfahrungen zu folgern geneigt sind. Es stellt sich daher die unumgängliche Frage:Wieviel von dem, was wir Intelligenz (und damit Lernfähigkeit) nennen, setzt den Rest der menschlichen Natur voraus? (vergl. Putnam, Reclam, 1997, S. 25).

 

Putnam spekuliert in der Folge damit, daß hier (bei diesem Beispiel) Informationen mitspielen, die in der Art und Weise enthalten sind, in der Menschen über sprachliche Fähigkeiten reden. Damit steht man dann vor der Frage, wie es möglich ist, die in den gehörten Äußerungen enthaltenen Informationen zu entschlüsseln. Wie könnte das etwa eine Maschine von künstlicher Intelligenz schaffen? Zumindest müßte sie das Verstehen einer menschlichen Sprache simulieren. Sie müßte Hintergrundwissen durch Interaktion mit Menschen und d.h. zugleich eine Sprache im Zusammenhang mit allen sonstigen expliziten und impliziten kulturgebundenen Informationen erwerben.

 

Chomsky hat gegenüber Putnam nach dessen Aussage einmal gesprächsweise gemeint, die Sprachverwendung sei keine abtrennbare Fähigkeit des Menschen; man könne sie nicht simulieren, ohne die intellektuelle Gesamtfähigkeit des Menschen zu simulieren.

 

Goodman hat in dem genannten Buch die Idee entwickelt, daß die Gründe für die Gültigkeit der induktiven Schlüsse in unserem Gebrauch der Sprache zu suchen sind. Denn wenn eine berechtigte Voraussage eine solche ist, die mit bisherigen Regelmäßigkeiten im Beobachteten übereinstimmt, so besteht immer noch das Problem dessen, worin eigentlich die Übereinstimmung besteht. Und diese Übereinstimmung hängt nach Goodman von unserem Gebrauch der Sprache ab. D.h. konkret, daß berechtigte Voraussagen oder eben Induktionen in engem Zusammenhang damit stehen, wie die Welt verbal bzw. über den Gebrauch von Zeichen beschrieben und prognostiziert wird.

 

Eine damit kohärente Auffassung vertritt Quine in „Wort und Gegenstand“ (dtsch. 1980), wenn er meint, daß bereits jedes Erlernen eines allgemeinen konkreten Terms wie z.B. „blau“ das induktive Erlernen eines allgemeinen Gesetzes (des Sprachverhaltens) in sich schließt. Bereits beim Erlernen der Sprache selbst finden wir Menschen zu Gesetzen und nicht erst dann, nachdem wir die Sprache beherrschen. Dies ist der Ausgangspunkt für die berühmte Hypothese von der unauflöslichen Verknüpfung von Sprache und Theorie: Spracherwerb ist Wissenserwerb.


 

2.2.2. Das Gegeben und das Mögliche

 

Der Ausgangspunkt für die bisherigen Überlegungen war der Satz: „Intelligenz ist die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen und über das Gegebene hinaus zum Möglichen fortzuschreiten“.

 

Nun habe ich ja bereits einiges zum Problem der Voraussage und Induktion erörtert, wobei es um Gegebenes und um Mögliches geht. Die ganze bisherige Diskussion stand auch im Zeichen der Hinterfragung dessen, daß uns Dinge als etwas ganz Bestimmtes vorsprachlich gegeben sein könnten. Dabei sind Autoren zur Sprache gekommen oder besprochen worden, die „das Gegebene“ bzw. die Rede vom Gegebenen für einen Mythos halten. Wenigstens zwei von ihnen sind direkt oder indirekt der Ansicht, daß wir erst dann unter epistemischen Regeln stehe können, wenn wir (vor allem auch verbal) Eintritt in die Gemeinschaft gefunden haben, in der das durch sie geregelte Spiel gespielt wird. „Das Gegebene“ für einen Mythos zu halten, heißt, die Überzeugung abzulehnen, daß wir Aussagen über „die Welt“ treffen können, die keiner Rechtfertigung bedürfen, weil es so etwas wie selbstevidente Erlebnisse ode Wahrnehmung gibt, wo das Zeichen weder etwas verfehlen kann noch Bestandteil der Erkenntnis ist. Es gibt den Mythos von der einen Welt, für die es eine wahre Beschreibung gibt, und den Mythos, daß uns die Welt diesbezüglich immer wieder korrigiert, bis wir sie eines Tages vollständig und korrekt beschrieben haben. Darin wurzelt die Weigerung, den Anteil der Sprache an der Erfahrung, am Bewußtsein, insofern es auf etwas ausgerichtet ist, zu reflektieren. Es ist die Weigerung, an Versionen von Welten statt Welten zu glauben und Tatsachen als theoriengeladen zu betrachten. Der Mythos vom Gegebenen ist verknüpft mit der Überzeugung, spezielle Wissenschaften ließen sich auf die Elementarphysik zurückführen, und er ist verknüpft mit der Überzeugung, daß die Naturwissenschaften eine „vorgefertigte Welt“ unabhängig von intentionalen und kognitiven Begriffen in ihrem – wie Sartre sagen würde – An-sich-sein beschreiben. Darin liegt auch der alte Wunsch begründet, Bewußtsein auf etwas rein Physikalisches zurückführen zu wollen. Wenn jemand bestreitet – so Hilary Putnam -, daß es eine vorgefertigte Welt gibt, behauptet er damit noch nicht, daß wir uns die Welt ausdenken.

 

„Aber schon seit langem mache ich geltend, daß man einen Fehlschluß der Teilung begeht, wenn man in Frage stellt, welche Fakten insofern bewußtseinsunabhängig seien, als nichts an ihnen unsere eigenen begrifflichen Entscheidungen widerspiegele, und welche Fakten von uns selbst beigesteuert werden. Was wir über die Welt sagen, reflektiert unsere begrifflichen Entscheidungen und unsere Interessen“ (Putnam, Reclam, S. 80). Und es sind Dinge, so möchte ich hinzufügen, die wir im Rahmen weiterer Überzeugungen kommunizieren und rechtfertigen können;und ihre Wahrheit ist nichts, was sich außerhalb einer Sprachgemeinschaft klären ließe. Nelson Goodman meint in seinem Buch „Weisen der Welterzeugung“, es sei zwecklos zu versuchen unabhängig von unserer Begriffsbildung und unabhängig von den für richtig gehaltenen Beschreibungen eine Vorstellung davon zu gewinnen, was es mit dem Faktum der Wahrnehmung wirklich auf sich hat. Aus einer solchen Sichtweise heraus ist nicht anzunehmen, daß das Mögliche sich unabhängig von dem Vokabular beschreiben läßt, mit dem wir Gegebenheiten einfassen bzw. konstruieren.

 

Während nun aber beim Diskurs um das Gegebene in den meisten Fällen außer Frage steht, daß wir uns mit unseren Prädikaten auf etwas beziehen (das eben in der Beschreibung zu einem bestimmten Gegenstand oder Aspekt wird), ist beim Begriff des Möglichen weniger klar, worauf wir damit eigentlich referieren. Zu seinem erweiterten verbalen Kontext gehören jedenfalls die Begriffe des „Vermögens“, der „Fähigkeit“ etwas zu tun, verändern oder auch erleiden zu können. Manches Vermögen muß nun eben gelernt werden, entweder durch Übung oder durch theoretischen Unterricht, womit Mögliches auch in wissenschaftlichen Begriffen und Sätzen gründet. Um diese Möglichkeiten, die sich uns dadurch eröffnen, daß wir etwas gelernt haben, geht es im vorliegenden Fall. Dabei können wir etwas tun, müssen es aber nicht.. Das Mögliche ist in solchen Fällen Bestandteil eines Sachverhaltes, der seinen Anknüpfungspunkt in der Beschreibung dessen findet, was sich tatsächlich abspielte und Teil unserer Erfahrung geworden ist. Es scheint beim Möglichen noch viel unwahrscheinlicher als beim sogenannten Gegebenen, daß da etwas, ohne in einem Vokabular oder Zeichensystem verankerte Begrifflichkeit zu begreifen wäre. Ohne den Gebrauch irgendeiner Sprache kann ich mir keine Möglichkeiten ausmalen. Wie der empirische Sinn einer Möglichkeit oder besser der Beschreibung einer Möglichkeit zu sichern ist, bleibt offen.

 

Vieles ist für uns deswegen möglich, weil wir es mit Dingen zu tun haben, die für bestimmte Möglichkeiten disponiert sind. Und hier kommen die Dispositionsprädikate ins Spiel, die auf nichts Wahrnehmbares, sondern auf ein latentes Vermögen referieren, das indirekt und in einer Beschreibung erschlossen wird. Wenn wir den Begriff des „latenten Vermögens“ referentiell ernst nehmen, sind wir mitten drin im metaphy-sischen Realismus. Der Witz scheint der zu sein, daß, wer in der Rede vom Gegebenen kein Problem sieht, hier in einen besonders üblen Erklärungsnotstand gerät. Da der Mythos vom Gegebenen besagt, unser Vermögen, auf Reize zu reagieren, sei der Grund für unser Wissen über die Dinge unserer Welt (und damit der Grund für unsere Beschreibungen), bleibt bei der Rede von Dispositionen fraglich, was für Zusammenhänge da bestehen sollen.

 

Man hat versucht, diesen geforderten Bezug zum Gegebenen mit Hilfe formaler Instrumentarien herzustellen. Als erstes scheiterten die einfachen Definitionsversuche der Dispositionsprädikate mittels der materialen Implikation (also mit Hilfe eines Konditionalsatzes); denn diese führten zu widersinnigen Annahmen, beispielsweise daß wir allen nie ins Wasser gegebenen Objekten die Eigenschaft der Löslichkeit zusprechen müßten. Carnap hat dann zur Lösung des Problems die sogenannten Reduktionssätze vorgeschlagen. Dabei wird die Bedeutung der Dispositionsprädikate darauf reduziert, daß die Testbedingung tatsächlich realisiert wird. Wenn demnach etwas ins Wasser gegeben wird, dann ist es wasserlöslich genau dann, wenn es sich auflöst, und nicht löslich, wenn es sich nicht auflöst. Allerdings kann man dann über die Disposition eines Gegenstandes nichts mehr sagen, solange die Testbedingung nicht erfüllt ist. Später hat man versucht Dispositionsprädikate als theoretische Begriffe zu konzeptualisieren, womit jedoch die Welt der tatsächlichen Erfahrung überschritten wurde.

Für Nelson Goodman geht das Problem des Möglichen im Induktionsproblem auf. „Die möglichen Gegenstände und Vorgänge verschwinden. Man erkennt, daß sich Prädikate, die sich scheinbar auf sie beziehen, auf wirkliche Gegenstände beziehen, aber Extensionen haben, die auf eine ganz bestimmte Weise mit den Extensionen bestimmter manifester Prädikate zusammenhängen und gewöhnlich weiter sind. Ein Prädikat, das sich scheinbar auf Mögliches bezieht, deckt im Vergleich zu einem entsprechenden manifesten Prädikat lediglich mehr der gleichen irdischen Dinge ab – wie ein geöffneter Regenschirm im Vergleich zu einem geschlossenen“ (Nelson Goodman, dtsch. 1988, S. 79). Goodman läßt vorher schon durchblicken (S. 61), wie stark das Dispositions-problem mit unserem Sprachgebrauch verwoben ist. Zunächst einmal hat für ihn fast jedes Prädikat zur Beschreibung der dauernden objektiven Eigenschaft eines Gegenstandes zugleich auch Dispositionscharakter. Ein roter Gegenstand beispielsweise ist einer, der unter bestimmter Beleuchtung einen bestimmten Farbeindruck hervorrufen kann. D.h. mit Dispositionsprädikaten deutet man an, was geschehen kann. Manifeste Prädikate sind vor allem solche, die Ereignisse beschreiben. Goodman nennt hier z.B. „brennt“, „zerbricht“.

 

Das Seltsame an Dispositionsprädikaten ist nach Goodman das, daß sie scheinbar auf Gegenstände mit Bezug auf mögliche und eben nicht wirkliche Ereignisse angewendet werden. Da er nun aber der Meinung ist, Dispositionsprädikate deckten im Vergleich zu manifesten Prädikaten einfach nur mehr der gleichen irdischen Dinge ab, besteht für ihn die Einführung von Dispositionsprädikaten in dem Problem, wie man ein manifestes Prädikat  wie „biegt sich“, „brennt“ etc, das sich auf wirkliche Ereignisse bezieht, erweitern, d.h. fortsetzen kann auf mehr Gegenstände als die durch das manifeste Prädikat gekennzeichneten. Damit handelt er sich das Problem ein, unter welchen Bedingungen ein Übergang von gegebenen auf neue Fälle berechtigt ist; d.h., er muß klären, welche Prädikate fortsetzbar, projektierbar sind. Und dieses Problem ähnelt dem Induktionsproblem; denn es geht um den Übergang  von einer gegebenen Menge von Fällen zu einer umfassenderen. Die Gründe aber für die Gültigkeit unserer induktiven Schlüsse, so meint Goodman, sind im Gebrauch unserer Sprache zu suchen (vergl. N. Goodman, dtsch. 1988, S. 152). „Die Grenze zwischen berechtigten und unberechtigten Voraussagen (oder Induktionen oder Fortsetzungen) richtet sich also danach, wie die Welt sprachlich beschrieben und vorausgesagt wurde und wird (ebda.).

 

Quine hat – wie schon erwähnt – die Feststellung getroffen, daß bereits jede Erlernung eines allgemeinen konkreten Terms wie beispielsweise „grün“ das induktive Erlernen eines allgemeinen Gesetzes in sich schließt. Darauf und in seinem Behaviorismus bzw. in der Berufung auf die Evolutionstheorie gründet auch seine Theorie von der unauflöslichen Verflechtung von Sprache und Theorie. Dabei benützt er allerdings in zirkulärer Weise zur Rechtfertigung der Induktion induktive Verallgemeinerungen wie eben Darwins Theorie. Goodman hat sich gegen diese inkonsistenten Überlegungen gewandt. Eine empirische Rechtfertigung der Induktion im Sinne einer Wissensgarantie wäre das gleiche wie eine Rechtfertigung von Prophezeiungen (vergl. Stegmüller W., Bd. II; S: 282). Goodman geht es stattdessen darum, den Begriff der gültigen Induktion zu explizieren.

 

Eines scheint jedenfalls klar, wer das Mögliche anpeilen will, muß so etwas wie die Fähigkeit zur Induktion (zur Projektion über Bestehendes hinaus) haben, und auch hier ist nicht klar, wie jemand dazu ohne sprachliche Verankerung, ohne Einbettung in eine Sprachgemeinschaft kommen mag.

 

Zusammenfassen läßt sich für diesen Abschnitt sagen:

Ob ein künstliches System, ein Computer, ein Roboter, was auch immer, intelligent in einem menschlichen Sinne ist, ist deswegen keine rein empirische Frage, weil der Gegenstand des Interesses, nämlich Intelligenz oder besser intelligentes Verhalten weder kontextfrei feststeht, noch unabhängig von der Reflexion der Beschreibung von Verhaltensweisen (also auch von pragmatischen Entscheidungen, die sich nicht vorher schon wissenschaftlich klären lassen) begrifflich abstecken läßt. In der Terminologie Searles könnte man sagen: Gegebenheit und Möglichkeiten sind Sachverhalte und keine „intrinsischen Werte“ von Gegebenem, die uns irgend etwas diktierten. Das, was manche das Gegebene nennen, ist Bestandteil von Sachverhalten, nämlich von Gegebenheiten und Möglichkeiten, von denen nicht zu sehen ist, wie sie beschreibungsunabhängig zum Bestandteil unserer intellektuellen Erfahrungen und Folgerungen werden könnten.      [Kapitel 2.2]  [Inhaltsverzeichnis]  [Kapitel 2.3]

 

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